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05.08.2009
Zahlungsmoral in Europa leidet in Folge der Finanzkrise
Zahlungsmoral in Europa leidet in Folge der Finanzkrise
Für 2009 deutliche Zunahme der Insolvenzen erwartet / Von Christian Overhoff
Köln (gtai) - Nur noch Bares ist Wahres? Die internationale Finanzkrise erreicht die Realwirtschaft in Europa mit voller Wucht und bedroht viele Existenzen. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen ist das rechtzeitige Begleichen ihrer Rechnungen durch die Kunden oft zu einer Überlebensfrage geworden. Ein Überziehen der Zahlungsfristen durch die Kunden und die Anzahl uneinbringbarer Forderungen nehmen zu. In diesem Umfeld leisteten Hermesdeckungen im 1. Halbjahr einen deutlichen Beitrag zur Finanzierung von Exportlieferungen.
Im Jahr 2009 wird es in Europa nach einer Prognose des Kreditversicherers Euler Hermes mehr als 273.000 Unternehmensinsolvenzen geben; davon allein ein Viertel in Frankreich, 17% im Vereinigten Königreich sowie 13% in Deutschland, gefolgt von Ungarn mit 5% und Italien 4%.
Gemessen an der Anzahl der Insolvenzen werden 2009 in Europa Frankreich und das Vereinigte Königreich vorn liegen. Polen hingegen - immerhin sechstgrößte Volkswirtschaft des Kontinents - steht im hinteren Feld und wird 2009 längst nicht so hart getroffen wie etwa Ungarn. Bezogen auf die Insolvenzquote (Unternehmensinsolvenzen im Verhältnis zur Gesamtzahl der Unternehmen eines Landes) stellen Luxemburg, Österreich und Frankreich ein besonderes Risiko dar .
Nach Einschätzung des französischen Kreditversicherers Coface waren von Oktober 2008 bis Juni 2009 die Industrieländer besonders stark von Zahlungsausfällen und -verzögerungen betroffen. Im April und Juli 2009 stufte der Versicherer für Westeuropa insgesamt 15 Länder im Rating herab. Die übrigen drei Länder (Luxemburg, Schweden und die Schweiz) wurden unter Beobachtung für eine Abwertung gestellt. Spanien und Portugal erhielten zu der Herabstufung auf A3 noch einen Platz auf der negativen Watchliste.
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Neben dem Süden trifft die Krise die mittel- und osteuropäischen Länder am härtesten, zumal deren Währungen in der Regel bereits spürbar schwächer notieren. In Polen zeichnet sich eine Verschlechterung des Zahlungsverhaltens bei den Inlandsgeschäften ab. Neben der Konjunkturschwäche kämpfen die Unternehmen allerdings auch mit hohen Verlusten aus den 2008 vereinbarten Devisenoptionen.
Selbst die Slowakei (A3), die seit Anfang des Jahres Teil der Eurozone ist, wurde von Coface im Juli ebenso unter Beobachtung für eine Abwertung im Rating gesetzt wie die baltischen Staaten. Im Baltikum wird die Rezession durch die hohe Verschuldung der Unternehmen verstärkt. Bereits im April stufte der Kreditversicherer in Mittel- und Osteuropa für neun Länder das Rating herab. Russische Unternehmen haben hohe Verbindlichkeiten in fremden Währungen und sind daher von der Kreditkrise stark betroffen. Anfang 2009 wurden weitere Zahlungsausfälle verzeichnet, was zu einer Herabstufung der Länderbewertung führte.
