01/2017

Schöne alte Welt

Die Weltbevölkerung altert – mit dramatischen Veränderungen für ganze Volkswirtschaften. Die Menschen leben länger und konsumieren mehr. Gleichzeitig steigen die Gesundheitsausgaben. Die Konsequenz: Neue Märkte entstehen und damit neue Absatzchancen für deutsche Unternehmen.
Von Corinne Abele, Alexander Hirschle, Oliver Höflinger, Christina Otte, Michael Sauermost, Bernhard Schaaf, Martin Wiekert

Ein älterer Herr auf den Straßen Tokios | © pixabay/dewd82 "Die am nächsten zum Himmel gelegene Einkaufsmeile" nennen Japans Senioren die Jizo Dori Shopping Street, dabei lächeln sie zweideutig. Mitten in Tokio gelegen, im Stadtteil Sugamo, ist sie Treffpunkt für rüstige Rentner. Statt Mangas und den neuesten Smart­phones finden sie hier ihre Lieblingsrestaurants, Tempel und Bekleidungsläden, wobei die mit den roten Unterhosen besonders auffallen. Derartige Unterhosen werden an Nahestehende im Rentenalter als Glücksbringer verschenkt. Gesundheit steht im Vordergrund: Die Läden werben mit hausgemachten Speisen oder Gebäck ohne Chemikalien und mit wenig Zucker. Am Kanganji-Tempel schrubben die Alten die Togenuki-Buddha­figur, um ihren Schmerz zu lindern.

Japan ist das Land, dessen Bevölkerung am schnellsten altert. Laut der Weltbank werden 36 Prozent der Japaner bis 2050 über 65 Jahre alt sein. Doch die Herausforderung einer alternden Gesellschaft ist eine globale. So dürfte der Anteil der über 65-Jährigen an der Weltbevölkerung von heute acht Prozent bis 2050 auf 16 Prozent steigen. Ob in den USA, der größten Volkswirtschaft, in Südkorea, wo es immer mehr Singlehaushalte gibt, in China, wo ein Alters-Tsunami droht, oder bei uns in Deutschland – in beinahe jedem Land wächst der Anteil der Älteren an der Gesellschaft. Dies trifft vor allem auf die entwickelten Volkswirtschaften zu, aber auch die Bevölkerung vieler Entwicklungsländer altert heute schneller als früher. Zwar wächst die Weltbevölkerung, gleichzeitig werden aber in vielen Ländern immer weniger Kinder geboren, während die Lebenserwartung steigt. Gründe hierfür sind vor allem der medizinische Fortschritt, eine geringere Kinder- und Müttersterblichkeit, ein Rückgang von körperlich belastenden Berufen und eine effektivere Familienplanung. Zudem wandelt sich das gesellschaftliche Bild von Frau und Familie.

Roboter, Medikamente, Telemedizin

Für Firmen eröffnen sich dadurch neue Perspektiven: So verfügen Ältere häufig über einen reichen beruflichen Erfahrungsschatz. Auch können Unternehmen neue Zielgruppen erschließen, etwa in Medizintechnik und Robotik. Für Ältere in entlegeneren Gebieten werden zudem telemedizinische Dienstleistungen immer wichtiger. Auch die Pharmaindustrie profitiert, wenn die Bevölkerung altert und Krankheiten häufiger werden. Oft geht es aber auch einfach darum, die Produkte an die Bedürfnisse älterer Kunden anzupassen. So muss sich zum Beispiel die Möbelindustrie darauf einstellen, dass Kunden künftig kleinere Möbelstücke wünschen.

Japan: demografische Zeitbombe

Wie dramatisch sich eine alternde Bevölkerung auf Volkswirtschaften wie auch auf Unternehmen auswirken kann, ist schon heute in Japan zu beobachten, wo Medien den Begriff "demografische Zeitbombe" geprägt haben. Das Land der aufgehenden Sonne gilt als die älteste Gesellschaft der Welt. Hier gibt es mehr als 65.000 Hundertjährige. Und Japan altert munter weiter: Die Lebenserwartung steigt, und die Geburtenrate sinkt. Die Bevölkerung schrumpft dadurch rapide: Jeder vierte Japaner hat mittlerweile bereits seinen 65. Geburtstag gefeiert. Und dieser Anteil steuert auf 40 Prozent zu. Im Jahr 2060 soll er erreicht sein. Dann wird es nur noch 87 Mio. Japaner geben, 40 Mio. weniger als heute.

