
29.10.2010
Frankreichs Wasserwirtschaft hat hohen Nachholbedarf
Frankreichs Wasserwirtschaft hat hohen Nachholbedarf
Veolia behält den Großraum Paris / Drei neue Cluster für die Ressource Wasser / Von Waldemar Duscha
Paris (gtai) - Frankreichs Wasserqualität entspricht vielfach nicht den Normen der EU-Kommission, was massive Neuinvestitionen erfordert. Veolia konnte die Konzession für das Wassermanagement der Ile-de-France für ein weiteres Jahrzehnt sichern, hier werden bis 2015 die Installationen in drei Départements mit Kosten von 575 Mio. Euro modernisiert. Forschung und Entwicklung konzentrieren sich auf drei neu gegründete Cluster, darunter der Pôle EAU im Südosten Frankreichs, der mit der "Hydrogaia" in Montpellier zudem ein internationales Forum für Wasser bietet.(Internetadressen)
Frankreichs Ausgaben für den Abwasserzweig beliefen sich nach d letzten Jahresbericht des Comissariat général au développement durable (CGDD) im Jahr 2008 auf 13,3 Mrd. Euro. Abwasser bildeten damit den zweitgrößten Posten knapp hinter der Abfallbehandlung mit 14,0 Mrd. Euro. Die gesamten staatlichen Ausgaben für den Umweltschutz beliefen sich auf 43,8 Mrd. Euro, was für den Abwasserzweig einen Anteil von 30,4% ergab.
Mit der Umsetzung der neuen Brüsseler Direktiven zum Wassermanagement tut sich Paris schwer. Vor der Perspektive von Sanktionen durch die EU-Kommission nahm sich Frankreichs Staatsrat dieses Jahr explizit dem Thema an. Im Vordergrund stehen zum einen die Verbesserung der Ressource und der Qualität und zum anderen die Umsetzung des Verursacherprinzips, das die Kosten für die Verschmutzung dem Verursacher auflastet. Im Visier steht zuvorderst die Landwirtschaft, die keinen Beitrag zur Finanzierung der Wasserreinigung leistet. Die diversen Anreize der letzten Jahre haben nichts gefruchtet. Nach dem Vorbild anderer europäischer Länder sollen nun auch Nitrate in die bereits bestehende Steuer auf Umweltverschmutzung (TGAP) einbezogen werden, während gleichzeitig die Landwirte zu moderneren Bewässerungssystemen überredet werden sollen.
Das Umweltministerium konstatierte, dass weniger als die Hälfte der Flüsse und Wasserflächen in gutem oder sehr guten ökologischen Zustand seien. Die Programme zur Erhaltung und Wiederherstellung sollen in einem Zeitraum von 2009 bis 2015 insgesamt 27 Mrd. Euro kosten. Die generelle Empfehlung des Staatsrats geht dahin, die Kommunen stärker in die Verantwortung für die Modernisierung ihrer Kläranlagen zu nehmen, was diese über Jahre hinausgezögert haben. Die südöstliche Region Province- Alpes-Côte d'Azur kalkulierte hierzu Kosten von rund 400 Mio. Euro, davon 30 Mio. Euro in Avignon und 16 Mio. Euro in Arles.
Die Wasseraufsichtsbehörde für den Großraum Paris Sedif wird von 2011 bis 2015 einen Investitionsplan über 575 Mio. Euro zur Modernisierung der Wasserverteilung und -behandlung durchführen. Der Großteil entfällt mit 95% auf die drei Départements Choisy-le-Roi, Méry-sur-Oise und Neuilly-sur-Marne. Es handelt sich um den 14. Investitionsplan von Sedif. Während der vorherige Plan über 620 Mio. Euro auf die Verbesserung der Wasserqualität und insbesondere die Reduktion des Bleigehalts abzog, steht jetzt die Erneuerung der gealterten Infrastruktur im Vordergrund.
