Branchencheck

17.09.2018

Branchencheck - Tunesien (September 2018)

Inhalt

Investitionen in mehreren Industriezweigen trotz angespannter makroökonomischer Lage / Von Peter Schmitz

Tunis (GTAI) - Tunesiens Beitritt zur COMESA könnte, wie der aktuell schwache Dinar, exportorientierte Industriezweige stützen. Mehrere Automobilhersteller kündigen Investitionen an.

Maschinenbauindustrie: Eingeschränkte Aussichten auf Entwicklung

Tunesien deckt seinen Bedarf an Maschinen und Anlagen vor allem durch Importe. Mit der Entwicklung einer Maschinenbauindustrie ist, angesichts der Konkurrenz aus dem Ausland, nicht zu rechnen. Es gibt aber Ausnahmebereiche. Das Land könnte sich als Standort von Forschungs- und Entwicklungszentren weiter entwickeln und die bestehenden Kompetenzen in der Metallverarbeitung oder auch der Konstruktion elektronischer Schaltkreise nutzen.

Weitergehende Informationen:

Tunesiens Wirtschaft mit hohem Industrieanteil

http://www.gtai.de/mkt201705058001

Chemieindustrie: Immer wieder Stopps bei der Phosphatverarbeitung

Die tunesische Phosphatindustrie wird immer wieder Ziel sozialer Proteste und dadurch zeitweise stillgelegt. Trotzdem soll sich nach Angaben des Ministeriums für Energie, Bergbau und Erneuerbare Energien die Produktion von Phosphat im Verlauf des Jahres 2018 bisher gegenüber dem Vorjahr deutlich erhöht haben. Neben der Phosphatindustrie soll vor allem die pharmazeutische Industrie wachsen. Bis 2020 soll Tunesien, laut Premierminister Youssef Chahed, die Eigenversorgung von Medikamenten von knapp 50 auf 60 Prozent steigern. Anfang 2018 eröffnete die tunesische Néapolis Pharma eine Produktion von Chemotherapeutika. Laboratoires UNIMED hat im April 2018 die Steigerung der Produktion von Augentropfen angekündigt, vor allem für den europäischen Markt.

Energiewirtschaft: Erneuerbare Energien nehmen Fahrt auf

Tunesiens Energiedefizit wächst weiter und war 2017 für etwa ein Drittel des Handelsbilanzdefizits verantwortlich. Im Jahr 2018 dürfte sich die Situation noch verschärfen. Bis 2020 sollen 1.000 Megawatt aus erneuerbaren Energien produziert werden. Im Mai 2018 wurden im Zuge dessen die ersten zehn Genehmigungen an private Bertreiber vergeben und Power Purchase Agreements mit dem staatlichen Energieversorger STEG unterzeichnet. Kurz danach erfolgte der Aufruf zur Präqualifizierung für fünf Fotovoltaikanlagen (insgesamt 500 Megawatt) sowie drei Windkraftanlagen (ebenfalls insgesamt 500 Megawatt). Bis 2025 werden weitere 1.250 Megawatt aus erneuerbaren Energien angestrebt. Zudem wird die Erzeugung aus Gas ausgebaut (Projekte Rades C, Mornaguia und Skhira) und der Bau einer Unterseeleitung nach Italien weiter verfolgt.

Bauwirtschaft: Höhere Investitionen in Baumaterial

Tunesiens Bauwirtschaft soll sich Prognosen zufolge in den kommenden Jahren deutlich erholen, nachdem es 2017 einen leichten Rückgang gegeben hatte. Market Research Hub erwartet nun für die Jahre 2018 bis 2022 eine jährliche Wachstumsrate von knapp über drei Prozent. Ein erstes positives Signal: die Investitionen im Sektor für Baumaterial stiegen nach Angaben der Agence de Promotion de l'Industrie et de l'Innovation in den ersten sieben Monaten 2018 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um mehr als ein Viertel. Die internationale Gemeinschaft unterstützt mehrere Straßen- und Schienenprojekte. Der anziehende Tourismus dürfte den teilweise bereits gestarteten Ausbau der Flughafenkapazitäten sowie von Hotelanlagen unterstützen.