Doch die Regierung will dagegensteuern. Japan soll auch 2060 noch 100 Mio. Einwohner haben. Premierminister Shinzo Abe kalkuliert dies im Rahmen seiner neu aufgelegten Wirtschaftspolitik "Abenomics 2.0": Die Fertilitätsrate – also die Anzahl der Kinder, die eine Frau durchschnittlich in ihrem Leben gebärt – soll von mageren 1,4 auf 1,8 wachsen, dennoch kann die Alterung der Gesellschaft nicht mehr aufgehalten werden.

In Japan, wo das Senioritätsprinzip in allen Lebensbereichen zu spüren ist, hatten nach Angaben des Ministeriums für innere Angelegenheiten 2015 noch 7,3 Mio. Japaner im Alter von mindestens 65 Jahren einen Job. Das waren mehr als zehn Prozent der Erwerbstätigen. Baustellen werden regelmäßig von Rentnern mit Leuchtstäben abgesichert. Andere Senioren stehen in U-Bahn-Schächten gewissenhaft Spalier. Doch die Alten arbeiten nicht nur viel, sondern sind auch eine wichtige Einnahmequelle: Funktionsnahrung, Fernsehsessel mit Toilettenfunktion, Elektrogeräte mit Riesentasten, Hightechunterwäsche mit kaum spürbaren Sensoren zum Permanent-Check-up – in allen Bereichen geben die Oldies die Richtung vor. In Convenience Stores gibt es mittlerweile Seniorenecken mit Komplettprogramm vom Blutdruckmessen bis zur Infobroschüre. Und Erwachsenenwindeln sind in den Regalen fast schon Standard. Mit seiner Affinität zu Roboterpflegern schlägt Japan sogar zwei Fliegen mit einer Klappe, denn neben den Senioren wird auch die lokale Industrie gefördert.

Immerhin hat Japan ein Wohlstandsniveau erreicht, auf dem technische Lösungen wie die Stammzellentherapie oder Pflegeroboter überhaupt möglich werden. In China, der bevölkerungsreichsten Volkswirtschaft der Welt, könnte es größere Probleme geben. Das Land könnte altern, noch bevor es reich geworden ist. Bei einer Bevölkerung von 1,4 Mrd. Menschen waren im Jahr 2015 in der Volksrepublik etwa 222 Mio. im Rentenalter, sprich 60 Jahre oder älter. Dies entspricht einem Anteil von 16 Prozent. Und das Land altert rapide weiter.

Alterung in Zahlen | © GTAI/Kammann Rossi

China vor riesigen Problemen

Um die Bevölkerung einigermaßen konstant zu halten, wäre bei dem sehr ungünstigen Geschlechterverhältnis im Reich der Mitte eine Fertilitätsrate von rund 2,4 Kindern pro Frau im gebärfähigen Alter notwendig. Tatsächlich ist die Quote immer weiter gesunken, und zwar im Wesentlichen aufgrund der Einkindpolitik. Laut amtlichen Angaben ist sie seit dem Jahr 1990 von 2,1 auf 1,2 im Jahr 2015 gefallen. Das wäre eine der niedrigsten Fertilitätsraten der Welt.

Beobachter fragen sich allerdings schon lange, wie angesichts der rigoros durchgeführten Einkindpolitik schon 1990 eine Fertilitätsrate von 2,1 erreicht werden konnte. Sogar die Vereinten Nationen gehen weiterhin von einer surrealen Quote von 1,6 für 2015 aus. Ende Oktober 2016 tauchten erstmals in der angesehenen Wirtschaftszeitung "Di Yi Caijing" Meldungen auf, dass die Fertilität 2015 nicht bei 1,2 lag, sondern nur noch bei 1,047. Dabei berief sich das Blatt auf amtliche Meldungen auf Basis des Bevölkerungszensus 2015.

