Internationale Märkte

07.07.2009

Schwedens hohe Zahlungsmoral lässt nach

Schwedens hohe Zahlungsmoral lässt nach

Mehr Spätzahler in der öffentlichen Verwaltung / Schweden nach wie vor Zahlungsmoral-Spitzenreiter in Europa / Von Christian Tippelt

Stockholm (gtai) - Schwedens Zahlungsmoral hat sich in den letzten Monaten zwar etwas verschlechtert, insgesamt zählt das größte nordeuropäische Land aber zusammen mit seinen skandinavischen Nachbarn zu den zuverlässigsten Zahlern. In der Kritik steht vor allem die öffentliche Verwaltung, deren Zahlungen zurzeit deutlich unbeständiger sind als in den Vorjahren: 47% der Rechnungsadressaten zahlen zu spät, das bedeutet eine Steigerung um etwa 9% gegenüber dem Vorjahr. (Kontaktanschriften)

In Schweden ist die Zahlungsmoral in der öffentlichen Verwaltung in den letzten Monaten auf einem Rekordtief angekommen und sinkt weiterhin rasant. "Rechnungen, die innerhalb von 30 Tage bezahlt werden müssen, werden häufig erst neun Wochen später beglichen - wenn wir Glück haben", so Mona Berggren, Chefin und Haupteigentümerin der Beratungsfirma Ido, deren Kunden größtenteils aus dem öffentlichen Sektor kommen. Laut dem jährlich veröffentlichten Zahlungsindex des Kredit- und Informationsunternehmens Soliditet haben öffentliche Institutionen und Unternehmen in öffentlicher Hand heute eine schlechtere Zahlungsdisziplin als private Unternehmen. Im öffentlichen Sektor zahlen inzwischen etwa 47% der Rechnungsadressaten zu spät - eine Steigerung von etwa 9% gegenüber dem Vorjahr. "Auf diese Weise trägt die öffentliche Hand zu einer Verlängerung der Krise bei, da ihre Zahlungsverzüge dazu führen, dass ihre Zulieferer in Geldprobleme geraten", wirft Krister Jörlen, Geschäftsführer von Soliditet, der öffentlichen Verwaltung vor.

Laut Anna-Stina Nordmark Nilsson, Geschäftsführerin der Unternehmerorganisation Företagarna, sind späte Zahlungen eines der größten Probleme für kleine Unternehmen. "Dass Unternehmen nicht oder zu spät für ihre Dienste bezahlt werden, ist nahezu ein genauso großes Problem wie die massiven Auftragsrückgänge. Hinzu kommt, dass das Bankensystem im Zuge der weltweiten Finanzkrise nicht richtig funktioniert. So geraten viele Unternehmen trotz funktionierender Geschäftsmodelle aufgrund unverschuldeter Liquiditätsengpässe in massive Existenznöte."

Landesweit hat der Bezirk Stockholm den größten Anteil an Spätzahlern, aber auch in den Bezirken Västmanland und Smaland steigt der Anteil rapide an. Jörlen erläutert, dass spätzahlende Unternehmen ein höheres Konkursrisiko haben als andere. "Ein schlechter Zahlungsindexwert ist ein erstes Signal für einen bevorstehenden Konkurs. Die späten Zahlungen in der Region Stockholm deuten darauf hin, dass wir in den nächsten acht bis zehn Monaten eine steigende Zahl an Konkursen sehen werden."