Änderungen 2009 im Länderrating bei Deutschlands Handelspartnern in Europa
| Region | Land | Jan 09 | Apr 09 | Jul 09 |
| Westeuropa | Schweden | A1 | A1 *) | A1 *) |
| Schweiz | A1 | A1 *) | A1 *) | |
| Belgien | A1 *) | A2 | A2 | |
| Deutschland | A1 *) | A2 | A2 | |
| Frankreich | A1 *) | A2 | A2 | |
| Niederlande | A1 | A1 *) | A2 | |
| Österreich | A1 | A1 *) | A2 | |
| Vereinigtes Königreich | A2 | A3 | A3 | |
| Italien | A2 *) | A3 | A3 | |
| Spanien | A2 *) | A3 *) | A3 *) | |
| Mittel- und Osteuropa | Tschechische Republik | A2 | A2 *) | A2 *) |
| Polen | A3 | A3 *) | A3 *) | |
| Ungarn | A3 *) | A4 | A4 | |
| Türkei | B | B *) | B *) | |
| Russland | B *) | C | C | |
| Ukraine | C *) | D | D |
*) Unter Beobachtung für eine Abwertung
Quelle: Coface
Stärker als andere Länder Mittel- und Osteuropas ist die Ukraine von der globalen Finanzkrise und vom Konjunktureinbruch der Weltwirtschaft betroffen. Infolge des Wirtschaftsabschwungs und der Abwertung der Griwna gegenüber dem Euro um 40 bis 45% hat die Zahlungsfähigkeit ukrainischer Unternehmen unübersehbar gelitten.
Zunehmende Zahlungsverzögerungen und abgeschriebene Forderungen als Vorbote steigender Insolvenzen
Die Zahlungsmoral seitens der Privatkunden, Unternehmen und Behörden hat sich in den vergangenen Monaten in Europa deutlich verschlechtert. Die Zahlungsverzögerungen über die vereinbarte Frist hinaus sind auf durchschnittlich 19 Tage gestiegen, gegenüber 17 Tagen im Vorjahr. Diese Zahl variiert von Land zu Land erheblich, wie Intrum Justitia, ein weltweit tätiges Inkassounternehmen mit Hauptsitz in Schweden in einer Studie vom Mai 2009 zeigt.
In Schweden zum Beispiel lag die Zahlungsverspätung bei 7 (2008: 7 Tagen), in Deutschland bei 16 Tagen (14) und in Frankreich wurde durchschnittlich 20 Tage (14) überzogen. Eine Studie der britischen Regierung berichtet von für Mitteleuropa rekordverdächtigen 41 Tagen, die KMU auf der Insel zurzeit im Durchschnitt länger als vereinbart auf den Forderungseingang warten müssen. Solche Unregelmäßigkeiten weisen sonst nur die südeuropäischen Länder auf. So meldeten Firmen in Italien in den ersten drei Monaten 2009 einen durchschnittlichen Zahlungsverzug über alle Kundengruppen hinweg von 34 (30) Tagen.
Griechenland verzeichnet zurzeit sogar Verspätungen von 45 Tagen. Die Länder in Mittel- und Osteuropa hingegen liegen mit Verzugswerten von beispielsweise 19 Tagen in Ungarn, 20 in Polen oder 16 in Litauen im Mittelfeld. Die Folgen der Finanzkrise spiegeln sich aber vor allem in der hohen Anzahl von abgeschriebenen Forderungen wider. Das durchschnittliche Volumen der abgeschriebenen Forderungen in Europa (gemessen als Anteil am Gesamtumsatz des Unternehmens) stieg laut Intrum von 1,9% im Jahr 2007, auf 2% 2008 und 2009 auf erwartete 2,4%.
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Besonders hoch ist 2009 der erwartete Anstieg der verloren gegebenen Forderungen in Italien von 1,6% im vergangenen Jahr auf 2,5% im Jahr 2009 und Griechenland von 2,2% auf 3,0%. Aber auch in Schweden und im Vereinigten Königreich erhöht sich der prognostizierte Anteil um jeweils 0,5%-Punkte auf 1,6% und 2,4% rasant.
In Ländern, in denen die Krise erst sehr spät angekommen ist, wie den Niederlanden oder Norwegen kommt die Insolvenzwelle erst jetzt ins Rollen, während in den USA die Intensität der Zunahme bereits 2009 abebbt und für 2010 ein Sinken der Fälle erwartet wird . Euler Hermes prognostiziert zum Beispiel den Niederlanden eine Rekordzunahme der Insolvenzen 2009 um 75% von 4.635 auf 8.100 Fälle, bei einer Gesamtzahl von 800.000 Unternehmen. Für 2010 wird eine weitere Steigerung auf 8.920 Firmenpleiten um 10% erwartet, was einer deutlich geringeren Wachstumsdynamik entspricht.