Die Presse geriet in helle Aufregung, und einen Monat später fanden sich in der Suchmaschine Baidu schon mehr als eine Mio. Treffer zum Schlagwort "Fertilitätsrate 1,047". Schon vorher hatte die "Volkszeitung" gemeldet, die Bevölkerung des Landes werde bis zum Jahr 2100 auf nur noch eine Mrd. sinken, und das, obwohl die Regierung die Einkindpolitik zum 1. Januar 2016 aufgehoben hat.

Ein Renten-Tsunami brandet an

Dass durch die Abkehr von der Einkindpolitik die Geburtenraten steigen, halten Bevölkerungsforscher ohnehin für unwahrscheinlich. Der Demograf Yi Fuxian von der Universität Wisconsin ist der Ansicht, dass die Fertilität aufgrund von Erfahrungen in Südkorea, Japan und Taiwan dauerhaft allenfalls auf 1,3 klettern wird.

Es ist völlig unklar, wie die Regierung diese demografischen Probleme in den Griff bekommen will. Schon im Jahr 2030 könnten die Alten etwa 30 Prozent der Bevölkerung ausmachen, berichtet das China Research Center of Aging. Ein wahrer Renten-Tsunami wird dann über das Land hereinbrechen. Eine Rentenversicherung gibt es praktisch nicht. Bislang wurde das einigermaßen dadurch kompensiert, dass sich die Jungen um die Senioren kümmerten. Das wird bald kaum noch funktionieren: Dann müssen zwei Junge vier Alte unterstützen. Und 270 Mio. Wanderarbeiter können den Alten in ihren Familien allenfalls rudimentär helfen. Realität und Zukunft der Senioren sehen also düster aus.

Des einen Leid ist des anderen Freud. Die Ausbreitung von Zivilisationskrankheiten wie Krebs, Bluthochdruck oder Diabetes sorgt zusammen mit der stetigen Überalterung für weiter steigenden Bedarf an Medikamenten und Medizintechnik in China. Von dieser Entwicklung konnten bislang auch deutsche Hersteller und Lieferanten stark profitieren.

In Knollwood, einer Altenresidenz in der US-Hauptstadt Washington, ist ein Streichelroboter im Einsatz, der aussieht und sich anfühlt wie eine Babyrobbe. Das automatische Kuscheltier reagiert dank künstlicher Intelligenz auf die Senioren und wird vor allem bei Demenzpatienten eingesetzt. | © Stephen Crowley/MYT/ReduxRedux/laif Südkorea: Frauenbild im Wandel

Das traditionelle Rollenbild der Frau wandelt sich auch in Asien. Familie und Kinder verlieren an Bedeutung, die Zahl der Eheschließungen sinkt. Besonders ist das in Süd­korea zu beobachten: Neben Japan oder auch Deutschland ist es das Land, das weltweit mit der niedrigsten Geburtenrate und einer stark alternden Bevölkerung zu kämpfen hat. Die Fertilitätsrate im Land der Morgenstille erreichte im Jahr 2015 mit 1,24 einen der niedrigsten Werte im internationalen Vergleich. Nur 439.000 Babys erblickten 2015 in Südkorea das Licht der Welt. Im Jahr 1980 war die Zahl noch etwa doppelt so hoch. Und das hat eben auch damit zu tun, dass es in Südkorea immer weniger Eheschließungen gibt: 2015 zählte die koreanische Behörde Statistics Korea nur noch 5,9 Hochzeiten pro 1.000 Einwohner, der niedrigste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1970. Seinerzeit lag die Quote noch bei fast zehn Heiraten pro 1.000 Koreaner.