Trotz der sinkenden Zahlungsmoral gehörte Schweden 2008 weltweit nach wie vor zu den Spitzenreitern in Punkto Zahlungsverlässlichkeit. Der Untersuchung "European Payment Index" des Finanzdienstleisters Intrum Justitia aus dem Jahr 2008 zufolge hat Schweden neben Norwegen, Dänemark und Finnland weltweit die geringsten Risiken für Zahlungsverzögerungen oder -ausfälle. Im Geschäftszahlungsverkehr liegt laut der genannten Untersuchung die durchschnittliche Zahlungsdauer in Schweden bei 34 Tagen (2008). Für Europa ermittelte die Studie einen Gesamtschnitt von 55,5 Tagen. Der durchschnittliche Zahlungsverzug im Geschäftszahlungsverkehr lag in Schweden 2008 bei sieben Tagen. Die Rate der Zahlungsausfälle lag 2008 laut gleicher Quelle in Schweden bei 1,1%. Gegenüber den Vorjahren hat sich jedoch die hohe Zahlungsmoral in Schweden laut der genannten Studie leicht verschlechtert. So sind zum Beispiel die zeitliche Zahlungsdauer und die Anzahl der Zahlungsausfälle angestiegen.

Wie auch in anderen Ländern wirkt sich im bisherigen Jahresverlauf allerdings die schwierige Situation auf den Finanzmärkten und der Konjunkturabschwung auf die Entwicklung der Zahlungsmoral aus. Beim Vergleich von April 2009 mit dem gleichen Vorjahresmonat zeigt der Zahlungsindex von Soliditet insgesamt eine Zunahme der "Spätzahler" von 42,5 auf 43,6%. Die Sektoren mit den höchsten Zuwächsen sind neben der öffentlichen Verwaltung und der Finanzdienstleistungsbranche die Verarbeitende Industrie und die Informationsbranche. In anderen Sektoren wie der Bau- und Immobilienwirtschaft oder der Land- und Forstwirtschaft gab es 2009 - etwas überraschend - hingegen weniger Spätzahler als im Vorjahr.

Anzahl "Spätzahler"* in %
Branche April 2009 April 2008 Veränderung in %
Information 52,0 49,3 2,7
Verarbeitende Industrie 48,7 45,6 3,1
Öffentliche Verwaltung 47,4 38,8 8,6
Finanz und Versicherung 47,2 43,4 3,8
Handel 46,4 44,1 2,3
Hotel und Restaurants 45,2 46,0 -0,8
Gesundheit, soziale Fürsorge 42,8 43,2 -0,4
Immobilien 41,5 37,9 3,6
Bau 39,2 38,7 0,5
Service 37,8 39,9 2,1
Land- / Forstwirtschaft 35,9 36,4 -0,5
Gesamtdurchschnitt 43,6 42,5 1,1

*"Spätzahler" sind Unternehmen/Organisationen, die später zahlen als der Durchschnitt in einer vergleichbaren Gruppe. Sie zahlen nicht zwingend entgegen der geltenden Zahlungsfrist, sondern später als in der Branche üblich.

Quelle: Soliditet

Anteil "Spätzahler" in % pro Bezirk (län)

Län/Bezirk April 2009 April 2008 Veränderung in %
Stockholms län 48,6 47,3 1,3
Västmanland 48,4 44,1 4,3
Jönköping 46,8 42,6 4,2
Gotland 46,6 46,2 0,4
Västra Götaland 46,4 44,7 1,7
Halland 45,8 43,1 2,7
Södermanland 42,9 41,9 1,0
Värmland 41,9 39,9 2,0
Kronoberg 41,6 37,7 3,9
Skåne 41,5 40,7 0,8
Uppsala 40,9 39,8 1,1
Kalmar 38,8 35,2 3,6
Gävleborg 38,7 38,5 0,2
Dalarna 38,6 38,1 0,5
Blekinge 38,1 36,9 1,2
Örebrö 37,6 39,2 -1,6
Västerbotten 36,8 36,1 0,7
Östergötland 36,6 38,2 -1,6
Norrbotten 36,5 34,6 1,9
Västernorrland 35,9 37,2 -1,3
Landesdurchschnitt 43,6 42,5 1,1

