Branchencheck

28.12.2017

Branchencheck Saudi-Arabien (Dezember 2017)

Inhalt

Umsetzung der Vision 2030 hat begonnen / Hohe private und staatliche Investitionen erforderlich / Von Katrin Pasvantis

Dubai/Riad (GTAI) - Saudi-Arabiens Wirtschaft wächst infolge der niedrigen Ölpreise kaum. Das Königreich nimmt mit der Vision 2030 die größte Wirtschaftsreform seiner Geschichte in Angriff. Diese zielt auf eine geringere Abhängigkeit vom Öl, eine diversifizierte Wirtschaft und einen stärkeren Privatsektor. Erlöse aus dem geplanten Börsengang von Saudi Aramco sollen in Diversifizierungsprojekte fließen und könnten Impulse geben - wenn neben staatlichen auch private Investitionen fließen.

Maschinenbauindustrie: Auftragseinbruch dämpft Nachfrage

Die Maschinennachfrage hat deutlich nachgelassen. Die Industrie investiert wegen der schwachen Konjunktur weniger in den Ausbau ihrer Maschinenparks. Dem Vernehmen nach stehen in vielen Fabriken Produktionslinien still. Der Projektmarkt ist eingebrochen, seit der Staat infolge der niedrigen Staatseinnahmen weniger investiert. Der geplante Börsengang von Saudi Aramco könnte wieder Gelder in die Kassen spülen und zu einer Projektwelle führen. Ein Ziel der Vision 2030 ist der Ausbau der lokalen Industrie. Zusammen mit den bereits strikter werdenden Anforderungen an Local Content könnte dies auch die Nachfrage nach lokal produzierten Maschinen antreiben. Noch decken Maschinenimporte in den meisten Segmenten etwa 90 Prozent der Nachfrage.

Chemie: Ausbau der Downstream-Industrie geplant

Im Rahmen der Vision 2030 sind hohe Investitionen in Raffinerien und petrochemische Produktion zu erwarten. Derzeit dämpft die schwache Konjunktur das Wachstum. Langfristig erwartet die Petrochemie steigende Exporte. Zudem könnte die Entwicklung neuer Industrien wie Bergbau die Inlandsnachfrage ankurbeln. Ma'aden will in Kürze den Hauptauftrag für den Bau einer Ammoniakanlage mit einer Kapazität von 3.300 Tonnen am Tag für 1 Milliarde US-Dollar (US$) in Ras Al Khair vergeben. Die Entscheidung von JUPC über die Vergabe einer dritten Ethylenglykol-Produktionsanlage in Jubail (350 Millionen US$) steht noch aus, Angebotsfrist war Mai 2017. Saudi Aramco und Sabic planen einen Oil-to-Chemical Komplex (235.000 Barrel pro Tag; 25 Milliarden US$) in Jubail; die FEED und Pre-FEED Gebote sind unter Evaluierung.

Energiewirtschaft: Saudi-Arabien setzt auf Atomstrom und EE

Der Energieverbrauch des Königreichs soll sich bis 2030 verdreifachen. Ziel ist nur noch 70 Prozent des Stroms aus Gas zu gewinnen, den Rest aus Nuklearkraft (2040: 17 Gigawatt) und Erneuerbaren Energien (2023: 9,5 Gigawatt). Die geplante Privatisierung der Saudi Electricity Company wurde verschoben. Die erste Runde des National Renewable Energy Program sieht bis 2020 den Aufbau von 3,45 Gigawatt. Die Evaluierungen der Gebote für eine Solaranlage (Sakaka; 300 Megawatt; 700 Millionen US$) und einen Windpark (Dumat al-Jandal; 400 Megawatt; 600 Millionen US$) laufen, beide sollen als Build-Own-Operate-Modell realisiert werden. Ende 2018 will KA-Care die Aufträge für zwei Atomkraftwerke vergeben. Die Ausschreibung zur Präqualifizierung für ein IWPP in Jubail (3 Gigawatt; 5,4 Milliarden US$) wird in Kürze erwartet.

