Start-Ups in Polen

Polnische Start-ups genießen mehr Aufmerksamkeit

Amazons Alexa kommt aus Danzig, Brainly aus Krakau: Die polnische Start-up-Szene ist spannend und wird immer größer. Polens Regierung hat das Potenzial erkannt und investiert kräftig.

28.01.2019

Polens Regierung will Innovationen stärker fördern

Polen hat beim Thema Innovation Nachholbedarf. Das zeigt das European Innovation Scoreboard der Europäischen Kommission: Polen belegt hinter Rumänien, Bulgarien und Kroatien den viertletzten Platz und gehört damit aus Sicht der Kommission zu den moderaten Innovatoren. Wesentlicher Grund für das schwache Abschneiden sind die niedrigen Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E). Im Jahr 2017 investierte Polen 1,03 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der Durchschnitt der 28 Mitgliedstaaten war mehr als doppelt so hoch.

Die Regierung wird sich deshalb in den kommenden Jahren speziell dieses Themas annehmen. Mit Hilfe eines Wirtschaftsplans soll das Land innovativer werden. Dabei wird es auch um verbesserte Rahmenbedingungen für F&E gehen, um neue Technologien besser zu fördern. Zudem sollen die finanziellen Fördermöglichkeiten für Start-ups in Polen erweitert werden.

Die Pläne der Regierung sowie der europaweite Trend, jungen Unternehmen mehr Aufmerksamkeit zu schenken, gibt der Start-up-Szene Rückenwind. Die Zahl der Start-up-Veranstaltungen steigt, neue Acceleratoren- und finanzielle Förderprogramme werden aufgelegt.

Fördergelder für Start-ups verfünffacht

Das größere Interesse der polnischen Regierung schlägt sich bereits in konkreten Zahlen nieder: Der Nationale Kapital Fonds hatte zwischen 2009 und 2017 ein Volumen von rund 116 Millionen Euro zur Förderung innovativer Projekte von Unternehmen. Dem Nachfolger PFR-Ventures steht für den Zeitraum 2018 bis 2023 mehr als die fünffache Summe zur Verfügung. Rund 660 Millionen Euro kann der zur Gruppe des Polnischen Entwicklungsfonds gehörende Fonds in diesem Zeitraum in den polnischen Risikokapitalmarkt (Venturecapital) investieren.

Die Fördergelder sind dabei auf verschiedene Fonds aufgeteilt, die auf Start-ups in unterschiedlichen Entwicklungsphasen abzielen. Gefördert werden dabei wie beim Vorgänger jedoch nicht direkt die Start-ups, sondern VC-Fonds. Durch die Bereitstellung der Fördergelder sollen Business Angels, Großunternehmen und internationale Venturecapitalfonds für den polnischen Risikokapitalmarkt geworben werden.

Darüber hinaus existieren weitere Fördermaßnahmen: Im Internet stehen Informationen für Start-ups in verschiedenen Entwicklungsphasen bereit. Unter anderem wird das eigene Bildungsprogramm PFR School of Pioneers vorgestellt. In Zusammenarbeit mit der Universität Cambridge im Vereinigten Königreich, dem Internetauktionshaus Allegro und der Investitionsfirma TDJ werden Gründer geschult.

Dringender Nachholbedarf beim Risikokapitalmarkt

Der polnische Risikokapitalmarkt für Start-ups ist noch unterentwickelt. Zwar gibt es in Polen rund 100 Risikokapitalfonds, doch nur fünf von ihnen arbeiten ausschließlich mit privatem Kapital. 81 Prozent der bisher in polnische Start-ups investierten Fördermittel kommen ursprünglich von der Regierung, der Europäischen Union (EU) oder anderen öffentlichen Stellen.

Aus diesem Grund wird die gestiegene finanzielle Unterstützung der polnischen Regierung für Start-ups teilweise kritisch betrachtet. Nach Aussagen von Branchenexperten könnten die Fördermittel zu hoch sein. Kurzfristig sei eine starke Unterstützung notwendig - mittel- bis langfristig könnte das große öffentliche Fördervolumen jedoch zu Verdrängungseffekten führen und den Aufbau eines Marktes für privates Risikokapital in Polen behindern, warnen Experten. Ein weiteres Problem sei zudem die mangelnde Kooperation von Ministerien und anderer öffentlicher Stellen untereinander. Eine Verschwendung von Fördermitteln ist nach Aussage von Branchenvertretern das Ergebnis.

