Internationale Märkte

05.08.2009

In Portugal werden Zahlungstermine sehr locker gesehen

In Portugal werden Zahlungstermine sehr locker gesehen

2008 besonderer Ministerratsbeschluss für Staatssektor / Neues Zahlungsverfahren

Lissabon (gtai) - Die Zahlungsziele in Portugal zählen zu den längsten in der EU. Darüber hinaus hängt die Einhaltung derselben maßgeblich davon ab, welche Bedeutung das portugiesische Unternehmen dem Geschäftspartner beimißt. Das Zahlungsausfallrisiko lag 2008 knapp unter 3%. Für das Jahr 2009 ist von einer Verschlechterung auszugehen. Beim Abschluss von Geschäften werden daher Maßnahmen zur Sicherung der Forderungen empfohlen. Bei einem drohenden Forderungsausfall bietet die örtliche AHK Hilfestellung an.

Vollkommene Zahlungsausfälle sind eher die Ausnahme. Sowohl Deutsche als auch Portugiesen weisen jedoch darauf hin, dass viele im Land den Zahlungstermin eher als indikatives, denn als verpflichtendes Datum ansehen. Eine etwas "saloppere" Ansicht hinsichtlich der Zahlung sei im Geschäftsgebaren weit verbreitet. Der Geldfluss hängt nicht nur von der Zahlungsfähigkeit des portugiesischen Unternehmens ab, sondern auch von der Relevanz der Geschäftsbeziehung, die dem Partner beigemessen wird.

Eine Untersuchung der Deutsch-Portugiesischen Industrie- und Handelskammer - "Deutsche Unternehmen in Portugal - Geschäftsklima, Erfolgsfaktoren, Personal 2008" - bestätigt diesen Befund. In einer insgesamt sehr positiven Gesamteinschätzung ihres Portugalengagements, schneiden bei den Firmenvertretern in der Bewertung der Standortfaktoren die Zahlungskonditionen und die Zahlungsmoral unter 13 Kriterien am schlechtesten ab. Die Sorgen über diesen Punkt, die noch deutlich höher liegen als die über die Effizienz der Verwaltung und des Arbeitsrechts sowie die Beziehung zu den Gewerkschaften, ziehen sich quer durch die Wirtschaftssparten, liegen aber im Handel am höchsten. Etwas geringer sind sie in der verarbeitenden Industrie und im Dienstleistungsgewerbe. Infolge der Wirtschafts- und Finanzkrise wird sich diese Einschätzung eher noch verfestigt, denn verbessert haben.

Das übliche, in den Verträgen vereinbarte Zahlungsziel beträgt 30 Tage. Allerdings ist diese Frist erheblichen Schwankungen unterworfen. Angesichts der Tatsache, dass sich 2008 europaweit die durchschnittlichen Zahlungsfristen von 58,6 Tagen (2007) auf 55,5 Tagen verkürzt haben, nehmen sich die portugiesischen mit 91 Tagen überdurchschnittlich lang aus. Auf gleicher Stufe lagen Spanien und Italien. Finanzexperten weisen darauf hin, dass das Zahlungsziel unter anderem abhängig ist von dem Unternehmen, der Branche, der Markt- und Verhandlungsmacht und nicht zuletzt davon, ob es sich um einen staatlichen oder privaten Schuldner handelt. Lange Zahlungsziele nimmt sich von jeher der staatliche Bereich heraus, wo zum Teil 180 Tage erreicht werden.

Aufgrund der sich zusehends verschlechternden Liquiditätslage der Unternehmen, beschloss der portugiesische Ministerrat am 2.11.08 eine besondere Initiative. Er stellte 2,45 Mrd. Euro zur Begleichung der Forderungen des Staatssektors gegenüber den privaten Unternehmen (darunter besonders die KMU) bereit. Davon entfielen 1,2 Mrd. Euro auf Verbindlichkeiten der Zentralregierung und 1,25 Mrd. Euro auf die Verbindlichkeiten der autonomen Regionen und der Kommunen. Dem portugiesischen Premierminister zufolge sollen im Februar 2009 bereits rund 2 Mrd. Euro bezahlt worden sein.

Intrum Justitia kommt im Hinblick auf die Zahlungsfristen generell zu keinem sehr vorteilhaften Ergebnis für Portugal. Mit einem Payment-Index von 183 fiel das Land bereits 2008 in die Kategorie, in der beim Eingehen von Geschäften, Maßnahmen zur Sicherung der Forderungen empfohlen werden.

