Branchencheck

11.07.2019

Branchencheck - Tunesien (Juni 2019)

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Impulse kommen aus dem Ausland / Von Peter Schmitz

Tunis (GTAI) - Tunesiens Wirtschaft entwickelt sich eher verhalten. Chemie-, Textil- und IT-Industrie senden positive Signale. Geberprojekte bieten in einigen anderen Sektoren Chancen.

Maschinenbauindustrie: Bedarf wird importiert

Tunesien deckt seinen Bedarf an Maschinen und Anlagen vor allem durch Importe. Mit der Entwicklung einer Maschinenbauindustrie ist, angesichts der Konkurrenz aus dem Ausland, nicht zu rechnen. Die wichtigsten Lieferanten kommen aus Frankreich, China, Deutschland und Italien. Es gibt Ansätze, bestehende Kompetenzen in der Metallverarbeitung oder auch der Konstruktion elektronischer Schaltkreise mit dem wachsenden IT-Sektor zu verknüpfen, und Tunesien als Forschungs- und Entwicklungsstandort für industrielle Automatisierung/Industrie 4.0 zu stärken.

Chemieindustrie: Wachstum entgegen dem Trend

Die tunesische Phosphatindustrie meldete zur Jahresmitte 2019 stark steigende Produktionszahlen. In jüngerer Vergangenheit war sie Ziel sozialer Proteste und dadurch zeitweise stillgelegt. 2018 war die Produktion auf 1,7 Millionen Tonnen zurückgegangen. 2010 lag die Produktion bei über 7 Millionen Tonnen. In den ersten vier Monaten 2018 gab es hohe Zuwächse, die eine Jahresproduktion von 4,5 Millionen Tonnen realistisch erscheinen lassen. Entgegen dem Trend anderer Industriesparten stieg die Produktion der Chemieindustrie in diesem Zeitraum um mehr als zehn Prozent. Die Regierung will insbesondere die pharmazeutische Industrie stärker fördern. Die Selbstversorgungsrate soll 2020 bereits 70 Prozent erreichen, die Exporte bis 2023 auf 26 Prozent der Produktion verdoppelt werden.

Energiewirtschaft: STEG schließt Stromabnahmeverträge ab

Der Wert der Energieimporte Tunesiens erhöhte sich 2018 auf 5,6 Milliarden Euro, gegenüber 4,6 Milliarden Euro im Vorjahr. Nun ist der Plan, bis 2022 etwa 1.900 Megawatt an Kapazitäten erneuerbarer Energien aufzubauen, was 22 Prozent der installierten Kapazität entspräche. Im Januar 2019 wurden vier Windkraftprojekte mit einer Gesamtkapazität von 120 Megawatt vergeben, im März folgten 6 Solarprojekte über jeweils 10 Megawatt. Der produzierte Strom wird über Stromabnahmeverträge an den lokalen Energieversorger STEG verkauft. Für den Bau einer Unterseeleitung nach Italien wurde im Mai ein Abkommen mit der Internationalen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung zur Finanzierung einer Studie geschlossen.

Bauwirtschaft: Masterplan mit Unterstützung der Gebergemeinschaft

Im April 2019 stellte Tunesien einen Transport-Masterplan vor, der bis 2040 Investitionen von 22,15 Milliarden US-Dollar (US$) vorsieht. Internationale Geber unterstützen ein Aufwertungsprojekt für Sozialwohnungen, das zwischen 2019 und 2023 Ausgaben von etwa 235 Millionen Euro vorsieht. Neuigkeiten gab es bezüglich eines Brückenprojekt, das die Insel Djerba mit dem Festland verbinden soll. Die China Civil Engineering and Construction Corporation wird Presseberichten zufolge das 200 Millionen US$-Projekt durchführen. Im Rahmen der Neuen Seidenstraße dürfte China in Zukunft eine wichtigere Rolle in Tunesien spielen.

Gesundheitswirtschaft: Geber finanzieren Krankenhäuser

Obwohl in Tunesiens Gesundheitssystem immer stärker in die Kritik kommt, gibt es leistungsfähige Anbieter, die sich Märkte vor allem in Westafrika erschließen möchten. Im April 2019 kündigte das Gesundheitsministerium zudem an, mithilfe von Gebergeldern 2,25 Milliarden tunesische Dinar unter anderem in acht Regionalkrankenhäuser sowie jeweils eine Krebs- und eine Kinderklinik investieren zu wollen. Immer wieder gibt es Meldungen, dass Tunesiens Medizinsektor dem vorhandenen qualifizierten Personal zu wenige Arbeitsmöglichkeiten bietet, weshalb viele Ärzte und andere Fachkräfte das Land verlassen.

Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Fischerei: Schwächeres Ergebnis für 2019 erwartet

Tunesiens Landwirtschaft übertraf 2018 das gute Jahr 2017 und wuchs um fast 10 Prozent. Vor allem die gute Olivenernte trug dazu bei. Dort sind die Prognosen für das laufende Jahr schlecht. Dafür könnte die Getreideernte zulegen, auch die Zahlen für den Export von Datteln lassen das Ministerium für Landwirtschaft von einem minimalen Wachstum für das Gesamtjahr ausgehen. Die Investitionen in der Landwirtschaft brachen in den ersten Monaten 2019 von 77 Millionen Dinar auf weniger als 10 Millionen Dinar ein. Die Agence de promotion des investissements agricoles führt das auf eine Umstrukturierung der Vergabekomitees für Subventionen zurück. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung will im September 2019 ein Projekt zur Ausrüstung von 56 Bewässerungsbrunnen starten.