Das liegt an der schwachen Konjunktur und daran, dass immer mehr junge Menschen Schwierigkeiten haben, Arbeit zu finden. Gleichzeitig konzentrieren sich südkoreanische Frauen verstärkt auf ihre berufliche Karriere. In der traditionell strukturierten südkoreanischen Gesellschaft ist eine Ehe häufig noch immer die unabdingbare Voraussetzung für die Akzeptanz von Nachwuchs. Wird nicht geheiratet, muss die Geburtenrate zwangsläufig sinken. Der Anteil von Singles an allen Haushalten Südkoreas lag im Jahr 2015 schon bei 27,2 Prozent. Diese Wohnform ist dort mittlerweile die häufigste, gefolgt von Zweipersonenhaushalten mit einem Anteil von 26,1 Prozent. Noch im Jahr 2005 war der Vierpersonenhaushalt die gängigste Lebensform. Dieser Trend dürfte sich in den kommenden Jahren fortsetzen. Bis 2020 soll der Anteil der Singlehaushalte gemäß Prognosen von Statistics Korea auf 32 Prozent anwachsen. Diese Individualisierung wirkt direkt auf die Konsumgütermärkte .

Die Folgen der Entwicklung für die Wirtschaft sind bereits spürbar: Im laufenden Jahr soll die Zahl der Erwerbspersonen in Südkorea nach Schätzungen der Deutsch-Koreanischen Industrie- und Handelskammer erstmals sinken. Die Industrievertreter befürchten dadurch negative Folgen für das wirtschaftliche Wachstum des asiatischen Landes. Experten der Handelskammer befürchten, dass in Südkorea im Jahr 2026 mehr als 20 Prozent der Menschen älter sein werden als 65, was den Übertritt in eine sogenannte "Super-Aging Society" markieren würde. Bis zum Jahr 2060 dürften den Hochrechnungen von Statistics Korea zufolge die über 65-Jährigen sogar mehr als 40 Prozent der Gesamtbevölkerung Südkoreas ausmachen.


Fünf Megatrends: So wirkt sich die Alterung der Gesellschaft aus

1. Weniger Nachwuchs

Für Unternehmen dürfte es schwerer werden, frei werdende Stellen mit adäquat ausgebildeten Kräften neu zu besetzen. Dies gilt insbesondere für Unternehmen in ländlichen Räumen, die zusätzlich zu den niedrigen Nachwuchszahlen unter einer starken Abwanderung leiden. Als Anpassungsstrategie ist hier Kreativität gefragt, etwa durch das Rekrutieren ausländischer Arbeitskräfte. Die rechtlichen Möglichkeiten hierfür bestehen.

2. Mehr ältere Beschäftigte

Schon heute ist das Durchschnittsalter in vielen Unternehmen weit über 40 Jahre. In den kommenden Jahren dürfte es weiter steigen. Entsprechend wichtiger wird es, Beschäftigte durch Weiterbildungen und Gesundheitsprävention länger produktiv zu halten.

3. Neue Zielgruppen

Rentner in Deutschland sind finanziell noch immer recht gut abgesichert. Je mehr Menschen den Ruhestand erreichen, desto stärker gewinnen ältere Menschen als Konsumenten an Bedeutung. Da sie aber häufig andere Produkte nachfragen als die jüngeren Altersgruppen, entstehen für Unternehmen hier neue Zielgruppen und Märkte.

4. Individuellere Rentenübergänge

Je länger das Erwerbsleben dauert, desto mehr Möglichkeiten gibt es, den Übergang in die Rente zu gestalten. In manchen Berufen ist es schlichtweg nicht möglich, in Vollzeit bis 67 zu arbeiten. Es wird daher in Zukunft mehr Varianten geben, schrittweise in Rente zu gehen oder auch Rente und Erwerbsleben zu verknüpfen, beispielsweise über Teilrenten. Um attraktiv für Fachkräfte zu bleiben, müssen sich Unternehmen flexibel auf diese Entwicklung einstellen.