Bauwirtschaft: Schwache Auftragslage

Saudi-Arabiens Bauwirtschaft ist seit 2016 in der Krise, vor allem wegen der ausbleibenden staatlichen Investitionen. Zudem bestehen weiter Zahlungsrückstände bei staatlichen Bauherren. Die angestrebte Übernahme von Projekten durch private Investoren dürfte nur begrenzt möglich sein. Zu den Prioritäten der Regierung zählt neben dem Ausbau von Flughäfen und Schienenprojekten bezahlbarer Wohnraum für die einheimische Bevölkerung. Berichten zufolge sollen 1,5 Millionen Wohnungen bis 2022 entstehen. Der Wohnungsbau soll laut Vision 2030 durch neue Gesetze und Regularien gefördert werden. Im Dezember kündigte der König an, 500 Millionen US$ für subventionierte Immobilienkredite bereit zu stellen.

Gesundheitswirtschaft: Privatsektor soll übernehmen

Bevölkerungswachstum, eine alternden Gesellschaft und die Zunahme chronischer Krankheiten erhöhen die Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen. Das System hängt stark von staatlichen Anbietern und Importen ab. Die Vision 2030 setzt auf den Ausbau der lokalen Produktion von Medizintechnik, Arzneien, besonders Generika, und Impfstoffen. Staatliche Kliniken, einzelne Abteilungen und Dienstleistungen sollen privatisiert werden. Krankenversicherungen sollen Behandlungskosten abdecken. Zudem soll die Digitalisierung vorangetrieben werden: Eine einheitliche, digitale Patientenakte soll bis 2020 für 70 Prozent der Bevölkerung eingeführt sein und digitale Hilfsmittel zu Prävention, (Selbst-)Monitoring und Personalmanagement eingesetzt werden. Die Gesundheitsausgaben beliefen sich 2016 auf 34 Milliarden US$.

Öl und Gas: Gasförderung genießt Priorität

Saudi-Arabien hat sich gegenüber der OPEC verpflichtet, seine Ölförderung bis Ende 2018 auf 10 Millionen Barrel pro Tag zu begrenzen. Laut Vision 2030 sollen bis 2020 die Kapazitäten der Ölförderung nahezu unverändert bei 12,5 Millionen Barrel pro Tag bleiben, bei Gas von 12 Milliarden Kubikfuß pro Tag auf 17,8 Kubikfuß pro Tag steigen, die der Raffinerien von 2,9 Millionen auf 3,3 Millionen Barrel pro Tag. Saudi Aramco hat im November 2017 den Auftrag für Gasverdichteranlagen in Haradh an Tecnicas Reunidas vergeben; die Gebotsevaluierung für den Ausbau der Hawiyah Gasförderung läuft (zusammen 4,6 Miliarden US$). Der geplante Börsengang eines Teils des staatlichen Ölkonzerns Saudi Aramco sei für 2018 weiter auf Kurs, erklärte der Kronprinz Ende Oktober 2017. Der Börsengang soll 100 Milliarden US$ einbringen und ist Teil der Vision 2030.

Bergbau: Im Fokus der Diversifizierungsstrategie

Laut Vision 2030 soll der Bergbau zur dritten Säule der Wirtschaft nach Öl und Petrochemie werden. Bislang wird nur ein geringer Teil der vermuteten Bodenschätze abgebaut, geplant ist auch die Weiterverarbeitung auszubauen. Neben staatlichen Investitionen soll vor allem privates Kapital den Sektor entwickeln. Dafür wurden mehr Abbaulizenzen in Aussicht gestellt. Wegen der hohen Kosten und Risiken erscheinen die Ziele für private Investitionen ambitioniert. Geschäftschancen könnten sich für Anbieter entsprechender Technik, Ausrüstungen und Expertise eröffnen. Das halbstaatliche Unternehmen Ma'aden dominiert den Markt und fördert unter anderem Gold, Grundmetalle, Phosphate, Aluminium, Kupfer und Bauxit. Ma'aden investiert derzeit besonders in Goldgewinnung und Phosphatdüngerproduktion.

