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22.09.2009
Zahl der faulen Kredite in Lettland steigt
Zahl der faulen Kredite in Lettland steigt
Insolvenzen könnten 2009 um 50% zunehmen / Zahlungsverhalten verschlechtert sich / Von Fabian Nemitz
Riga (gtai) - Lettland verzeichnete über lange Jahre beeindruckende Wachstumsraten. Steigende Löhne, billige und leicht zugängliche Kredite sowie ein fixer Wechselkurs heizten den Konsum an. Mitte 2008 platzte die Kredit- und Immobilienblase. Es setzte ein massiver Abschwung ein, den der globale Konjunktureinbruch noch verstärkt hat. In der Folge nimmt die Zahl fauler Kredite und Insolvenzen stark zu. Auch das Zahlungsverhalten hat sich verschlechtert. Die großen Kreditversicherer haben ihre Länderratings herabgestuft.
Der Anteil fauler Kredite in den Bilanzen der lettischen Banken steigt beständig. Irena Krumane, die Chefin der staatlichen Kommission für die Finanz- und Kapitalmärkte des Landes (FKTK), erwartet, dass bis Ende 2009 rund 15% aller Kredite im lettischen Finanzsystem mehr als 90 Tage mit ihrer Rückzahlung im Verzug sein werden. Mitte September 2009 lag dieser Anteil bereits bei 13% und könnte, zumindest bei einigen der insgesamt 27 in Lettland registrierten Banken, zum Jahresende auf sogar mehr als 20% anschwellen. Als besonders gefährdet gelten Kreditinstitute, die in den vergangenen Jahren in großem Maße Verbraucherkredite ausgegeben hatten.
Auch für 2010 sind die Aussichten negativ. Sollte die wirtschaftliche Talfahrt anhalten und die Arbeitslosigkeit weiter zunehmen, so dürfte der Anteil der faulen Kredite 2010 landesweit die Marke von 20% erreichen, sagte Irena Krumane in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Baltic News Service (BNS).
Rolands Panko, der Vorstandschef der staatlichen Hypothekenbank (Latvijas Hipoteku un zemes banka), erwartet, dass bis Jahresende nur noch 60 bis 65% der Kreditnehmer seiner Bank ihre Schulden rechtzeitig bedienen werden. Anfang 2009 war dies noch bei 91,2% der Klienten der einzigen lettischen Staatsbank der Fall. Gleichzeitig rechnet Panko damit, dass der Anteil von Krediten mit einem Zahlungsrückstand von über 90 Tagen in seinem Haus bis Ende 2009 auf 20% steigen wird (Anfang 2009: 5%). Nach Ansicht des Bankmanagers wird die Welle der faulen Kredite im gesamten Finanzsystem des Landes im 2. Quartal 2010 ihren Höhepunkt erreichen; am tiefsten in die roten Zahlen dürften die lettischen Geldhäuser aber bereits im 2. Halbjahr 2009 geraten.
Im Zeitraum Januar bis Juli 2009 haben die Finanzinstitute der baltischen Republik Verluste in Höhe von 400,5 Mio. Lats (Ls; 569,9 Mio. Euro; 1 Euro = 0,702804 Ls - Festkurs) verzeichnet. Grund hierfür sind in erster Linie Rücklagen für faule Kredite, die im August 2009 nach Einschätzung der FKTK-Chefin Irena Krumane auf 7,5% des Kreditportfolios angewachsen sein dürften (Juli 2009: 6,6%). Der Gewinn der Banken vor Steuern und Rückstellungen belief sich im Zeitraum Januar bis Juli auf 222,6 Mio. Ls oder 13,7% weniger als vor Jahresfrist.
Nach Ansicht von Teodors Tverijons, dem Vorsitzenden der Vereinigung der lettischen Geschäftsbanken (Latvijas Komercbanku asociacija), können die Banken die Verluste bislang verkraften, da sie in den guten Jahren Teile des Gewinns zurücklegen konnten. Außerdem haben 2009 fünf Banken ihr Kapital bereits um rund 500 Mio. Ls erhöht. Weitere Banken planen einen ähnlichen Schritt. Zudem ist Tverijons zufolge davon auszugehen, dass nicht alle faulen Kredite gänzlich verloren sind, sondern ein großer Teil davon mit der Zeit zurückgezahlt werden könne.