5. Schwieriges Umfeld für Neugründungen und Innovationen

Die meisten Firmen werden von Menschen zwischen 30 und 40 gegründet. Auch Innovationen finden häufig nicht im letzten Drittel des Erwerbslebens statt. Vor diesem Hintergrund kann sich die Alterung der Belegschaften negativ auf die Innovationskraft auswirken. Firmen müssen daher entsprechend stärker in der Innovationsförderung tätig werden.

Quelle: Stephan Sievert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, 2016

Eine neue Ökonomie des Alterns

In diesen neuen, alten Gesellschaften der Industrienationen stellen sich für Unternehmen völlig neue Fragen. Einerseits lassen die geistigen und körperlichen Fähigkeiten von Mitarbeitern im Alter in der Regel nach. Wenn Kollegen, Vorgesetzte oder Kunden altern, wie können Unternehmen dann weiter innovativ und wettbewerbsfähig bleiben? Immer mehr Unternehmen lassen sich daher beraten, um ihren Betrieb demografiefit zu machen. Laut einer bundesweiten Umfrage ist die Nachfrage nach der qualifizierten Demografieberatung seit 2013 um rund 30 Prozent gestiegen, weiß Leonora Fricker, Leiterin des Programms "rebequa", das kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) im Umgang mit den Folgen des demografischen Wandels unterstützt. Im Rahmen des "rebequa"-Programms erfolgt die Beratung in drei Schritten: Am Anfang steht die Ermittlung der betrieblichen Demografie anhand der Altersstrukturanalyse. "Die Ergebnisse sind für viele Geschäftsführer und Personalleiter ein Augenöffner", sagt Fricker.

Im zweiten Schritt werden geeignete Maßnahmen in allen betrieblichen Handlungsfeldern gemeinsam mit der Geschäftsführung und der Belegschaft entwickelt. Im letzten Schritt wird ein Demografiecontrolling etabliert. Das Ziel der Demografieberatung: "Eine altersausgewogene Personalstruktur im Betrieb", erklärt Fricker. Das vollständige Interview mit Leonora Fricker lesen Sie hier.

Alterung in Zahlen | © GTAI/Kammann Rossi

Ältere punkten mit Erfahrung

Andererseits zeichnen sich ältere Berufstätige aber auch durch einen wesentlich größeren Erfahrungsschatz aus, können besser mit komplexen Situationen umgehen. Nicht umsonst machen Unternehmen mit sogenannten Senior Experten bereits gute Erfahrungen. Der Senior Experten Service (SES), 1983 als Pilotprojekt des Deutschen Industrie- und Handelskammertags gestartet, führt in seiner Kartei mittlerweile mehr als 12.000 Senior Experten, also Fach- und Führungskräfte, die bereits im Ruhestand sind und die aus allen kaufmännischen, technischen, handwerklichen, medizinischen und sozialen Berufen kommen. Lesen Sie hier ein Interview mit der Geschäftsführerin Susanne Nonnen sowie ein Case Study zum SES.

Auch die Unternehmensgründer werden unweigerlich älter. Der Deutsche Startup Monitor des Bundesverbands Deutsche Startups zeigt: Der Anteil der 45- bis 54-Jährigen unter den Gründern legt stetig zu. Zwischen 2013 und 2016 stieg er von 9,6 auf 15,2 Prozent. Des Weiteren sind bereits 4,5 Prozent der Gründer in Deutschland 55 oder älter. Das muss keineswegs ein Makel sein: Colonel Sanders, der Gründer von Kentucky Fried Chicken, war schon 50, als er sein Geheimrezept fertiggestellt hatte, und 62, als er mit dem Anwerben von Franchisepartnern begann. Ray Kroc war schon 52, als er, damals noch ein Vertreter von Milchshakemixern, erstmals das Hamburgerrestaurant der Gebrüder McDonald betrat, dessen großes Geschäftspotenzial erkannte und dieses dann zielstrebig realisierte.

