Branchencheck

20.07.2018

Branchencheck - Saudi-Arabien (Juli 2018)

Inhalt

Schwache Konjunktur hält an / Vision 2030 Projekte schüren Hoffnung auf Projektwelle / Hohe private und staatliche Investitionen erforderlich / Von Katrin Pasvantis

Dubai/Riad (GTAI) - Die schwache Konjunktur dämpft die Nachfrage in den meisten Sektoren Saudi-Arabiens. Gleichzeitig wurde mit der Vision 2030 die größte Wirtschaftsreform der Geschichte begonnen. Die Abhängigkeit vom Öl soll reduziert, die Wirtschaft diversifiziert und der Privatsektor gestärkt werden. Kritisch für die Umsetzung sind neben staatlichen auch private Investitionen. Bei öffentlichen Beschaffungen wird Local Content immer wichtiger. Dies könnte zu einem Ausbau der lokalen Produktion führen.

Maschinenbauindustrie: Schwache Konjunktur dämpft Nachfrage

Der Maschinenmarkt wird fast ausschließlich über Importe gedeckt. Im Land wird vor allem einfachere Technik wie kleine Generatoren produziert. Strikter werdende Anforderungen an Local Content könnten die Nachfrage nach lokal produzierten Maschinen antreiben, aber die Importabhängigkeit dürfte hoch bleiben. Die Maschinennachfrage hat infolge der schwachen Konjunktur nachgelassen. Die Industrie investiert weniger in den Ausbau ihrer Maschinenparks. In vielen Fabriken stehen dem Vernehmen nach einzelne Produktionslinien still. Auch in der Bauindustrie ist die Auftragslage schwach. Die Bautätigkeit könnte in diesem Jahr leicht anziehen, sollte der Staat seine Investitionen erhöhen, und damit auch die Nachfrage nach entsprechenden Maschinen und Ausrüstungen steigen.

Chemie: Hohe Downstream-Investitionen

Saudi-Arabien will die Downstream-Industrie ausbauen und die Produktpalette diversifizieren, gestützt durch stärkeren Einsatz schwerer Einsatzstoffe. Mixed-feed Cracker sollen schwankende Öl- und Gaspreise abfedern und die Margen stabilisieren. Saudi Aramco und Total planen einen Petrochemiekomplex in Jubail, mit einem mixed-feed Cracker (9 Milliarden US-Dollar (US$), davon 4 Milliarden US$ von Dritten) und einer Kapazität von 1,5 Millionen Tonnen pro Jahr Ethylen und anderen Produkten mit hoher Wertschöpfung. Der Cracker soll auch Projekte von Drittfirmen stützen. Aramco and Sabic beauftragten im April die US-Firma KBR mit Feed und PMC für ein Crude Oil-to-Chemicals Projekt (235.000 bpd; bis zu 25 Milliarden US$). Die Vergabe für den Hauptauftrag für eine Amoniakanlage (3.300 tpd; 1 Milliarden US$) von Ma'aden in Ras al Khair wird für September erwartet.

Energiewirtschaft: Erste Solarprojekte laufen an

Saudi-Arabien investiert in den Ausbau der Stromproduktion und die Modernisierung der Netze. Den EPC-Auftrag für das erste große Solarprojekt hat Mahindra Susten gewonnen (Sakaka; 300 Megawatt; 700 Millionen US$), die Vergabe für einen Windpark verzögert sich (Dumat al-Jandal; 400 Megawatt). Die Gebote für ein EPC-Solarprojekt in Sudair (3 Milliarden US$, 1. Phase: 6 bis 8 Fotovoltaikanlagen je 300 Megawatt) wurden abgegeben. Riad und Japans SoftBank haben ein Abkommen zur Entwicklung von 200 Gigawatt Solarstrom (200 Milliarden US$) geschlossen. In einem frühen Planungsstadium sind die ersten beiden Atomkraftwerke (2,8 Gigawatt, 8 Milliarden US$). Die Interessensbekundungen für die dritte Phase des IWPP in Jubail (3 Gigawatt; 5,4 Milliarden US$) liegen vor, darunter Dorsch Holding, die Angebotsabfrage (RFQ) wird in Kürze erwartet.

