Internationale Märkte

09.07.2009

Zahlungsverhalten österreichischer Firmen ist bislang gut

Zahlungsverhalten österreichischer Firmen ist bislang gut

Insolvenzen nehmen aber zu / Banken schwierigere Geschäftspartner

Köln (gtai) - Die Zahlungsmoral ist in Österreich weiterhin gut. Ein Grund ist die Verlängerung der Zahlungsziele. Allerdings bereitet Beobachtern der mögliche Dominoeffekt Sorgen. Die Zahl der Insolvenzen wird 2009 vermutlich deutlich steigen - auch wenn erste Anzeichen auf eine Beruhigung des Abwärtstrends hindeuten. Die Betriebe klagen über die restriktiveren Darlehensbedingungen der Banken.

In Österreich hat Intrum Justitia Anfang 2009 keine klaren Anzeichen für eine Beeinträchtigung der Zahlungsmoral durch die Finanzkrise festgestellt. Dem European Payment Index zufolge lag die durchschnittliche Zahlungsverspätung bei Geschäftskunden 2009 bei acht und bei der öffentlichen Hand bei elf Tagen. Das waren für den Unternehmensbereich stabile Werte und für die öffentliche Hand sogar kürzere Zahlungsverspätungen. Eine Grund für diese Entwicklung scheint die Verlängerung der Zahlungsziele gewesen zu sein. In einer Umfrage des Unternehmens Creditreform gaben 44% von 1.700 befragten kleinen und mittelgroßen Firmen an, bei der Gewährung von Lieferantenkrediten großzügiger zu sein. Und der Kreditschutzverband von 1870 (KSV1870) prognostiziert für 2009 einen Anstieg der Lieferantenkredite auf 80 Mrd. bis 85 Mrd. Euro nach 70 Mrd. im Jahr 2008.

In einer Studie des KSV1870 von 2008 gaben 60% der Kunden ihren Gläubigern gegenüber als Gründe für den Zahlungsverzug an, die Rechnung nicht erhalten zu haben, 45% der Kunden der Befragten behaupteten, dass ihre eigenen Kunden nicht bezahlten und ein Drittel der Kunden beschuldigte die eigene Bank, das Geld nicht rechtzeitig bereitgestellt zu haben. Es waren Mehrfachnennungen möglich. Der Ausblick für 2009 fiel 2008 sehr düster aus. Nur 1% der Befragten erwarteten eine Besserung der Zahlungsmoral, zwei Drittel hingegen eine Verschlechterung.

Insbesondere der Dominoeffekt bereitete Beobachtern Sorgen. Denn mit jedem Tag der Nichtzahlung von Verbindlichkeiten nimmt das Risiko zu, die Außenstände nicht mehr eintreiben zu können. Nach 180 Tagen ist die Wahrscheinlichkeit, die Verbindlichkeiten eintreiben zu können, auf 10% gesunken. "Nur wenige Unternehmen können sich - gerade jetzt - derartige Verluste leisten", so der Geschäftsführer der KSV1870 Forderungsmanagement, Johannes Eibl, im Jahr 2008.

Und diese Aussage scheint nun auch traurige Realität zu werden. 2008 war die Lage noch günstig: Die Zahl der Firmeninsolvenzen blieb gegenüber 2007 mit rund 6.300 konstant. Allerdings zeichnete sich gegen Ende des Jahres bereits eine Verschlechterung der Situation ab. Da die Insolvenzentwicklung erfahrungsgemäß hinter der aktuellen Wirtschaftsentwicklung um sechs bis zwölf Monate hinterhinke, erwartet der Leiter der Abteilung Insolvenz beim KSV1870, Hans-Georg Kantner, dass 2009 die Zahl der Fälle zunehmen werde.

Bereits im 1. Halbjahr 2009 legte die Zahl der Unternehmensinsolvenzen deutlich zu. Sie erhöhte sich dem KSV1870 zufolge gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres um etwa 9% auf 3.448 Fälle.

Aufgrund der negativen Aussichten des Mittelstandes dürfte sich diese Entwicklung auch im zweiten Halbjahr fortsetzen. So hat eine Umfrage der Creditreform im Mai 2009 ergeben, dass über 60% der befragten mittelständischen Unternehmen sinkende Erträge erwarten. Lediglich knapp ein Fünftel der befragten etwa 1.800 Firmen hoffen auf eine gute bis sehr gute zukünftige Geschäftslage, knapp ein Drittel prognostizieren eine mangelhafte und ungenügende zukünftige Lage. Der KSV1870 sagt - vor diesem Hintergrund wenig überraschend - für das 2. Halbjahr einen Anstieg der Insolvenzen um 15% voraus.

Besonders schlechte Aussichten hatten einer Studie von Atradius aus dem Februar 2009 zufolge die Textilindustrie, das Baugewerbe, der Bereich Transport und Verkehr sowie - wenig überraschend - die Automobilindustrie. Im Juni 2009 fügte das Unternehmen die Sektoren Papier- und Holzindustrie hinzu. Während für die Textil- Automobil- und Papierindustrie die ungünstigen Exportaussichten für die Entwicklung verantwortlich gemacht werden, leiden die übrigen drei Sektoren unter der schwachen inländischen Nachfrage.

Allerdings gibt es auch erste Anzeichen für eine Stabilisierung der Entwicklung. So will die Bank Austria zwar noch keinen allzu großen Optimismus verbreiten, hat in ihrer Umfrage unter den Einkaufsleitern der Industrie im Juni 2009 aber eine leichte Verbesserung der Stimmung festgestellt. Sie erwartet dem Bank-Ökonomen Stefan Bruckbauer zufolge noch im Verlauf des Sommers eine Trendwende hin zu einem leichten industriellen Wachstum. Die mittlerweile weitgehend geleerten Lager müssten wieder aufgefüllt werden. Die Arbeitslosigkeit wird jedoch nach Einschätzung der Bank weiter steigen und eine Quote von 7,6% im Jahr 2009 und 9,0% im Jahr 2010 erreichen.

Gemäß dem Mittelstandsbarometer der Unternehmensberatungsfirma Ernst & Young leiden die Firmen in Österreich erheblich unter der Finanzkrise. Bereits Anfang 2009 gaben lediglich ein Drittel der Befragten an, nicht von der Krise betroffen zu sein. In Deutschland waren es zu der Zeit noch fast die Hälfte aller Befragten und in der Schweiz etwa zwei Fünftel. Auch gaben bereits damals knapp 40% der Firmen an höhere Kreditzinsen zahlen zu müssen, über ein Drittel bezeichnete die Finanzierung durch ihre Hausbank als schwieriger als zuvor und etwa ein Viertel verwies auf erhöhte Dokumentations- und Sicherheitsanforderungen der Banken. Daran scheint sich bislang wenig geändert zu haben. Dem Wirtschaftsblatt zufolge klagen Österreichs Unternehmen auch Mitte 2009 noch über verschärfte Kreditkonditionen bei den Banken.

Diese Entwicklungen haben sich mittlerweile auch auf das Landesrating ausgewirkt. Das Ratinginstitut Coface hat Österreich Ende März auf die Liste der für eine Abwertung zu beobachtenden Länder gesetzt. Das Rating liegt aber bislang immer noch bei A1, d.h. die politische und wirtschaftliche Lage werden als sehr gut eingestuft und die Wahrscheinlichkeit einer Unternehmensinsolvenz ist im Durchschnitt immer noch sehr niedrig. (H.H.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Österreich Geschäftspraxis allgemein, Zahlungsverkehr, Kreditauskunfteien, Inkassodienste

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