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03.08.2009
Schuldenstand russischer Unternehmen steigt ungebrochen
Schuldenstand russischer Unternehmen steigt ungebrochen
Banken befürchten riesige Zahlungsausfälle / "Anti-Kollektoren" als neue Dienstleistungsbranche / Von Bernd Hones
Moskau (gtai) - Je länger die Wirtschaftskrise Russland im Bann hält, desto mehr Unternehmen geraten in Liquiditätsengpässe. Tausende Unternehmen stehen vor horrenden Schuldenbergen. Grund sind überteuerte Übernahmen und Expansionen in den Jahren der Hochkonjunktur. Banken befürchten riesige Zahlungsausfälle. Die zweite Pleitewelle - die der Privathaushalte - steht noch aus. Derweil entstehen immer mehr sogenannte "Anti-Kollektoren". Das sind Unternehmen, die Privatleuten und Firmen helfen, sich vorm Zurückzahlen der Schulden zu drücken. (Kontaktanschriften)
Bei der VTB-Bank, einem der größten Kreditinstitute Russlands, schrillen die Alarmglocken: Die Geschäftsführung befürchtet, dass im Laufe der kommenden zwölf Monate Kredite in Höhe von 9 Mrd. US$ platzen werden. Das wären 19% des bisherigen Kreditportfolios der Großbank. Die Bank hat den Anteilseignern daher empfohlen, Rückstellungen in dieser Größenordnung für das kommende Jahr zu bilden. Bisher schlagen überfällige Kreditrückzahlungen von rund 3 Mrd. $ zu Buche. Das Volumen der Zahlungsausfälle dürfte sich demnach binnen eines Jahres verdreifachen.
Vor ähnlichen Problemen stehen auch andere Branchenplayer: Die Sberbank, Russlands größtes Finanzinstitut, kam zum 1.5.2009 auf 2,5% faule Kredite, die Gasprombank auf 2,3%. Zum 1.6.2009 lagen laut russischer Zentralbank 201 Banken in der Verlustzone und wiesen zusammen 82 Mrd. Rubel (Rbl, zum damaligen Kurs knapp 1,9 Mrd. Euro) Verluste aus. Die restlichen 885 russischen Banken meldeten einen Gewinn von 118 Mrd. Rbl (rund 2,7 Mrd. Euro).
Es kommt daher nicht von ungefähr, dass die Schulden russischer Banken und Unternehmen im Ausland von 1.4. bis 1.7.2009 laut Schätzungen der russischen Zentralbank um 25 Mrd. auf 475 Mrd. $ gestiegen sind. Vor allem russische Firmen haben ihre Kreditvolumina im Ausland erneut ausgeweitet.
Die Zahlungsmoral russischer Kunden wird schlechter. Die Situation nimmt derart absurde Züge an, dass sich ganz neue Berufsgruppen bilden: Es versteht sich von selbst, dass Inkasso-Unternehmen zurzeit Hochkonjunktur haben. Seit einigen Monaten schießen jedoch auch sogenannte "Anti-Kollektoren" aus dem Boden. Das sind Firmen, die Schuldnern gegen entsprechende Entlohnung Tipps und Tricks verraten, um sich vor der Begleichung ausstehender Schulden und der Rückzahlung von Krediten zu drücken. "Das ist die russische Antwort auf Inkasso-Unternehmen", sagt Aleksei Smirnow, Vizechef des Verbandes der Kreditnehmer und Anleger Russlands (Sojus sajomschtschikow i wkladtschikow Rossi). Im Internet und somit für jedermann einsehbar bietet mancher "Branchenvertreter" diesen dreisten Dienst bereits ab 1.000 Rbl (22 Euro; EZB-Wechselkurs vom 16.7.09: 1 Euro = 44,94 Rbl) an.
