Branchencheck

06.08.2019

Branchencheck - Algerien (August 2019)

Inhalt

In einigen Branchen wird politische Entwicklung abgewartet / Von Peter Schmitz

Tunis (GTAI) - Algerien visiert in vielen Sektoren eine höhere lokale Produktion an. Positive Meldungen kommen aus der Pharma-, Textil- und Nahrungsmittelindustrie.

Chemische Industrie: Pharmaindustrie entwickelt sich gut

Zum Jahresbeginn 2019 hatte es positive Meldungen aus der Chemieindustrie Algeriens gegeben. Die Pharmaindustrie wies in den vergangenen Jahren zweistellige Wachstumsraten vor. Der lokale Markt gilt als der zweitwichtigste Afrikas, zudem kann mittelfristig der Export in andere Länder des Kontinents zunehmen. Eine Anlage zur Produktion von 550.000 Tonnen Polypropylen plant Total in einem Joint Venture mit Sonatrach in Arzew. Das wichtigste Projekt der Phosphatindustrie scheint dagegen auf der Kippe zu stehen: Im Mai 2019 verkündete die Regierung, dass es keine Antworten auf die Ausschreibung zum Bau des Phosphatkomplexes im Osten des Landes gegeben habe, was auch die geplante Düngemittelfabrik in Annaba betrifft.

Bauwirtschaft: Schwierige Zeiten für lokale Unternehmen

Die lokale algerische Bauindustrie sieht sich mit großen Finanzierungsproblemen konfrontiert. Seit Jahresbeginn 2019 hätten 3.200 algerische Bauunternehmen schließen müssen, etwa 265.000 Arbeitsplätze seien verloren gegangen, so die Association générale des entrepreneurs algériens AGEA. Die Zahlen aus den Jahren 2017 und 2018 waren noch ermutigend, weil es danach aussah, als hätte der Bausektor die leichte Krise nach 2015 überstanden. Wichtigster Auftraggeber im Bausektor ist der algerische Staat, die ausführenden Unternehmen sind zum Großteil lokale Privatunternehmen. Die AGEA fordert einen Dialog zwischen den Unternehmen und den wichtigsten betroffenen Ministerien, um die Situation zu lösen.

Weitere Informationen:

Branchenanalyse: Algeriens Bauwirtschaft wächst stärker als die Gesamtwirtschaft (Juli 2019)

http://www.gtai.de/MKT201907058011

Öl und Gas: Investoren warten auf neues Gesetz

Ein neues Öl- und Gasgesetz (loi des hydrocarbones) lässt weiter auf sich warten. Kurz vor dem Rücktritt von Ex-Präsident Bouteflika gab es Berichte, dass es im September 2019 in Kraft treten sollte. Derzeit gibt es geringe Aussichten darauf, dass dies bald geschieht. Algeriens Öl- und Gasproduktion braucht Investitionen, um trotz des steigenden Eigenbedarfs langfristig weiterhin exportieren zu können. Gespräche mit mehreren internationalen Firmen liegen auf Eis. Seit dem Rücktritt von Bouteflika gibt es auch bei Sonatrach Turbulenzen und Korruptionsvorwürfe. 2018 hatte Sonatrach Investitionen von 9 Milliarden US-Dollar (US$) bis 2030 angekündigt, die nun in Frage stehen. Im Juni 2019 unterzeichnete Sonatrach immerhin mehrere Lieferverträge.

Energiewirtschaft: Erneuerbare Energien entwickeln sich langsam

Algerien will seine Kapazitäten zur Energieerzeugung von aktuell 21 auf 33 Gigawatt im Jahr 2022 steigern. Dazu sind auch 34.000 Kilometer neuer Hochspannungsleitungen geplant. 1999 lagen die Kapazitäten noch bei 6 Gigawatt. Erneuerbare Energien spielen bisher eine untergeordnete Rolle. Nach offiziellen Angaben liegen die Kapazitäten bei etwa 340 Megawatt. Eine im November 2018 gestartete Ausschreibungsrunde für Projekte von insgesamt 150 Megawatt brachte acht Angebote ein. Grundsätzlich ist auch geplant, bei der Energieerzeugung für die Öl- und Gasförderung stärker auf Solarenergie zu setzen.