Textil- und Bekleidungsindustrie: Investitionen steigen

Nach schwierigen Jahren erholt sich Tunesiens Textilsektor. Exporte und Investitionen steigen wieder. In den ersten drei Monaten 2019 lagen die Investitionen knapp 40 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum. Der Branchenverband FTTH rechnet in den kommenden fünf Jahren mit 450 Millionen Dinar weiteren Investitionen. Produziert wird fast ausschließlich für den Export. Die FTTH setzt sich derweil auch für eine Verbesserung der Wettbewerbsposition tunesischer Textilunternehmen auf dem Heimatmarkt ein. Das betrifft beispielsweise die Importe von Altkleidern, bei denen man sich stärkere Kontrollen wünscht.

Weitere Informationen:

Tunesiens Textilsektor erholt sich

http://www.gtai.de/MKT201811088001

Umwelttechnik (Wasser/Abfall/Luft): Verbesserung der Abwasserentsorgung

Internationale Geberorganisationen finanzieren eine Reihe von Projekten in Tunesiens Sektor für Umwelttechnik. Beispielsweise unterstützt die die KfW Entwicklungsbank unter anderem den Fonds de dépollution, der Unternehmen Zuschüsse bei Investitionen in Umweltschutzmaßnahmen gewährt. Die Afrikanische Entwicklungsbank und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung finanzieren ein Projekt zur Verbesserung der Abwasserentsorgung in 33 kleineren Gemeinden. Geplant sind insgesamt 24 Kläranlagen und 862 Kilometer Leitungen. Aktuell sind 86 Prozent der tunesischen Haushalte an ein Wasserentsorgungsnetz angeschlossen, bis 2025 soll die Quote auf 95 Prozent steigen.

Elektroindustrie: Branchencluster will Umsatz verdoppeln

Tunesiens Elektroindustrie ist vor allem durch die Herstellung von Kabeln und Kabelbäumen geprägt. Die Zuwächse bei den ausländischen Direktinvestitionen in die elektrischen und elektronischen Industrien lagen in den Jahren 2011 bis 2016 bei durchschnittlich 33,1 Prozent pro Jahr, 2017 sogar bei fast 60 Prozent. Im Branchencluster ELENTICA haben sich 41 Unternehmen zusammengeschlossen, die 11.000 Mitarbeiter haben und einen Umsatz von etwa 1 Milliarde Euro erzielen. Ziel ist es, Umsatz und Mitarbeiterzahl innerhalb von 5 Jahren zu verdoppeln. Die tunesischen Investitionen in die mechanische und Elektroindustrie stiegen in den ersten vier Monaten 2019 um das doppelte, was insbesondere am Bau eines neuen Kabelwerkes für etwa 15 Millionen Euro liegt.

Informations- und Kommunikationswirtschaft: Bedarf an Sicherheitslösungen

Tunesiens IT-Sektor wächst überdurchschnittlich. Die Investitionsgesetzgebung "Start-up-Act" bietet seit 2018 mehr Freiraum und Sicherheit. Auf dem Weg in Richtung Industrie 4.0 und Internet der Dinge bieten sich Kooperationsmöglichkeiten besonders in Energie, Landwirtschaft und intelligentem Bauen an. Bedarf sehen Tunesiens IT-Unternehmer vor allem im Bereich Daten- und Systemsicherheit. Neben Europa sind Märkte südlich der Sahara das Hauptzielgebiet des tunesischen IT-Sektors. Bisher kennen internationale IT-Firmen in den Bereichen Business Process Outsourcing und Information Technology Outsourcing als guten Standort.

Weitere Informationen:

Tunesiens IT-Sektor bietet neue Kooperationsmöglichkeiten

http://www.gtai.de/MKT201905298007

Kfz-Markt: Regulierung und Abwertung der Währung treiben die Preise nach oben

In Tunesien wurden im Jahr 2018 deutlich weniger Automobile verkauft als im Vorjahr. Neben der strikten Importregulierung macht der Arbeitgeberverband der Konzessionäre und Hersteller auch die Preisentwicklung für den Rückgang verantwortlich. Zusätzlich zu bestehenden Importabgaben verteuerte die Abwertung des Dinar importierte Fahrzeuge. Die Verkäufe lokal produzierender bzw. montierender Hersteller wie Isuzu und Mahindra profitierte. 2019 wird die chinesische Geely Automotive mit der Montage des ersten Pkw in Tunesien starten. Weitere chinesische Hersteller haben eine Produktion beziehungsweise Montage in Tunesien bereits angekündigt.

Weitere Informationen:

Der Absatz von Pkw geht in Tunesien stark zurück

http://www.gtai.de/MKT201903298002

Weitere Informationen finden Sie unter http://www.gtai.de/tunesien

Dieser Artikel ist relevant für:

Tunesien Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, allgemein, EDV-, Telekommunikationsdienstleistungen, allgemein, Elektrotechnik/Elektronik allgemein, Energie, Wasser, Wärme, allgemein, Bauwirtschaft, allgemein, Textilien, Bekleidung, Leder, allgemein, Umweltschutz, Entsorgung, Klimaschutz, allgemein, Chemische Industrie, allgemein, Gesundheitswesen allgemein, Fahrzeuge, -zubehör, allgemein, Maschinen- und Anlagenbau, allgemein

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