Kfz-Markt: Starker Nachfragerückgang

Wegen der lahmenden Konjunktur hat die Kaufkraft der privaten Haushalte nachgelassen, auch Unternehmen bauen tendenziell ihre Fahrzeugflotten ab. Der Absatz von Pkw und leichten Lkw (wie SUV, Pick-up) brach 2016 um 21 Prozent auf 691.114 Neuzulassungen ein, im ersten Halbjahr 2017 um weitere 28 Prozent, meldet bestsellingcarsblog.com. Berichten zufolge ist das Nutzfahrzeugsegment ebenfalls stark betroffen. Die Sparzwänge könnten im Gegenzug zu höheren Investitionen in Ersatzteile und Wartung führen, die Einführung der Mehrwertsteuer zum 1. Januar 2018 könnte vor Jahresfrist zu vorgezogenen Käufen. Die Autobranche hofft zudem auf einen Verkaufsanstieg durch die Aufhebung des Fahrverbots für Frauen.

Umwelttechnik: Hohe Investitionen in Abwassersysteme und Kläranlagen erforderlich

Der Staat will sich im Wasser- und Abwassersektor als Investor und Betreiber zurückziehen; BOO- oder BOT-Projekte werden angestrebt. Abwasser wird nur zu etwa 20 Prozent aufbereitet. Bis 2020 sollen es 65 Prozent werden, 2040 dann 90 Prozent. Schätzungen zufolge ist nur etwa die Hälfte der Haushalte an ein öffentliches Abwassernetz angeschlossen. Die National Water Company hat im Juli 2017 ein internationales Beraterteam zur Durchführung von PPP-Projekten engagiert (Mizuho Financial Group, White & Case, Atkins). Als BOT-Projekte sind die zweite Phase einer Kläranlage am Jeddah Airport 2 (0,5 Millionen Kubikmeter pro Tag; 400 Millionen US$), ein Klärwerk in Taif (270.000 Kubikmeter pro Tag; 200 Millionen US$) und ein Wasserversorgungsprojekt für Riad (Yabreen Grundwasservorkommen; 800.000 Kubikmeter pro Tag, 300 Millonen US$) geplant.

Metallindustrie: Flaute in Bauindustrie dämpft Nachfrage

Der Auftragseinbruch in der Bauindustrie, vor allem bei Infrastruktur und Wohnprojekten, hat auch zu einem starken Nachfragerückgang nach Metallerzeugnissen geführt. Bislang zeichnet sich keine Trendwende ab und Investoren zeigen sich zurückhaltend. Den Kapazitätsausbau behindern überdies Engpässe bei der Gas- und Energieversorgung. Saudi-Arabien ist der größte Stahlproduzent und -konsument unter den Mitgliedern des Golfkooperationsrats. Die Rohstahlerzeugung betrug 2016 rund 5,5 Millionen Tonnen pro Jahr. Etwa ebenso viel Stahl wird importiert. Ein Großteil der Einfuhr ist Stahlschrott, den die lokale Stahlindustrie als Rohmaterial verwendet. Derzeit ist ein 70 Millionen US$ Werk zur Produktion von Stahlblöcken in Rabigh (300.000 Tonnen pro Tag) im Bau, der Baufortschritt hat sich stark verlangsamt.

Einen Ausblick auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung finden Sie unter: http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/Wirtschaftsklima/wirtschaftsausblick,t=wirtschaftsausblick-dezember-2017--saudiarabien,did=1839898.html

Dieser Artikel ist relevant für:

Saudi-Arabien Energie, Wasser, Wärme, allgemein, Bauwirtschaft, allgemein, Umweltschutz, Entsorgung, Klimaschutz, allgemein, Chemische Industrie, allgemein, Metallerzeugung, -verarbeitung, allgemein, Bergbau / Rohstoffe, allgemein, Gesundheitswesen allgemein, Medizintechnik, allgemein, Maschinen- und Anlagenbau, allgemein, Umwelttechnische Anlagen, Straßenfahrzeuge, allgemein, Kfz-Teile, -Zubehör (ohne Brennstoffzellen), Strom-/ Energieerzeugung, Solar, Deponie und Abfallaufbereitungsbau, Produktionsanlagen für Chemie, Petrochemie und Pharmazie, Strom-/ Energieerzeugung, Wind, Öl, Gas, Mineralische Rohstoffe, Edelsteine, Personenkraftwagen (Pkw), Nutzfahrzeuge (Nfz), Petrochemie, Architektur, Bau-Consulting, Bauüberwachung, Kläranlagenbau, Bergbaumaschinen, Geo-Bohrtechnik, Produktionsanlagen für Eisen und Stahl, Strom-/ Energieerzeugung, Fossile Energien, Strom-/ Energieerzeugung, Kernkraft

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