Branchencheck

03.07.2018

Branchencheck - Nigeria (Juli 2018)

Inhalt

Nahrungsmittelproduktion sticht positiv heraus / Von Carsten Ehlers

Lagos (GTAI) - Obwohl Nigeria seit Jahren unter einer heftigen Wirtschaftskrise leidet, gibt es weiterhin zahlreiche Geschäftschancen. Viel Geld fließt derzeit in den Aufbau der Landwirtschaft sowie in die industrielle Nahrungsmittelproduktion. Der riesige Markt mit über 190 Millionen Menschen muss versorgt werden. Deutlich geringer sind hingegen die Aktivitäten im Öl- und Gassektor sowie in den verschiedenen Infrastrukturbereichen. Hier hat Nigeria großen Nachholbedarf.

Chemieindustrie: Neue Düngemittelfabriken für die Landwirtschaft

In der Chemieindustrie ist mit steigenden Zulieferchancen zu rechnen. Insbesondere die sich in Lagos konzentrierende Körperpflegemittel- und Kosmetikindustrie dürfte weiter expandieren. Sie bedient einen Markt von mehr als 190 Millionen Menschen, der zudem stark wächst. Nivea hat erst im Jahr 2017 eine Produktion eröffnet. Zahlreiche Projekte im Bereich der Landwirtschaft sorgen zudem für spürbaren Nachfragezuwachs an Düngemitteln. In diesem Bereich kam oder kommt es zu mehreren Investitionen. Erst im Jahr 2017 eröffnete die indonesische Indorama bei Port Harcourt eine Düngemittelfabrik für 1,5 Milliarden US-Dollar (US$). Diese soll nun erweitert werden. Ein Bankenkonsortium stellte Mitte 2018 insgesamt 1 Milliarde US$ hierfür bereit. Auch die Dangote-Gruppe plant in Lekki den Bau einer Düngemittelproduktion.

Energiewirtschaft: Off-Grid-Solar-Lösungen könnten dem Norden helfen

Aufgrund der Unterversorgung des Marktes mit Strom ist der Bedarf an Lösungen konstant hoch. Trotz Privatisierung und Liberalisierung des Strommarktes seit 2012 fließt jedoch wenig Kapital in den dringend notwendigen Ausbau der Netze. Im Norden, wo das Netz besonders grobmaschig ist, kommen zunehmend netzungebundene Solar-Lösungen ins Spiel. Der Markt für Dieselgeneratoren ist nach wie vor riesig. Weil die dem Netz zur Verfügung stehenden etwa 4.000 Megawatt nur einen Bruchteil des Bedarfs decken, verfügen die meisten Unternehmen und reicheren Privathaushalte über eigene Generatoren. Diese Art der Eigenversorgung ist teuer. Daher versuchen gerade produzierende Unternehmen Strom einzusparen. Lösungen im Bereich der Energieeffizienz werden zunehmend nachgefragt.

Bauwirtschaft: Hoffen auf neue Infrastrukturprojekte ab 2019

Mit einer deutlichen Zunahme der Ausschreibungen im Infrastrukturbau ab dem Jahr 2019 ist zu rechnen, sobald feststeht, welche Regierung das Land führt. Durch die jetzt schon deutlich gestiegenen Ölpreise dürfte dem Staat deutlich mehr Geld für Maßnahmen zur Verfügung stehen als in den letzten Jahren. Gegenwärtig durchläuft der Bausektor eine Flaute. Im Jahr 2017 wurden aus Deutschland Baumaschinen im Wert von nur etwa 6,9 Millionen Euro nach Nigeria geliefert - der niedrigste Stand seit vielen Jahren. Chinesische Baufirmen kommen verstärkt auf den nigerianischen Markt und gewinnen aufgrund ihrer Kostenvorteile an Marktanteilen hinzu. Hingegen leiden Unternehmen wie Julius Berger stark unter der Krise und müssen sich verschlanken.