Gesundheitswirtschaft: Stärkung des Profils als regionaler Dienstleister

Tunesien will seine Position als Gesundheitsdienstleister in der Region ausbauen. Der Beitritt zur COMESA und der anvisierte Ausbau der Beziehungen und Flugverbindungen mit Ländern südlich der Sahara dürften dazu beitragen. Unter anderem finanziert die Islamische Entwicklungsbank zwei neue Regionalkrankenhäuser in Thala/Kasserine und in Dahmani/Kef. Beide sollen über eine Kapazität von 105 Betten verfügen. Der Kuwait Fund for Arab Economic Development finanziert 22 Modernisierungsprojekte mit insgesamt 100 Millionen US-Dollar. Die deutschen Ausfuhren von Medizintechnik (SITC 774 und SITC 872) konnten im Jahresschnitt 2011 bis 2016 um 6,9 Prozent wachsen und lagen 2016 bei 19,2 Millionen Euro, 2017 gab es einen leichten Rückgang auf 18,5 Millionen Euro.

Weiterführende Informationen:

Branche kompakt: Medizintechnikmarkt in Tunesien bleibt dynamisch

http://www.gtai.de/mkt201708098004

Landwirtschaft: Geber finanzieren Bewässerungsprojekte

Die Landwirtschaft wuchs im Jahr 2017 mit 3,2 Prozent stärker als andere Sektoren. In den ersten vier Monaten 2018 legten vor allem die Olivenernte und -exporte stark zu. Gegenüber der Vorjahresperiode wuchs der Bereich Landwirtschaft und Nahrungsmittel um 16 Prozent. In den ersten sieben Monaten 2018 wurde deutlich mehr in Ausrüstung investiert, vor allem in Traktoren und Mähdrescher. Die L'Agence de promotion des investissements agricoles (APIA) genehmigte in dieser Zeit etwas über 3.100 Investitionsvorhaben im Wert von etwa 117 Millionen Euro. Die Anzahl der Vorhaben stieg damit um etwa 30 Prozent. Sehr wichtig war der regenreiche August, der die Wasserreserven auffüllte. Internationale Geber unterstützen unter anderem den Ausbau der Bewässerung, wie die Weltbank mit 140 Millionen US$ für ein Projekt in ländlichen Regionen.

Textil- und Bekleidungsindustrie: Niedergang vorerst gestoppt

Nach Jahren des Rückgangs scheint sich der tunesische Textilsektor zumindest vorerst zu stabilisieren. Im 2017 gab es ein leichtes Wachstum von 0,4 Prozent. Ein schwacher Dinar und Flankierungsmaßnahmen der tunesischen Regierung könnten 2018 für eine moderate Erholung sorgen. In den ersten sieben Monaten des Jahres 2018 stiegen die Exporte der Textil-, Bekleidungs- und Lederindustrie um 7,7 Prozent, und damit etwas stärker als die Einfuhren (5,6 Prozent, bezogen auf Preise in Euro). Wie sich mittelfristig die anvisierte Partnerschaft mit China auf den Textilsektor auswirkt, bleibt abzuwarten. Ersten Äußerungen zufolge sehen chinesische Unternehmen Tunesien als potenziellen strategischen Partner, um für den europäischen Markt zu produzieren. Im April 2018 eröffnete das deutsche Textilunternehmen Gonser eine neue Fabrik mit zunächst 50 Mitarbeitern.

Kfz-/Kfz-Teile-Produktion: Hersteller kündigen Investitionen für afrikanischen Markt an

Im Juli 2018 eröffnete Peugeot ein Montagewerk für das neue Pick-up-Model, das auch auf andere Märkte Afrikas geliefert werden soll. Zuletzt kündigten Fiat und Mahindra Investitionen an. Tunesien verfügt über eine für regionale Verhältnisse diversifizierte und entwickelte Kfz- Branche, mit gut ausgebildeten Ingenieuren und wettbewerbsfähigen Produktionskosten. Dazu hat zuletzt die Entwicklung des Dinars beigetragen. Einige Hersteller sehen durch den Beitritt Tunesiens zur COMESA gute Möglichkeiten, nach Subsahara-Afrika zu exportieren. Der lokale Markt steht durch neue Regelungen unter Druck, die den Import von Fahrzeugen und Ersatzteilen durch höhere Zölle und Verbrauchsteuern reduzieren sollen.

