Internationale Märkte

11.03.2010

Niederlande bewegen sich aus der Finanzkrise

Niederlande bewegen sich aus der Finanzkrise

Kreditklemme gelockert und Zahlungsmoral gefestigt / Von Max-Helmut Semich

Köln/Den Haag (gtai) - Nachdem die Niederlande 2009 von einer der höchsten Insolvenzwellen in Europa getroffen wurden, ebbt deren Stärke 2010 zwar ab, hält sich aber auf hohem Niveau. Von dort wird jedenfalls eine europaweit befürchtete zweite Liquidationswelle nicht ausgehen. Die Kreditklemme ist im Griff, die Zahlungsmoral bleibt hoch, die Absicherung funktioniert. Ob das Gröbste damit überstanden ist hängt von der Entwicklung des Welthandels ab, die aktuellen Irritationen auf dem innenpolitischen Parkett spielen eine untergeordnete Rolle.

Anfang 2010 legen die Prognosen führender Finanzanalysten und Einstufungen der Rating-Agenturen nahe, dass in den Niederlanden die gröbsten Schäden am Kredit- und Zahlungssystem überstanden sind, die die internationale Finanzkrise 2008/09 im Lande verursacht hat. Wichtigster Grund für die positiven Prognosen für 2010 und 2011 ist der wieder anziehende Welthandel, der in den Niederlanden für neue Geschäfte und neue Nachfrage sorgt. Nach einem Rückgang des BIP 2009 um bislang ungekannte -4,0% nimmt das nationale Forschungsinstitut CPB für 2010 ein Wachstum von Plus 1,5% an. Allerdings warnen die Analysten vor temporären Rückschlagen beim Wachstum sowie bei den Finanzierungsbedingungen.

Die Banken erscheinen - unter anderem nach Verstaatlichung führender Institute wie Fortis und ABN Amro - konsolidiert und verfügen über neue Kräfte für Kreditvergabe und Zahlungsverkehr. Der niederländischen Zentralbank DNB zufolge war die Kreditvergabe von einem Wachstum von etwa 15% Mitte 2008 auf unter 4% Ende 2009 gefallen, wobei sich aber im Dezember 2009 eine erneute Schwäche im Vormonatsvergleich gezeigt hatte. Der in den Niederlanden besonders verwurzelte Kreditversicherer Atradius sieht aber auch kurzfristig keine Gefahr einer allgemeinen Kreditklemme. Denn die niederländischen Banken würden nicht nur die Unternehmensbilanzen ihrer Kunden prüfen, sondern berücksichtigten auch Faktoren wie Betriebseffizienz und Marktchancen. Gerade diese Faktoren verbessern sich 2010, und damit auch die Kreditvergabe.

Jedenfalls lässt der Kahlschlag unter den lokalen Unternehmen, die durch mangelnden Cash-Flow in die Insolvenz getrieben wurden, seit Ende 2009 spürbar nach. Im Krisenjahr 2009 kam eine Welle von Insolvenzen von für die Niederlande bislang unbekannten Ausmaßen angebrandet. Die Anzahl der Liquidationen war im 1. Halbjahr (gegenüber der Vorjahresperiode) um fast 100% angestiegen, um dann auf 46% Ende 2009 abzuflauen. 2009 hatte das Statistikamt CBS mehr als 8.000 Insolvenzen von betrachteten etwa 800.000 Unternehmen - einschließlich Mikro- und Einmannfirmen - erfasst.

Insolvenzen in den Niederlanden (Anzahl; Veränderung in %)

2007 2008 2009 Veränderung 2009 gegenüber 2008
1. Quartal 1.164 1.049 1.939 84,8
2. Quartal 1.127 1.067 2.110 97,7
3. Quartal 1.179 1.146 2.052 79,0
4. Quartal 1.132 1.373 2.000 45,7
Gesamtjahr 4.602 4.635 8.101 74,8

Anm.: Einschließlich Mikro/Einmannunternehmen; Schätzungen für das 4. Quartal 2009

Quelle: Statistikamt CBS

Für 2010 erwartet Atradius (in der Studie Marktmonitor vom Februar 2010) aber noch keinen Rückgang der absoluten Anzahl der Insolvenzen, sondern eine - wenn auch moderate - Zunahme um 2%. Zum Vergleich wird für Deutschland eine weitere Zunahme um 10% erwartet. Auch Coface und Euler-Hermes sehen für die Niederlande zwar eine Beruhigung, aber keinen Rückgang. Atradius führt dazu an, dass sich das Insolvenzrisiko gerade im Aufschwung erhöht, weil die dann steigenden Umsätze nicht immer finanziert werden könnten. Gerade für die Niederlande sind aus der Atradius-Studie keine Gefahren dafür abzuleiten, dass von hier aus eine befürchtete zweite Liquidationswelle ausgehen könnte. Denn die vorausschauende neue Politik der Banken bei der Kreditvergabe verhindert die Bildung eines neuen Wellenberges.

