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23.07.2009
Zahlungsbedingungen in Italien weiter verschlechtert
Zahlungsbedingungen in Italien weiter verschlechtert
Regierung will Zahlungen der öffentlichen Verwaltung beschleunigen / Kreditengpass verschärft die Finanzlage / Von Thesy Kness-Bastaroli
Mailand (gtai) - In Italien haben sich die Zahlungsbedingungen seit Jahresbeginn 2009 sehr verschlechtert. Vor allem im Sanitäts- und Gesundheitswesen kommt es mit einem Durchschnitt von 292 Tagen zu erheblichen Zahlungsverzögerungen. Die Regierung hat nun Maßnahmen getroffen, um das Zahlungsziel auf 100 Tage zu begrenzen. Im Nordosten erklären die Unternehmerverbände, dass sich die durchschnittliche Zahlungsfrist inzwischen auf 110 Tage, in Nordwestitalien auf 124 Tage erhöhte.
Die Regierung in Rom hat zur Jahresmitte 2009 ein Dekret erlassen, wonach die Zahlungsfristen in der öffentlichen Verwaltung beschleunigt und die Investitionstätigkeit gefördert werden soll. Damit befolgte die Regierung die Aufforderung der zuständigen EU-Kommission, die Zahlungsfristen im öffentlichen Bereich zu verringern. Laut dem zuständigen EU-Kommissar Günter Verheugen macht der Wert der "verzögerten Zahlungen" im EU-Raum rund 1,9 Mrd. Euro aus, wovon 1,2 Mrd. Euro auf die öffentliche Verwaltung zurückzuführen sind. Laut der Italienischen Handelskammer in Mailand sind 2008 insgesamt 7.330 Unternehmen in die Insolvenz gegangen. Im ersten Quartal 2009 wurden 2.626 Fälle gemeldet: ein Anstieg um 45% im Jahresvergleich und 18% gegenüber dem Vorquartal. Für die zweite Hälfte 2009 wird eine weitere Zunahme der Zahlungsprobleme und Insolvenzen erwartet.
Im öffentlichen Gesundheitswesen machen die Zahlungsfristen derzeit im Schnitt 292 Tage aus. Der regionale Unterschied ist groß: Während die Zahlungsfristen in den süditalienischen Regionen Molise und Kampanien im laufenden Jahr bei 676 beziehungsweise 652 Tagen lagen, machten sie in der Lombardei 145 Tage aus. Die Verzögerungen bremsen die Geschäftstätigkeit der Pharmaindustrie und der Hersteller von Elektromedizin und medizintechnischen Geräten und Apparaten für den Sanitätsbedarf. Insgesamt hat das Gesundheitswesen in den letzten Jahren Schulden von 60 Mrd. Euro angehäuft, wovon 40 Mrd. Euro auf nicht realisierte Zahlungen an Lieferanten zurückzuführen sind. Laut einer Veröffentlichung der Beratungsgesellschaft Dun & Bradstreet (D&B) liegen die durchschnittlichen Zahlungsziele in der öffentlichen Verwaltung in Italien doppelt so hoch wie im EU-Durchschnitt und dreimal so hoch wie in Deutschland. Während in der EU 7% aller Konkursmeldungen auf die Nichtbeachtung der Zahlungsfristen bzw. auf die Zahlungsverzögerung von 40 Tagen und mehr zurückzuführen sind, liegt der Anteil der durch Zahlungsverzögerungen bedingten Konkurse in Italien bei 12%.
Die Unternehmer im norditalienischen Industriedreieck stöhnen unter den verschlechterten Zahlungsbedingungen. In Nordostitalien mit seinen zahlreichen Clustern und Industriedistrikten sei die durchschnittliche Zahlungsfrist in den Frühjahrsmonaten 2009 auf 110 Tage gestiegen. Im September des Vorjahres lag die durchschnittliche Zahlungsfrist bei 90 Tagen, zur Jahreswende bei 100 Tagen. "Es handelt sich um eine kontinuierliche Verschlechterung der Zahlungsmoral", bestätigte der Präsident des Unternehmerverbandes von Treviso, Unindustria, Alessandro Vardanega.
