Internationale Märkte

08.07.2009

Rezession führt in der Schweiz zu Zahlungsengpässen

Rezession führt in der Schweiz zu Zahlungsengpässen

Kreditklemme könnte bald Realität werden / Insolvenzen nehmen zu

Köln (gtai) - Die Wirtschaftskrise trifft mit Verzögerung nun auch die Schweiz hart. Immer mehr Betriebe müssen Mitarbeiter entlassen und Zahlungen auf die lange Bank schieben. Die Zahlungsmoral hat sich bereits im 1. Quartal 2009 verschlechtert. Ein Dominoeffekt verstärkt die Auswirkungen. Liquiditätsengpässe bei den Unternehmen werden häufiger. Aufgrund der verschärften Bedingungen für die Vergabe von Krediten sind auch die Banken oft nicht mehr bereit zu helfen. Dadurch steigen die Zahl der Insolvenzen und die Nachfragen von Firmen bei Kreditversicherern.

Die Rezession wirkt sich langsam aber sicher negativ auf das Zahlungsverhalten der schweizerischen Unternehmen aus. Einer Studie der Wirtschaftsauskunftei Dun & Bradstreet zufolge sinkt die Zahlungsmoral der Firmen rasch. Im Zeitraum Januar bis April 2009 erreichte der Zahlungsverzug mit 20,1 Tagen einen neuen Negativrekord. Im Jahr 2006 hatte der Verzugszeitraum noch 9,1 Tage betragen. Danach kletterte er mit zunehmender Geschwindigkeit auf das Niveau der ersten vier Monate 2009: 1. Quartal 2007: 10,8; 1. Quartal 2008: 14,8; 1. Quartal 2009: 20,1 Tage.

Dun & Bradstreet bereitet gerade diese rasche Zunahme Sorgen. Sie sei nicht ausschließlich auf den konjunkturellen Einbruch zurückzuführen, sondern auch auf einen Dominoeffekt. Zahlt Betrieb A nicht an B, so zahlt B nicht an C und so fort. Eine Spirale, die sich immer weiter beschleunige und letztendlich zu Insolvenzen führen könne.

Die schlechteste Zahlungsmoral wiesen der Kfz-Bereich (29,1 Tage Zahlungsverzug), das Transportgewerbe (27,5 Tage) sowie die Textil- und Bekleidungsindustrie (26,2 Tage) auf. Überdurchschnittlich pünktlich zahlten die Sektoren Informatikdienstleistungen, chemische Industrie und Pharma sowie Präzisionsinstrumente und Uhren mit jeweils etwa 11 Tagen Verzug. Regional gesehen waren Firmen aus der Zentralschweiz die besten Kunden (17,2 Tage Zahlungsverzug). Die größte Geduld musste bei Betrieben aus dem Tessin aufgebracht werden (32 Tage).

Wenig zahlungsfreudig verhielten sich in den ersten drei Monaten 2009 auch die schweizerischen Behörden. Intrum justitia zufolge überzogen die Ämter die ihnen gesetzten Zahlungsziele um durchschnittlich 16 Tage - drei Tage mehr als die Geschäftskunden und fünf Tage mehr als Privatkunden. Die Schweiz lag damit im europäischen Vergleich nach Angaben dieser Studie im Mittelfeld. Die Gesamtsumme der ausstehenden Rechnungen der Behörden belief sich auf 1,14 Mrd. sfr (rund 75 Mrd. Euro).

Verstärkt wird die Verschlechterung der Zahlungsmoral durch die Vorsicht der Banken bei der Kreditvergabe. Im März 2009 stellten Ernst & Young in einer Untersuchung zwar fest, dass lediglich etwa ein Fünftel der Unternehmen schwerer an eine Finanzierung durch ihre Hausbank gelangte als bisher und der überwiegende Teil der Betriebe unter dem Rückgang im Inlands- und im Auslandsgeschäft leide, das rasch schlechter werdende Zahlungsverhalten deutet aber darauf hin, dass zunehmend mehr Firmen unter Liquiditätsengpässen leiden. Ein Unternehmen, das aber bereits in Schwierigkeiten ist, wird von den äußerst vorsichtig agierenden Banken nur schwerlich Kredite erhalten, also in eine noch schwierigere Lage geraten.

Mit der zunehmenden Spürbarkeit der Folgen der Rezession auf dem Arbeitsmarkt wird verstärkt die Behauptung einer von den Banken verursachten "Kreditklemme" aufgestellt. So erhob das Mitglied des Vorstandsausschusses des Verbandes der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie Swissmem, Ulf Berg, in einem Interview mit der Sonntags-Zeitung schwere Vorwürfe gegen die Banken. Selbst gut aufgestellte Industrieunternehmen würden wegen der Banken unter mangelnder Liquidität leiden. Außerdem erhöben die Kreditinstitute für die Darlehensvergabe harte Forderungen wie die Entlassung von Mitarbeitern sowie den Verkauf von Firmenteilen und Kapitaleinlagen und griffen damit direkt ins tägliche Geschäft ein.

Noch Anfang bis Mitte Juni 2009 hatten allerdings die Schweizerische Nationalbank (SNB) und das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) berichtet, dass keine Kreditklemme bestünde. Allerdings wies auch die SNB auf eine "zyklische Verschärfung der Kreditvergabebedingungen" hin. Dies hänge mit der abnehmenden Qualität bestimmter Schuldner zusammen. Auch schließt die SNB eine Verschlechterung der Darlehensbedingungen nicht aus. Insgesamt bleibt somit festzustellen, dass das Risiko einer Zunahme der Insolvenzen wächst.

Dies bestätigt auch die Statistik des Unternehmens Creditreform. Danach hat sich die Zahl der Insolvenzen in den ersten fünf Monaten 2009 um mehr als ein Fünftel auf über 2.000 erhöht. Für das ganze Jahr rechnet der Risk Director Schweiz von Euler Hermes, Christian Pletscher, mit einem Anstieg um 16% auf 4.900 - genau wie Dun & Bradstreet und Creditreform. Besorgniserregend ist nach Ansicht von Pletscher, dass in den wichtigsten Ausfuhrländern sehr viele Firmen insolvent werden.

Dies führt dazu, dass die schweizerischen exportorientierten Firmen ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis entwickeln. Beim größten Kreditversicherer Euler Hermes hat sich eigenen Angaben zufolge die Nachfrage in den letzten Monaten mehr als verdoppelt. Typische Kunden sind Pletscher zufolge Handelsunternehmen, die mit geringen Margen operieren und sich einen Debitorenausfall nicht leisten können.

Die Entwicklung hat sich mittlerweile auch auf das Landesrating ausgewirkt. Das Ratinginstitut Coface hat die Schweiz Ende März auf die Liste der zu beobachtenden Länder gesetzt. Das Rating liegt aber bislang immer noch bei A1, d.h. die politische und wirtschaftliche Lage werden als sehr gut eingestuft und die Wahrscheinlichkeit einer Unternehmensinsolvenz ist im Durchschnitt immer noch sehr niedrig.

(H.H.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Schweiz Zahlungsverkehr, Kreditauskunfteien, Inkassodienste

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