Internationale Märkte

10.07.2009

Argentiniens Wirtschaft lebt kaum noch auf Kredit

Argentiniens Wirtschaft lebt kaum noch auf Kredit

Die globale Krise hat dem lokalen Finanzmarkt weniger geschadet als das fehlende Vertrauen in die Politik / Staatliche Kredite gewinnen an Gewicht

Buenos Aires (gtai) - In der Folge der Zahlungskrise von 2002 war die Kreditversorgung in Argentinien in den vergangenen Jahren bereits so knapp, dass die zusätzliche Beschränkung durch die internationale Wirtschaftsflaute kaum ins Gewicht fällt. Unternehmen finanzieren sich überwiegend aus eigenen Mitteln. Der Privatsektor hält umfangreiche Reserven außerhalb des lokalen Bankwesens (meist im Ausland). Nach der Verstaatlichung der vormals privat verwalteten Pensionsfonds, die zu noch höherer Kapitalflucht geführt hat, gewinnt der Staat als Kreditgeber an Bedeutung.

Argentiniens Zentralbank hat seit der Zuspitzung der globalen Finanzkrise im Herbst 2008 viel zur Ausweitung der Liquidität im Bankensektor unternommen. Größere Liquiditätsengpässe traten nicht auf, wenn doch die kurzfristigen Zinsen zeitweise anzogen. Der Referenzsatz Badlar (durchschnittlicher Zinssatz für Einlagen von mindestens 1 Mio. arg$ auf 30 Tage bei privaten Banken), der im August 2008 bei 12% gelegen hatte, sprang im Oktober 2008 auf 23% und pendelte sich erst Anfang Juli 2009 wieder bei knapp 13% ein. Die Zinssätze für einen 30-Tage-Kredit an Adressen bester Bonität schossen entsprechend von 18% (August) auf 29% (Oktober) und lagen zuletzt bei 20%. Tägliches Geld unter Banken, das in der Spitze im November 2008 mehr als 15% kostete, liegt seit Februar 2009 stabil bei einem Satz von 11%.

Schon seit Jahren spielen die Banken in Argentinien eine vergleichseweise unbedeutende Rolle. Argentinische Unternehmen und Sparer bringen ihr Geld kaum zur Bank, und wenn doch in der Regel nur für einen kurzfristigen Anlagehorizont. Die gesamten Bankeinlagen des Privatsektors entsprechen lediglich 16% des BIP. 77% der Einlagen haben eine Laufzeit von weniger als drei Monaten (gegenüber 16% in Brasilien oder 23% in Chile). Rund die Hälfte ist sogar täglich fällig. Entsprechend knapp, kurzfristig und teuer ist das Kreditangebot der Banken. Diese Erscheinungen sind eine Folge der zahlreichen Finanzkrisen des Pampalandes, die in dem Staatsbankrott von 2002 ihren bisherigen Höhepunkt fanden.

Die Auswirkungen der globalen Finanzkrise haben die seit Argentiniens Staatspleite herrschende Kreditknappheit verstärkt. Zwar hat das Volumen der Kredite an den Privatsektor 2008 in lokaler Währung um etwa 23% zugenommen. Gemessen an der von privaten Instituten geschätzten Inflationsrate von etwa 20% ist die Kreditvergabe indes real kaum gestiegen (gemessen an der offiziellen Preissteigerungsrate von 7,2% ergab sich freilich ein höherer Realzuwachs).

In Relation zur Wirtschaftsleistung ist die Kreditversorgung mit 12,5% des BIP im internationalen Vergleich weiterhin sehr niedrig. Der Durchschnitt in Lateinamerika liegt bei 30%, der in der Eurozone bei 95%. Der größte Teil des Kreditwachstums entfiel 2008 auf die Konsumfinanzierung. Rund 37% der Kreditvergabe an den Privatsektor entfallen auf Kreditkarten und Konsumentenkredite, 16% auf Hypotheken, der Rest auf Kontokorrent- und andere Kredite an meist kleine und mittlere Unternehmen. Für 2009 wird lediglich ein Kreditwachstum von 11% erwartet, das damit unter der von privaten Experten prognostizierten Inflationsrate von 13% bliebe.

Investitionen wurden in den vergangenen Jahren überwiegend aus Eigenmittteln (laufende Gewinne und Reserven) finanziert. Dies fällt den Unternehmen aufgrund sinkender Gewinne nun schwerer. Sinkendes Vertrauen der Unternehmen und Finanzanleger in die Wirtschaftspolitik der Regierung hat vielmehr den Abzug von Kapital aus Argentinien beschleunigt. Nach offiziellen Schätzungen hielt der argentinische Privatsektor Ende März 2009 Aktiva im Wert von rund 157 Mrd. US$ im Ausland. Das entspricht 48% des BIP. Seit Anfang 2007 hat sich der Wert der Auslandsanlagen um rund 24 Mrd. US$ erhöht. Allein 2008 überwiesen private Akteure (ohne Banken) netto rund 11,7 Mrd. US$ ins Ausland (3,6% des BIP).