Noch überwiegt das Bootstrapping

Der Anteil der Start-ups mit externer Finanzierung bleibt trotz steigender Fördermöglichkeiten unverändert: Wie aus dem Polish Startups-Report hervorgeht, finanzieren sich immer noch rund 60 Prozent in Form des Bootstrapping; das heißt ausschließlich aus eigenen Mitteln. Dabei existiert ein großer Bedarf an externer Finanzierung. Besonders Venturecapitalfonds sind bei den Start-ups gefragt. 42 Prozent der jungen Unternehmen gaben an, in den nächsten sechs Monaten gerne eine Finanzierung von einem polnischen oder ausländischen Risikokapitalfonds in Anspruch zu nehmen. Neben öffentlichen Finanzierungsquellen stehen zudem Business Angels sowie strategische Industrieinvestoren ganz oben auf der Liste.

Zahl der Inkubatoren wächst rasant - Sandkästen sollen Fintechs fördern

Wie sehr die Start-up-Szene in Polen wächst, zeigt auch die steigende Zahl an Inkubatoren im Land. Allein in Warschau gibt es mittlerweile rund 20 - einer der bekanntesten von ihnen ist der Google Campus in Warschau, der seit 2015 besteht. Seit seiner Gründung haben die dort ansässigen Start-ups Finanzmittel von rund 16 Millionen US-Dollar (US$) eingesammelt, davon allein rund 10 Millionen US$ im Jahr 2017.

In Kooperation mit Mastercard und der Ghelamco Gruppe eröffnete der bereits vorher in der polnischen Start-up-Szene aktive Unternehmensclub D-Raft 2016 das Warschauer Kooperationszentrum The Heart. Es soll die Beziehungen zwischen Unternehmen und skalierbereiten Start-ups aus Europa und Israel aufbauen. Einen besonderen Fokus legt The Heart auf die Bereiche Einzelhandel, Finanztechnologien (Fintech) und Versicherungstechnologien (Insurtech). Das Kooperationszentrum bietet zudem eine Start-up-Suche an, um aktiv und zielgenau nach möglichen Geschäfts- und Technologiepartnern zu suchen. Sollte kein passendes Start-up gefunden werden, ist auch die Gründung eines Unternehmens, welches dann die gewünschte Technologie entwickelt, im Rahmen von The Heart Ventures möglich. Die Gründung dieser Start-up-Fabrik hatten The Heart und Mastercard im November 2018 gemeldet.

Zur Förderung von Fintechs hat die Polnische Finanzaufsichtsbehörde die Gründung von acht sogenannten Regulierungssandkästen ("sand boxes") bekanntgegeben. The Heart sowie die PKO, Alior und Pekao Bank werden beispielsweise jeweils einen der Sandkästen betreiben. Zielgruppe sind Start-ups, die neue Technologien für den Finanzsektor entwickeln.


Text: Niklas Becker

28.01.2019

Zahl der Start-ups in Polen steigt

Größeres Interesse seitens der etablierten Unternehmen und mehr Fördermöglichkeiten haben zu der steigenden Anzahl von Start-ups beigetragen. Nach Angaben des Thinktanks Startup Poland, der als Interessengemeinschaft der polnischen Start-up-Szene fungiert, gab es 2018 rund 3.300 Start-ups. Grundlage der Schätzung ist die vierte Version des jährlich erscheinenden Polish Startups-Report. 2015 waren es noch rund 2.400 junge Unternehmen.

Die Dynamik bei den Gründungen von Start-ups im Land könnte 2018 allerdings ihren vorzeitigen Höhepunkt erreicht haben. Maciej Koltonski, Leiter für Kommunikation und Strategie bei Startup Poland, geht davon aus, dass die Zahl der jungen Unternehmen unter Umständen nicht weiter steigen wird. Die Unvorhersehbarkeit des polnischen Marktes könnte die Entwicklung ausbremsen.

Mangelnde Planungssicherheit gefährdet die weitere Entwicklung

Diese Unvorhersehbarkeit erhöht die Anreize für Fachkräfte der Informationstechnik (IT), ins Ausland abzuwandern. Inzwischen gehört der Fachkräftemangel für polnische Start-ups zu den größten Herausforderungen. Insbesondere Programmierer werden händeringend gesucht. Zwar gibt es in Polen viele Talente, die bei internationalen Programmierwettbewerben auch regelmäßig gut abschneiden. Mittlerweile arbeiten viele von ihnen jedoch im Ausland. Eine Lösung könnte die Beschäftigung von Spezialisten aus der Ukraine oder Weißrussland sein. Bürokratische Hürden machen das Einstellungsverfahren sehr kompliziert.