Weitere Informationen:

Branche kompakt: Nigerias Bauwirtschaft muss Kapazitäten abbauen, http://www.gtai.de/MKT201711158003

Gesundheitswirtschaft: Private Aktivitäten in Lagos

Insbesondere vonseiten privater internationaler Krankenhausinvestoren kommt derzeit Dynamik in den nigerianischen Gesundheitsmarkt. Mehrere Krankenhausprojekte vor allem in Lagos werden geplant beziehungsweise durchgeführt. Hierfür muss sowohl technisches Gerät als auch Personal aus dem Ausland eingeführt werden. Ebenfalls investiert wird in den Bau neuer Diagnostikzentren und Labore. Geringe Aktivitäten führt hingegen derzeit der Staat durch, weil ihm das Geld für neue Einrichtungen fehlt. Ändern könnte sich dies ab Ende des Jahres 2019, wenn feststeht, welche Regierung das Land führen wird. Durch den steigenden Ölpreis dürfte dem Staat zudem mehr Geld für Projekte zur Verfügung stehen. Die Projekte dürften sich dann auf die medizinische Grundversorgung konzentrieren. Deutsche Unternehmen beliefern den nigerianischen Markt vor allem mit Medizintechnik und Pharmazeutika.

Weitere Informationen:

Branche kompakt: Nigerias Gesundheitsmarkt weckt Interesse internationaler Krankenhausinvestoren, http://www.gtai.de/MKT201711228003

Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Fischerei: Eine neue Generation von Farmern

Erstmals seit vielen Jahren erlebt die nigerianische Landwirtschaft einen Aufschwung. Eine neue Generation gebildeter und geschäftsorientierter Agrarinvestoren belebt den Sektor. Sie investiert vor allem in die Produktion von Mais, Reis, Zucker, Kassava oder Tomaten. Ebenfalls viel Geld fließt in den Aufbau von Geflügelfarmen. Nahezu ausschließlich wird für den lokalen Markt produziert. Die Absatzchancen für Landtechnik oder Agrochemie dürften in den kommenden Jahren steigen. Deutsche Zulieferer wie Bayer, BASF oder Big Dutchman haben bereits ihre Präsenz auf dem Markt verstärkt. Geografisch konzentrieren sich die Investitionen auf den Norden (bei Kano), den Middle-Belt (Abuja, Kaduna, Jos) sowie den Großraum Lagos.

Öl/Gas: Dangote-Raffinerie könnte neuen Schwung bringen

Durch den Bau der Ölraffinerie von Dangote in Lekki mit einer Kapazität von 650.000 Barrel pro Tag kommt Bewegung in den seit Jahren leicht schrumpfenden Sektor. Der Bedarf der größten Raffinerie Afrikas an Öl und Gas wird beträchtlich sein und dementsprechend erwägen einige Ölkonzessionäre im Nigerdelta einen Ausbau ihrer Produktion. Insgesamt soll das derzeitige Produktionsniveau von etwa 1,8 Millionen auf 2,2 Millionen Barrel pro Tag angehoben werden. Die Umstände sind nach wie vor nicht optimal, denn die großen Ölfirmen halten ihre Kosten gering. Chancen für Zulieferer und Dienstleister sind daher nur punktuell vorhanden. Dringend anpassen muss die neue Regierung den regulativen Rahmen für den Ölsektor. Dieser hält auch bei einem hohen Ölpreis Investoren von Nigeria fern.

Nahrungsmittelindustrie: Weiter zahlreiche Investitionen

Der Ausbau der nigerianischen Nahrungsmittelindustrie geht weiter und Chancen für deutsche Zulieferer bestehen in großer Anzahl. Im Jahr 2017 lieferten deutsche Unternehmen Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen im Wert von 71,8 Millionen Euro nach Nigeria. Auch wenn dieser Wert eine Ausnahme darstellen dürfte, ist davon auszugehen, dass es auch in naher Zukunft zu zahlreichen Projekten kommen wird. Darüber hinaus verkaufen sich auch chemische Zusätze wie Geschmacksstoffe gut. Deutsche Zulieferer wie Krones oder Symrise verstärkten zuletzt ihre lokale Präsenz. Produziert werden in Nigeria vor allem Nahrungsmittel im Niedrigpreissegment wie Getränke, Teigwaren, Milchprodukte oder Bouillonwürfel.

