Branchencheck

29.05.2019

Branchencheck - Italien (Mai 2019)

Inhalt

Schwache Konjunktur schlägt auf viele Branchen durch / Von Oliver Döhne

Mailand (GTAI) - Italiens Industrie erlebt zurzeit eine Durststrecke und wartet auf neue wirtschaftspolitische Impulse. Eine Ausnahme ist der Markt für Medizintechnik.

Maschinenbauindustrie: Investitionslaune vorerst verdorben

Der Maschinenbau kühlt sich, nach einem guten Vorjahr, zurzeit ab und wird 2019 voraussichtlich kaum zulegen. Der Inlandsabsatz wird laut Branchenverband Federmacchine im laufenden Jahr sogar um etwa 2,5 Prozent zurückgehen. Fast alle Abnehmerbranchen stagnieren. Unternehmen halten sich angesichts politischer und konjunktureller Unsicherheiten sowie drohender Handelskriege mit Investitionen zurück. Die meisten Experten rechnen für die Ausrüstungsinvestitionen 2019 mit einem deutlichen Minus. Um eine Rezession zu vermeiden, hat die Regierung im April 2019 die Sonderabschreibung für Kapitalgüterkäufe (Superammortamento) wieder eingeführt. Die Fördermaßnahme war vorübergehend gestrichen worden.

Weitere Informationen:

Maschinenbau in Italien nach Rekordjahr etwas schwächer:

http://www.gtai.de/MKT201905218007

Chemieindustrie: Gedrosselte Produktion

Die chemische Industrie leidet unter der schwachen Nachfrage im In- und Ausland. Besonders die noch immer kränkelnde Bauindustrie sowie die angeschlagene Kfz-Industrie in Italien und Deutschland machen der Branche zu schaffen. Italien importiert insbesondere Basischemikalien, die es weiterverarbeitet. Deren Einfuhr, auch aus Deutschland, lag im Januar 2019 deutlich unter dem Vorjahresniveau. Für die inländische Produktion erwartet der Branchenverband Federchimica 2019 nur noch ein Plus von 0,7 Prozent. Neben der schwachen Nachfrage haben die einheimischen Produzenten mit hohen Energiepreisen und schwierigen Entsorgungsmöglichkeiten für Industrieabfälle zu kämpfen. Der wertmäßige Umsatz von Medikamenten legte 2018 um 2,4 Prozent zu. Apotheken verbuchten wegen günstiger Generika ein leichtes Minus.

Energiewirtschaft: Neue Ausschreibungen

Italien nimmt sich in seinem Nationalen Plan für Energie und Klima, den es Anfang 2019 in Brüssel einreichte, vor, den Anteil Erneuerbarer Energie am Strommix bis 2030 von 18 Prozent auf 30 Prozent zu erhöhen. Im Fokus des Plans stehen Windkraft und Fotovoltaik, deren Kapazität von 10 Gigawatt auf 18,4 Gigawatt beziehungsweise von rund 20 Gigawatt auf rund 51 Gigawatt steigen soll. Die Regierung will bis 2021 insgesamt 7 Gigawatt über das britische Modell Contract for Difference (CfD) ausschreiben. Außerdem wird es langfristige Abnahmeverträge (Price Purchase Agreement) geben. Der Energieversorger Acea investiert 200 Millionen Euro in seinen Photovoltaik-Park, bis 2022 soll die Kapazität auf 150 Megawatt steigen. Besondere Chancen sehen Experten in der Überarbeitung (Revamping/Repowering) bestehender Anlagen. Energieeffizienzmaßnahmen für Gebäude genießen weiter großzügige Förderung.

Weitere Informationen:

Italien fördert Energieeffizienz von Gebäuden:

http://www.gtai.de/MKT201904028004

Hohe Strompreise wirken in Italien als Anreiz für mehr Energieeffizienz: http://www.gtai.de/MKT201904158007

Bauwirtschaft: Infrastruktur könnte Impulse geben

Die Bauwirtschaft hat, trotz zwischenzeitlich hoffnungsvoller Anzeichen, immer noch nicht zu neuer Dynamik gefunden. Den Stillstand im Infrastrukturausbau soll nun eine neue Baustellen-Entblockierungs-Offensive (Sblocca Cantieri) in Schwung bringen, die aber zahlreiche dringende Großprojekte außen vor lässt. Alleine die Bahngesellschaft FS hat bis 2023 Projekte im Wert von 58 Milliarden Euro auf dem Tisch. Im Hochbau zieht Mailand das Interesse internationaler Investoren auf sich. Im Gespräch sind Projekte im Wert von 10 Milliarden Euro. Interessante Perspektiven bestehen laut Branchenkennern auch bei Hotels sowie bei Bürogebäuden in Rom und Mailand.

