Infrastrukturprojekte - Interview

INTERVIEW

Gespräch mit Manuel Schemann, Bankdirektor Corporate Finance bei der Helaba in Frankfurt

Manuel Schemann |© Helaba Frankfurt

Ihre Abteilung befasst sich mit Projektfinanzierung. Was genau verstehen Sie darunter?

Projektfinanzierung ist kein „geschützter“ Begriff. Wir meinen damit die kommerzielle Finanzierung von Projekten, die sich etwa von Projekten der Entwicklungshilfe mit ihren primär förderpolitischen Zielen deutlich unterscheidet. Wir müssen mit unserem Geschäft Geld verdienen.


Was ist die Rolle der Banken?

Banken stellen im Rahmen von Finanzierungskonsortien in der Regel 70-80 Prozent der Investitionssumme in Form von Fremdkapital gegen Besicherung zur Verfügung. Die Helaba arrangiert solche Finanzierungen oder beteiligt sich an durch andere Institute arrangierten Finanzierungen.


Wie sieht eine typische Projektstruktur aus?

Ein oder mehrere Unternehmen planen die Errichtung einer in sich geschlossenen Wirtschaftseinheit, etwa eines Kraftwerks oder einer Produktionsstätte, die eine Vielzahl von Vertragsbeziehungen zu Lieferanten, Abnehmern, Betreibern sowie Fremd- und Eigenkapitalgebern hat. Die Bankdarlehen werden in der Regel einzig und allein aus den Cash-Flows zurückgezahlt, die durch den Betrieb der Anlage erwirtschaftet werden.


Das Projektgeschäft gilt als aufwendig - warum?

Bevor ein Vorhaben über eine Projektfinanzierung finanziert werden kann, muss ein umfangreicher Standardkanon an Risiken – technisch, rechtlich, regulatorisch, Bonität - abgeprüft werden. Eine umfassende Einzelprüfung bringt sehr hohe Kosten der sogenannten „due diligence“ mit sich; hier kommen schnell Beträge von mehreren hunderttausend Euro bis zu mehreren Millionen Euro zusammen. Deshalb amortisiert sich eine Projektfinanzierung erst ab einer bestimmten Größe.


Wie groß sind die Projekte, und wie kommt die Finanzierung zustande?

Ein Offshore-Windpark etwa hat einen Finanzierungsbedarf von zwischen 600 und 800 Millionen Euro. Ein Kunde fragt eine Vielzahl von Banken zu seinem Finanzierungsvorhaben an, die dann auf ein sog. „Term Sheet“ bieten. Wir als Helaba beteiligen uns im Allgemeinen in der Bandbreite zwischen 25 und 75 Mio. Euro pro Projekt. Meist finanzieren mehrere Banken zusammen im Konsortium. Im Ausland bevorzugen wir die Einbindung regionaler Financiers, weil sie vor Ort über deutlich besseren Zugang zu Genehmigungsbehörden und Ministerien verfügen, die für eine Projektrealisierung von Bedeutung sein können. Übrigens bietet nicht jedes Institut Projektfinanzierung an, es gibt deutlich mehr Banken, die klassischen Firmenkredite anbieten.


Ein Mittelständler und seine Projekte passen also nicht zu Ihnen?

Nicht zu uns als Projektabteilung - aber für eine „Projektfinanzierung light“ schauen wir dann in andere Produkt-Schubladen. Für die Finanzierung regulärer Ausfuhrgeschäfte bietet sich die Exportfinanzierung an. Hier zählt für uns nur die Bonität des Kunden bzw. die Exportkreditversicherung; ob eine Investition sich lohnt, müssen wir nicht prüfen. Wenn eine Gemeinde drei Windräder im Wert von 5 Millionen Euro aufstellen will, realisiert meist die Sparkasse vor Ort die passende Finanzierung. Projektfinanzierung ist, nicht zuletzt aufgrund der „due dilligence“-Kosten nur für große Vorhaben mit leistungsstarken und erfahrenen Projektpartnern das adäquate Produkt.


Auf Projekte welcher Branchen ist die Helaba spezialisiert?

Wir finanzieren Projekte im Bereich konventioneller Energieerzeugung sowie Pipelines, Speicheranlagen und Strom- und Gasnetze. Außerdem bieten wir Finanzierungen im Bereich Windenergie und Photovoltaik an. Bei der Verkehrsinfrastruktur sind wir in Straßenprojekten, Flug- und Seehäfen sowie Containerterminals tätig. Auch die Abwasser- und Abfallentsorgung finanzieren wir.