Ähnlich wie im Nachbarland Spanien galten Bankensprechern zufolge Zahlungsziele, die sich die großen Handelsketten teilweise herausgenommen haben, als recht extrem. Nach Aussagen von Bankenvertretern lagen bei Großlieferungen an diese Ketten die Gewinnspannen aufgrund der späten Rechnungsbegleichung nicht selten über denen, die durch den eigentlichen Warenverkauf erzielt wurden. Aus diesem Grund ist im Großkundenverkehr ein neues Zahlungsverfahren ("confirming") üblich geworden: Die Hausbank der Handelskette überweist den Rechnungsbetrag unter Abschlag eines Zinssatzes an den Lieferanten und die Handelskette begleicht die Rechnung nach einem vereinbarten Zeitpunkt an die Hausbank. Hohe Bedeutung hat ferner das Factoring.

Im Bausektor müssen vor allem die Subunternehmen mit langen Zahlungszielen rechnen. Im Zulieferbereich der Automobilindustrie wird ebenfalls über schleppende Zahlungen geklagt. Aber auch bei den früher traditionellen Industriesparten, wie zum Beispiel Textilien und Lederwaren, sind längere Zahlungsziele üblich geworden. Von jeher waren aus der Privatwirtschaft bei Lieferungen beziehungsweise Aufträgen mit der öffentlichen Hand, Beschwerden zu vernehmen. Als extrem stach in diesem Zusammenhang der Krankenhaussektor hervor, wo die Zahlungsziele noch vor einigen Jahren zum Teil bei über einem Jahr lagen.

Im Zahlungsverkehr mit dem Ausland haben Scheck und Wechsel so gut wie keine Bedeutung. Im EU-Raum und namentlich im Euro-Raum dominiert ganz eindeutig die Banküberweisung. Anwälte empfehlen zur Sicherung der Bezahlung durchaus auch im europäischen Geschäftsumfeld das Akkreditiv (einschließlich Dokumenteninkasso und Bankgarantie); zudem wird der Abschluss einer Kreditversicherung nahegelegt. Je mehr sich vorher abgesichert wird - so die Empfehlung aus diversen Kanzleien - desto weniger Probleme gibt es später. Die Anwälte raten, zu Beginn der Geschäftsabwicklung die "Sicherungslatte" hoch anzulegen.

Nach allen gegenwärtigen Einschätzungen dürfte sich die Wirtschaftslage im Laufe des Jahres 2009 weiter verschlechtern. Vor diesem Hintergrund kommt der Bonitätsprüfung des potenziellen Geschäftspartners große Bedeutung zu. Allerdings gibt es in Portugal kein Auskunftsverfahren, wie es in Deutschland mit dem Schufa-System besteht. Vor diesem Hintergrund werden andere Wege empfohlen, um das Ausfallrisiko möglichst klein zu halten.

Als üblicher Weg wird die Inanspruchnahme der Dienste einer international vertretenen Wirtschaftsinformationsgesellschaft, wie zum Beispiel Dun & Bradstreet, empfohlen. Die Auskünfte dieser Gesellschaften haben jedoch nur eine begrenzte Aussagekraft. So liegen die Bilanzen der Unternehmen zwar dem Handelsregister (Registro Mercantil) vor. Die Wirtschaftsinformationsgesellschaften erstellen auch einen Bericht, aus dem unter anderem das Alter der Gesellschaft sowie Geschäftsvolumina und anhängende Prozesse hervorgehen. Sie sagen aber wenig über die tatsächliche Liquidität und das Zahlungsverhalten des Unternehmens aus.

Fachleute empfehlen, sich zusätzlich über die Geschäftsbeziehungen des Unternehmens zu informieren. Diese Informationen können unter anderem von Geschäftspartnern, Anwälten oder Wirtschaftsprüfern eingeholt werden. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass ein portugiesisches Unternehmen, das an der Geschäftsbeziehung mit dem deutschen Lieferanten stark interessiert ist, in der Regel bereit sein wird, über die eigene Bonität zu informieren beziehungsweise die Wege zu Informationen zu ebnen.

Weitere Informationen zu dem Thema Kreditvergabe und Zahlungsverhalten bietet die kostenpflichtige Broschüre "Zahlungsverkehr und Exportfinanzierung - Portugal". Diese Broschüre finden Sie in der Datenbank von Germany Trade & Invest (http://www.gtai.de; Rubrik: Datenbank-Recherche)."

Dieser Artikel ist relevant für:

Portugal Geschäftspraxis allgemein, Zahlungsverkehr, Kreditauskunfteien, Inkassodienste, Finanzierung, allgemein

Weitere Informationen

Funktionen

Kontakt

Karl-Heinz Dahm

0228/24993-274

Suche

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschafts-daten, Zoll- und Rechts-informationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche