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09.07.2009
Niederländische Banken gehen durch den Stresstest
Niederländische Banken gehen durch den Stresstest
Zahlungsmoral und Handelsvolumen bleiben trotz Krise hoch / Von Max-Helmut Semich
Den Haag (gtai) - In den heutigen unsicheren Zeiten drohender Finanznot wird vielen deutschen Unternehmen bewusst, dass die Niederlande einen relativ sicheren Hafen für Geschäfte bilden. Zwar wird auch hier die Versorgung der Wirtschaft mit Krediten schlechter und die Insolvenzen steigen kräftig, aber es funktionieren die Absicherung der Forderungen und die Durchsetzung von Ansprüchen. Trotz teilweisem Zusammenbruch bieten sich noch immer Chancen für Geschäfte, denn die Niederlande sind dem Umsatz nach der zweitstärkste Handelspartner Deutschlands.
Das Finanzsystem der Niederlande wird gegenwärtig durch die internationale Finanzkrise einem harten Stresstest unterzogen. Wie in anderen Ländern Europas und der Welt zeigen auch hier die lokalen Banken eine überaus starke Zurückhaltung bei der Vergabe von neuen Krediten. Zugleich hat die Realwirtschaft einen Absturz in noch nie gemessene Tiefen erlebt. Das BIP wird 2009 nach Schätzungen des öffentlichen Konjunkturinstituts (CPB) um 4,7% schrumpfen. Die Geschäfte Deutschlands sind von dieser Entwicklung merkbar negativ betroffen, die Exporte sind bis Mitte 2009 um 20% bis 30% eingebrochen. Die kleinen Niederlande stellen im deutschen Außenhandel ein Schwergewicht dar und nahmen noch 2008 dem Umsatz nach (deutsche Exporte und Importe) den zweiten Rang hinter Frankreich ein. Die Angst der deutschen Lieferanten vor weiter abstürzenden Aufträgen im Export und vor der Insolvenz ihrer Kunden nimmt zu.
Die Finanzierungsklemme der lokalen Unternehmen spiegelt sich in der Vergabe von Krediten der niederländischen Banken. Die niederländische Zentralbank (DNB) weist in ihrem Financial Stability Report von Mai 2009 zwar darauf hin, dass noch zahlreiche neue Kredite vergeben worden seien, doch sei deren Wachstumsrate von 15% seit Mitte 2008 bis Anfang 2009 auf fast 0% zurückgefallen. Dies führt die DNB nicht nur auf die zeitgleich zusammenbrechende Nachfrage der Unternehmen nach Investitionen und damit nach Krediten zurück (-15,0% Mitte 2009), sondern auch auf die im Gange befindliche Restrukturierung aufgrund staatlicher Eingriffe in das Bankensystem. Mitte 2008 drohte die internationale Finanzkrise das niederländische Bankensystem insolvent zu machen. Die Regierung zog daraufhin sehr beherzt die Notbremse und verstaatliche führende lokale Geldinstitute, eine für das liberale Land spektakuläre Maßnahme. Dadurch hat der Staat mehr als 30% des Volumens des niederländischen Bankensystems übernommen.
Die Schwierigkeiten der weiter verbleibenden etwa 75 lokalen Finanzinstitute, die sich unter Aufsicht der DNB befinden, verdeutlicht, dass der Finanzsektor 2008 am meisten von Insolvenzen betroffen war mit einem Anteil von 31,9% an den Gesamtinsolvenzen, hat das Statistikamt (CBS) ermittelt. Diese Unternehmen befinden sich mittlerweile in Restrukturierung und können nur begrenzt zusätzliche Risiken eingehen. Dazu gehören auch Hypothekenbanken und Versicherungen einschließlich Kreditversicherungen.
Die Banken erscheinen konsolidiert, also verschlankt, und grundsätzlich gerettet. Allerdings warnt der Internationale Währungsfonds (IWF), dass in Europa im Zeitraum bis 2010 ein noch größerer Zwang zu Abschreibungen auf faule Kreditpapiere auftreten wird, als dies bislang schon der Fall war. Explizit werden die Niederlande hiervor gewarnt, aber auch Deutschland und Großbritannien. Hoffnungen gründen sich auf die Rolle des Staates als bedeutender neuer Mitspieler.
In den anderen Wirtschaftssektoren läuft die Insolvenzwelle erst so richtig an. Davon ist die verarbeitende Industrie am stärksten betroffen, da die Produktion Anfang 2009 um rund 26% eingebrochen war, weniger stark im Bau- und Energiebereich. Die Dienstleistungen bilden das Rückgrat der Wirtschaft, auch hier sind die Insolvenzen bei Handel, Transport, Kommunikation und anderen um 15% bis 28% eingebrochen. Der öffentliche deutsche Kreditversicherer Euler-Hermes prognostiziert in den Niederlanden eine Rekordzunahme der Insolvenzen 2009 um 75% von 4.635 Fällen auf 8.100 Fälle, bei einer Gesamtzahl von 800.000 Unternehmen. Für 2010 sieht Euler-Hermes eine weitere Steigerung auf 8.920 Fälle, was aber einem deutlichen Rückgang der Wachstumsraten entspricht.
Die Zahlungsmoral in den Niederlanden gilt im internationalen Vergleich als gut und zuverlässig. Die steigenden Zahlungsschwierigkeiten werden allerdings zu zunehmendem Stress mit den Kunden führen. Jetzt kommt es etwa für deutsche Unternehmen darauf an, mit einem guten Credit Management System die eigenen moralischen Stärken und die des niederländischen Partners zu kennen und gezielt einzusetzen. Einer der weltweit tätigen Anbieter von Credit Management Systemen, Intrum Justitia, wagt eine Quantifizierung der Zahlungsmoral durch Indikatoren, die im periodisch erscheinenden European Payment Index (zuletzt für 2009) zusammengefasst sind. Der Index weist im Zahlungs-Ranking sowohl für die Niederlande als auch für Deutschland einen Mittelfeldplatz in der EU aus - und dies mit für beide exakt gleichen 153 Indexpunkten. Das ist nicht zufällig so, sondern durch Ähnlichkeiten im Zahlungsverhalten begründet. Allerdings ergeben sich im Einzelnen deutliche Unterschiede, denn es zeigt sich, dass die Strukturen eher als komplementär zu bezeichnen sind - man ergänzt sich.
Gemäß Intrum sind die Verluste bei den Forderungen der Banken (Zahlungsausfälle) gestiegen (gemessen als Anteil am Gesamtumsatz) von 2008 rund 2,4% (zum Vergleich Deutschland: 2,0%) auf 2009 erwartete 2,5% (2,1%).
Zahlungsverspätungen in den Niederlanden 2009 (Durchschnitt in Tagen)
| Privatkunden B-2-C | Geschäftskunden B-2-B | Öffentliche Hand | |
| Zahlungsziel | 20,0 | 26,0 | 27,0 |
| Forderungseingang | 31,0 | 42,0 | 49,0 |
| Zahlungsverspätung | 11,0 | 16,0 | 22,0 |
| (zum Vergleich: Zahlungsverspätung 2008 Durchschnitt 13 Tage |
Quelle: Intrum Justitia, European Payment Index 2009
Als Faustregel gilt folgende Altersstruktur der Forderungen: 57% (Deutschland: 60%) der Forderungen werden innerhalb von 30 Tagen beglichen, 30% (24,0%) werden zwischen 31 und 90 Tagen beglichen und 13,0% (16,0%) werden jenseits von 90 Tagen beglichen. Der Großteil der Befragten waren sowohl in den Niederlanden als auch in Deutschland der Ansicht, dass die Finanzkrise sie durch Umsatzrückgänge, geringere Liquidität und vermehrte Zahlungsverzögerungen getroffen hat, letztere seien auf finanzielle Schwierigkeiten ihrer Schuldner zurückzuführen.
Die Zahlungsmoral der Niederländer orientiert sich an ihrem berühmten und einzigartigen Handelsgeest. Hartes Verhandeln (Bargaining) und taffe Durchführung gilt als Tugend. Dazu schreibt der Ehrenkodex aber auch die Zuverlässigkeit vor, gepaart mit Flexibilität. Anpassung an neue Gegebenheiten machen den niederländischen Handelsgeest aus, ein gerade in der Krise wertvolles Verhalten.
Auch in den Niederlanden müssen erhöhte Anforderungen an Bonität und Kreditmanagement gestellt werden. Dazu gehören Klauseln im Kaufvertrag ebenso wie die Absicherung des Zahlungsrisikos durch Kreditversicherer. Die Risiken für Zahlungsausfälle liegen im mittleren Bereich und die Absicherung verläuft vergleichsweise reibungslos. Aber "Vorsicht Falle" durch falsches deutsches Verhalten bei Finanzproblemen, etwa durch Rechthaberei - allzu leicht können sich die Verhandlungen dann festfahren. Bewährt haben sich in diesem Zusammenhang Ratschläge und Trainingskurse der Deutsch-Niederländischen Handelskammer (DNHK, http://www.dnhk.org).
Die Exportkredite privater Hausbanken sprudeln ebenfalls nicht mehr so reichlich wie noch vor Jahresfrist. Zurückhaltung üben auch die Kreditversicherungen der privaten Institute. Das gesamte Versicherungsgewerbe in den Niederlanden ist durch die Finanzkrise mehr oder weniger stark gebeutelt worden. Offenbar sind die vermehrten Fonds für Exportabsicherungen im Rahmen der staatlichen Konjunkturprogramme noch nicht ausreichend. Neueste Forderungen nach mehr Staat in den Exportkreditversicherern selbst - wie in Deutschland im Juli 2009 geschehen - sind hier nicht gestellt worden, denn der Staat ist im Finanzsystem bereits gut vertreten.
Der befürchtete Finanznotstand erscheint in lokaler Sicht zwar gebannt. Die DNB moniert allerdings, dass die lokalen Banken an Internationalität eingebüßt hätten und warnt vor einer gewissen Renationalisierung. Jedenfalls sind für den deutschen Handelspartner die Chancen aus Geschäften mit den Niederlanden weitaus höher als die Risiken, die aus der aktuellen Kreditklemme resultieren. (H.S.)
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Niederlande Finanzwesen, allgemein, Zahlungsverkehr, Kreditauskunfteien, Inkassodienste, Finanzierung, allgemein, Banken, KreditinstituteWeitere Informationen
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