Mehr als ein Fünftel aller Lieferanten zahlen mit Verzögerungen von mehr als 30 Tagen, bestätigte Vardanega. Auch Andrea Riello von der gleichnamigen Werkzeugmaschinenfabrik in Verona meint, dass sich neuerdings "sowohl in- wie auch ausländische Lieferanten mit ihren Zahlungen zurückhalten". Die Situation sei insofern prekär, als in den kommenden sechs Monaten über zwei Drittel (70%) aller in Nordost-italien ansässigen Unternehmen eine Kreditaufstockung bei ihren Hausbanken im Visier haben. In Italien ist es üblich, dass ein Unternehmen in der Regel mindestens auf vier bis fünf Banken zurückgreift und sich nicht auf die Geschäftsbeziehungen mit einer oder zwei Hausbanken konzentriert.
Schlimmer als bei den Unternehmen aus Treviso, Padua und Verona sieht die Situation im Nordwesten des Landes, insbesondere im Raum um Turin aus. Hier haben rund 70% aller italienischen Automotive-Unternehmen ihren Standort, die mit ihrem Umsatz rund 3% des Bruttoinlandsproduktes bestreiten.
"In den ersten drei Monaten des Jahres haben wir einen Rekord von Verzögerungen verzeichnet, 84% aller Zahlungen treffen nicht fristgerecht ein", kritisierte der Generaldirektor des Turiner Unternehmerverbandes Giuseppe Gherzi die aktuelle Lage. Besonders drastisch sei die Lage im Vergleich zum Frühjahr 2007 als nicht einmal ein Drittel der Unternehmen über Zahlungsverzögerungen klagte. Zum Jahresende 2008, als sich die internationale Finanzkrise auch auf die Realwirtschaft auswirkte, meldete bereits die Hälfte aller befragten Unternehmen Verzögerungen beim Inkasso ihrer Rechnungen. Inzwischen ist der Anteil auf 84% gestiegen. Am stärksten seien die Branchenunternehmen im Automotive-Bereich mit einer durchschnittlichen Zahlungsfrist von 180 Tagen, in der Biotechnologie und bei der Elektromedizin betroffen, wo die öffentlichen Auftraggeber mit einem durchschnittlichen Zahlungsziel von 300 Tagen zahlen.
Durch das negative Zahlungsklima sei es nicht möglich, Investitionen zu programmieren. Auch erschweren die Zahlungsverzögerungen und Ausfälle den Ablauf der ordentlichen Geschäftstätigkeit. Hinzu kommt, dass der Kreditengpass in Italien weiterhin besteht. Obwohl die Zentralbank, Banca d'Italia, all jene Banken aufforderte, die Staatsmittel für ihre Sanierung in Anspruch nehmen, diese auch für Darlehen an mittelständische und kleine Unternehmen zur Verfügung zu stellen, sind bislang keine konkreten Ergebnisse erzielt worden. Weder Banca Popolare noch Monte dei Paschi di Siena, welche bereits staatliche Fördermittel erhielten, haben ihre Kreditzügel gelockert.
Hingegen haben Unicredit Group und Intesa Sanpaolo, die ebenfalls staatliche Fördermittel ansuchten, bis zu 5 Mrd. Euro für die Darlehensvergabe an kleine und mittelständische Unternehmen zur Verfügung gestellt. "Dies reicht bei weitem nicht aus, um den Bedarf der Unternehmen nachzukommen", kommentierte die Präsidentin des Unternehmerverbandes Confindustria, Emma Marcegaglia, die Maßnahme. Derzeit sind Gespräche zwischen Confindustria und dem Unternehmerverband ABI im Gang: Ziel der Verhandlungen ist es, die Kredit-Rückzahlungstermine der kleinen und mittelständischen Unternehmen um mindestens ein Jahr zu verlängern und die Kreditzinsen zu senken. "Sollten keine entsprechenden Maßnahmen getroffen werden, stehen wir im Herbst vor Massenschließungen", sagte ein Sprecher des Unternehmerverbandes.
(T.K.)
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Italien Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Geschäftspraxis allgemein, Zahlungsverkehr, Kreditauskunfteien, Inkassodienste, Finanzierung, allgemeinWeitere Informationen
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