Im Juni 2010 wurde die Konzession für die Wasserversorgung der Île-de-France erneuert, zu der neben Paris sieben weitere Départements zählen. Den Zuschlag erhielt Veolia Environnement gegen die Konkurrenten Suez Environnement und Remondis/Derichebourg. Veolia besitzt die Lizenz bereits seit 1962, seinerzeit noch als Générale des Eaux. Der neue Vertrag läuft von 2011 bis 2022 und ist der größte seiner Art in Europa mit 144 Kommunen und rund 4 Mio. Verbrauchern sowie einem Jahresumsatz von 250 Mio. Euro.
Der französische Sektor der Wasser- und Umweltdienstleistungen wird beherrscht von den zwei Großkonzernen Veolia Environnement und Suez Environnement. Die größten Anteilseigner bei Veolia Environnement sind Capital Partner (12%), die staatliche Kreditanstalt Caisse des Dépôts et Consignations (10%), Natixis (7%), Electricité de France (4%) und seit zwei Jahren auch die China Investment Corporation (1,5%). Suez Environnement, ehemals Lyonnaise des Eaux, ist eine Tochter von GDF Suez.
Veolia Environnement ist Weltmarktführer für Umweltdienstleistungen in den Bereichen Wasser, Entsorgung, Energieoptimierung und Verkehr. Die Präsenz erstreckt sich über 72 Länder mit rund 340.000 Beschäftigten. Der Umsatz war 2009 allerdings um 3,4% auf 34,5 Mrd. Euro rückläufig. Der Wasserzweig repräsentiert mit rund einem Drittel die größte Geschäftssparte des Konzerns.
Suez Environnement, weltweit die Nummer Zwei im Wasserzweig hinter Veolia, schloss das letzte Geschäftsjahr etwas besser ab. Der Umsatz sank lediglich um 0,5% auf 12,3 Mrd. Euro und der Betriebsgewinn nur um 2,0% auf 2,1 Mrd. Euro. Dass der Nettogewinn dagegen um 24% auf 403 Mio. Euro zurückfiel, begründete der Konzern mit den hohen Investitionen der zwei letzten Jahre über insgesamt 2,8 Mrd. Euro. Im ersten Halbjahr 2010 stieg der Umsatz um 10,8% auf 6,6 Mrd. Euro und der Betriebsgewinn um 7,2% auf 1,0 Mrd. Euro, für das Gesamtjahr werden Zuwächse von 7% im Umsatz und 9% im Gewinn prognostiziert.
Auf dem dritten Rang im französischen Wassermarkt steht SAUR. Dahinter verbergen sich die Gruppe Séché, AXA Private Equity und die CDC. SAUR ist mit einem Umsatz von 1,5 Mrd. Euro, davon 79% im Wasserzweig, aber weit abgeschlagen hinter den beiden Marktriesen.
Montpellier, die Hauptstadt der Region Languedoc-Roussillon im Süden Frankreichs, möchte ein weltführendes Zentrum für Forschung und Entwicklung der Hydrowirtschaft werden. Die Schwerpunkte liegen in der Effizienz des Wassermanagements, einer nachhaltigen Ausbeutung der Reserven und der Anpassung an den Klimawandel. Mit der Vereinigung VERSeau Développement wurde bereits 1983 ein Zusammenschluss von Industrie, Forschung und Politik für die Wasser-Ökotechnik geschaffen. Auf Unternehmensebene besteht zudem eine Vereinigung namens Swelia mit insgesamt 72 Mitgliedern - zumeist kleinere Unternehmen neben einigen Großen wie Veolia, Suez, BRL und Egis/BCEOM. Alle zusammen erwirtschaften mit 4.000 Beschäftigten einen Umsatz von über 700 Mio. Euro in der Region. Die Wissenschaft wird repräsentiert durch zwölf einschlägige Institute mit 600 Forschern.
