Start-Ups in Brasilien

Brasilianer finden Start-ups ausgesprochen attraktiv

Der Unternehmergeist junger Brasilianer ist beeindruckend. Start-ups werden auf dem schwierigen Arbeitsmarkt zunehmend zur lukrativen Option.

28.01.2019

São Paulo gilt als Gründerzentrum Lateinamerikas

"Junge Menschen sind risikobereiter. Bei der schwierigen Lage am Arbeitsmarkt sind ein eigenes Unternehmen und die Aussicht auf finanzielle Unabhängigkeit umso attraktiver." So kommentiert Rafael Ribeiro vom brasilianischen Start-up-Verband ABStartups die Ergebnisse einer aktuellen Studie der Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD). Der internationale Vergleich belegt den Unternehmergeist junger Brasilianer. Zwölf Prozent der brasilianischen Start-ups wurden von Studierenden oder frisch Absolvierten gegründet. Nur in Kanada kam die OECD-Studie auf einen höheren Anteil.

Angesichts der hohen Nachfrage ändern immer mehr Fakultäten die Lehrmethoden und investieren in Inkubatoren. Selbst in einigen Schulen steht Innovation schon auf dem Lehrplan. Zu den bedeutendsten Inkubatoren gehören Cietec (São Paulo), COPPE/UFRJ (Rio de Janeiro) und Incamp (Campinas) sowie universitätsnahe Privatinitiativen wie Shell Iniciativa Jovem (Rio de Janeiro) und Miditec (Florianópolis).

Förderlandschaft variiert regional stark

Der Verband Associação Nacional de Entidades Promotoras de Empreendimentos Inovadores Anprotec listet derzeit 370 angeschlossene Inkubatoren, Acceleratoren, Technologieparks, Coworking-Einrichtungen und weitere Förderinstitutionen. Wichtige staatliche Förderprogramme sind Startup-Brasil, Conexão Startup Indústria sowie PIPE der Forschungsstiftung Fundação de Amparo à Pesquisa do Estado de São Paulo (Fapesp).

„Die Unternehmensbeteiligung an Forschungsinitiativen von großen Universitäten im Bundesstaat São Paulo wie Unicamp, UNESP und USP liegt ähnlich hoch wie an den US-amerikanischen Hochschulen“, versichert Sérgio Queiroz von Fapesp. Queiroz beklagt jedoch, dass Einrichtungen in anderen Regionen deutlich weniger private Zuwendungen erhalten. Fapesp ermöglicht Start-ups eine Förderung über öffentliche Gelder, selbst bevor diese offiziell ein Unternehmen angemeldet haben. Von 2014 bis 2017 verdoppelte sich die Zahl der geförderten Projekte. Die Zuwendungen vervierfachten sich nahezu auf etwa 22 Millionen Euro im Jahr 2017.

Private Starthilfen und Initiativen vervielfachen sich

Auf São Paulo konzentrieren sich auch die multinationalen IT-Konzerne. Google eröffnete Mitte 2016 den Campus São Paulo und startet 2018 das Acceleratorprogramm Launchpad. Ende 2017 weihte hier Facebook mit der Estação Hack sein erstes Innovationszentrum weltweit ein. Als Finanzzentrum Brasiliens profitiert die Metropole zudem von dem starken Engagement der Banken. Drei Jahre nach Eröffnung vervierfacht die private Bank Itaú den Raum für den Inkubator Cubo. In dem neuen Gebäude finden ab Mitte August 2018 über 200 Start-ups Platz. Zum Jahresbeginn 2018 eröffnete das Coworking-Büro Habitat der Bank Bradesco mit über 150 Start-ups. Seitdem folgten das Innovationslabor Lift Lab der Zentralbank, BoostLab der Bank BTG Pactual und ein Programm der Banco do Brasil.

Vor 2016 hatten laut einer Studie der Getúlio Vargas Stiftung (FGV) 45 Acceleratoren mehr als 1.100 Start-ups mit einem Gesamtbetrag von rund 14 Millionen Euro gefördert. Seitdem stieg das Interesse an Start-ups deutlich. Neben den Acceleratoren stehen auch andere Initiativen wie Innovation Labs oder Digital Hubs hoch im Kurs. Vom Agrarsektor bis zur Wasserwirtschaft - Unternehmen aller Branchen versuchen die digitale Transformation durch Kooperationen mit Start-ups zu begleiten und für sich zu nutzen. Ganz vorne dabei sind in Brasilien auch deutsche Konzerne wie Siemens, Bayer, BASF und Voith, die über das Programm „Startups Connected“ der Deutsch-Brasilianischen Industrie- und Handelskammer São Paulo Start-ups suchen.

