
11.04.2011
Frankreichs Green Energy bietet viele Chancen für Zulieferer
Frankreichs Green Energy bietet viele Chancen für Zulieferer
Auslandsinvestitionen nehmen zu / Deutsche Technologie findet reiches Marktpotential / Von Waldemar Duscha
Paris (gtai) - Der Bereich Energieeffizienz und erneuerbare Energien gehört mit zu den dynamischsten Wirtschaftszweigen Frankreichs. Ein Großteil der Aktivitäten entfällt auf das Baugewerbe und dessen Zulieferindustrie, angefangen von Fenstern und Photovoltaik bis zu grünen Baumaterialien oder intelligenten Netzen. Für deutsche Unternehmen eröffnen sich viele neue und interessante Geschäftsfelder. Beispielsweise investiert Knauf 130 Mio. Euro in eine Fabrik für Glaswolle am Fuße der Pyrenäen, während die deutsche Enercon ihren Standort in der Picardie weiter ausbaut.
Das traditionelle Atomstromland Frankreich hat in den letzten Jahren eine dynamisch wachsende Unternehmenslandschaft in den diversen Zweigen der Energieeffizienz und der regenerativen Energien gesehen. Insbesondere die Bauwirtschaft kann in Industrie und Handwerk im laufenden Jahrzehnt mit bedeutenden Impulsen aus allen Bereichen rechnen. Für eine Vielzahl von Bauunternehmen wie auch die diversen Zulieferindustrien eröffnet sich somit ein beträchtliches Potential. Insgesamt verfügt Frankreich über rund 340.000 Unternehmen im Bausektor, wobei es sich aber zumeist um Kleinstbetriebe handelt: Über 90% der Firmen beschäftigen nicht mehr als zehn Arbeitskräfte.
In der Zulieferindustrie sind bereits mehrere große Unternehmen seit Jahren mit viel Innovationsgeist auf den Trend der Energieeffizienz aufgesprungen - wie beispielsweise St. Gobain, Lafarge oder Schneider Electric. Der Glashersteller Saint-Gobain sieht sich als ein zukünftiger Hauptakteur im nachhaltigen Wohnungsbau und will 2015 mit der Energieeffizienz 38% seines Umsatzes erzielen. Parallel setzt der Konzern zunehmend auf die Photovoltaik, wo 2015 mit Solarpaneelen und Parabolspiegeln ein Umsatz von 2 Mrd. Euro angestrebt wird. Lafarge experimentiert mit neuen Baumaterialien wie etwa "grünem" Beton. Schneider Electric konzentriert sich auf Smart Grids und unzählige andere Elektrolösungen.
Ausländische Unternehmen finden hier viele interessante Teilmärkte und sind willkommen. Produktionswerke für innovative Isolierstoffe errichteten in den letzten Jahren zum Beispiel die Unternehmen Rockwool (Dänemark) und Dow (USA). Die deutsche Knauf Insulation eröffnete im November in Lannemezan eine der größten Glaswolle-Fertigungsstraßen Europas, um hauptsächlich die stetig steigende Nachfrage nach Mineralwolle mit Ecose Technology zu bedienen. Über 130 Mio. Euro investierte der Dämmstoffhersteller in das neue Werk am Fuße der Pyrenäen, das die Märkte in Frankreich, Spanien, Portugal und Italien bedienen soll.
Die Region Elsass arbeitet bereits intensiv an der Umsetzung des Positivenergie-Konzepts. Mittels des frisch gegründeten Kompetenzzentrum namens "Alsace Énergivie" werden die regionalen Unternehmen auf das Ziel der Energieeffizienz verpflichtet, was die Verbreitung des Effizienzlabels "Effinergie" für Neubauwohnungen deutlich beschleunigte. Dies beflügelte auch die lokale Industrie für Isolierfenster, Photovoltaik-Systeme oder Gebäudeisolierungen. Die Schreinerei Bieber aus Waldhambach investierte 6 Mio. Euro für dreifach isolierte Fenster und Türen nach der deutschen Passivhaus-Norm. Weitere Ansiedlungen waren Socomec aus Benfeld (elektrische Schutzsysteme), Voltec aus Marlenheim (Solarmodule) oder NSC aus Guebwiller (Mikro-Hydraulik).
Der Windenergiezweig zählte bisher etwa 140 Fabrikanten und Zulieferer. Hersteller von leichten Komponenten sind unter anderem Schneider Electric, Nexans, Ainelec und Bosch Rexroth. Der einzige nationale Produzent von Windkraftanlagen war bislang Vergnet aus Ormes (Loiret) bei Orléans mit einem Jahresumsatz um 30 Mio. Euro, der vornehmlich mit kleinen Windturbinen in den Übersee-Départements erzielt wurde. Die Umweltagentur Ademe schätzt, dass der gesamte Windenergiezweig im Jahr 2020 rund 60.000 Personen beschäftigen könnte.
Im Februar 2010 gründeten EADS Astrium, Vergnet und Plastinov ein gemeinsames Unternehmen zur Produktion von großen Rotorblättern mit dem Standort im Ökopark Blanquefort nahe Bordeaux. Plastinov, ein Hersteller von Verbundwerkstoffen, kooperiert bereits mit der niederländischen NGUP in Wartung und Instandsetzung. Am Anfang stehen Blätter von 30, 40 und 50 m Länge, ab 2015 sollen Blätter von 60 bis 80 m für Offshore-Anlagen folgen. Dieses Konzept beinhaltet ein massives Programm in Ausbildung, Forschung und Entwicklung, das von der Region Aquitaine finanziell gestützt wird. Das Projekt soll rund 400 Personen beschäftigen, die Rede ist auch von einer Partnerschaft mit einem Großabnehmer.
Die Offshore-Windkraft beinhaltet in der ersten Phase Ausschreibungen über 3 GW für 600 Windturbinen mit Investitionskosten von rund 10 Mrd. Euro. Dies impliziert an den insgesamt fünf Standorten neue Geschäftsfelder für schätzungsweise fast 200 Unternehmen, die sich bereits im Vorfeld der Ausschreibung in drei Unternehmenspolen zusammenschlossen: Le Havre Développement (40 Unternehmen), Bretagne pôle naval (60), und Neopolia in Nantes-Saint-Nazaire (90).
Die wichtigsten Großaufträge winken hier vor allem den Herstellern von Rotorblättern und Stahlkonstruktionen für die Verankerung im Meer. Alstom Hydro and Wind rechnet sich mit der Übernahme der spanischen Ecotechnia gute Chancen mit der neuen Direct Drive-Technologie aus, wo ein Prototyp Ende 2011 fertiggestellt wird und ein Pilotprojekt 2013 folgen soll. Die Konkurrenten in dieser Zukunftstechnologie heißen Siemens, Vestas und neuerdings General Electric (GE) seit der Übernahme von ScanWind.
Überdies involviert sind Zulieferer aus den Branchen Bau, Elektrik, Aeronautik und Schiffbau. Zu den größeren Interessenten zählen Unternehmen wie STX Europe und Eiffel für die Masten, Schneider Electric und Leroy Somer für die Rotoren, EADS für die innovativen Flügel, Salpem und Technip für die Fundamente und überdies DCNS, Arcelor, Daher, Rollix-Defontaine, Altéad, Idéa und Sogebras. Häfen wie etwa der Grand Port Maritime Nantes Saint-Nazaire sehen gleich mehrfache Aufgaben auf sich zukommen, vor allem in der Montage der Masten auf den Quais und dem breiten Spektrum der Wartung und Instandsetzung einschließlich der Liegeplätze für Serviceschiffe. Bordeaux will 14 Mio. Euro für die Verladekais investieren.
Die deutsche Enercon baut ihren Standort in der Picardie weiter aus mit einer Fabrik für Betonmasten für größere Windturbinen. Die Investition beträgt zwischen 25 Mio. und 30 Mio. Euro, die Kapazität liegt bei 150 Masten pro Jahr mit 90 Beschäftigten. In den kommenden Jahren sollen weitere 60 Arbeitsplätze dazukommen, die allerdings noch etliche andere Arbeitsplätze bewirken werden in angeschlossenen Aktivitäten wie der Materialbearbeitung oder der Fabrikation der elektrischen Ausrüstungen. Zudem entsteht eine Wartungsanlage für den eigenen Windpark, der 70 Turbinen mit einer Kapazität von 140 MW umfasst, während weitere 40 geplant sind. Enercon ist weltweit die Nummer vier in der Windtechnologie hinter Vestas, GE Winds und Sinovel. Der Umsatz erreichte im letzten Jahr 2,5 Mrd. Euro, erzielt in 40 Fabriken in sechs Ländern und 11.000 Beschäftigten.
Von der dynamischen Entwicklung der Photovoltaik profitieren infolge der schwach entwickelten Inlandsindustrie vor allem die großen ausländischen Herstellerländer wie Deutschland, VR China oder Japan. Marktchancen für deutsche Unternehmen bestehen auf allen Ebenen der Wertschöpfungskette als Produzent, Lieferant oder Projektierer. In den südlichen Kernprovinzen haben sich bereits zahlreiche deutsche PV-Firmen niedergelassen. Die französischen Qualifikationen QualiSol und QualiPV werden dabei von vielen Unternehmen durch interne Schulungen ergänzt.
(abs)EDF EN will ihre PV-Kapazität bis 2012 von 100 auf 500 MW erhöhen. Ein großer Schritt auf dieses Ziel hin ist die bisher größte Anlage (143 MW), die für 434 Mio. Euro auf einer Fläche von 400 ha auf der ehemaligen Militärbasis in Toul errichtet wird. Zwei weitere EDF-Großprojekte sind Gabardan mit 76 MW und Curbans mit 33 MW. E.ON kündigte im letzten Jahr an, ihre Solarkapazität in Frankreich sukzessive auf rund 200 MW anzuheben. Neben den großen Versorgern bieten sich aber auch für KMU und Start-ups reichhaltige Chancen. Voltalia will bis 2011 in der Provence einen Solarpark auf 340 ha mit einer Leistung von 104 MW errichten. PhŒ NIX Solaire ist seit 2003 auf dem französischen Markt und hat ein landesweites Netz von Fachhandwerkern aufgebaut.
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Die Fachverbandsgruppe SER-Soler zählt 265 Mitglieder aus der gesamten PV-Produktionskette, darunter etwa 150 Industrieunternehmen mit rund 7.000 Beschäftigten. Strukturell ist die Branche laut PwC wenig integriert und stark fragmentiert, insbesondere in der Distribution. Vor diesem Hintergrund erwartet PwC eine größere Umstrukturierung, wobei die größeren Akteure die kleineren übernehmen werden. Strukturelle Defizite beständen zudem im Netzzugang, in Speicherung und Transport sowie der inhomogenen Qualität der Dienstleistungen.
(abs)Die Produktion von PV-Modulen wird nach einer Schätzung von SER 2010 auf 331 MW ansteigen, wovon die ersten fünf Produzenten bereits 210 MW bestreiten: Photowatt (60), Tenesol (60), Fonroche Energie (40), Sunland 21 (35) und PV Alliance (25). Hinter PV Alliance verbirgt sich der Optik-Fabrikant MPO, der zusammen mit den Partnern Tenesol, Semco und Emix eine Kapazität von 100 MW in 2011 ansteuert und bis 2020 sogar auf 500 MW jährlich expandieren will. Fonroche Energie wird 2010 zusammen mit der spanischen Pevafersa eine Anlage über 50 MW beisteuern, Solairedirect Technologies kommt 2011 mit zwei Anlagen von zusammen 36 MW.
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(abs)Einer der größten ausländischen Investoren überhaupt war 2009 die amerikanische First Solar. Gemeinsam mit EDF EN baut First Solar in Aquitaine eine Produktionsanlage für Dünnschichtmodule im Wert von 90 Mio. Euro mit einer Jahreskapazität von 100 MW und 300 Beschäftigten. Eingeschlossen ist eine Anlage zum Recyceln von Solarmodulen. Eine weitere Großanlage eröffnete Voltec Solar im Frühjahr in Dinsheim-sur-Bruche mit rund 200 Mitarbeitern.
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Auch in der Solarthermie ist Frankreichs Industrie schwach vertreten. Während die drei großen deutschen Anbieter Bosch Thermotechnik, Viessmann und Vaillant zusammen 2010 einen Umsatz von weit über 1 Mrd. Euro erzielten, kam der größte französische Hersteller Clipsol mit einer Jahreskapazität von 100.000 qm gerade einmal auf 14 Mio. Euro. Bosch Thermotechnik ist in Frankreich mit den drei Marken Geminox, Buderus und Leblanc vertreten. Viesmann besitzt weltweit 16 Werke, darunter eins im französischen Faulquemont. Vaillant baute 2009 eine Fertigungsanlage in Nantes für 3,5 Mio. Euro mit einer Jahreskapazität von 125.000 Kollektoren.
(WD)
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