Internationale Märkte

14.07.2009

Hongkongs Finanzsektor übersteht Krise relativ unbeschadet

Hongkongs Finanzsektor übersteht Krise relativ unbeschadet

Institute leiden nur bedingt unter Kreditausfällen / "Klemme" für Wirtschaft bisher kaum ein Thema / Von Roland Rohde

Hongkong (gtai) - Einen "Rettungsschirm" zur Stützung der einheimischen Banken musste Hongkongs Regierung im Zuge der weltweiten Wirtschaftskrise bisher nicht aufspannen. Die Geldhäuser der Sonderverwaltungsregion haben sich im Gegensatz zu ihren Konkurrenten aus den USA und Europa kaum mit "toxischen" Derivaten verspekuliert. Dennoch sind sie bei der Handelsfinanzierung vorsichtiger geworden. Gänzlich spurlos ging die Krise nicht an der Finanzbranche vorbei. Für die Zukunft setzen insbesondere die Banken auf neue Geschäftsfelder.

Hongkong hat sich in den letzten Jahren auch als wichtige Finanzdrehscheibe in Asien etabliert. Insgesamt zählte der Sektor Ende 2008 knapp 200.000 Beschäftigte, rund 6% aller Erwerbstätigen. Ihre Pro-Kopf-Wertschöpfung liegt deutlich höher als in anderen Dienstleistungszweigen. 2007 trug die Finanzbranche rund 20% zur Entstehung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) bei. Im Vergleich zu 1997 hat sich die entsprechende Quote damit nahezu verdoppelt.

Die internationale Wirtschaftskrise brachte den Aufschwung des Sektors aber vorerst zum Stillstand. So mussten die Banken, die mit Abstand größte Sparte der Finanzwirtschaft, für das gesamte Jahr 2008 laut Angaben des Census and Statistics Department einen Umsatzrückgang von 17% hinnehmen, wobei das 4. Quartal mit einem Minus von 45% für den größten Teil des Rückgangs verantwortlich war.

Im weltweiten Vergleich ist Hongkongs Finanzsektor aber noch einmal mit einem "blauen Auge" davon gekommen, vor allem weil die Banken und Versicherungsgesellschaften der Stadt in nur relativ geringem Umfang in riskante Derivate investiert hatten. Entsprechend niedrig war der Abschreibungsbedarf. Umfangreiche "Notschirme" zur Rettung ganzer Institute mussten in der Sonderverwaltungsregion (SVR) nicht aufgespannt werden.

Hongkongs Banken verdienen ihr Geld auf dem einheimischen Markt mit Hypothekengeschäften sowie mit der Finanzierung von Handelsgeschäften. Die Ausleihungen an private Bauherren sind seit Herbst 2008 infolge eines Einbruchs der Immobilienpreise kräftig gesunken. Im 2. Quartal 2009 hat sich der Markt indes erholt, die Finanzinstitute drehten den "Geldhahn" langsam wieder auf.

Etwas anders sieht die Situation zur Jahresmitte 2009 im Segment Handelsfinanzierung aus. Einige Hongkonger Firmen, die im benachbarten Perlflussdelta Produktionsstätten besitzen, sind im Zuge der Finanzkrise in Schwierigkeiten geraten. Sie blieben teilweise auf in den USA bestellten Lieferungen "sitzen", weil die Kunden in Konkurs gegangen waren. Die Banken sind deshalb bei der Finanzierung von Handelsgeschäften vorsichtiger geworden.

Insbesondere kleinere und mittelständische Firmen in Hongkong beklagen sich über die inzwischen höheren Anforderungen der Institute an die Bonität. Doch dürften die meisten dadurch nicht in existenzbedrohende Schwierigkeiten geraten, vor allem weil die Unternehmen kaum verschuldet und nicht darauf angewiesen sind, revolvierende Kredite zu erneuern. Der Begriff "Kreditklemme" ist deshalb in Hongkongs Presse bisher nur am Rande gefallen.

Insgesamt waren Ende 2008 exakt 200 Banken in Hongkong zugelassen. Darüber hinaus gab es mehr als 70 Niederlassungen internationaler Finanzhäuser. Von den 100 weltweit größten Banken unterhielten 69 eine Zweigstelle in der SVR. Insgesamt zählten alle Geldhäuser zum Jahresende 2008 rund 93.000 Beschäftigte, ein Plus von 6% im Vergleich zu 2007. Neueinstellungen in den ersten beiden Quartalen hatten Entlassungen infolge der Krise überkompensiert. Gegenüber dem Stand von 2004 stockten die Banken ihr Personal sogar um 30% auf.

Doch 2009 dürfte es einen leichten Stellenabbau geben, allerdings nicht so sehr wegen der Krise, denn diese hatte bereits im 2. Halbjahr 2008 ihren Tribut gefordert. Vielmehr sind die Margen angesichts der sehr niedrigen Zinssätze stark geschrumpft. Bereits 2008 lagen sie im Jahresdurchschnitt nur noch bei 1,8%. Für 2009 erwarten Branchenkenner noch einmal einen niedrigeren Wert. Insbesondere das Hypothekengeschäft zahlt sich kaum noch aus und der Druck, Kosten mit Hilfe von Personalkürzungen zu senken, ist hoch.

Doch die Branche hofft auf einen Umschwung. Sie verspricht sich vom neuen Zahlungsverkehrsschema, das seit Juli 2009 gilt, zusätzliche Gewinne. So dürfen ausgewählte Unternehmen in Guangdong sowie Shanghai ihre Geschäfte mit Partnern in Hongkong in der Landeswährung Renminbi (RMB) abwickeln. Finanzexperten erwarten, dass sich Hongkong innerhalb kürzester Zeit als ein Offshore-Zentrum im RMB-Handel etablieren wird. Mithilfe des neuen Status können die Banken ihr Geschäftsportfolio deutlich ausweiten.

Sogenannte "andere Finanzdienstleistungen" bilden das zweite Standbein der Finanzbranche. Zu ihnen gehören unter anderem Investment-, Anlageberatungs- oder Leasinggesellschaften. Sie beschäftigen 2008 zusammen über 60.000 Personen. Viele von ihnen mussten dem weltweiten Trend entsprechend starke Kürzungen ihrer Bonuszahlungen hinnehmen, denn der Umsatz der Branche war im 4. Quartal 2008 um nahezu 50% eingebrochen.

Die Versicherungsbranche beschäftigte Ende 2008 mehr als 40.000 Menschen. Auch sie musste im 4. Quartal kräftige Umsatzeinbrüche hinnehmen. Im Jahresdurchschnitt konnte sie aber noch einen Zuwachs von 9% verzeichnen. Damit erwies sie sich im Vergleich zu den beiden anderen Säulen der Finanzwirtschaft als besonders krisenresistent. Allerdings war sie auch in den Boomjahren die am wenigsten dynamische Finanzsparte gewesen. (R.R.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Hongkong, SVR Finanzwesen, allgemein, Versicherungen (ohne Sozialversich.), Banken, Kreditinstitute

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