Internationale Märkte

17.03.2010

In Österreich ist das Zahlungsverhalten vorbildlich

In Österreich ist das Zahlungsverhalten vorbildlich

Krise lässt Insolvenzzahlen 2010 vergleichsweise moderat steigen / Von Axel Simer

Köln (gtai) - In Österreich mehren sich die Zeichen, dass krisenbedingte Probleme wie Insolvenzen und Zahlungsverzug sich bei weitem nicht so dramatisch entwickelt haben und entwickeln wie in vielen anderen Industriestaaten. Eine der Ursachen dafür ist, dass Österreich sein Konjunkturtief bereits im 2. Quartal 2009 erreicht hatte. Seither geht es - wenn auch langsam - wieder bergauf. Der Zahlungsverzug ist gegenüber 2008 mit sieben Tagen unverändert und die Insolvenzen lagen lediglich um 9% höher. Für 2010 erwarten Konjunkturexperten ein Anhalten des positiven Trends.

Gemäß Umfragen des Kreditschutzverbandes von 1870 (KSV1870) hat sich 2009 trotz der Wirtschaftskrise die Zahlungsmoral der Unternehmen nicht verschlechtert. Wie 2008 lag der durchschnittliche Zahlungsverzug bei sieben Tagen. Damit zählt Österreich innerhalb Europas zu den pünktlichsten Zahlern. Nach einer Erhebung von Intrum Justitia lag der Mittelwert in Europa bei 18 Tagen Zahlungsverzug; Österreich wies gemeinsam mit Finnland die geringsten Zahlungsverzögerungen auf.

Es sind jedoch beträchtliche Branchenunterschiede auszumachen. Überdurchschnittlich ist der Zahlungsverzug in der EDV-Branche mit zwölf Tagen sowie bei Kreditinstituten, Versicherungen und unternehmensnahen Dienstleistungen mit elf Tagen. Freizeitwirtschaft, Gastronomie, Kfz, Verkehr und Nachrichtentechnik folgen mit zehn säumigen Tagen. Pünktlich zahlten die Unternehmen der Schuh- und Bekleidungsbranche (zwei Tage Verzug) sowie Glas und Keramik (drei Tage).

Als säumiger Zahler gilt traditionell die öffentliche Hand. 2009 lag der durchschnittliche Zahlungsverzug bei neun Tagen. Gegenüber 2008 gab es damit keine Veränderung. Jedoch haben die Unternehmen ihre Zahlungsziele bei öffentlichen Auftraggebern um vier Tage auf 33 Tage verlängert, so dass Unternehmen im Durchschnitt 42 Tage auf die Bezahlung ihrer Rechnungen warten mussten.

Übliche Zahlungsziele für Privatkunden sind 15 Tage, bei gewerblichen Kunden ist die Monatsfrist die Regel. Die tatsächlichen durchschnittlichen Zahlungsziele lagen im 2. Halbjahr 2009 bei 26 Tagen (gewerbliche Kunden) und 15 Tagen (Privatkunden). Dies sind die Ergebnisse einer im Februar 2010 veröffentlichten Erhebung des KSV1870. Gegenüber dem 1. Halbjahr hat sich damit die Durchschnittsfrist bei Firmengeschäften um einen Tag verlängert, während sie im Privatkundengeschäft unverändert geblieben ist. Allerdings bestehen große Branchenunterschiede. Sie reichen von 16 Tagen in der Freizeitwirtschaft bis zu 38 Tagen für Textilien und Bekleidung.

Durchschnittlich vereinbarte Zahlungsziele und tatsächliche Zahlungsdauer für Firmenkunden 2009 (ausgewählte Branchen)

Branche Tage Tage, real *)
Textilien, Bekleidung, Schuhe, Leder 38 40
Chemie, Pharma, Kunststoff 31 38
Glas, Keramik 30 33
Lebens- und Genussmittel 29 35
Maschinen, Metall 29 34
Elektro, Elektronik 28 34
Bauwirtschaft 27 35
Verkehr, Nachrichtentechnik 24 34
Kfz, Fahrzeuge 22 32
Kreditwesen, Versicherung, Immobilien, unternehmensnahe Dienstleistungen 19 30
EDV 18 30

*) Tatsächliche durchschnittliche Zahlungsdauer

Quelle: Kreditschutzverband von 1870

Krisenbedingt erweisen sich die Unternehmen gegenüber der öffentlichen Hand als besonders großzügig. Hier betrug das mittlere Zahlungsziel im 2. Halbjahr 33 Tage - immerhin vier Tage mehr als ein halbes Jahr zuvor. Einer Umfrage von Atradius zufolge differenzieren 35% der Unternehmen ihre Zahlungsziele nach Herkunftsland oder Branche der Geschäftspartner.

Die Bonitätseinstufung des Landes ist ausgezeichnet. Euler Hermes vergibt an Österreich eine 0, die beste Note. Coface hatte 2009 noch das ebenfalls beste Ranking A1 notiert, im März 2010 lag das Rating bei A2.

Parallel zur Wirtschaftskrise haben sich bei vielen Unternehmen die Umsätze rückläufig entwickelt. Dies führte zu einer vermehrten Anzahl von Insolvenzen. Mit insgesamt rund 6.900 Pleiten hatte Österreich allerdings lediglich gut 9% mehr zu verkraften als 2008. In der EU war das Land damit einsamer Spitzenreiter und einziger Staat, der eine einstellige Zuwachsrate vorweisen konnte. In seinem Insolvency Outlook 2010 erwartet Euler Hermes für 2010 keinen weiteren Anstieg der Unternehmensinsolvenzen - aber auch keinen Rückgang.

Von der absoluten Zahl her sind der Handel und unternehmensnahe Dienstleistungen am meisten von Insolvenzen betroffen. Besonders gefährdet war allerdings 2009 die Baubranche, da hier die Insolvenzquote besonders hoch lag.

Insolvenzen nach Branchen
2008 1) 2009 1) Veränderung (in %) Insolvenzquote 2)
Sachgütererzeugung 293 423 44,3 14,8
Bauwesen 751 884 17,7 36,6
Handel 944 1.099 16,4 14,3
Beherbergungs- und Gaststättenwesen 719 777 8,1 17,6
Verkehrs- und Nachrichtenübermittlung 379 460 21,4 31,2
Kredit- und Versicherungswesen 87 123 40,9 21,9
Unternehmensnahe Dienstleistungen 1.198 930 -22,4 12,5
Übrige Branchen 434 595 37,2 k.A.

1) Angaben jeweils für den Zeitraum Januar bis September; 2) Anzahl der Insolvenzen je 1.000 Unternehmen im Zeitraum Januar bis September 2009

Quelle: Creditreform Insolvenzstatistik

Gemäß dem im März veröffentlichen Mittelstandsbaromter der Consultinggesellschaft Ernst & Young beurteilen 88% der befragten Unternehmen ihre Geschäftslage als positiv (Februar 2009: 71%). Mehr als 80% spürten jedoch weiterhin Auswirkungen der Krise. Eine nachhaltige Erholung der Wirtschaft erwarteten die Unternehmen erst für Mitte 2011, mehr als ein Drittel sah für die nächsten sechs Monate einen Aufwärtstrend. Diese optimistische Grundhaltung verbreitet auch die jüngste Konjunkturanalyse der Bank Austria von Mitte März. Sie sieht einen beschleunigten Aufwärtstrend. "Die aktuelle Datenlage weist darauf hin, dass die Erholung der österreichischen Wirtschaft zu Frühlingsbeginn an Beständigkeit gewinnt und das angeschlagene Tempo weiter halten kann", so Stefan Bruckbauer, Chefökonom der Bank Austria. Er erwartet 2010 ein reales Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,3%, das sich 2011 auf +1,4% verbessern soll. Inflationsgefahren hat die Bank für Österreich nicht ausgemacht.

Nach wie vor sehen sich auch im März 2010 viele Unternehmen mit Finanzierungsproblemen konfrontiert. 19% der von Ernst & Young befragten mittelständischen Unternehmen klagten über Probleme bei der Kreditvergabe und 18% über höhere Kreditkosten. Positiv: Vor einem Jahr lagen diese Quoten fast doppelt so hoch (36 bzw. 39%). Auch 2010 bleibt für die meisten Unternehmen ein schwieriges Jahr. In der genannten Umfrage monierten 39% eine zunehmend schlechte Zahlungsmoral und 34% erhöhte Dokumentations- und Sicherheitsanforderungen der Banken. (A.S.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Österreich Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Geschäftspraxis allgemein, Zahlungsverkehr, Kreditauskunfteien, Inkassodienste, Finanzierung, allgemein

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