Weitere Informationen:

Italiens vernachlässigte Infrastruktur rückt in den Mittelpunkt: http://www.gtai.de/MKT201810188008

Italiens Hochbau erholt sich leicht:

http://www.gtai.de/MKT201810158000

Gesundheitswirtschaft: Gute Importnachfrage

Der Markt für Medizintechnik expandiert, berichtet der Branchenverband Confindustria Dispositivi Medici. Der Bedarf in staatlichen Krankenhäusern ist besonders groß, aber die Regierung hat andere Prioritäten. Immer mehr Italiener nutzen private Dienstleister. Der Inlandsabsatz der Branchenfirmen summiert sich auf etwa 11,4 Milliarden Euro. Die Importe lagen 2018 bei rund 7,7 Milliarden Euro. Besonders gut lief die Einfuhr von Elektrodiagnosegeräten, Spritzen/Nadeln/Kathetern/Kanülen sowie Therapie- und Atemgeräten. Bezüglich Prävention und Monitoring über Apps und Smartphones sind Italiener grundsätzlich positiv eingestellt. Kritischer sehen sie das Teilen persönlicher Daten. Das geht aus einer aktuellen Untersuchung von Confindustria Dispositivi Medici (Tech4Health) hervor.

Weitere Informationen:

Medizintechnik in Italien ist überaltert:

http://www.gtai.de/MKT201812198001

Nahrungsmittelindustrie: Einzelne Segmente noch mit Wachstum

Sinkendes Konsumentenvertrauen, Preissteigerungen über der Inflationsrate und erhöhte Arbeitslosigkeit bremsen den Absatz von Lebensmitteln. Für 2019 geht der Informationsdienst IRi von einem wertmäßigen Absatzplus von 0,8 Prozent und einem mengenmäßigen Zuwachs von 0,2 Prozent aus. Positive Ausnahmen sind Schokolade/Süßigkeiten, Bier, Wein und Spirituosen sowie Produkte die aktuellen Branchentrends wie Convenience, bewusste/gesunde Ernährung und Zurückverfolgbarkeit der Produktion entsprechen. Premiumprodukte wachsen auch in ansonsten rückläufigen Segmenten. Ebenfalls gut läuft der Foodservice-Sektor. Auch bei schwacher Konjunktur verzichten Italiener ungern auf den Restaurantbesuch.

Textil- und Bekleidungsindustrie: Export kompensiert schwachen Inlandsmarkt

Die Mode- und Textilindustrie leidet unter dem schwachen Binnenmarkt: In den ersten drei Monaten 2019 brach der Inlandsumsatz im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum um 6,6 Prozent ein. Die Sparte Kleidung traf es mit einem Minus von 8,1 Prozent besonders hat. Für das 1. Halbjahr 2019 erwartet der Branchenverband Confindustria Moda für den Inlandsmarkt kein Wachstum, für den Export ein Plus von 1,8 Prozent und für den Import 1,3 Prozent mehr. Neben widrigen Faktoren im internationalen Umfeld sorgen auch interne Faktoren wie die Pensionierung vieler Branchenbeschäftigter für Probleme. Bei hochwertigen Textilien bleibt Italien die Nummer eins der Welt, mit den Hauptabsatzmärkten China und Hongkong und einem Fokus auf Forschung und Entwicklung.

