
21.01.2011
Polens Bergbaubetriebe investieren in den Arbeits- und Gesundheitsschutz
Polens Bergbaubetriebe investieren in den Arbeits- und Gesundheitsschutz
Branche erzielte 2010 satten Gewinn / EU-Subventionen nur noch im Rahmen von Stilllegungen / Von Heiko Steinacher
Warschau (gtai) - Beobachter gehen davon aus, dass Polens Bergbauunternehmen 2010 mit einem Gewinn nach Steuern von rund 1 Mrd. Zl (umgerechnet 250 Mio. Euro; 1 Euro = 3,9947 Zl im Jahresdurchschnitt 2010) abgeschlossen haben. Die gute Konjunktur und hohen Kohlepreise beflügeln nicht nur den Lohnforderungseifer der Gewerkschaften, die für 2011 ein Plus um bis zu 10% erstreiten wollen, sondern auch die Investitionsabsichten der Betriebe. Die vier großen Bergbaugesellschaften des Landes wollen in diesem Jahr zusammen genommen knapp 3 Mrd. Zl investieren.
Der sich auf Kohleabbau und Koksherstellung spezialisierende JSW-Konzern (Jastrzebska Spolka Weglowa; http://www.jsw.pl) will gleich 40% mehr als im Vorjahr für Investitionen bereitstellen. Seine größten beiden Vorhaben sind der Ausbau der Zofiowka-Grube und Schachtvertiefungen auf bis zu 1.290 m im Bergwerk Budryk. Außerdem sieht JSW rund 538 Mio. Zl für Arbeitsschutz-Maßnahmen vor, insbesondere zur Methan-Beherrschung und Vorbeugung gegen gefährliche Brandherde.
Polens größte Kohlegesellschaft, Kompania Weglowa (KW; http://www.kwsa.pl), erwägt ebenfalls hohe Ausgaben für den Arbeits- und Gesundheitsschutz. Noch allerdings hat der Aufsichtsrat den Wirtschaftsplan für 2011 nicht angenommen, erklärte ein Unternehmenssprecher.
Die Kattowitzer Kohleholding KHW (http://www.khw.pl) will in diesem Jahr gut 0,5 Mrd. Zl investieren. Vorzeigeprojekt soll dabei der Zusammenschluss mehrerer Betriebe zu einem (effektiveren) Groß-Bergwerk werden. Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz dürften bei der KHW in diesem Jahr 360 Mio. bis 370 Mio. Zl verschlingen.
Dagegen will die börsennotierte, zum Großteil privatisierte Lubelski Wegiel Bogdanka (http://www.lw.com.pl) ihre Investitionen leicht zurückschrauben. Im letzten Jahr hat das Bergwerk aus dem Raum Lublin 900 Mio. Zl in den Ausbau des Schachts Stefanow gesteckt, dank dessen sich die Ausbeute bis 2014 auf 11 Mio. t Steinkohle pro Jahr verdoppeln soll.
Die etwa 800 Mio. Zl für den Verkauf ihres 5%-Anteils am Mobilfunkbetreiber Polkomtel dürfte Polens größte Kohleexport-Gesellschaft Weglokoks (http://www.weglokoks.com.pl) entweder in die im Rahmen einer Aktienemission geplante Übernahme eines 85%-Aktienpakets an der KHW oder in Investitionsprojekte stecken.
Die für 2011 erwarteten 2,8 Mrd. Zl entsprechen ziemlich genau der Summe, die Bergbauunternehmen in den nächsten fünf Jahren im Schnitt per annum investieren müssten, um die Abbaumengen konstant halten zu können. Denn hierfür ist in immer tiefer liegende Flöze vorzudringen. Die Abbaubedingungen zählen schon jetzt zu den schwierigsten der Welt.