Sie prüfen ein Projektvorhaben sehr umfangreich, bevor Sie die Finanzierungszusage geben. Kann trotzdem etwas schiefgehen?

Ja! Bei einem geplanten Kraftwerk in Kroatien hakt es zum Beispiel seit mehreren Jahren an der notwendigen Genehmigung. Wenn die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen nicht gut funktioniert, kann es problematisch werden. In Spanien haben Tarifreduzierungen viele Projektfinanzierungen für Solarstrom ins Trudeln gebracht. Problembehaftete Kredite haben wir dort auch bei Straßenbauprojekten durch die Änderung regulatorischer Rahmenbedingungen erlebt. Positiv ist: Da wir langlebige Assets finanzieren, können die Kredite durch eine Umstrukturierung, beispielsweise eine Tilgungsstreckung, in der Regel trotzdem noch zurückgeführt werden, so dass echte Kreditausfälle gering sind.

Grundsätzlich ist die oft mehrjährige Bauphase meist mit dem höchsten Risiko behaftet. Anschließend in der Betriebsphase sinkt das Risiko, doch die Kredite sind üblicherweise auch erst nach 15 bis 25 Jahren Betrieb getilgt.


Ist die Helaba als Bank in öffentlicher Hand im internationalen Projektgeschäft für ihre Geschäftskunden genau wie eine „normale“ Geschäftsbank tätig?

Als Anstalt öffentlichen Rechts mit Sparkassen als mehrheitlichem Eigentümer sind wir zunächst einmal stark im deutschen Heimatmarkt verwurzelt und sehen das Ausland nicht als Hauptfeld unserer Aktivitäten an. Wir begleiten aber unsere Kunden bei ihren internationalen Vorhaben. Hinsichtlich der Risikobeurteilung  von Projektfinanzierungen agiert die Helaba genauso wie jede kommerzielle Bank.


In welchen Ländern und Regionen sind Sie tätig?

In allen Investment-Grade-Ländern; daher sind OECD-Staaten unser Schwerpunkt. Das bedeutet in Amerika vor allem USA und Kanada. In Europa vor allem Großbritannien, Benelux, Österreich, Skandinavien und Frankreich, aber auch Polen und die Schweiz. Bei der Projektfinanzierung mit ihren sehr großen Vorhaben sind kleine Märkte nicht so attraktiv, wenn dem Aufwand für den Markteintritt nicht eine entsprechende Pipeline an zu erwartenden Projekten gegenübersteht. Als kleineres Land sehr spannend sind für uns die Niederlande, die massiv in Verkehrs- und Wasserwege, öffentliche Gebäude und Konversionsprojekte investieren; Public-Private Partnerships laufen meist über 25-30 Jahre. Auch Polen hat zum Beispiel großen Zubaubedarf bei Müllverbrennungsanlagen. Unsere Zielkunden begleiten wir im Einzelfall aber auch nach Asien und Südamerika.

Fünfzig Prozent unseres Portfolios liegen übrigens in Deutschland.


Wie groß ist Ihr Kundenkreis für die Projektfinanzierung?

Wir haben etwa 80 bis 100 Kunden, mit denen wir wiederkehrend Geschäfte machen und die wir von Frankfurt oder unseren Niederlassungen in London und New York aus betreuen.


Wer sind Ihre wichtigsten Partner?

Die internationale Projektfinanzierungswelt ist eine Community, in der man sich kennt: entweder als Wettbewerber oder als Partner in Konsortien. Unsere wichtigsten Kooperationspartner sind die KfW IPEX-Bank, andere Landesbanken und europäische Großbanken. Weltweit größte Projektfinanzierer sind jedoch japanische Banken, nämlich Bank of Tokyo-Mitsubishi UFJ sowie Sumitomo Mitsui Banking Corporation.


Sehen Sie Liquiditätsengpässe für Projekte?

Nein, deutsche Unternehmen haben genug Zugang zu Krediten. Wir beobachten sogar so viel Liquidität im Markt, dass Banken händeringend nach guten Projekten suchen. Gewisse Nachteile ergeben sich für deutsche Unternehmen aber dadurch, dass sie nicht so „geschlossen“ auftreten wie ihre Pendants beispielsweise aus China, Japan oder Korea. Unternehmen aus diesen Ländern werden mit Krediten staatlicher Banken und Exportkreditversicherungen des jeweiligen Landes bei internationalen Ausschreibungen sehr stark unterstützt.


Interview: Kirsten Hungermann, GTAI

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