Weitere Informationen:

Italienische Modeindustrie auf Innovationskurs:

http://www.gtai.de/MKT201805248004

Italiens Schuh- und Lederindustrie will digitaler werden:

http://www.gtai.de/MKT201903228002

Kfz-/Kfz-Teile-Produktion: Neuzulassungen auf Talfahrt

Nach zwölf Monaten Rückgang zeigte der Kfz-Absatz im April 2019 wieder ein Lebenszeichen und legte gegenüber April 2018 um 1,5 Prozent zu. Die ersten vier Monate brachten aber immer noch ein Minus von 4,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Seit März 2019 gilt für Neufahrzeuge ein Bonus-Malus-System, das je nach CO2-Ausstoß einen Auf- beziehungsweise Abschlag auf den Kaufpreis enthält. Aufgrund der noch geringen Zahl von Elektrofahrzeugen wird sich dies vorerst bremsend auf die Branchenkonjunktur auswirken. Die Neuanmeldungen von Dieselfahrzeugen gehen stark zurück, Elektrofahrzeuge nehmen auf kleiner Basis stark zu. Die Fiat-Chrysler Gruppe (FCA) will im Zeitraum 2019 bis 2021 rund 5 Milliarden Euro in Italien investieren, ein Schwerpunkt liegt bei E-Fahrzeugen. US-Zölle wären ein schwerer Schlag, besonders für die Zulieferer.

Weitere Informationen:

Schwacher Inlandsmarkt bremst Italiens Kfz-Industrie:

http://www.gtai.de/MKT201810228004

E-Autos in Italien noch ein Nischenprodukt:

http://www.gtai.de/MKT201803128029

Umwelttechnik (Wasser/Abfall/Luft): Abfallwirtschaft auf dem Weg in die Krise

Italiens Abfallwirtschaft bewegt sich auf eine Krise zu, die sich ausgerechnet in der Emilia-Romagna zuspitzt, einer der modernsten Regionen des Landes. Unternehmen haben Probleme ihre Reststoffe loszuwerden, da alle Sammelstellen und Müllverarbeitungsanlagen voll oder überlastet sind. Neue Anlagen scheitern an Bürokratie und Anwohnerablehnung (not in my backyard). Zwar wird viel Müll getrennt und recycelt. Für recycelte Stoffe gibt es jedoch keinen funktionierenden Markt, da zum Beispiel Gewinner staatlicher Ausschreibungen nicht verpflichtet sind, recycelte Materialien zu verwenden. Die Wasserwirtschaft wird gerade rückverstaatlicht. Statt Public Private Partnerships oder privaten Versorgern werden bald staatlich gelenkte Spezialunternehmen zuständig sein. Das halten viele Kritiker für einen Rückschritt.

Weitere Informationen:

Italiens Wasserwirtschaft muss investieren:

http://www.gtai.de/MKT201902088014

Italiens Abfallwirtschaft im Aufbruch:

http://www.gtai.de/MKT201803068009

Elektroindustrie: Haushaltsgeräte, Transport- und Infrastrukturausrüstung gut

Die Produktion von Haushaltsgeräten legt weiter zu, geht aber hauptsächlich in den Export. Gleichzeitig schwächelt der Inlandsmarkt, berichtet der Branchenverband Applia Italia. Ausnahmen sind Trockner, Kochflächen und Biomasseheizungen. Elextrolux investiert 130 Millionen Euro in zwei neue automatisierte Fertigungslinien am Standort Susegana, unter anderem in 25 Roboter. Der Verband der Elektroindustrie ANIE registrierte im 2. Halbjahr 2018 einen starken Rückgang der Umsätze seiner Mitglieder im Vergleich zum 1. Halbjahr, in fast allen Segmenten, sowohl in Italien als auch im Ausland. Nur Ausrüstungen für den Transport- und Infrastruktursektor erzielten ein Plus. Laut einer Umfrage unter den ANIE-Mitgliedern erwarten im Mai nur noch 39 Prozent für 2019 ein Umsatzplus, während es im Vorjahr 71 Prozent waren.

Weitere Informationen:

Italien fördert Energieeffizienz von Gebäuden:

http://www.gtai.de/MKT201904028004

Hohe Strompreise wirken in Italien als Anreiz für mehr Energieeffizienz: www.gtaide/MKT201904158007

Weitere Informationen zu Italien finden Sie unter www.gtai/Italien.de.

Dieser Artikel ist relevant für:

Italien Nahrungs- und Genussmittel, allgemein, Energie, Wasser, Wärme, allgemein, Bauwirtschaft, allgemein, Textilien, Bekleidung, Leder, allgemein, Umweltschutz, Entsorgung, Klimaschutz, allgemein, Chemische Industrie, allgemein, Gesundheitswesen allgemein, Fahrzeuge, -zubehör, allgemein, Maschinen- und Anlagenbau, allgemein, Elektronik, allgemein

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Barbara Kussel

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