Internationale Märkte

10.07.2009

Konjunktureinbruch in Belgien lässt Insolvenzzahlen steigen

Konjunktureinbruch in Belgien lässt Insolvenzzahlen steigen

Zahlungsmoral lässt nach / Staat ist der säumigste Zahler / Von Axel Simer

Köln (gtai) - Die Folgen der weltweiten Konjunkturkrise sind in der offenen belgischen Volkswirtschaft ungebremst spürbar. Eine verschlechterte Auftragslage, zurückgehende Wirtschaftsleistung, steigende Arbeitslosigkeit sowie einbrechende Exporte führen in vielen Unternehmen zu Zahlungsschwierigkeiten. Dies hat zum einen zu einer verschlechterten Zahlungsmoral geführt, die bei Privatpersonen, Unternehmen und der öffentlichen Hand zu spüren ist. Zum anderen ist 2008 die Zahl der Insolvenzen stark gestiegen und wird 2009 erneut zulegen.

Düster ziehen sich die Konjunkturwolken über der belgischen Volkswirtschaft zusammen. Prognosen, die um die Jahresmitte veröffentlich wurden, gehen für 2009 von einem Rückgang der Wirtschaftsleistung von rund 4% aus. Und die ab 2010 zu erwartende Erholung soll nur äußerst langsam erfolgen. Dies entspricht ziemlich genau den Erwartungen für den Euroraum, was niemanden wundert, denn das 11-Millionen-Einwohner-Land ist hochgradig in die Weltwirtschaft integriert und spürt daher besonders die internationalen Auswirkungen der Krise.

Der zweistellige Rückgang des Welthandels, der für 2009 erwartet wird, spiegelt sich in der exportorientierten belgischen Industrie uneingeschränkt wider. Ende 2008 und Anfang 2009 kam es zu einem dramatischen Einbruch der Produktion. Die damit verbundenen Umsatzrückgänge haben bei vielen Firmen zu Liquiditätsengpässen geführt. Experten beobachten einen Anstieg der Insolvenzen sowie verlängerte Überschreitungen vereinbarter Zahlungsziele.

Intrum Justitia berichtet, dass Unternehmer das Risiko von Zahlungsverzögerungen als relativ hoch einschätzten, da die Stimmung in der Industrie sehr schlecht sei. Laut einer aktuellen Umfrage des schwedischen Spezialisten für Credit Management Services rechnen fast drei Viertel der belgischen Firmen damit, dass sich die Zahlungsmoral im Verlauf des Jahres 2009 weiter verschlechtert. Private Konsumenten, so Intrum Justitia, hätten ihre Zahlungsverspätungen im Frühjahr 2009 gegenüber dem Vorjahr von sechs auf zwölf Tage verdoppelt. Auch Unternehmen und Behörden beglichen ihre Rechnungen deutlich später. Viele Firmen wollen gegensteuern und versuchen in ihren Rechnungen die Zahlungsziele zu verkürzen. Angesichts einer sich krisenbedingt verschlechternden Zahlungsmoral zeigen diese Maßnahmen jedoch wenig Wirkung.

Zahlungsziele und Zahlungsverzögerungen (Angaben für 2009)
Privatkunden Geschäftskunden Öffentliche Hand
Durchschnittliches Zahlungsziel in Tagen 23 35 45
Durchschnittlicher Forderungseingang in Tagen 35 52 76
Durchschnittliche Zahlungsverspätung 2009 12 17 31
Durchschnittliche Zahlungsverspätung 2008 6 13 26

Quelle: Intrum Justitia

Die Presse geißelt vor allem das Zahlungsgebaren der öffentlichen Hand. Sie will schließlich die Auswirkungen der Krise mittels eines Konjunkturprogramms abfedern, ist aber selbst ein äußerst säumiger Zahler und somit Mitverursacher vieler Liquiditätsengpässe. Würde der Staat seine Rechnungen pünktlich begleichen, so stünden der Wirtschaft 2009 zusätzliche 1,9 Mrd. Euro zur Verfügung, wettert beispielsweise die Tageszeitung "L'Echo". An diesem Problem krankt Belgien allerdings nicht alleine, denn in anderen europäischen Staaten ist ebenfalls der Staat der unzuverlässigste Zahler. Innerhalb Europas steht Belgien insgesamt hinsichtlich seiner Zahlungsmoral am unteren Ende der Skala: nur Frankreich und die südeuropäischen Staaten Italien, Portugal, Griechenland, Spanien und Zypern zahlen noch unpünktlicher.