Weitere Informationen:

Optimismus in der nigerianischen Nahrungsmittelindustrie, http://www.gtai.de/MKT201707048006

Umwelttechnik (Wasser/Abfall/Luft): Hoffnung auf das Jahr 2019

Nachdem jahrelang so gut wie nicht in den Bereichen Wasser, Abwasser und Abfall investiert wurde, hat sich in vielen Städten ein beträchtlicher Investitionsstau aufgetürmt. Die Ausnahme stellt die vergleichsweise wohlhabende Stadt Lagos dar. Dort gibt es seit dem Jahr 2017 den Entsorger Visionscape, der vonseiten der lokalen Regierung mit Geld für Beschaffungen ausgestattet wird. Insbesondere bei Abfalltrennung und -verwertung sind Lösungen gefragt. Gleiches gilt für die Abwasserentsorgung in den zahlreichen Millionenstädten des Landes. Beobachter hoffen, dass nach den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2019 eine Reihe von Projekten von der Regierung auf den Weg gebracht wird. Die Staatskassen dürften aufgrund des zuletzt gestiegenen Ölpreises deutlich besser gefüllt sein als noch vor zwei Jahren.

Weitere Informationen:

Branche kompakt: Abfallwirtschaft in Nigeria immer noch ohne politische Priorität, http://www.gtai.de/MKT201706238000

Nahrungsmittelmarkt: Die Supermärkte leiden

Auch wenn die Landwirtschaft wächst, muss Nigeria weiterhin Nahrungsmittel in großem Umfang importieren. Auch deutsche Hersteller zum Beispiel von Milchpulver, Teigwaren, Säften oder Fleisch können sich Chancen ausrechnen. Die Devisenverfügbarkeit ist Mitte des Jahres 2018 wieder deutlich besser als noch vor zwei Jahren. Experten schätzen, dass das Land jährlich etwa 6,5 Milliarden US$ für Nahrungsmitteleinfuhren ausgeben muss. Insbesondere für preiswerte Lebensmittel mit langer Haltbarkeit besteht in dem tropischen Land ein Markt. Unter Umsatzverlusten hingegen leiden die an die Mittelschicht verkaufenden Supermärkte in den Städten. Der Grund liegt auch in dem Abzug vieler Entsandtkräfte aus Nigeria vor allem durch die Ölindustrie.

Kfz-Markt: Kaum noch Neuwagenverkäufe

Die Aussichten für steigende Verkaufszahlen von Neuwagen sind gut, denn viel tiefer können sie kaum noch sinken. Im Jahr 2017 erreichten sie laut der Organisation Internationale des Constructeurs d'Automobiles (OICA) einen Wert von 7.000. Bedenkt man, dass noch vor wenigen Jahren über 50.000 Modelle jährlich verkauft wurden, dann wird das Ausmaß der Krise deutlich. Die einst geplante lokale Montage mehrerer Automobilfirmen in Nigeria ist in weite Ferne gerückt. Gerade die nigerianische Mittelschicht ist kostensensibel und kauft statt eines teuren Neuwagens derzeit eher einen guten Gebrauchtwagen. Industrie und Ölsektor haben ihre Bestellungen von Nutzfahrzeugen deutlich reduziert. Über Chancen verfügen deutsche Hersteller noch im Oberklassesegment, bei Mittelklasse-Pkw hingegen sind sie zu teuer.

Weitere Informationen:

Branche kompakt: Nigerias Automobilsektor fährt weiter im Krisenmodus, http://www.gtai.de/MKT201707038010

Einen Ausblick auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung finden Sie unter: http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/Wirtschaftsklima/wirtschaftsausblick,t=wirtschaftsausblick--nigeria-juli-2018,did=1938806.html

Dieser Artikel ist relevant für:

Nigeria Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, allgemein, Nahrungs- und Genussmittel, allgemein, Energie, Wasser, Wärme, allgemein, Bauwirtschaft, allgemein, Umweltschutz, Entsorgung, Klimaschutz, allgemein, Chemische Industrie, allgemein, Gesundheitswesen allgemein, Fahrzeuge, -zubehör, allgemein, Öl, Gas

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