Branchencheck

16.08.2018

Branchencheck - Jordanien (August 2018)

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Amman macht seine Hausaufgaben / Von Christian Glosauer

Bonn (GTAI) - Trotz schwierigen Umfelds zahlt sich die Langfriststrategie der Regierung aus, kalkulierbare Rahmenbedingungen zu schaffen. Investitionen wie bei erneuerbaren Energien zeigen den Weg.

Chemieindustrie: Hoffnung auf Nachfrage aus Syrien und Irak

Impulse für die jordanische Chemie werden durch anziehende Nachfrage in den Nachbarmärkten wie Syrien oder Irak kommen, dagegen ist vom Binnenmarkt angesichts des moderaten Konjunkturausblicks keine großer Schub zu erwarten.

Die chemische Industrie in Jordanien findet hauptsächlich Downstream von der Phosphat- und Kaliproduktion (Schwefelsäure, Phosphorsäure und Kaliumcarbonat), statt. Ein neuer Düngemittelkomplex für Pottasche und Phosphat ist in Aqaba für 1 Milliarde US-Dollar (US$) im Bau. Fertigstellung ist bis 2021 geplant. Die kleinere lokalisierte Chemieindustrie produziert vor allem für den lokalen Markt zum Beispiel Waschmittel oder Färbe- und Gerbstoffe, die teilweise auch im nennenswerten Umfang exportiert werden. Drittes Standbein ist eine sehr aktive Generikaproduktion für den internationalen Markt.

Energiewirtschaft: Erneuerbare legen einen Gang zu

Die bislang fast ausschließlich von Energieimporten abhängige jordanische Wirtschaft setzt zunehmend auf erneuerbare Energien und gehört inzwischen bei der Einführung entsprechender Technologien zu den Spitzenreitern in der Region. Das ursprüngliche Ziel, bis 2020 etwa 10 Prozent seiner elektrischen Energie aus Erneuerbaren zu beziehen, erscheint realistisch. Inzwischen werden in Amman ehrgeizigere Ziele von 25 Prozent formuliert. 2017 wurden 616 Millionen US$ in erneuerbare Projekte investiert, davon etwa 500 Millionen in Fotovoltaik. Ende 2018 soll das erste Elektrizitätsspeichervorhaben über 30 Megawatt unterschriftsreif sein. Damit wäre Amman das erste arabische Land mit einem Großspeicher überhaupt. Getrieben wird die Entwicklung auch von ausländischen Investoren (Golfstaaten) und Krediten internationaler Finanzierungsorganisationen.

Bauwirtschaft: Kommerzielle Projekte treiben die Bautätigkeit

Als mittel- und langfristiger Indikator für die Erwartungen in die wirtschaftliche Zukunft spiegelt die Bautätigkeit derzeit den verhaltenen Optimismus im Lande wider. In den ersten fünf Monaten von 2018 ist die Zahl der Baugenehmigungen um 12,5 Prozent auf 14.621 gesunken. Die genehmigte Fläche sank um 1,5 Prozent auf 5,7 Millionen Quadratmeter. Über die Hälfte der Bautätigkeit im Land entfällt auf den Großraum Amman. Impulse kommen eher von kommerziellen Projekten im Energiesektor (Windfarmen und Fotovoltaikanlagen), Straßenbau, Hafenbau (Ausbau von Aqaba auf 2,2 Millionen Zwanzigfußcontainer pro Jahr) oder gehobenen Wohnungsbauprojekten um Amman.

Gesundheitswirtschaft: Neue Krankenhäuser im Bau und in der Planung

Die Regierung möchte Jordanien als ein regionales Zentrum für Medizintourismus etablieren. Der Wettbewerb in der Region ist stark, die VAE geht in die gleiche Richtung und die Türkei oder Iran sind ebenfalls im Geschäft. Die Nachfrage im Inland wächst allein aufgrund der Bevölkerungsentwicklung. Entsprechend steigt die Zahl der Krankenhausbetten kontinuierlich. Zwischen 2015 und 2017 legte die Zahl der Krankenhäuser von 104 auf 116 zu während die Zahl der Betten von 13.143 auf 14.779 stieg. Im Bau sind neue Krankenhäuser unter anderem in Amman wie das Tafelih Krankenhaus ( 25 Mio. US$, 100 Betten) oder das Princess Basma Hospital (57 Millionen US$, 500 Betten). Einige andere Krankenhausprojekte sind allerdings auch in der Warteschleife wie zum Beispiel ein 500-Betten Haus für 500 Millionen US$ in Aqaba.

Bergbau: Jordanisches Kali und Phosphat hängen von internationalen Nachfrage ab

Die internationale Nachfrage nach Düngemitteln bestimmt den Ausblick für die überdurchschnittlich exportorientierte jordanische Bergbauindustrie. Die beiden Schwergewichte Phosphat- und Kaliproduktion konkurrieren auf dem Weltmarkt. 2017 stellte die Ausfuhr von unverarbeitetem Phosphat und Kali 13,4 Prozent der jordanischen Exporte. Geplante Grenzwerte der EU für den Cadmiumgehalt von Phosphatdünger könnten den Export nach Europa erschweren, was ein Ausweichen auf andere Märkte bei entsprechenden Preiszugeständnissen notwendig machen würde. Weitere Mineralien mit Potenzial sind unter anderem hochreiner Quarzsand, Magnesium, Kupfer, Uran und Zeolith. Das Land verfügt auch über eine große Bromproduktion aus dem Toten Meer (Jordan Bromine Co.).