Ein Umdenken zeichnet sich auch im Kreditmanagement der niederländischen Unternehmen ab. Dazu gehört, dass aus Kosten- und Effizienzgründen verstärkt Teilaufgaben des Kreditmanagements auf spezialisierte Institute ausgelagert werden. Nur leichte Veränderungen finden bei den Zahlungsgewohnheiten im Außenhandel statt. Die dominierenden Barverkäufe im Zahlungsverkehr werden nur wenig zugunsten erhöhter Zahlungsziele eingeschränkt, doch steigt die professionelle Bonitätsanalyse an.

Die hohe Zahl der Insolvenzen hat keineswegs zu einer Zerrüttung der guten Zahlungsmoral in den Niederlanden geführt. Die Liquidationen finden in einem erprobten juristischen Umfeld der Absicherungen statt. Es ist eine Besonderheit in den Niederlanden, dass trotz herber Schläge das prinzipiell günstige Umfeld für die Geschäftstätigkeit bestehen bleibt. Dieser Ansicht ist jedenfalls Coface, die für ihren Geschäftsklimaindex (Business Climate Rating) das Land in der Spitzenkategorie A1 belassen hat. Insbesondere seien finanzielle Informationen vorhanden und zuverlässig; die Eintreibung von Forderungen (Debt Collection) wird als effizient bezeichnet; als sehr gut wird die Qualität der Institutionen bewertet; die Transaktionen der Unternehmen untereinander würden ohne Reibungsverluste ablaufen.

Hingegen hat Coface das Länderrating (Country Rating) der Niederlande, betreffend politische und wirtschaftliche Risiken und etwa auch das Ausfallrisiko von Forderungen, vom Spitzenplatz A1 auf A2 herabgestuft, wie übrigens auch Deutschland. Die Wirtschaftskrise und der hohe Insolvenzstand zwingen dazu. Das Auseinanderbrechen der bis März 2009 amtierenden Regierungskoalition stellt hingegen noch keine erhöhten Risiken für das Ranking des Landes dar.

Allerdings sind politische Entscheidungen über "kontroverse Themen" bis nach der Wahl im Juni 2009 und der Bestimmung einer neuen Regierung eingefroren worden - damit sind aber einige kontroverse Projekte im Rahmen der Konjunkturprogramme ebenfalls auf Eis gelegt, auf die die Wirtschaft wartet. Dazu gehören auch Gesetzentwürfe über eine schärfere Regulierung der Banken. Zu gewissen Unsicherheiten führt in der Wirtschaft ebenfalls die Möglichkeit, dass eine neue Regierungskoalition wesentliche Änderungen im Kurs der Wirtschaftspolitik durchführen könnte.

Die belastbaren Bedingungen im deutsch-niederländischen Zahlungsverkehr verdeutlicht kaum etwas besser als die Entwicklung des bilateralen Handels 2009, wo trotz Krise ein Finanzvolumen von 112 Mrd. Euro abgewickelt werden konnte. Dieser Umsatz ist zwar deutlich geringer als 2008. Doch sind die vermeintlich kleinen Niederlande im Ranking der deutschen Exportmärkte auf den zweiten Platz (hinter Frankreich) aufgerückt, entsprechend 54 Mrd. Euro deutscher Exporte. Bei den deutschen Einfuhren halten die Niederländer sogar mit Lieferungen in Höhe von 58 Mrd. Euro den ersten Rang - übrigens vor der machtvoll anstürmenden Volksrepublik China mit durchaus anderen Bedingungen im Zahlungsverkehr.

(H.S.)

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Niederlande Finanzwesen, allgemein, Geld / Preise / Inflation / Währung, allgemein, Versicherungen (ohne Sozialversich.), Zahlungsverkehr, Kreditauskunfteien, Inkassodienste, Konjunktur, allgemein, Banken, Kreditinstitute

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