Argentiniens Banken sind solide finanziert und mit hoher Liquidität ausgestattet. Rund 16% der gesamten Aktiva werden als Liquidität vorgehalten. Rechnet man die Anlagen in kurzfristigen Zentralbankpapieren (Lebacs/Nobacs) dazu, liegt die Liquiditätsquote sogar bei 28%. Die Eigenkapitalausstattung ist relativ hoch, 12% der Gesamtaktiva sind durch Eigenkapital gedeckt. Die hohe Konzentration der Kreditvergabe an den Staat, die nach der lokalen Finanzkrise auf 41% (2004) gestiegen war, hat sich vermindert - im Februar 2009 entfielen nur noch 25% der Aktiva auf Forderungen an staatliche Institutionen. Betrachtet man allein die privaten Banken, fallen die Kenndaten wie folgt aus: Die Liquidität liegt bei 17% der Aktiva (30% unter Einbeziehung kurzfristiger Zentralbankpapiere), die Eigenkapitalquote bei 13%. Forderungen gegenüber dem Staat entsprechen 19% der Aktiva. Einige Beobachter vermuten allerdings, dass der Staat die Banken künftig wieder stärker in Anspruch nehmen könnte.

Der Staat übernimmt bei der Vergabe von Krediten eine zunehmend wichtige Rolle. Ende 2008 kündigte die argentinische Regierung staatliche Sonderkredite im Gesamtvolumen von rund 4 Mrd. US$ (etwa 1,2% des BIP) zur Stützung der Konjunktur an. Die Mittel sollen den Wohnungsbau sowie Käufe von Kühlschränken, Landmaschinen und Autos finanzieren, das Betriebskapital der Unternehmen stärken und die Finanzierung von Exporten ermöglichen. Die Zinssätze liegen real (gemessen an der privat geschätzten Inflationsrate) zum Teil im negativen Bereich. Trotzdem wurden beispielsweise die besonders angepriesenen Billig-Kredite für den Autokauf von den Kunden kaum in Anspruch genommen. Die Bereitschaft, sich zu verschulden, ist bei den Verbrauchern derzeit gering.

Zu einer besonders wichtigen Finanzierungsquelle für Handel und Investitionen entwickelt sich die staatliche Rentenkasse Anses, die zum Jahresbeginn 2009 die seit 1994 angesparten Vermögen der bis dahin privat verwalteten Pensionsfonds AFJP übernommen hat. Zwar wurde die Verstaatlichung der privat verwalteten Pensionsrücklagen vielfach kritisiert, doch bildet der daraus geschaffene "Renten-Nachhaltigkeistsfonds" oder Fondo de Garantía de Sustentabilidad (FGS) mit einem Gesamtvermögen von 102 Mrd. arg$ das wohl schlagkräftigste Instrument der Regierung zur Ankurbelung der Konjunktur.

Ziel der Anses sei es, das Fondskapital "aus Finanzanlagen in die reale Wirtschaft" umzulenken, sagte der ehemalige Anses-Chef Amado Boudou Ende Mai 2009 in einem ersten Rechenschaftsbericht. Inzwischen ist er Wirtschaftsminister und erklärt, dass die Anses dabei nicht die größtmögliche Rendite, sondern vor allem die Schaffung beziehungsweise Sicherung von Arbeitsplätzen anstrebe. Im Mai 2009 lancierte die Regierung aus Anses-Mitteln eine neue Linie von Hypothekenkrediten über 1,6 Mrd. US$ für den Bau oder den Erwerb von Wohnungen. Zuletzt wurden auch Investitionskredite an einzelne Unternehmen zugesagt. So soll die argentinische Niederlassung von General Motors 70 Mio. US$ für die Umrüstung auf eine neues Fahrzeugmodell erhalten.

Die FGS-Mittel sind nur zu einem geringen Teil frei verfügbar. Rund 59% der Fondsmittel sind in argentinischen Staatsanleihen angelegt, weitere 29% stecken in lokalen Aktien, Unternehmensanleihen und Festgeldern, deren Verwertung und Neuanlage lediglich eine Umverteilung des bereits investierten Kapitals bedeuten würde. Die jährlichen Neuzuflüsse belaufen sich auf etwa 1,5% des BIP. Immerhin ermöglicht die Verstaatlichung der Pensionsfonds der Regierung einen gezielten Einsatz der Mittel für Zwecke, die ihr als besonders förderungswürdig erscheinen. Nach und nach übernimmt die Rentenkasse Anses de facto die Funktion einer öffentlichen Entwicklungsbank nach dem Vorbild der brasilianischen Staatsbank BNDES.