Rüstige und sportliche Senioren: Hier kämpft David Glatfelter (80) bei den New Jersey Senior Olympic Games um eine Medaille. | © Roger Kisby/ReduxRedux/laif USA: Selbstbewusste Alte

In den USA steht man dem Altern generell offener gegenüber als in vielen anderen Industrienationen. Auch die amerikanischen Senioren selbst haben eine auffällig positive Einstellung zum Altern. Klarer Beleg für diesen Trend: Im US-Präsidentschaftswahlkampf im vergangenen Jahr waren die drei wichtigsten Kandidaten allesamt an die 70 Jahre oder älter. Zwar altert die Gesellschaft in den USA nicht ganz so schnell wie die in Europa. Doch auch dort wird der Bevölkerungsanteil der über 65-Jährigen bis zum Jahr 2030 von rund 15 auf 21 Prozent zunehmen. Laut US-Zensus wird es im Land dann rund 72 Mio. Menschen in dieser Altersklasse geben (2015: 48 Mio.).

Treiber dieser Entwicklung sind vor allem die geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge der Babyboomer. Die ersten dieser zwischen 1946 und 1964 Geborenen haben das Rentenalter bereits erreicht. Bis 2030 werden dann alle diese Schwelle überschritten haben. Das Zepter der größten Generation haben sie zwar schon an die aufstrebenden Millen­nials abgegeben. Doch während Letztere noch mit der Abzahlung von Studienkrediten und den Spätfolgen der Finanzkrise kämpfen müssen, sitzen die Boomer immer noch an den ökonomischen Schalthebeln des Landes. Laut dem Marktforschungsinstitut Nielsen kontrollieren sie in den USA immerhin rund 70 Prozent des verfügbaren Einkommens. Darüber hinaus werden ihnen in den nächsten Jahren noch etliche Billionen US-Dollar an Erbschaften zufließen.

Als Kundenzielgruppe gewinnen die Oldies aber vor allem durch ihren Lebensstil an Bedeutung. Denn die häufig vom Zeitgeist der 68er geprägten Senioren wollen bis ins hohe Alter reisen und so lange wie möglich aktiv bleiben. "Ein Rentnerdasein in unserem Vorstadthaus kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen", sagt etwa die 61-jährige Anna B. aus dem Norden Virginias, die für ihren Beruf noch einige Jahre täglich nach Downtown-Washington pendeln wird. "Später möchte ich am liebsten in ein City-Apartment ziehen, um die örtliche Restaurant- und Kulturszene genießen zu können." Anna will nicht aufs Altenteil abgeschoben werden. Ein Umzug in ein betreutes Seniorendomizil wäre für sie ein Graus. "Solange ich kann, werde ich für meine gesundheitlichen Belange selber sorgen." Clevere Unternehmen machen sich dies zunutze, indem sie etwa spezielle Fitnesskurse für Silver Sneaker oder seniorengerechte Lebensmittelsortimente anbieten. Ein großer Wachstumsmarkt sind auch telemedizinische Versorgungskonzepte.

Ratschläge bieten sich zuhauf

Am Ende dieser kleinen demografischen Weltreise steht also das Fazit: An der Alterung und ihren Folgen kommen Unternehmen in den wirtschaftlich starken Ländern nicht mehr vorbei. Es gilt also, das Beste daraus zu machen. "Die Notwendigkeit ist der beste Ratgeber", wusste schon der alte Dichterfürst Goethe.

Und Ratschläge bieten sich ja zuhauf: Auf Branchenebene beispielsweise zeigt Japan, wie durch die Verschmelzung von Medizintechnik und Robotik neue Absatzpotenziale erschlossen werden können. Auf der Ebene des Kundenverhaltens stehen unter anderem die amerikanischen Senioren im Fokus: Diese Alten waren schon länger "jünger" und sind mit ihren Aktivitäten und ihrer Konsumfreudigkeit stilbildend geblieben. Nicht zuletzt kann der Umgang mit der stetig wachsenden Ressource "alternde Arbeitnehmer" studiert werden, beispielsweise durch Forschungsergebnisse für den richtigen Einsatz altersgemischter Teams oder durch die Erfahrungen des SES mit seinen zeitlich begrenzt tätigen Senior Experten.

