Internationale Märkte

06.08.2009

Kreditzugang in Brasilien zurück auf Vor-Krisen-Niveau

Kreditzugang in Brasilien zurück auf Vor-Krisen-Niveau

Die Finanzinstitute erholen sich / Konsumentenkredite werden bevorzugt / Von Oliver Döhne

São Paulo (gtai) - Die ersten Anzeichen wirtschaftlicher Erholung zeigen sich in Brasilien auch im Finanzsektor. Die kleinen und mittleren Banken bekommen wieder Zugang zu Kapital und verleihen fast genau so viel Geld an die Unternehmen wie vor dem Ausbruch der Krise. "Es gibt kein Liquiditätsproblem mehr und auch das Vertrauen zwischen den Banken ist wieder hergestellt", sagt Renato Martins Oliva, Präsident des Bankenverbands ABBC. Sowohl der Leitzins als auch die langfristigen Zinsen sinken. (Internetadressen)

Die brasilianische Zentralbank stellt eine positive Entwicklung bei der Kreditvergabe seitens kleiner und mittelgroßer Banken fest: Im März 2009 war diese noch 6,5% niedriger als vor der Finanzkrise, im Mai verbesserte sich der Wert gegenüber September 2008 auf lediglich -0,6%. Eingefrorene Kredite bedrohten die Existenz kleinerer Banken während der schlimmsten Phase Ende 2008 und Anfang 2009. Für ihre Rettung reduzierte die Zentralbank die Pflichteinlagen der Geschäftsbanken drastisch und spülte so mehr als 100 Mrd. R$ auf den Markt. Entscheidende Hilfe leistete der neu eingerichtete Garantiefonds DPGE (Depósito a Prazo com Garantia Especial), der seit April 2009 Investoren, die ihr Kapital bei betroffenen Finanzinstituten anlegten, Garantien von bis zu 20 Mio. R$ gegeben hat. Dadurch gewannen auch größere Investoren Sicherheit, kleineren Banken wieder ihr Kapital anzuvertrauen.

Rubens Sardenberg, Chef-Volkswirt bei der Föderation brasilianischer Banken (Febraban), sieht die Herausforderung nun an anderer Stelle: "Wir haben kein Angebotsproblem mehr, jetzt ist aber die Nachfrage schwach". Der Wettbewerb um den Kunden könnte den Marktzins schneller drücken als in der Vergangenheit üblich. Bislang war dieser recht schwerfällig gefallen, obwohl die Zentralbank die Leitzinsen seit Ausbruch der Krise um insgesamt fünf Prozentpunkte auf mittlerweile 8,75% gekappt hat. Denkbar ist auch die gegenteilige Entwicklung, da nach allgemeiner Einschätzung die Serie von Leitzinssenkungen zu Ende ist und der Selic 2010 wieder steigen könnte. Einige Banken kalkulieren daher schon heute höhere Kapitalkosten ein.

Marktbeobachter erwarten einen Konsolidierungsprozess im Bankensektor. "Wir werden zunehmend Fusionen und Akquisitionen sehen", zitiert die Tageszeitung Estado des São Paulo eine anonyme Quelle. Markantes Ereignis war Ende 2008 die Fusion der Großbanken Itaú und Unibanco. Renato Martins Oliva sieht diesen Prozess mit Sorge: "Ein Unternehmen, das vorher einen Kredit von jeweils 100 R$ bei beiden Instituten hatte, hat nach der Fusion nicht 200 R$ bei der neuen Bank", so Martins Oliva. Die beiden öffentlichen Großbanken Banco do Brasil und Caixa Econômica Federal beteiligten sich ebenfalls an diesem Prozess. Beispielsweise übernahm die Banco do Brasil die Hälfte der Banco Votoratim, der Nossa Caixa und der Banco do Estado de Santa Catarina und kaufte im Laufe der Krise 3,5 Mrd. R$ an Krediten kleinerer Finanzinstitute auf.

Während die Banken Konsumentenkredite ins Angebot zurückgenommen haben und beispielsweise Kfz wieder über 72 Monate finanzieren, haben die Unternehmen noch Schwierigkeiten, eine passende Finanzierung auf die Beine zu stellen. Dieses Problem ist aber schon aus der Zeit vor der Krise bekannt. Den Grund dafür vermutet das Institut für industrielle Entwicklung (IEDI) darin, dass Banken Familien leichter einschätzen können als Unternehmen und ihnen deshalb eher Kredite geben. Für Luiz Aubert Neto, Präsident des Maschinenbauverbands Abimaq, verliert Brasiliens Industrie wegen der hohen Kreditzinsen für Unternehmen international an Wettbewerbsfähigkeit: "Der größte Gegner, den wir in Brasilien haben, sind nicht die Konkurrenten aus China, sondern die Banken um die Ecke."

Besonders der Maschinen- und Anlagenbau leidet unter dem Problem, dass Geschäftsbanken sogar die Förderkredite der staatlichen Entwicklungsbank BNDES durch ihre besonders hohen Spreads verteuern. Infolgedessen senkte die Regierung den Zins für langfristige Darlehen (TJLP) der BNDES von 6,25 auf 6,0% und eliminierte den Zuschlag von 1,0%, der bei der Vergabe durch das Finanzministerium an die BNDES anfiel. Zu dem Basiszins TJLP kommen immer noch die Gebühren der Geschäftsbanken von bis zu 4,2 Prozentpunkten hinzu. So zahlen kleinere Betriebe bis zu 11,45% Zinsen pro Jahr, während größere Unternehmen mit mehr Verhandlungsmacht denselben Kredit im besten Fall für 9,35% bekommen.

Trotz allem sind die BNDES-Kredite wesentlich günstiger als die konventionellen Kredite der Geschäftsbanken. Deren Zins liegt mindestens 18 Prozentpunkte über dem Leitzins, also zurzeit bei 26,75%, sagt José Ricardo Roriz Coelho, Direktor der Abteilung für Wettbewerb und Technologie beim Industrieverband des Bundesstaats São Paulo (Fiesp). Einen besonderen Anreiz setzte die BNDES Ende Juli 2009, indem sie den Zins für Kredite zum Kauf von Kapitalgütern, die bis Ende 2009 angeschafft werden, von 10,25% auf 4,5% senkte. Zu diesem Zinssatz kommen keine Zuschläge der Geschäftsbanken hinzu. Exportkredite und die Kapitalaufnahme für Forschung und Entwicklung werden ebenso vorerst günstiger zu haben sein. Die Rate für Exportkredite über die BNDES sank von Libor plus 5% auf Libor plus 3%. Kredite für Forschung und Entwicklung kosten statt 4,5% nur noch 3,5% Zinsen im Jahr.

Internetadressen:

http://www.febraban.org.br (Föderation der brasilianischen Banken)

http://www.abbc.org.br (Verband der kleinen und mittelständischen Banken)

http://www.bcb.gov.br (Zentralbank)

Dieser Artikel ist relevant für:

Brasilien Finanzwesen, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Geld / Preise / Inflation / Währung, allgemein, Finanzierung, allgemein, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Banken, Kreditinstitute

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