Die überraschend erfolgte Verstaatlichung der Rentenfonds hat indes das Vertrauen der in- und ausländischen Finanzanleger erschütttert. Verunsicherte Sparer und Investoren beschleunigten die seit 2007 zu beobachtende Flucht aus dem Peso und entzogen dem lokalen Kapitalmarkt zusätzlich Liquidität.

Ein erfolgreiches Schuldenmanagement der argentinischen Regierung hat zumindest die Furcht vor neuen Zahlungsausfällen des Staates vermindert. Mit einem Länderisiko von mehr als 1.000 Basispunkten (gemessen als Risikoaufschlag in den Renditen argentinischer Staatsanleihen gegenüber denen von US-amerikanischen Staatspapieren) bleibt Argentinien jedoch einstweilen vom Zugang zu neuen privatwirtschaftlichen Krediten de facto ausgeschlossen.

Die Nachwirkungen der lokalen Finanzkrise von 2002 belasten bis heute die Kreditbeziehungen zu Deutschland. Argentinien ist sieben Jahre nach dem Crash von 2002 immer noch mit rund 29 Mrd. US$ gegenüber privaten Altgläubigern im Rückstand (darunter viele deutsche Anleger). Ferner stehen gegenüber den Ländern des Pariser Clubs rund 6,7 Mrd. US$ offen; Deutschland ist mit rund 2 Mrd. US$ der größte Gläubiger. Die argentinische Regierung hat wiederholt eine Regelung der Rückstände in Aussicht gestellt. Bisher liegt jedoch kein konkretes Angebot auf dem Tisch.

Für Exportgeschäfte mit staatlichen argentinischen Abnehmern gibt es aufgrund der Rückstände keine Hermesdeckung. Für Geschäfte mit privaten Kunden gewährt Hermes Deckung lediglich zu Gebühren der teuersten Kategorie, und auch diese nur nach einem anspruchsvollen Prüfungsverfahren. Öffentliche deutsche Kreditgeber wie die Kreditanstalt für Wiederaufbau oder Landesbanken vergeben derzeit kaum neue Kredite nach Argentinien. In jedem Fall ist Deckung durch Hermes erforderlich, der argentinische Staat bleibt mithin außen vor. Bei einer Projektfinanzierung kann gegebenenfalls eine Garantie durch die deutsche Mutter des kreditnehmenden Unternehmens das Argentinien-Risiko ausschalten. Am ehesten zugänglich für Projektfinanzierungen in Argentinien dürfte die entwicklungspolitisch motivierte Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) sein.

Auch private deutsche Banken halten sich mit Finanzierungen zurück. Zudem sind die Kosten gestiegen, nachdem sich das intern anzusetzende Risiko-Rating Argentiniens in den vergangenen Monaten zum Teil erheblich verschlechtert hat. Die Commerzbank gewährt keine Finanzierungen für mehr mehr als 180 Tage. Aufgrund des starken Rückgangs der Warenimporte (-40% in den ersten fünf Monaten 2009) sei die Nachfrage nach Akkreditiven ebenfalls stark gesunken, berichtet das Institut.

Die Europäische Investitionsbank (EIB) ist dagegen wieder zu Krediten bereit, nachdem Argentinien Rückstände gegenüber der EIB (600.000 Euro standen seit 1996 offen) ausgeglichen hat. So stellte die EIB dem Volkswagen-Konzern jüngst einen Kredit über 170 Mio. Euro in Aussicht, um das Werk in Pacheco (Buenos Aires) für die Produktion eines neuen Pick-up-Modells auszubauen.

Nach Beobachtung eines führenden Importeurs und Repräsentanten ausländischer Maschinenbauer ist argentinischen Kunden der Zugang zu ausländischen Krediten entweder ganz versperrt, oder es werden derart hohe Auflagen gemacht, dass diese praktisch nicht zu erfüllen sind. Auch lokale Bankkredite oder Leasing seien aufgrund der hohen Zinsen kaum erschwinglich. Auf der Maschinenbaumesse Emaqh bot eine Geschäftsbank Leasingfinanzierungen in lokaler Währung zu Sätzen von 32% p.a. fest oder 24% p.a. variabel. Manche Maschinenhersteller (vor allem aus Asien und den USA) bieten eigene Lieferantenkredite in US$ oder Euro zu Zinssätzen von 8 bis 10%.