Generell kann sich ein kleines oder mittleres Unternehmen laut Leonora Fricker, Leiterin des "rebequa"-Programms, an fünf Punkten orientieren, um sich auf die Alterung vorzubereiten: Erstens, sagt Fricker, müsse ein Paradigmenwechsel her. "Ältere Mitarbeiter sind Leistungsträger." Zweitens sei der demografische Wandel aus ihrer Sicht kein Personalproblem, sondern ein Querschnittsthema. Drittens müsse die Geschäftsführung voll und ganz hinter dem Projekt stehen und bereit sein, Maßnahmen zu ergreifen. Viertens habe die Geschäftsleitung Vorbildfunktion. Fünftens müsse die Belegschaft für das Projekt gewonnen werden.

Auf betrieblicher Ebene gibt es also genügend Ansatzpunkte und Maßnahmen, um den negativen Folgen der Alterung zu begegnen und von den positiven zu profitieren. Und auf individueller Ebene gilt sowieso schon immer: Alt sind nur die anderen.

"Altersgemischte Teams sind kein Allheilmittel"

PD Dr. Stephan Getzmann und Dr. Wladislaw Rivkin, Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo) | © GTAI

Stephan Getzmann (li.) und Wladislaw Rivkin vom Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo) über die Erfahrung älterer Mitarbeiter und das Für und Wider altersgemischter Teams.

Wie wirkt sich die Alterung auf den arbeitenden Menschen aus: Was wird schlechter, was wird besser?

Stephan Getzmann: Die perzeptuellen und kognitiven Fähigkeiten lassen im Durchschnitt nach. So hören und sehen Ältere schlechter. Ferner sind sie häufiger weniger flexibel, das heißt, das Wechseln von einer Aufgabe zur anderen beziehungsweise das Anpassen an geänderte Rahmenbedingungen fällt ihnen schwerer.

Es gibt aber auch Fähigkeiten, die sich mit dem Alter entwickeln; diese sind meist erfahrungsbezogen. Ein älterer Mensch weiß zum Beispiel eher, mit komplexen Situationen umzugehen, da er diese in seinem Leben häufiger erlebt hat. Ferner nehmen Fähigkeiten, wie zum Beispiel die Sprachverarbeitung und die Sprachinterpretation, zumeist nicht ab. Die sogenannte kristalline Intelligenz, das Weltwissen, hat ein Älterer also viel besser als ein Jüngerer. Schlechter schneiden Ältere bei der fluiden Intelligenz ab, also bei den eher auf Geschwindigkeit bedachten Funktionen.

Zwei Sachen möchte ich dabei jedoch betonen: Zum einen öffnet sich mit zunehmendem Alter die Schere zwischen den Älteren, die eine Sache gut können, und denen, die sie nicht so gut können. Zum anderen ist es schwierig, vom Durchschnitt auf die individuelle Alterung einer bestimmten Person zu schließen, denn auf den Alterungsprozess wirken sehr viele Dinge ein.

Sind altersgemischte Teams ein Allheilmittel, um den Folgen der Alterung der Belegschaft entgegenzuwirken?

Wladislaw Rivkin: Eine altersheterogene Zusammensetzung von Teams ist im Gegensatz zu populären Ansichten für die Arbeits­leistung und die psychische Gesundheit der Mitarbeiter wie auch für die Innovationsfähigkeit per se nicht gut. Es gibt dabei ein „Aber“. Und dieses betrifft die Rahmenbedingungen, unter denen die Teams arbeiten. Unsere Untersuchungen zeigen, dass es zum Beispiel von der Aufgabenschwierigkeit abhängt, ob altershomogene oder -heterogene Teams leistungsfähiger sind. Bei einfachen Aufgaben haben altershomogene Teams die Nase vorn, bei komplexen Aufgaben altersheterogene Teams.

Mit dem Verbundprojekt INNOKAT hat das IfADo einen neuartigen Lösungsansatz bereitgestellt, der speziell kleine und mittelständische Unternehmen dabei unterstützt, die Innovationsleistung altersgemischter Belegschaften zu fördern.

Lesen Sie das ganze Interview hier.