Quelle: Soliditet

Anzahl Unternehmenskonkurse in Schweden
Län/Bezirk 2008 2007 Veränderung in%
Stockholm 2.123 2.131 -0,4
Uppsala 152 141 7,8
Södermanland 168 137 22,6
Östergötland 254 188 35,1
Jönköping 169 142 19,0
Kronoberg 74 80 -7,5
Kalmar 125 116 7,8
Gotland 30 21 42,9
Blekinge 71 54 31,4
Skåne 825 680 21,3
Halland 144 162 -11,1
Västra Götaland 949 853 11,3
Värmland 184 138 33,3
Örebro 130 124 4,8
Västmanland 138 145 -4,8
Dalarna 148 120 23,3
Gävleborg 143 122 17,2
Västernorrland 148 114 29,8
Jämtland 79 83 -4,8
Västerbotten 126 111 13,5
Norrbotten 118 129 -8,5
Insgesamt 6.298 5.791 8,8

Quelle: SCB, Tillväxtverket

Zahlungsausfallrisiken lassen sich durch verschiedene Maßnahmen reduzieren. Die hohe Informationstransparenz und lockere Datenschutzregelungen lassen zu, dass relativ viele Angaben über Privatpersonen und Unternehmen gesammelt und weitergegeben werden dürfen. Dies führt zu einer Vielzahl verlässlicher Informationen über die Zahlungsfähigkeit potenzieller Kunden und Schuldnern. Grundsätzliche Auskünfte über Unternehmen, deren Geschäftstätigkeit und Strukturen sind beim mit dem deutschen Handelsregister vergleichbaren Bolagsverket zu erhalten. Informationen und konkrete Angaben über Bonität von Unternehmen sowie Unternehmensbewertungen werden von einer Vielzahl professioneller Dienste angeboten. Den verbreitetsten Auskunftsdienst betreibt der Anbieter Upplysningscentralen.

Schweden verfügt über ein wirkungsvolles Inkassogesetz, mit dem man mithilfe eines autorisierten Inkassodienstleisters Inkassoverfahren einleiten kann. Die Deutsch-Schwedische Handelskammer verfügt über die behördliche Genehmigung, Inkassoverfahren durchzuführen, und bietet in diesem Bereich umfangreiche Dienstleistungen (Fallprüfung, Mahnverfahren, Zusammenarbeit mit Behörden vor Ort) an.

Zahlungsfristen werden in Schweden in der Regel vertraglich festgelegt. Allgemeine Geschäftsbedingungen wie in Deutschland gibt es jedoch nicht. Üblich sind Zahlungsfristen von 30 Tagen. Anzahlungen oder Vorkasse ist im normalen Geschäftsverkehr nicht üblich. Bei größeren Projekten mit hohen Rechnungssummen sind Teilzahlungen aber durchaus praktikabel. Bei Geschäften mit "zahlungsunsicheren" Partnern sind Anzahlungen oder Vorkasse in jedem Fall ratsam.

Kontaktanschriften:

Soliditet AB

Sturegatan 3, 172 29 Sundbyberg

Tel.: 0046 8/51 90 10 00

Internet: http://www.soliditet.se

Intrum Justitia AB

Marcusplatsen 1 A, 105 24 Stockholm

Tel.: 0046 8/54 61 02 00

Internet: http://www.intrum.se

Upplysningscentralen UC AB

Årstängsvägen 1B, 117 88 Stockholm

Tel.: 0046/8-6 70 90 00

Internet: http://www.uc.se

Deutsch-Schwedische Handelskammer

Rechtsabteilung

Valhallavägen 185; 11553 Stockholm

Tel.: 0046 8/665 18 00

Internet: http://www.handelskammer.se

Weitere Informationen zu dem Thema Kreditvergabe und Zahlungsmoral bietet die kostenpflichtige Broschüre "Zahlungsverkehr und Exportfinanzierung - Schweden". Diese Broschüre finden Sie in der Datenbank von Germany Trade & Invest (http://www.gtai.de; Rubrik | Datenbank - Recherche).

(C.T.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Schweden Inkassoverfahren, Mahnwesen, Zahlungsverkehr, Kreditauskunfteien, Inkassodienste

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