Wichtig hierfür ist auch, dass der Lats seinen Festkurs zum Euro aufrechterhält, denn rund 87% der Kredite haben die Letten in Euro aufgenommen. Nachdem die lettische Währung im 1. Halbjahr 2009 unter Druck geraten war, zeigt sie sich im weiteren Jahresverlauf vorerst stabil. Maßgeblich Einfluss darauf hat die im Juli 2009 von internationalen Kreditgebern getroffene Entscheidung, weitere Tranchen eines Ende 2008 zugesagten, 7,5 Mrd. Euro umfassenden Notkredits an Lettland freizugeben. Für die Stabilisierung des Finanzsektors sind aus diesem Paket insgesamt 2,7 Mrd. Euro bestimmt.
Seit Anfang 2009 sinkt der Kreditbestand in Lettland beständig. Ende Juli 2009 erreichte er 15,9 Mrd. Ls und ist damit, wie Zahlen des FKTK zeigen, seit Jahresbeginn monatlich um durchschnittlich 120 Mio. Ls (171 Mio. Euro) gesunken. Gleichzeitig gibt es laut Angaben von Irena Krumane gegenüber BNS kaum neue Kreditabschlüsse.
Die größten Schwierigkeiten mit der Rückzahlung ihrer Kredite haben Unternehmen aus dem Bau- und Immobiliensektor. Besser ist die Lage dagegen bei Firmen aus dem Transport- und Logistikgewerbe sowie bei Exporteuren von Dienstleistungen.
Auch außerhalb des Finanzsektors hat sich das Zahlungsverhalten in Lettland verschlechtert. Dies geht aus dem European Payment Index 2009 von Intrum Justitia, einem europaweit tätigen Inkassounternehmen mit Hauptsitz in Schweden, hervor. Die nachstehend aufgeführten Daten beruhen auf einer Umfrage, die zwischen Januar und März 2009 durchgeführt wurde. Demnach hat sich in diesem Zeitraum die Struktur der Forderungen in negativer Hinsicht spürbar gewandelt: Der Anteil der seit längerer Zeit fälligen Forderungen ist gestiegen. Gleichzeitig hat auch die Zahl der Forderungsverluste zugenommen.
Altersstruktur der Forderungen in Lettland (Anteile in %)
| bis zu 30 Tagen | 31 bis 90 Tage | über 90 Tage | |
| 2006 | 64,3 | 27,6 | 8,1 |
| 2007 | 66,2 | 24,4 | 9,4 |
| 2008 | 60,8 | 29,6 | 9,6 |
| 2009 | 48,0 | 34,0 | 18,0 |
Quelle: Intrum Justitia (European Payment Index 2009)
Forderungsverluste in Lettland (in % vom Gesamtumsatz)
| 2006 | 3,0 |
| 2007 | 2,7 |
| 2008 | 2,8 |
| 2009 | 3,3 |
Quelle: s.o.
Eine direkte Folge dieser Entwicklung ist, dass ausländische Unternehmen dazu übergegangen sind, wieder häufiger Vorauskasse von ihren lettischen Kunden zu verlangen, auch bei langjährigen Geschäftsbeziehungen. Viele heimische Firmen haben Schwierigkeiten, sich die benötigten Mittel am Kreditmarkt zu besorgen.
Auch die Zahl der Insolvenzen wird im Krisenjahr 2009 steigen. Euler Hermes schätzt, dass bis zum Jahresende 2009 in Lettland rund 1.840 Unternehmen für zahlungsunfähig erklärt werden müssen. Gegenüber dem Vorjahr würde dies einem Zuwachs um 50% entsprechen. Für 2010 rechnet das Kreditversicherungsunternehmen wieder mit leichter Entspannung: Die Zahl der Firmenpleiten dürfte dann um knapp 10% zurückgehen.