Nahrungsmittelindustrie: Branche hofft auf besseren Marktzugang zur EU

Die jordanische Nahrungsmittelindustrie steht unter Druck. Der offene jordanische Markt setzt die Branche einem starken Wettbewerb durch Einfuhren aus. Dazu kommt seit Beginn der regionalen Krise der Wegfall wichtiger traditioneller Absatzmärkte wie Irak oder Syrien. Die große Branche mit etwa 2.500 Betrieben stagniert, da bei unsicherem Gesamtausblick Investitionen zurückgehalten werden. Die Lockerung von Ursprungsregelungen durch die EU könnte in Zukunft bessere Bedingungen für die Exporteure schaffen. Auch die allmähliche Befriedung Syriens bedeutet gute Nachrichten für die Branche. Der Wegfall von Absatzmärkten konnte zum Teil durch die wachsende Nachfrage im Binnenmarkt kompensiert werden, allerdings stellen die über 1 Million Flüchtlinge im Land keine besonders kaufkräftige Nachfrageschicht dar.

Textil- und Bekleidungsindustrie: Exportmotor Konfektionsbranche wächst

Das Wachstum der jordanischen Konfektionsbranche ist ungebrochen. Neue Investitionen sprechen für einen anhaltenden Trend für das Schwergewicht in der jordanischen Exportwirtschaft. Die Ausfuhren von Konfektionswaren stiegen in den ersten fünf Monaten von 2018 gegenüber dem Vorjahreszeitraum von 387,8 Millionen Jordanischen Dinar (1 JD = 1,22 Euro) auf 451,0 Millionen JD und stellten damit ein Viertel der Gesamtausfuhr in diesem Zeitraum. Die Branche produziert mit rund 50.000 Gastarbeitern (unter anderem aus Bangladesch) Konfektion für internationale Modemarken. Durch ein Abkommen mit den USA genießt Jordanien einen bevorzugten Zugang zum US-amerikanischen Markt. Der lokale Marktführer Classic Fashion Apparel Industry mit 24.000 Mitarbeitern und 10.000 Nähmaschinen wird seine Kapazitäten erweitern.

Umwelttechnik (Wasser/Abfall/Luft): Wasserentsalzung nimmt Fahrt auf

Wasserentsalzung wird künftig in Jordanien eine immer größere Rolle spielen. 2017 ging die erste Wasserentsalzungsanlage (Umkehrosmose) im Hafen Aqaba in Produktion (500 Kubikmeter pro Stunde). Jordanien leidet unter extremer Wasserknappheit und muss neue Wege gehen, um die steigende Nachfrage bei wachsender Bevölkerung befriedigen zu können. Dabei werden sich die derzeit stark expandierenden erneuerbaren Energien und die Wasserentsalzung perfekt ergänzen, da die Wasserentsalzung das Speicherproblem der Erneuerbaren elegant löst. Produzieren Sonne oder Wind Elektrizität im Überschuss, wird einfach Süßwasser erzeugt, das gespeichert werden kann.

Kfz-/Kfz-Teile-Produktion: Elektroautos und Hybride im Aufwind

Jordanien verfügt über keine eigene Kfz-Produktion oder Zulieferindustrie. Die aktuelle Kfz-Nachfrage ist Spiegelbild der verhaltenen gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Eine Sonderentwicklung gibt es bei Elektroautos und Hybriden, die über Zoll- und Zulassungsvergünstigungen bereits seit 2008 gefördert werden. Jordanien stellt sich damit zusammen mit den VAE an die Spitze bei Autos mit alternativen Antrieben in der Region. 2017 wurden 5.950 Elektroautos eingeführt nach nur 885 in 2016. Die Regierung hat Mitte 2018 verfügt, dass beim Neubau von Tankstellen zwingend auch Ladestationen für Elektroautos eingerichtet werden müssen. Die Zahl der Hybriden in Jordanien soll bei über 30.000 Fahrzeugen liegen. Synergien ergeben sich künftig mit dem rapiden Ausbau der Fotovoltaik, da damit Stromspitzen tagsüber durch die Elektrofahrzeuge aufgenommen werden können.

Dieser Artikel ist relevant für:

Jordanien Nahrungs- und Genussmittel, allgemein, Energie, Wasser, Wärme, allgemein, Bauwirtschaft, allgemein, Textilien, Bekleidung, Leder, allgemein, Umweltschutz, Entsorgung, Klimaschutz, allgemein, Chemische Industrie, allgemein, Bergbau / Rohstoffe, allgemein, Gesundheitswesen allgemein, Medizintechnik, allgemein, Fahrzeuge, -zubehör, allgemein

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