Umwelttechnik: Technologiepartner gesucht

Die tunesische Regierung möchte das Recycling und die Abfallverwertung ausbauen. Alleine das Hausmüllaufkommen soll sich bis 2025 auf drei Millionen Tonnen jährlich erhöhen. Internationale Geber unterstützen den Staat bei der Finanzierung von Planungs- und Baukosten. Der Privatsektor soll über verschiedene Modelle öffentlich-privater-Partnerschaften stärker partizipieren. Tunesische Entsorger suchen ihm Rahmen von Konzessionsmodellen oft nach ausländischen Technologiepartnern. Neben neuen Anlagen müssen weiterhin viele bestehende Deponien saniert werden. Steigende Nachfrage besteht zudem in der industriellen Wasseraufbereitung. In der Wasserversorgung sind mehrere mit internationaler Hilfe finanzierte Entsalzungsprojekte in Ausführung und Planung, vor allem um den Süden des Landes zu versorgen.

Elektronikindustrie: Starke Zuwächse bei ausländischen Investitionen

Die Elektronikindustrie ist vor allem durch die Herstellung von Kabeln und Kabelbäumen geprägt. Der Export von Kabelbäumen wird auch in Zukunft gut laufen. Mit Leoni gab im Mai 2018 ein wichtiger Player den Startschuss für eine neue Fabrik mit 5.000 Mitarbeitern (die vierte Fabrik im Land). Im März 2018 kündigte die algerische Condor Holding Abderrahmen Ben Hammadi den Bau eines Montagewerks für 300.000 Fernseher pro Jahr an, in der Folge soll ein Werk für Klimaanlagen und Kühlschränke hinzukommen. Die Zuwächse bei den ausländischen Direktinvestitionen in die elektrischen und elektronischen Industrien lagen in den Jahren 2011 bis 2016 bei durchschnittlich 33,1 Prozent im Jahr, 2017 sogar bei fast 60 Prozent.

Informations- und Kommunikationswirtschaft: Start-Up-Act verabschiedet

Das Programm "Digital Tunisia 2020" gewinnt an Fahrt. Der im April 2018 verabschiedete "Start-Up-Act" soll als zentraler Baustein der Initiative dazu beitragen, den Sektor durch verbesserte Rahmenbedingungen und Förderinstrumente weiter zu stärken. Die Internationalisierung, vor allem nach Afrika, ist dabei im Blick: Bereits im November 2017 wurde Tunis als Standort für den von der Afrikanischen Union geplanten Digital African Excellence Center ausgewählt. Die afrikanische Entwicklungsbank sagte im Juli 2018 zu, sich mit 53 Prozent an den Kosten von "Digital Tunisia 2020" zu beteiligen. Für die Jahre 2018 bis 2022 sind Projektkosten von insgesamt 135 Millionen Euro geplant. Tunesien bietet sich durch das qualifizierte Personal vor allem für die Entwicklung von Software und mobilen Applikationen an.

Weitere Informationen finden Sie unter http://www.gtai.de/tunesien

Dieser Artikel ist relevant für:

Tunesien Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, allgemein, EDV-, Telekommunikationsdienstleistungen, allgemein, Elektrotechnik/Elektronik allgemein, Energie, Wasser, Wärme, allgemein, Bauwirtschaft, allgemein, Textilien, Bekleidung, Leder, allgemein, Umweltschutz, Entsorgung, Klimaschutz, allgemein, Chemische Industrie, allgemein, Gesundheitswesen allgemein, Fahrzeuge, -zubehör, allgemein, Maschinen- und Anlagenbau, allgemein

Funktionen

Kontakt

Meike Eckelt

‎+49 228 24 993 278

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche