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08.08.2011

VR Chinas Privatunternehmen leiden unter Kreditklemme

VR Chinas Privatunternehmen leiden unter Kreditklemme

Zahlungsmoral im 1. Halbjahr 2011 rapide gesunken / Regierung hat nur wenig Handlungsspielraum / Von Roland Rohde

Hongkong (gtai) - Beijing verfolgt nach dem Ende der internationalen Finanzkrise eine straffe Geldpolitik. Die Zinsen wurden schrittweise erhöht und die Anzahl der Neukredite beschränkt. Trotzdem lag die Inflation im 1. Halbjahr bei rund 5%. Zugleich entstehen Probleme an einer anderen Front: Privatunternehmen droht die Zahlungsunfähigkeit. Von den einheimischen Banken bekommen sie kaum noch Kredite, zugleich hat der internationale Kapitalmarkt das Vertrauen in sie verloren.

In den Jahren 2009 und 2010 investierte die VR China zwecks Krisenbekämpfung riesige Summe in den Bereich Infrastruktur und Städtebau. Für die Realisierung vieler Vorhaben waren die lokalen Regierungen zuständig. Insgesamt haben sie von den einheimischen Finanzinstituten nach Aussagen der Zentralbank Kredite im Umfang von 2 Billionen US$ erhalten.

Viel Geld floss dabei auch in Projekte von zweifelhaftem Nutzen und wirtschaftlicher Tragfähigkeit, so die Einschätzung von Moody's. Zugleich hat sich die Verschuldung der lokalen Regierungen drastisch erhöht. Sie soll sich Anfang 2011 laut Agenturschätzung auf gut 600 Mrd. US$ belaufen haben. Analysten von der Standard Chartered Bank gehen sogar von einem Wert zwischen 600 und 900 Mrd. $ aus. Einheimische Institutionen stoßen ins gleiche Horn. Die China Banking Regulatory Commission hatte schon im Sommer 2010 angemerkt, dass 70% der von den lokalen Regierungen initiierten Projekte nicht genug Cash Flow generierten, um die entsprechenden Kredite zurückzuzahlen.

Beijing bemühte sich daher seit dem Ende der Krise, das Schuldenproblem in den Griff zu bekommen und die aufgeblähte Geldmenge zu begrenzen. Die staatlichen Banken, die nach wie vor den Finanzsektor dominieren, wurden angewiesen, deutlich weniger Kredite zu vergeben. Zugleich erhöhte die Zentralbank zwischen 2010 und Sommer 2011 in zehn Schritten den Mindestreservesatz auf 21,5%. Der Zinssatz für einjährige Anlagen wurde ebenfalls angehoben, blieb aber im Juli mit 3,5% auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau. Für einjährige Kredite waren entsprechend 6,6% zu entrichten.

Unternehmen, die sich in der Hand von Zentral- oder Lokalregierungen befinden, bekamen von den staatlichen Banken schon in der Vergangenheit leichter Kredite - auch weil bei Rückzahlungsschwierigkeiten eher davon ausgegangen wird, dass der Staat einspringt. Die Kreditklemme verstärkt diese Bevorzugung, da die Liquidität der öffentlichen Unternehmen gesichert werden soll, um die staatliche Verschuldung nicht weiter zu erhöhen.

Private Unternehmen müssen deutlich mehr für Zinsen ausgeben beziehungsweise haben Schwierigkeiten, überhaupt an Kredite zu gelangen. Die All China Federation of Industry and Commerce befragte im Frühjahr 2011 diesbezüglich ihre Mitglieder. Die Interviews förderten Erschreckendes zu Tage: 7,5 Mio. private Firmen sind nach eigenen Angaben negativ von der strikten Geldpolitik betroffen. Die Situation soll sogar noch schlimmer als 2008 sein.

Die Führung in Beijing befasst sich mit dem Problem. Mit einem raschen Politikwechsel ist aber nach Einschätzung von Landeskennern nicht zu rechnen. Zum jetzigen Kurs der Geldmengenbeschränkung fehlen die Alternativen. denn die Regierung muss die teilweise schon außer Kontrolle geratene Inflation bekämpfen. Im 1. Halbjahr lag die Steigerung des Konsumentenpreisindex bei 5,4%, im Juni hatte sie sogar mit 6,4% den höchsten Wert seit drei Jahren erreicht.

Die Bevölkerung leidet vor allem unter dem Preisanstieg bei Lebensmitteln, die mit einer Gewichtung von rund 30% in den Warenkorb eingehen. So war beispielsweise Schweinefleisch nach Einschätzung von Nomura Securities im Juni 2011 rund 80% teurer als im Vorjahresmonat. Die Unternehmen kommen durch die Teuerung zusätzlich in Bedrängnis. Sie müssen ihren Arbeitern angesichts der gestiegenen Lebenshaltungskosten höhere Löhne zahlen. Die zusätzlichen Ausgaben können sie jedoch nicht oder nur teilweise auf ihre Endkunden abwälzen.

Erschwerend kommt hinzu, dass es für die Unternehmen immer schwieriger wird, sich an den internationalen Kapitalmärkten zu versorgen. Mehrere chinesische Unternehmen mussten im Laufe des 1. Halbjahres 2011 von der Börse in New York genommen werden, nachdem sich herausgestellt hatte, dass ihre Bilanzen gefälscht waren. Der Skandal könnte noch weitere Kreise ziehen. Nach Einschätzung von Jürgen Kracht, Geschäftsführer der Hongkonger Unternehmensberatung Fiducia, sind 80% aller chinesischen Audits fehlerhaft oder komplett gefälscht. Insbesondere sei das Vertrauen der Investoren in private Firmen erschüttert worden. Bei staatlichen Gesellschaften gehen sie noch von einem Mindestmaß an Ehrlichkeit aus.

Das etwas reduzierte Geldmengenwachstum führt wiederum dazu, dass die Shanghai Interbank Offered Rate, der Zinssatz zu dem sich die chinesischen Institute gegenseitig Geld ausleihen, zwischen Mitte März und Mitte Juli rasant angestiegen ist. Da viele chinesische Unternehmen ohnehin über eine nur dünne Eigenkapitaldecke verfügen, könnten zahleiche Firmen ab dem 2. Halbjahr 2011 vorübergehend zahlungsunfähig werden. Es besteht die Gefahr, dass sie trotz voller Auftragsbücher nicht mehr ihre Rohstoffe und Vorprodukte bezahlen können. Ausländische Lieferanten und Kunden müssen sich daher auf ein stark verändertes Umfeld im Zahlungsverkehr einstellen.

Bislang galt in vielen Fällen die 30-40-30-Regel: So wurden bei Bestellung 30% (zur Finanzierung der Vorprodukte) bezahlt. Bei Verladung waren weitere 40% fällig. Der Rest musste bei Anlieferung beglichen werden. Vom Einkäufer dürften die Hersteller in Zukunft eine höhere Anzahlung verlangen. Unternehmen, die in China verkaufen wollen, müssen wiederum stärker die Kreditwürdigkeit ihrer Kunden überprüfen. Nach Aussagen von Kracht ist die Zahlungsmoral der chinesischen Firmen im Verlaufe des 1. Halbjahres 2011 rapide gesunken. (R.R.)

Dieser Artikel ist relevant für:

China Zahlungsverkehr, Kreditauskunfteien, Inkassodienste, Finanzierung, allgemein

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