2010 wurde das internationale Kompetenzzentrum "Pôle EAU" geschaffen, das sich über die drei südöstlichen Regionen Languedoc-Rousillon, Province-Alpes-Côte d'Azur und Midi-Pyrénées erstreckt. Als politische Linie wurden für den Zeitraum 2010 bis 2015 drei strategische Achsen definiert: Identifikation und Mobilisierung der Wasserreserven, konzertierte Verwaltung von Wasser und Verbrauch im globalen Wandel und Wiedergewinnung von Wasser allen Ursprungs. Der Pol koordiniert auch die zwei weiteren ebenso erst in diesem Jahr gegründeten Cluster "Gestion des eaux continentales" in der Region Lorraine/Alsace und "Dream - Eaux et milieux" in der Region Centre. Ersterer ist ausgerichtet auf die Verwaltung des Wasserkreislaufs mit Aspekten wie Qualität, Gesundheit, Ökosystem und Schadstoffbegrenzung. Der zweite Pol konzentriert sich auf Fragen der Nachhaltigkeit der Ressource Wasser, erneuerbare Energien und das Milieu Natur.
Ein internationales Forum schaffte sich Montpellier mit der "Hydrogaia - Salon International de l'Eau", die nächste Wasserfachmesse findet im Mai 2011 statt. Die Hydrogaia versteht sich als Geschäftsplattform zum Einstieg in den französischen Wassermarkt im Rahmen der Präsentation von innovativen Technologien für Meer und Binnensysteme.
Der französische Markt für Ausrüstungen zur Abwasseraufbereitung einschließlich Dienstleistungen wurde 2009 auf 16 Mrd. Euro geschätzt. Die Inlandsproduktion liegt bei 15 Mrd. Euro, der Export bei 4 Mrd. Euro und der Import bei 5 Mrd. Euro. Marktchancen für deutsche Anbieter bestehen bei Filtern, Membranen, Remote Monitoring-Technologien, in der Behandlung von Abwasserschlämmen sowie in der Installation und Wartung von alleinstehenden Abwassertanks. Zunehmende Bedeutung gewinnen das Management diffuser Verschmutzung (NPS) und die Wasserkonservierung einschließlich der Aufspürung von Lecks.
Siemens Water Technologies verkündete im März, sich stärker in der Behandlung industrieller Prozesswasser zu engagieren. Hierfür stehen zahlreiche Technologien zur Verfügung wie Filterung (UF, Nano, Osmose), Elektrodeionisierung, Reinwassergeneratoren, Karbonfilter oder Desinfektion (UV, Ozon, Chlordioxid). Angeboten werden komplette speziell zugeschnittene Systeme einschließlich Service. Als Zielgruppen werden die fünf Industriezweige Chemie, Elektrik, Pharma, Halbleiter und agrarische Nahrungsmittel genannt. Der Markt wird auf 150 Mio. Euro geschätzt und Siemens strebt - in Konkurrenz zu Veolia, Suez und Saur - einen Marktanteil von 20% bis 2013 an. Als nächster Schritt könnte die Behandlung industrieller Abwasser folgen.
Eingetreten in diesen Zweig ist Siemens im Jahr 2005 mit der Übernahme von US Filter für 993 Mio. US$, der amerikanischen Tochtergesellschaft von Veolia Environnement, was Siemens zum Marktführer in Nordamerika machte. Im europäischen Markt etablierte sich Siemens mit den Übernahmen von Labo-Eco in Belgien und SG Water in Deutschland.
Internetadressen
Ministère de l'Écologie, de l'Énergie, du Développement durable et de l'Aménagement du territoire
http://www.developpement-durable.gouv.fr
Institut Français de l'Environnement
Syndicat d'eaux d'Île-de-France
Union des Industries et Entreprises de l'Eau et de l'Environnement
Canalisateurs de France
Syndicat National des Industries du Traitement des Eaux
Union des entreprises d'affinage de l'eau
http://www.french-water.com/uae
Hydrogaia - Salon International de l'Eau
Parc des Expositions
25. bis 27. Mai 2011
(W.D.)
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