 

Im internationalen Vergleich haben es Start-ups in Brasilien schwer

São Paulo bietet Start-ups das beste Ökosystem Lateinamerikas. Im Startup Ecosystem Ranking 2017 von StartupBlink schafft es São Paulo auf Rang 31. Insgesamt lag Brasilien allerdings nur auf Platz 39, und somit hinter Mexiko und Chile, aber vor Argentinien und Kolumbien. Den Experten zufolge beeinträchtigen insbesondere die schleppende Bürokratie und hohe Steuern das große Start-up-Potenzial Brasiliens. Schwierig ist auch die Finanzierung. Unter den hohen Kapitalkosten und dem erschwerten Kreditzugang leiden alle kleinen und mittelständischen Unternehmen in Brasilien.

Immer mehr brasilianische Start-ups melden ein Unternehmen in der US-Steueroase Delaware an. Nicht etwa um Steuern zu sparen, sondern um Investoren anzuwerben, die vor der hohen Bürokratie und den spezifischen Risiken Brasiliens zurückschrecken. Die neueröffnete Holding wird dann zum Partner in der „Tochterfirma“ in Brasilien. Dieses Vorgehen, das selbst einige Manager brasilianischer Fonds empfehlen, lohnt sich natürlich nicht in allen Fällen, verdeutlicht aber das schwierige Geschäftsumfeld in Brasilien.

Finanzierung bleibt trotz zunehmender Investitionen eine Herausforderung

Den Großteil ihrer Finanzierung leisten brasilianische Start-ups über eigene Ressourcen. Bislang war der Zugang zu Risikokapital äußert begrenzt. Doch die Investitionen steigen stark an. Laut des Verbands Latin American Private Equity & Venture Capital Association (Lavca) legten die Risikokapitalfonds 2017 insgesamt 860 Millionen US-Dollar (US$) in 113 brasilianische Start-ups an. Damit investierten sie mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr. Die Zahl der begünstigten Unternehmen verdoppelte sich ebenso. Lavca begründet die Entwicklung unter anderem durch die gestiegene Anzahl ausländischer Fonds in Lateinamerika, die von 52 im Jahr 2015 auf 80 im Jahr 2017 zulegte.

Auch die Non-Profit-Organisation Anjos do Brasil registriert von Jahr zu Jahr höhere Summen. 2017 investierten Business Angels in Brasilien mit 308 Millionen US$ 16 Prozent mehr als im Vorjahr. Cassio Spina, der Vorsitzende der Organisation, sieht in dem neuen Gesetzeszusatz Lei Complementar 155/2016 und der damit geschaffenen Rechtssicherheit eine wichtige Grundlage für zunehmende Investitionen. Darüber hinaus steigt die Attraktivität der Anlageform durch die Reife der Projekte, die ersten brasilianischen Einhörner und die stark gesunkenen Zinsen, die den Ertrag aus Festgeldanlagen mindern. 


Text: Gloria Rose

28.01.2019

Brasilianische Start-ups florieren

Laut des Verbands ABStartups verdoppelte sich innerhalb von fünf Jahren die Zahl der Start-ups in Brasilien auf 4.200. Insgesamt rechnet der Verband mit landesweit etwa 10.000 Initiativen. Brasiliens Ökosystem entwickelt sich und durchläuft einen intensiven Reifeprozess. Dies verdeutlicht sich auch an der zunehmenden Anzahl von Übernahmen. Reifere Start-ups kaufen jüngere aus dem gleichen Segment, um schneller zu wachsen.

Der ABStartups-Jahresbericht 2017 registriert ein Durchschnittsalter von zweieinhalb Jahren. 70 Prozent haben bereits offiziell ein Unternehmen angemeldet, weitere 15 Prozent sind gerade dabei. Fast zwei Drittel der Start-ups haben bis zu 5 Mitarbeiter. 28 Prozent beschäftigen zwischen 6 und 15 Mitarbeiter und knapp 8 Prozent 16 und mehr. Unter anderem aufgrund der Landesgröße konzentrieren sich brasilianische Start-ups auf B2B- und B2B2C-Geschäfte. Nur etwa 20 Prozent suchen den Kontakt zum Endkunden.