Mit Seminaren und viel Öffentlichkeitsarbeit versucht der gemeinnützige Verband, Anleger und Kreditnehmer zu informieren, damit es soweit erst gar nicht kommt. Seiner Meinung nach tragen auch unlautere Bankofferten zu den hohen Zahlungsausfällen bei. Smirnow muss gerade in den russischen Provinzen vielen Menschen erklären, was ein effektiver Zinssatz ist und dass sich dieser über versteckte Gebühren der Banken extrem erhöhen kann. Manchmal werben russische Banken mit 13% Jahreszinssatz, kassieren aber für jede Transaktion extra ab, erzählt der Verbraucherschützer. "In einem Extremfall haben wir sogar einen Effektivzinssatz von 186% pro Jahr entlarvt. Das ist Wucher."
Gerade unerfahrene Privatleute in den Regionen fallen oft auf solche Offerten herein. Dies trage nicht zuletzt dazu bei, dass viele Russinnen und Russen ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen können. Smirnow zufolge könnten vielleicht schon ab Herbst 2009 rund 30% aller Privathaushalte mit Krediten ihre Zahlungsziele nicht erreichen.
Das ist noch nicht einmal eine gewagte Prognose. Laut Itar-Tass gibt es in jedem vierten russischen Haushalt einen nicht zurückgezahlten Kredit. Dabei bezieht sich die Nachrichtenagentur auf eine Studie der allrussischen Meinungsforschungsgesellschaft WZIOM. Daraus geht auch hervor, dass jeder fünfte Kreditnehmer monatliche Rückzahlungsraten auf sich nimmt, die über die Hälfte der monatlichen Familieneinkünfte betragen. Mit anderen Worten: Jeder fünfte russische Kreditnehmer muss die Hälfte der laufenden Familieneinkünfte für die Tilgung und Zinszahlung von Krediten aufbringen.
Vor diesem Hintergrund nimmt es nicht Wunder, weshalb deutsche Exporte nach Russland von Konsum- und Investitionsgütern zurzeit schwächeln: Die russischen Geschäftspartner - ob Einzelhandelsketten, Metallkonzerne, Bauunternehmen, Automobilschmieden oder Chemieunternehmen - haben nicht nur Absatzschwierigkeiten und damit weniger Bedarf, sondern auch extreme Finanzierungsschwierigkeiten. Und das, obwohl die Zentralbank den Refinanzierungssatz russischer Banken von 13% im Dezember 2008 Schritt für Schritt gesenkt hat. Seit 13.7.2009 liegt er bei 11%.
Wer Ersatzinvestitionen in Millionenhöhe tätigen will und dazu eine langfristige Finanzierung sucht, der muss mit Zinssätzen von rund 25% auf Rubelbasis rechnen, sagte der Präsident der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer, Heinrich Weiss, auf Anfrage von Germany Trade & Invest. Aus diesem Grund liegen russlandweit geplante Milliardeninvestitionen im Chemie-, im Bau- und im Automobilsektor brach. Schließlich wäre eine Amortisation des eingesetzten Kapitals von unter drei Jahren vonnöten. Und dieses Risiko will angesichts der ungewissen Marktentwicklung kaum ein Unternehmen eingehen.
Die russischen Importe gingen von Januar bis Mai 2009 nach Angaben des Föderalen Zolldienstes um 42,3% auf 58,4 Mrd. $ zurück. Es wurden 17% weniger elektronische Ausrüstungsgegenstände, 15% weniger optische Instrumente und Ausrüstungen sowie 23% weniger chemische Produkte importiert. Die Einfuhren von Maschinen, Anlagen und Transportmitteln sanken überdurchschnittlich stark um 54%. Damit verschoben sich auch die Anteile am Gesamtimport gewaltig. Während in den ersten fünf Monaten 2008 noch 56% aller Einfuhren auf Maschinen und Anlagen zurückzuführen waren, kam diese Produktgruppe im selben Zeitraum 2009 nur noch auf 44%.