Bauwirtschaft: Hoffnungsträger Vision 2030

Die Bautätigkeit könnte anziehen, sollte der Staat seine Investitionen erhöhen. Mit der Vision 2030 wurde eine Vielzahl neuer Projekte angekündigt. Die meisten sind in der Planungsphase und die Finanzierung offen. Der Staat setzt zunehmend auf private Investoren, dies dürfte sich aber nur begrenzt umsetzen lassen. Der geplante Saudi Aramco IPO würde die Staatskasse auffüllen und schürt Hoffnungen auf eine Projektwelle. Im Fokus der Regierung stehen der Ausbau von Flughäfen, Schienenprojekte, bezahlbarer Wohnraum für die einheimische Bevölkerung und Leuchtturmprojekte wie Neom, das Tourismusprojekt Red Sea Project oder das Unterhaltungszentrum Qiddiya. Der Tourismus- und Unterhaltungssektor sollen aufgebaut werden. Nachhol- und Investitionsbedarf sind hoch. Erst kürzlich haben die ersten Kinos des Landes eröffnet.

Öl und Gas: Mehr Gas zum Ausbau der Industrie

Saudi-Arabien investiert in die Gas- und Ölförderung. Gas genießt Priorität, weil es dringend für den Ausbau der lokalen Industrie benötigt wird. Auch das neue Öl soll die expandierende Downstreamindustrie stützen. Im Juni 2018 einigten sich die Opec-Länder, die Ölförderung weiter zu begrenzen, aber mit einem fühlbarem Anstieg des Limits. Saudi-Arabiens Öl-Kapazitäten sollen bis 2020 nahezu unverändert bei 12,5 Millionen bpd bleiben. Bei Gas sollen sie von 12 Milliarden Kubikfuß pro Tag auf 17,8 Kubikfuß pro Tag steigen. Saudi Aramco will 2018 und 2019 verschiedene Großaufträge für die Entwicklung des Offshore Öl- und Gasfeldes Marjan vergeben. Die Hauptaufträge für den Produktionsausbau der Gasanlagen Abu Ali und Khursaniyah am Berri Field werden 2019 erwartet. Für beide Projekte läuft derzeit das Front End Engineering Design.

Bergbau: Im Fokus der Diversifizierungsstrategie

Bergbau soll die dritte Säule der Wirtschaft werden. Bislang wird nur ein geringer Teil der vermuteten Bodenschätze abgebaut. Förderung und Weiterverarbeitung sollen ausgebaut werden. Staatliche Investitionen sind geplant, aber vor allem privates Kapital soll den Sektor entwickeln. Konkrete Projekte finden sich bislang nicht in den einschlägigen Datenbanken. Kupfervorkommen könnten zu Kabeln verarbeitet werden, zumal die Nachfrage im Stromsektor steigt, und andere Rohstoffe für Produkte mit hohem Mehrwert wie Halbleiter eingesetzt werden. Das halbstaatliche Unternehmen Ma'aden dominiert den Markt und fördert unter anderem Gold, Grundmetalle, Phosphate, Aluminium, Kupfer und Bauxit. Ma'aden investiert derzeit besonders in Goldabbau und Phosphatdüngerproduktion.

Umwelttechnik: Wassersektor benötigt Investitionen

Der Investitionsbedarf im Wasser- und Abwassersektor ist hoch. Bislang ist nur etwa die Hälfte der Haushalte an ein öffentliches Abwassernetz angeschlossen. Abwasser wird nur zu etwa 20 Prozent aufbereitet. Bis 2020 sollen es 65 Prozent werden, 2040 gut 90 Prozent. Der Staat will sich als Investor und Betreiber zurückziehen; BOO- oder BOT-Projekte werden angestrebt. Ausschreibungen laufen für die zweite Phase einer unabhängigen Kläranlage (ISTP) am Jeddah Airport (0,5 Millionen Kubilmeter pro Tag; 400 Millionen US$, BOT), eine ISTP in West Dammam (300 Millionen US$, BOT) und eine Entsalzungsanlage am Roten Meer (533 Millionen US$). Das Kanalsystem Riads soll erneuert werden (2,9 Milliarden US$); die Designarbeiten für das verzögerte Projekt wurden im zweiten Quartal 2018 abgeschlossen.