Der Zugang zu Risikokapital sowohl aus dem Ausland, als auch von inländischen Anlegern wird leichter. Im ersten Halbjahr 2018 feierte das dritte Start-up Brasiliens seinen Status als Einhorn. Vor dem Fintech Nubank hatten bereits der Uber-Konkurrent 99 und das Fintech PagSeguro eine Marktbewertung von über 1 Milliarde US-Dollar (US$) erreicht.

Im Oktober kamen gleich drei Start-ups dazu: der Anbieter von Lernsystemen Arco Educação und die beiden Fintechs Stone Pagamentos und Brex. Die App iFood sowie deren Entwickler Movile gaben im November bekannt, bereits seit längerem dem erlesenen Kreise anzugehören. Damit zählt Brasilien mittlerweile stolze acht Einhörner. Weitere Anwärter auf den Status sind PSafe, GuiaBolso, VivaReal/Zap, Ebanx und Resultados Digitais (RD).

Brasiliens Zentralbank fördert Fintechs

Einen regelrechten Hype erleben derzeit Fintechs. Angesichts der hohen Marktzinsen und der Konzentration in Brasiliens Bankensektor will die Zentralbank den Wettbewerb stärken. Mit diesem Ziel treibt sie die Anerkennung von Fintechs voran und gestattet ihnen mittlerweile, selbst Kredite zu gewähren. Zwar ist das Kreditvolumen zunächst stark beschränkt, doch die Marktregulierung gilt als Meilenstein. Branchenexperten erwarten zunehmende Partnerschaften mit kleinen Banken, Kreditgenossenschaften und Unternehmen des Einzelhandels, die das Start-up-Ökosystem insgesamt beleben werden.

Bislang konzentrierten sich die Aktivitäten brasilianischer Start-ups auf Apps, Unterhaltung, E-Commerce, Finanzen und Bildung. Im Rahmen des nationalen Internet of Things (IoT)-Plans, den die Regierung derzeit verabschiedet, werden digitale Technologien in den vier Bereichen Smart Cities, Industrie, Agrobusiness und Gesundheit gefördert. Die digitale Welle hat die Agrarwirtschaft bereits erfasst. Neben den sogenannten Agtechs mehren sich aber auch die Insurtechs, Human Ressources Techs, Lawtechs und andere.


Start-up-Landschaft nach Branchen (Anteil in %)

Branche

Anteil

Besonders vielversprechende Start-ups

Professionelle Dienstleistungen

16,2

goEPIK, Intelup, FORSEE, Novidá, BirminD

Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT)

11,0

Fhinck, Pris Software, QualityStorm, Pipefy 

Finanzen

8,8

BLU365/Kitado, Parcele.me, Meu Cambio

Gesundheit

8,2

Salvus, MSC MED, Scheme Lab, PluriCell

Handel

7,5

Incentive-me, Aqua Multitoque, STANDOUT

Bildung

7,1

Mastertech, DESCOLA, Escribo, Eruga

Mobilität/Logistik

5,7

Comprovei, Simplifica Fretes, JettaCargo, LogPyx

Unterhaltung

4,4

Cupcake Entertainment

Agrobusiness

3,9

IAgro, AGRONOW, Eirene Solutions, nextAgro

Andere

27,2

Allya, Opinion Box, PROSUMIR, Forebrain, Kornerz, JUSTTO, Loox Studios, Nama

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest, "ABStartups", 100 Open Startups  


São Paulo ist der mit Abstand wichtigste Hub Brasiliens. 30 Prozent der Start-ups stammen aus der Metropole. Im Hinterland des Bundesstaates São Paulo entstanden weitere 12 Prozent der Jungunternehmen. Zweitwichtigster Bundesstaat mit 12 Prozent ist Rio Grande do Sul im äußersten Süden gefolgt von Rio de Janeiro mit 9 Prozent aller Start-ups. Ebenfalls wichtige Standorte für Innovation beheimaten die Bundesstaaten Minas Gerais mit den Start-up-Gemeinden San Pedro Valley und Colmeia, Paraná mit Red Foot und Capivalley und Santa Catarina mit StartupSC.