Deutschland als wichtigsten Handelspartner der Russischen Föderation trifft das besonders hart. Die deutschen Exporte nach Russland beliefen sich in den ersten fünf Monaten 2009 laut Föderalem Zolldienst auf 7,3 Mrd. $. Das ist ein Minus von 43,9% im Vergleich zu Januar bis Mai 2008. Abgesehen von der gesunkenen Nachfrage nach Waren spielen die Kreditengpässe russischer Firmen eine entscheidende Rolle bei dieser Entwicklung.
Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg warb deshalb bei seinem Moskaubesuch im April 2009 für einen Garantiefonds für Not leidende Exportgeschäfte. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte das Thema schon gegenüber dem russischen Präsidenten Dmitri Medwedew angesprochen. Jetzt gibt es ein konkretes Ergebnis.
Um die deutsch-russischen Exporte wieder anzukurbeln, hat die KfW IPEX-Bank Mitte Juli 2009 eine Rahmenvereinbarung mit der russischen Vneschekonombank über 500 Mio. Euro unterzeichnet. Mit dem Geld sollen in den kommenden zwei Jahren deutsche und europäische Exporte nach Russland finanziert werden. Die Vereinbarung sieht vor, dass Exporte nach Russland, die mit einer Exportkreditversicherung (Hermes-Deckung) versehen sind, über die Vneschekonombank finanziert werden können. Diese refinanziert sich wiederum über den Rahmenkredit bei der KfW IPEX-Bank. So soll die Finanzierung der Lieferung von Investitionsgütern in die Russische Föderation erleichtert werden.
Mehr Informationen zum Thema Exportfinanzierung bietet die Publikation "Zahlungsverkehr und Exportfinanzierung - Russland" (März 2009) von Germany Trade & Invest. Sie enthält Angaben zum Zahlungsverkehr (Devisenkontrolle, Devisenrecht), zu den üblichen Zahlungsfristen und zur Zahlungsmoral russischer Kunden. Der Leser erfährt, wie die Bonität von Geschäftspartnern überprüft werden kann und was bei einem Forderungsausfall zu tun ist. Dabei helfen ihm die Anschriften von Inkasso-Firmen und von deutschen Banken in Russland. Außerdem wird im Text eingegangen auf Möglichkeiten der Exportfinanzierung (Besteller- und Lieferantenkredite, Leasing, Factoring), auf die Exportkreditgarantien des Bundes (Hermes-Deckungen) und private Exportkreditversicherer (mit Anschriften). Die Publikation kann zum Preis von 5,00 Euro von der Internetseite von Germany Trade & Invest heruntergeladen werden: http://www.gtai.de - Außenwirtschaft - Publikationen - Recherche Publikationen.
Kontaktanschriften
Sojus sajomschtschikow i wkladtschikow Rossi
Verband der Kreditnehmer und Anleger Russlands
Perowski projesd 35, 111024 Moskau
Internet: http://www.szvr.ru
Ansprechpartner: Aleksei Smirnow, stellv. Vorsitzender (E-Mail: szv.smirnov@gmail.ru,
Tel.: 007 495/988 26 93)
KfW-IPEX-Bank
Palmengartenstraße 5-9, 60325 Frankfurt am Main
Tel.: 069/743 10, Fax: -74 31 29 44
E-Mail: info@kfw-ipex-bank.de, Internet: http://www.kfw-ipex-bank.de
Repräsentanz Moskau
1. Goluwinskij Pereulok 1, 119180 Moskau
Tel.: 007 495/51 41 081, Fax: -51 41 083
Leiter: Daniil V. Alguliyan, E-Mail: daniil.alguliyan@kfw.de
(H.B.)
Dieser Artikel ist relevant für:
Russland Finanzwesen, allgemein, Geld / Preise / Inflation / Währung, allgemein, Außenhandel / Struktur, allgemein, Zahlungsverkehr, Kreditauskunfteien, Inkassodienste, Konjunktur, allgemein, Banken, KreditinstituteWeitere Informationen
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