Metallindustrie: Geringe Bautätigkeit dämpft Nachfrage

Die Nachfrage nach Metallerzeugnissen bleibt wegen der anhaltenden Flaute in der Bauindustrie gedämpft. Saudi-Arabien will die lokale Produktion erhöhen. Den Ausbau erschweren Engpässe bei der Gasversorgung. Im Februar unterzeichnete Saudi Aramco eine Absichtserklärung über eine Machbarkeitsstudie für ein Werk für Stahlplatten in Ras Al-Khair mit Nippon Steel and Sumitomo Metal Corporation (NSSMC), Sumitomo Corporation und Sumitomo Corporation Saudi Arabia. Weiter in der Planungsphase ist der Ausbau des Schmelzers von Maaden und Alcoa in Ras Al-Khair. Saudi-Arabien ist der größte Stahl-Produzent und -konsument der GCC-Region. Die Rohstahlerzeugung betrug 2016 rund 5,5 Millionen Tonnen. Etwa ebenso viel Stahl wird importiert. Ein Großteil der Einfuhr ist Stahlschrott, den die lokale Stahlindustrie als Rohmaterial verwendet.

Kfz-Markt: Starker Nachfragerückgang

Der Verkauf von Neuwagen ist 2017 um fast ein Viertel auf 536.767 Pkw eingebrochen. Dem Vernehmen nach ging es in den ersten Monaten 2018 weiter abwärts. Die schwache Konjunktur trübt die Nachfrage, die Kaufkraft der privaten Haushalte hat nachgelassen und große Anschaffungen werden vertagt. Auch Unternehmen bauen ihre Fahrzeugflotten eher ab. Ob die Fahrerlaubnis für Frauen zum 24. Juni die erhoffte Kehrtwende bringt, ist offen. Zahlreiche Frauen besitzen bereits ein Auto, nutzen es aber mit Fahrer. Zudem dürften Neuwagenkäufe wegen der Einführung der Mehrwertsteuer auf Ende 2017 vorgezogen worden sein. Die Händler müssen in diesem Jahr ihr gesamtes Verkaufspersonal auf Einheimische umstellen. Der Weggang erfahrener Verkäufer dürfte den Absatz vorübergehend drücken.

Gesundheitswirtschaft: Importabhängigkeit soll reduziert werden

Der Bedarf im Gesundheitsmarkt steigt, angetrieben vom Bevölkerungswachstum, einer alternden Gesellschaft und der Verbreitung chronischer Krankheiten. BMI prognostiziert für 2018 einen Anstieg der Ausgaben für Gesundheit um 4,6 Prozent auf 37 Milliarden US$, für Pharma um 5 Prozent auf acht Milliarden US$ und Medizintechnik um 7,8 Prozent auf 1,5 Milliarden US$. Die Importabhängigkeit ist hoch. Ziel der Vision 2030 ist eine drastische Erhöhung der lokalen Produktion von Medizintechnik, Arzneien (besonders Generika) und Impfstoffen. Priorität hat auch die Privatisierung staatlicher Kliniken, einzelner Abteilungen und Services. Digitale Patientenakten sollen implementiert werden (2020: 70 Prozent der Bevölkerung) und verstärkt digitale Hilfsmittel zur Prävention, für Self-Monitoring und Personalmanagement eingesetzt werden.

Einen Ausblick auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung finden Sie unter: http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/Wirtschaftsklima/wirtschaftsausblick,t=wirtschaftsausblick--saudiarabien-juli-2018,did=1953542.html

Dieser Artikel ist relevant für:

Saudi-Arabien Energie, Wasser, Wärme, allgemein, Bauwirtschaft, allgemein, Umweltschutz, Entsorgung, Klimaschutz, allgemein, Chemische Industrie, allgemein, Metallerzeugung, -verarbeitung, allgemein, Bergbau / Rohstoffe, allgemein, Gesundheitswesen allgemein, Medizintechnik, allgemein, Maschinen- und Anlagenbau, allgemein, Straßenfahrzeuge, allgemein, Öl, Gas

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