Text: Gloria Rose

28.01.2019

Immer mehr brasilianische Gründer zieht es ins Ausland

Das Jahr 2018 sorgte international für Schlagzeilen. Zum Jahresauftakt erwarb der chinesische Konzern Didi Chuxing den brasilianischen Uber-Konkurrenten 99 für 600 Millionen US-Dollar (US$). Anschließend brachte der Gang an die New Yorker Börse dem brasilianischen Fintech PagSeguro 2,7 Milliarden US$ ein. Seit dem Börsenstart der chinesischen E-Commerce-Plattform Alibaba 2014 hat kein anderes ausländisches Unternehmen eine so hohe Summe an der Wallstreet erzielt.

Immer mehr brasilianische Start-ups erkennen ihre Chancen im Ausland. Viele zieht es in die USA. Einige, darunter das Start-up der Bildungstechnologie Mosyle und die IT-Unternehmen Pipefy und PSafe verlegten sogar den Unternehmenssitz dorthin. Eine aktuelle Erhebung der Organisation BayBrazil zählte allein in der Region um San Francisco 32 brasilianische Start-ups mit einem jährlichen Gesamtumsatz von etwa 100 Millionen US$. Weitere brasilianische Start-ups mit Erfolg im Ausland sind Easy Taxi, ClickBus, Gympass, Hotsmart und iFood/Movile.

Gefördert durch die Wirtschaftsagentur Wien eröffnet TNS Nanotecnologia derzeit seine erste Verkaufsniederlassung im Ausland. TNS entwickelte unter anderem Nanosensoren für Salmonellenschnelltests und Substanzen für eine bessere Resistenz und Haltbarkeit von Hühnereiern. Das aussichtsreiche Start-up aus Santa Catarina wurde schon mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2017 durch das Programm Startups Connected der Deutsch-Brasilianischen Industrie- und Handelskammer São Paulo. Dadurch ergaben sich erste Exportgeschäfte mit Italien, der Schweiz und Pakistan. Über das Programm StartOut Brasil erkundete TNS im April 2018 die Start-up-Szene in Berlin.

Ausländischen Start-ups bietet sich ein attraktiver Markt mit Herausforderungen

Die über 200 Millionen Brasilianer begegnen Innovationen generell mit Begeisterung. Die Vielzahl an Early Adopters macht den Markt sehr attraktiv. Doch für die Erschließung sind viele Hürden zu überwinden. Insbesondere die Bürokratie, das komplexe Steuerwesen und die Unvorhersehbarkeit machen den jungen Unternehmen zu schaffen. Besonders wichtig sind verlässliche lokale Partner, die die Risiken mittragen.

Brasilien weist viele Eigenheiten auf, die sich Ausländern nicht unmittelbar erschließen. Nicht von ungefähr entstand die Redewendung „Brasilien ist nichts für Anfänger“. Unterstützung bieten einige Programme und Inkubatoren. Flavio Pripas, der Direktor des Cubo Itaú, betonte bei der Eröffnung des neuen Gebäudes im August, dass der Hub besonderen Wert auf den Austausch mit dem internationalen Start-up-Ökosystem legt.

Für den deutschen Mobile Point-of-Sale (mPOS) Anbieter SumUp entwickelte sich Brasilien zum weltweit wichtigsten Markt. SumUp produziert Lesegeräte, mit dem Kleinstunternehmer ihren Klienten die Kartenzahlung ermöglichen. 380 der insgesamt 740 Mitarbeiter arbeiten in Brasilien. Im Jahr 2018 soll sich der Mitarbeiterstab, ebenso wie im Vorjahr, erneut verdoppeln. Unter anderem aufgrund der Fusion mit dem US-amerikanischen mPOS payleven wuchs der Betrieb innerhalb der vergangenen zwei Jahre um das Fünfzehnfache.

Als Teilhaber leitet Igor Marchesini das Start-up bereits seit dem Markteintritt 2013. Laut Marchesini waren Anpassungen an brasilianische Gegebenheiten grundlegend für den Markterfolg. Dazu gehörte beispielsweise die Erhöhung der Garantiezeit für das Gerät von ursprünglich einem Jahr auf ein Jahrzehnt. Darüber hinaus musste das in Brasilien beliebte Angebot von zinslosen Ratenzahlungen als Zahlungsoption integriert werden. Zur Kundenbindung bietet SumUp heute auch das Webportal Dono do Negócio mit Tipps und Informationen für Kleinstunternehmer.


Text: Gloria Rose

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