Hinsichtlich der zu erwartenden Zahlungsausfälle für 2009 rangiert Belgien im europäischen Vergleich im Mittelfeld. Positiv fällt auf, dass Intrum Justitia die Quote der uneinbringbaren Forderungen des Jahres 2009 auf 2,5% schätzt, nachdem sie 2007 und 2008 bei 2,4% lagen. Experten von Banken und Kanzleien raten bei neuen Geschäftsabschlüssen zur Vorsicht und empfehlen, die Bonität eines Kunden sorgfältig zu prüfen und laufend die Kreditwürdigkeit zu verifizieren. Bereits vor dem vereinbarten Zahlungstermin sollten mündliche Kontakte zu Lieferung, Rechnung und Zahlung zur Alltagsroutine zählen.

Traditionelle Anlaufstelle für deutsche Unternehmen ist die Deutsch-Belgisch-Luxemburgische Handelskammer (Debelux) in Brüssel. Auch dort spürt man Reflexe der Krise. "In den vergangenen Monaten ist die Zahl der Anfragen zur Einbringung von Forderungen bei Insolvenzen beträchtlich gestiegen", äußerte sich Arnd Helfer, Leiter der Debelux-Rechtsabteilung, in einem Gespräch mit Germany Trade & Invest. Indes sei die Zahl der eigehenden Inkassoaufträge im Vergleich zum Vorjahr "praktisch unverändert".

Auftragsrückgänge, Zahlungsausfälle und verzögerter Zahlungseingang führen vor allem für mittelständische Unternehmen immer öfter zur Insolvenz. 2008 lag die Zahl der Pleiten mit rund 8.500 um 10% über dem Vorjahr. Umfragen zum Geschäftsklima lassen zwar zur Jahresmitte eine Beruhigung in der Unternehmerschaft erkennen und auf eine bessere Auftragslage hoffen, doch wird es 2009 voraussichtlich noch einmal deutlich mehr Insolvenzen geben als im Jahr zuvor. Euler Hermes deutete in einer Pressekonferenz im Juni 2009 in Brüssel an, dass 2010 möglicherweise ein Plus von 17 oder mehr Prozent zu erwarten sei, was bedeuten würde, dass über 10.000 Firmen einen Insolvenzantrag stellen. Im 1. Quartal 2009 lag die Zahl der Insolvenzen immerhin um 20% über dem Niveau des Vorjahres - einziger Trost ist, dass es um andere europäische Industrienationen noch schlechter bestellt ist: Portugal +30%, Großbritannien +40%.

Insolvenzen nach Sektoren (Angaben für 2008)
Zahl Veränderung zum Vorjahr, in % Anteil an der Gesamtzahl, in %
Landwirtschaft, Forsten 137 3,0 1,6
Industrie 487 7,5 5,7
Bauwirtschaft 1.171 11,2 13,8
Handel 2.440 11,0 28,8
Hotels, Gaststätten 1.568 10,6 18,5
Transport, Kommunikation 2.278 14,0 26,9
Sonstige 391 -7,8 4,6
Insgesamt 8.472 10,3 100,0

Quellen: SPF Economie / Direction Générale de Statistique; Euler Hermes

Bei einer Betrachtung der Sektoren fällt auf, dass der Bereich Transport und Kommunikation mit +14% den kräftigsten Anstieg der Bankrotte aufwies. Dicht dabei auch der Handel mit 11% mehr Insolvenzmeldungen. Der Rückgang des Außenhandels und damit der Rolle als Drehscheibe Europas fordert offenbar eine Vielzahl von Opfern. Die Insolvenz eines Unternehmens bedeutet aber nicht automatisch das Aus. Ein neues Insolvenzgesetz vom 31.1.09 eröffnet betroffenen Unternehmen die Möglichkeit eines organisatorischen und betriebswirtschaftlichen Neuanfangs, während das Konkursgericht den Betrieb vor den Forderungen der Gläubiger über einen Zeitraum von bis zu sechs Monaten schützt.

In vielen Fällen könnten sicherlich Insolvenzen durch neue oder prolongierte Bankkredite vermieden werden. Allerdings ist in den letzten Monaten eine deutliche Zurückhaltung bei belgischen Banken zu spüren - trotz der historisch niedrigen Refinanzierungszinsen der Europäischen Zentralbank. In einer Umfrage des belgischen Verbandes der Technologieunternehmen Agoria vom März 2009 beklagten sich 71% der befragten Unternehmen über teurer gewordenen Kredite, rigidere Entscheidungskriterien der Banken und verlängerte Bearbeitungszeiten. Fast die Hälfte aller Firmen (44%) gab an, dass diese Kreditklemme zunehmend ihre Unternehmensentscheidungen beeinflusse. (A.S.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Belgien Finanzwesen, allgemein, Zahlungsverkehr, Kreditauskunfteien, Inkassodienste, Finanzierung, allgemein, Banken, Kreditinstitute

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