Gegenwärtig sei zu empfehlen, alle Finanzierungsprogramme der staatlichen argentinischen Banken zu nutzen, rät der Finanzexperte und ehemalige Chef der Deutschen Bank in Buenos Aires, Karl Ostenrieder. Die wichtigsten Institute, über die auch der Löwenanteil der Anses-Gelder kanalisiert wird, sind Banco Nación (http://www.bna.com.ar), Banco de la Provincia Buenos Aires (http://www.bapro.com.ar), Banco Ciudad (http://www.bancociudad.com.ar), die Genossenschaftsbank Banco Credicoop (http://www.bancocredicoop.coop) sowie die Investitions- und Außenhandelsbank BICE (http://www.bice.com.ar), die Ostenrieder besonders empfiehlt.

Für mittlere und große Unternehmen könnte sich auch die Emission von Unternehmensanleihen (Obligaciones Negociables, ON) lohnen, die allerdings einen hohen technischen Aufwand erfordert. Eine zunehmend genutzte Option ist die Bildung von Treuhandfonds (Fondos Fiduciarios), deren meist handelbare Anteile mit realen Werten oder spezifischen Forderungen (etwa Konsumentenkredite) unterlegt sind. Eine untergeordnete Rolle spielt die Emission von Aktien. Im 1. Halbjahr 2009 nahmen Unternehmen am lokalen Kapitalmarkt mit den genannten Instrumenten insgesamt 1.428 Mio. arg$ (rund 270 Mio. Euro) auf, das waren 13% weniger als im 1. Halbjahr 2008. Auf Fondos Fiduciarios entfielen 76%, der Rest auf ON, Aktien wurden keine emittiert.

In diesen Markt will der Staat jetzt ebenso vordringen. Nach jüngsten Änderungen der Regulierungsbestimmungen durch die Zentralbank dürfen sich private Banken an staatlichen Treuhandfonds zur Finanzierung von Infrastrukturinvestitionen beteiligen. Die Banken erwerben dabei sogenannte Valores Representativos de Deuda (VRD), die ihre Anteile an den Treuhandsfonds verbriefen. Die Zinssätze in lokaler Währung wurden auf 400 Basispunkte über dem Badlar-Referenzzins festgesetzt, was Mitte Juni 2009 einem Zinssatz von etwa 17% entsprach.

Die lokale Finanzkrise von 2002 hat das Bild des argentinischen Bankensektors drastisch und nachhaltig verändert. Die Zahl der Banken verminderte sich von 88 (2001) auf 67 Institute (2009). Vor allem ausländische Banken haben sich zurückgezogen - 2009 sind nur noch 21 ausländische Finanzhäuser präsent, gerade halb so viele wie 2001 (39).

Einlagen und Kredite schrumpften stark, vor allem in Relation zu Argentiniens BIP. Aber auch in absoluten Werten sind sie heute niedriger als vor der Krise. So hatten die gesamten Einlagen in US-Dollar 2009 einen Wert von 71 Mrd. US$ gegenüber 84 Mrd. US$ in 2001. Das Kreditvolumen sank gar von 77 Mrd. US$ (2001) auf 41 Mrd. US$ (2009). Die Gesamthöhe der Einlagen entspricht 2009 lediglich 21% des BIP gegenüber 31% in 2001. Noch stärker verminderte sich das Gewicht der Kredite, ihre Gesamthöhe sank von 28% des BIP (2001) auf 12% (2009). Vor der Aufhebung der Dollarbindung (Anfang 2002) lauteten 62% der Einlagen und 69% der Kredite auf fremde Währung (meist US$). Heute sind es nur noch 17% der Einlagen und 15% der Kredite. Kredite in fremder Währung dürfen nur für die Finanzierung von solchen Geschäften erteilt werden, die auch Devisen generieren (Export).

Trotz der schleppenden Kreditvergabe zählt die Knappheit von Finanzierungsmitteln nicht zu den größten Geschäfts- und Investitionshemmnissen in Argentinien. Gemäß einer Umfrage des Münchner Ifo-Istituts unter lokalen Wirtschaftsexperten war im April 2009 die "Verknappung von Kapital" ein "nicht so bedeutendes" Problem der argentinischen Wirtschaft wie das "Fehlen von Vertrauen in die Wirtschaftspolitik der Regierung". In Ländern wie Brasilien und Mexiko wurde "Capital Shortage" dagegen zu den wichtigsten Problemen gezählt.

(C.M.)

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Argentinien Finanzwesen, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Geld / Preise / Inflation / Währung, allgemein, Wirtschaftspolitik, allgemein, Finanzierung, allgemein, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Banken, Kreditinstitute, Auslandsverschuldung

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