"Es wird keine Region von dieser Krise verschont. Die Zahlungsmoral der Unternehmen ist bereits deutlich schlechter geworden. Insgesamt sind die Automobilzulieferer und -hersteller, das Baugewerbe und die damit verbundenen Sektoren, der Handel und das Verkehrswesen am stärksten betroffen," so Yves Zlotowski, Chief Economist Coface International.
Hermesdeckungen auch für Länder mit an sich "marktfähigen Risiken" möglich
Die Exportkreditgarantien des Bundes unterstützen deutsche Exporteure und Banken auch in der Finanzmarktkrise als verlässliche Partner. Aktuelle Erweiterungen des Absicherungsangebots tragen der schwierigen wirtschaftlichen Entwicklung Rechnung und sprechen für eine Hermesdeckung. Staatliche Exportkreditversicherer dürfen zudem unter bestimmten Voraussetzungen vorübergehend wieder an sich "marktfähige Risiken" absichern, d.h. sie dürfen Exportgeschäfte in EU-Länder und in Kernländer der OECD mit einer Risikolaufzeit auch unter zwei Jahren in Deckung nehmen.
Diese Erleichterung hat die EU-Kommission im Dezember 2008 im Rahmen ihres Maßnahmenpakets zur befristeten Flexibilisierung der Beihilferegeln, mit denen die Folgen der finanziellen Krise abgefedert werden sollen, beschlossen. Die Maßnahme ist bis Ende 2010 begrenzt und gilt nicht nur für kleine und mittelständische Unternehmen, sondern für alle Exporteure. Die zusätzliche Exportförderung ist bereits in Gang gekommen: Im 1. Halbjahr 2009 hat die Bundesregierung erneut mehr Exportgeschäfte mit Exportkreditgarantien abgesichert als in den Vorjahren. Das Auftragsvolumen liegt mit 10,2 Mrd. Euro um 4,1% höher als im 1.Halbjahr 2008.
Kreditrahmen noch nicht ausgeschöpft
"Gerade in der derzeitigen Finanz- und Wirtschaftskrise erbringen die Hermesdeckungen einen entscheidenden Beitrag, dass Finanzierungen zustande kommen und dadurch Exporte erst ermöglicht werden. Der Ermächtigungsrahmen im Bundeshaushalt für Hermesdeckungen ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft", erklärte Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg am 23.07.09.
Schwellen- und Entwicklungsländer bleiben unverändert die wichtigsten Märkte für die Hermesdeckungen. Auf sie entfielen in den ersten sechs Monaten 68% aller abgesicherten Exportgeschäfte. Mehrere Großprojekte bestimmen das Deckungsvolumen für OECD-Hocheinkommensländer, die rund ein Drittel der Deckungen auf sich vereinigen. Die Liste der Top-Ten-Länder führt Südkorea (1,9 Mrd. Euro) an, gefolgt von den USA (972 Mio. Euro), Russland (907 Mio. Euro), China (749 Mio. Euro) und der Türkei (583 Mio. Euro).
Auf die Verschlechterung der Zahlungsmoral reagiert auch die EU-Kommission. Sie erwägt höhere Mahngebühren gegen Schuldner zu verhängen und hat Mitte Juli 2009 an alle Mitgliedsstaaten einen Reformvorschlag zur EU-Richtlinie 2000/35/EG (Bekämpfung von Zahlungsverzug im Geschäftsverkehr) geschickt. Der Vorschlag sieht vor, die Mahngebühr von bisher 2,50 Euro auf bis zu 70 Euro zu erhöhen.
Dieser Artikel ist Teil der gtai Online-News Nr. 14/2009 und wurde dem Schwerpunkt „Finanzierung weltweit - Zahlungsmoral in Europa leidet in Folge der Finanzkrise“ entnommen. Der kostenlose Newsletter erscheint 14 tägig.(C.O.)
Dieser Artikel ist relevant für:
Lettland, Niederlande, Russland, Türkei, Ukraine, Frankreich, Vereinigtes Königreich, Belgien, Deutschland, Finnland, Griechenland, Irland, Italien, Österreich, Polen, Portugal, Schweden, Schweiz, Slowakei, Spanien, Tschechische Republik, Ungarn, EU Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Wirtschaftspolitik, allgemein, Wirtschaftsförderung, Industriepolitik, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, RegionalstrukturWeitere Informationen
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