Insolvenzentwicklung in ausgewählten Ländern
| Land/Ländergruppe | 2008 | 2009 *) | 2010 *) | |||
| Zahl der Insolvenzen | Veränd. zum Vorjahr in % | Zahl der Insolvenzen | Veränd. zum Vorjahr in % | Zahl der Insolvenzen | Veränd. zum Vorjahr in % | |
| Estland | 429 | 112,4 | 600 | 39,9 | 570 | -5,0 |
| Lettland | 1.226 | 21,4 | 1.840 | 50,1 | 1.660 | -9,8 |
| Litauen | 928 | 53,1 | 1.300 | 40,1 | 1.230 | -5,4 |
| Mittel- und Osteuropa | 15.886 | 13,7 | 21.105 | 32,9 | 23.070 | 9,3 |
| Deutschland | 29.291 | 0,4 | 35.000 | 19,5 | 38.900 | 11,1 |
*) Schätzung
Quelle: Euler Hermes, Insolvenzprognose 2010
Die steigende Zahl fauler Kredite, das verschlechterte Zahlungsverhalten und die Aussicht auf mehr Insolvenzen - all dies wirkt sich auch auf die Länderratings der großen Exportkreditversicherer aus. So hat Coface die Einstufung Lettlands von Oktober 2008 bis Juli 2009 von A4 auf B herabgestuft und die Republik auf die negative Beobachtungsliste gesetzt.
Mit dem Länderrating dokumentiert Coface eigenen Angaben zufolge das durchschnittliche Risiko eines Zahlungsausfalls bei Unternehmen in einem bestimmten Land. Neben makroökonomischen Daten fließen dabei auch die Zahlungserfahrungen mit den Unternehmen ein. Darin unterscheidet es sich von den Länderratings anderer Agenturen, die in der Regel die Staatsbonität oder die Sicherheit von Anleihen zum Gegenstand haben. Die Bewertungen folgen einer ähnlichen siebenstufigen Skala wie die der Ratingagenturen: A1 bis A4 entsprechen Investmentgrades, B, C und D stehen für ein mittleres bis hohes Risiko.
Änderungen im Coface-Länderrating für die baltischen Staaten
| Land | Oktober 2008 | Januar 2009 | April 2009 | Juli 2009 |
| Estland | A3 | A3 | A4 | A4 *) |
| Lettland | A4 | A4 | B | B *) |
| Litauen | A3 *) | A3 *) | A4 | A4 *) |
*) unter Beobachtung für eine Abwertung
Quelle: Coface
Ratings zu ausgewählten Ländern
| Land | Coface Business Climate Rating | Euler Hermes Länderklassifizierung | Euler Hermes Länderrating |
| Estland | A2 | 3 | C |
| Lettland | A3 | 4 | D *) |
| Litauen | A3 | 3 | C |
| Deutschland | A1 | 1 | AA |
*) im Juli 2009 von C herabgestuft)
Quellen: Coface, Euler Hermes
Die meisten Kreditversicherer haben ihr Baltikum-Geschäft stark zurückgefahren. Für Österreichs drittgrößten Exportversicherer, die OeKB Versicherung AG, stellen die baltischen Staaten als Mitglieder der EU trotz steigender Zahl von Unternehmensinsolvenzen und vermehrter Zahlungsverzüge nur ein mittleres makroökonomisches Risiko dar. Deshalb sieht die OeKB Versicherung entgegen der branchenüblichen Meinung durchaus Deckungsmöglichkeiten für Exporte in das Baltikum. "Entgegen den Behauptungen mancher Exporteure und anders als der Mitbewerb, haben wir unser Engagement in den baltischen Staaten nicht radikal zurück genommen", wird Karolina Offterdinger, Vorstand des Kreditversicherers, in einer Pressemitteilung des Unternehmens zitiert, das sich im Besitz der Oesterreichischen Kontrollbank und von Euler Hermes befindet.
Auf eine langsame Wiederherstellung des makroökomischen Gleichgewichts deutet die Entwicklung der Leistungsbilanz hin. Hatte Lettland in den vergangenen Jahren stets hohe Defizite verzeichnet, so wurde in den ersten sieben Monaten 2009 ein Überschuss von umgerechnet knapp 827 Mio. Euro erzielt. Noch vor Jahresfrist lag das Minus bei gut 2 Mrd. Euro. Dennoch dürfte die Talfahrt der lettischen Wirtschaft auch 2010 anhalten, wenn auch nicht mehr mit so hohem Tempo wie 2009 (1. Quartal 2009: -18,0%, 2. Quartal 2009: -18,7%). Die dänische Danske Bank rechnet für 2010 mit einem realen Minus von 5 bis 6%. (N.M.)
Dieser Artikel ist relevant für:
Lettland Finanzwesen, allgemein, Zahlungsverkehr, Kreditauskunfteien, Inkassodienste, Banken, KreditinstituteWeitere Informationen
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