Kfz-Produktion: Importreglementierung für Montagekits verunsichert Hersteller

Die algerische Regierung hat Quoten für die Einfuhr von Pkw-Montagekits beschlossen. Damit reagierte sie auf den starken Anstieg der Kits. In den ersten vier Monaten des Jahres waren Kits im Wert von 920 Millionen US$ eingeführt worden, etwa 20 Prozent mehr als in den ersten vier Monaten 2018. Nissan will ab 2020 Pkw in Oran produzieren und dafür 160 Milllionen US$ investieren. Dazu sollen auch lokale Zulieferer eingebunden werden. Nissan möchte dabei mit seinem Partner Renault kooperieren, der bereits eine Fabrik in Oran betreibt. Laut Vorgabe muss der lokale Beitrag drei Jahre nach Produktionsstart bei 15 Prozent liegen, nach fünf Jahren bei 40 Prozent.

Textilindustrie: Aufleben nach langem Niedergang

Algeriens Textilindustrie gewinnt wieder an Boden. Nach dem Geschäftsführer der staatlichen Groupe Getex ist der Marktanteil der lokalen Textilhersteller von 4 Prozent im Jahr 2016 auf 20 Prozent 2018 gestiegen. Im September 2019 soll eine neue Spinnerei mit einer Jahreskapazität von 9.000 Tonnen die Produktion aufnehmen, damit könnte der Anteil der lokalen Produktion auf etwa 45 Prozent steigen. Die Fabrik ist Teil des Megaprojekts Tayal. Dieses Gemeinschaftsvorhaben der türkischen Tay Grouppe mit algerischen Partnern umfasst mehrere Stufen der Textilproduktion. Die deutsche Brückner Gmbh lieferte Anlagen für die Produktion von Hosen, Hemden und T-Shirts. Insgesamt sind Investionen von 800 Millionen US$ vorgesehen. Neben Investitionen in die Produktion ist auch ein Schulungszentrum geplant.

Umwelttechnik/Wasserwirtschaft: Verdreifachung der Ausgaben bis 2035

Im Jahr 2018 wendete Algerien für die Abfallentsorgung etwa 500 Millionen Euro auf; bis 2035 werden etwa 1,4 Milliarden Euro prognostiziert. Das Müllaufkommen wird sich bis dahin auf etwa 70 Millionen Tonnen pro Jahr verdoppeln. Die Recyclingquote soll bis 2025 von 7 auf 30 Prozent steigen. Der Aufbau einer Kreislaufwirtschaft könnte 100.000 Arbeitsplätze schaffen und Einnahmen von 300 Millionen Euro erzielen. Erfolge konnte Algerien bei der Wasserversorgung erzielen, die Netzanschlussquote liegt bei 98 Prozent. Herausforderungen sind die Reduzierung der Leitungsverluste (Länge des Netzes: 127.000 Kilometer), die Steigerung der landwirtschaftlichen Bewässerung mit behandeltem Abwasser sowie die Entschlammung der zahlreichen Stauseen und die Sicherung der Uferbereiche, um die Verschlammung in Zukunft zu reduzieren.

Nahrungsmittelindustrie: Kühlkette und Stromversorgung sind die ersten Hürden

Die Nahrungsmittel verarbeitende Industrie ist nach dem Öl- und Gassektor der wichtigste Industriesektor Algeriens. Von den etwa 23.000 Unternehmen sind 95 Prozent privat geführt. Im Jahr 2018 importierte Algerien Nahrungsmittel im Wert von etwa 8,5 Milliarden US$, die Exporte betrugen etwa 373 Millionen US$. Grundsätzlich ist das Entwicklungspotenzial groß. Die Investionen lagen 2018 bei 1,8 Milliarden Euro, berichtete das Ministerium für Industrie und Bergbau. Vor allem die sichere Elektrizitätsversorgung und die Aufrechterhaltung der Kühlkette sind große Herausforderungen.

Dieser Artikel ist relevant für:

Algerien Nahrungs- und Genussmittel, allgemein, Energie, Wasser, Wärme, allgemein, Bauwirtschaft, allgemein, Textilien, Bekleidung, Leder, allgemein, Umweltschutz, Entsorgung, Klimaschutz, allgemein, Chemische Industrie, allgemein, Fahrzeuge, -zubehör, allgemein, Öl, Gas

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