Wichtig ist dabei die fortschreitende Prozessautomatisierung. Trotz vielfältiger Einsatzmöglichkeiten stoßen Anbieter von Spezialmaschinen aber auf ein schwieriges Marktumfeld, da sich die Montanbetriebe beim Kauf von Bergwerksmaschinen noch immer in erster Linie vom Preis leiten lassen. Zur Verbesserung der Klimabedingungen kommen in polnischen Steinkohle- und Kupfererzgruben sowohl dezentrale, in den Streben und Vortrieben befestigte, als auch Übertage-Kälteanlagen zum Einsatz. Die in Steinkohle- und Kupfererzbergwerken insgesamt installierte Kältekapazität betrug 2009 rund 105,975 MW, wovon knapp die Hälfte auf Untertage-Ausrüstungen entfiel.
Die längerfristigen Perspektiven der Branche sind weiterhin unsicher. EU-Subventionen für den Steinkohlebergbau erlaubt Brüssel zwar noch bis 2018, aber nur noch im Zusammenhang mit Bergwerksschließungen, nicht mehr dagegen für neue Investitionen wie noch im vergangenen Jahr. Damals erhielt Polen circa 400 Mio. Zl, die die Betriebe in erster Linie in die Erschließung neuer Abbaustrecken steckten.
Polens Kohlegruben sind noch immer weitgehend in Staatshand. Die im Bergbau noch nahezu vollständig gewerkschaftlich organisierten Belegschaften (Landesdurchschnitt nur circa 14%) befürworten allenfalls Teilprivatisierungen, ohne dabei die staatliche Kontrolle aufzugeben. Sie fordern sogar zunächst eine Konsolidierung der schlesischen Zechen, bevor es zu weiteren Anteilsveräußerungen kommt. Dem stellt sich jedoch das Wirtschaftsministerium entgegen, das im Laufe dieses Jahres die Privatisierung von JSW einleiten will, an dessen Übernahme der tschechische Kohlekonzern New World Resources (NWR) Interesse hat. Auch Weglokoks soll 2011 aufs Parkett kommen. Ferner verbinden sich mit der beabsichtigten Übertragung der Eigentümeraufsicht vom Wirtschafts- zum Schatzressort eher sogar Erwartungen über einen beschleunigten Verkauf staatlicher Bergbauunternehmens-Anteile. Als einziges Bergwerk hat bisher Bogdanka an der Börse debütiert.
Relativ gute Perspektiven zeichnen sich in Polen bei Kokskohle ab. Zum einen dank der Belebung auf dem Stahlmarkt in den letzten Monaten, zum anderen eilen die verheerenden Überschwemmungen in Queensland polnischen Produzenten zu Hilfe. Allerdings könnten die Lieferengpässe aus Australiens wichtigster Kohleabbauregion infolge von Preissteigerungen bei Kokskohle die Stahlproduktion weltweit empfindlich treffen.
Polen führte 2010 etwa 6,6 Mio. t Koks aus, mehr als doppelt so viel wie China (rund 3 Mio. t); die Gesamt-Produktion des Landes betrug knapp 10 Mio. t. Der sich neben dem Kohleabbau auf die Koksherstellung spezialisierende JSW-Konzern schloss das letzte Jahr vermutlich mit einem satten Gewinn nach Steuern ab (740 Mio. Zl bereits in den ersten drei Quartalen). Eines der größten Entwicklungsbarrieren für das polnische Kokereiwesen sei der Mangel an hochwertiger Kokskohle des Typs 35, urteilen Fachleute.
Polens Steinkohlebergbau 2010 im Überblick 1)
| Abbaumenge | 52 Mio. t |
| Absatz | 50,9 Mio. t |
| Export | 8,8 Mio. t |
| Auf Halden gelagert | 4,8 Mio. t |
| Geplante Investitionen 2) | 2,8 Mrd. Zl |
| Beschäftigung 3) | 112.000 |
1) Angaben vorläufig; 2) 1. bis 3. Quartal; 3) Ende September
Quelle: Nowy Przemysl 12/2010
(S.H.)
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