Polens Start-ups gehören 2018 weiterhin zu den jüngsten in Europa. Wie der Polish Start-ups-Report zeigt, ist der Großteil der befragten Unternehmen zwei Jahre alt. 2016 war für das durchschnittliche polnische Start-up schon vor dem zweiten Geburtstag Schluss. Der Anteil der älteren Start-ups ist in den letzten Jahren gestiegen, was Ausdruck ihrer wachsenden Bestandsfestigkeit ist. Mittlerweile ist jedes dritte Unternehmen älter als drei Jahre. Fast die Hälfte der polnischen Start-ups befanden sich 2018 auf der zweiten der insgesamt vier Entwicklungsstufen. Was bedeutet, dass sie intensiv an ihrem Produkt arbeiten, ihr Unternehmen registrieren und die ersten Umsätze oder Benutzer generieren.

Trotz dieser Entwicklung ist die Anzahl der Beschäftigten in polnischen Start-ups tendenziell rückläufig. Lag der Anteil der Start-ups mit Beschäftigten 2016 noch bei fast 80 Prozent, so sank er im Jahr 2018 auf rund 70 Prozent. Der Großteil beschäftigt nicht mehr als 10 Mitarbeitende.

Warschau ist Hotspot für polnische Start-ups

Die meisten polnischen Start-ups werden in Warschau gegründet. Die Onlineplattform EU-Startups.com platzierte Warschau im Ranking der 15 größten Start-up-Hubs in Europa auch 2018 wieder auf Platz 14. Doch auch Breslau und Krakau sind für die Szene interessant. Jedes zweite polnische Start-up kommt aus Warschau, Breslau oder Krakau, berichtet der Polish Startups-Report. Neben der wirtschaftlichen Stärke spielen die Fördermöglichkeiten in den Städten dabei eine entscheidende Rolle. Besonders erfolgreich bei der Mittelbeschaffung in Polen seien die Start-ups aus Krakau, heißt es weiter.

Standorte der Befragten im Polish Startups-Report 2018

Stadt

Anteil der befragten Start-ups (in Prozent)

Warschau

29

Breslau

12

Krakau

10

Dreistadt

6

Posen

6

Lublin

6

Rzeszow

5

Quelle: Startup Poland

B2B gewinnt weiter an Bedeutung – Blockchain als möglicher Exportschlager

Die Bedeutung von Unternehmen als Kunden für die Start-ups in Polen nimmt weiter zu. Acht von zehn Start-ups verkaufen ihre Produkte oder Dienstleistungen direkt an Unternehmen. Der Anteil ist verglichen mit den Vorjahren deutlich gestiegen. Ohne die zwischen geschaltete Handelsstufe können die jungen Unternehmen mehr Geld verdienen.

Im Gegensatz dazu bieten nur rund 14 Prozent der Start-ups ihre Produkte ausschließlich für Privatkunden an. Der Anteil der jungen Unternehmen, die sich allein auf den B2B-Bereich (Business to Business) konzentrieren, liegt bei rund 50 Prozent. Kleine und mittlere Unternehmen mit weniger als 250 Beschäftigten sind die Hauptkunden der polnischen Start-ups.

Wie in den Vorjahren liegt der thematische Schwerpunkt der polnischen Start-up Szene im Informationstechnologiebereich, etwa bei Big Data-Anwendungen und dem Internet der Dinge. Dem Polish Startups-Report zufolge kommen 15 beziehungsweise 14 Prozent der verkauften Produkte aus diesen beiden Bereichen. Im Bereich von Big Data sind nach Aussage von Maciej Koltonski besonders Start-ups mit Blockchaintechnologien erfolgreich. Diese Technologien könnten sich zum polnischen Exportschlager entwickeln - vorausgesetzt, die weitere Abwanderung von Experten wird verhindert.


Text: Niklas Becker

28.01.2019

Polnische Blockchaintechnologien erobern Dubai

Ein Beispiel für den Erfolg polnischer Blockchaintechnologien auf ausländischen Märkten ist Nextrope. Das 2016 gegründete Softwareentwicklungshaus hat sich auf Blockchainanwendungen spezialisiert. Wichtigster Kunde des jungen Unternehmens sind staatliche Institutionen in Dubai. Nextrope hat für sie ein System zur Identifizierung von Immobilienkäufern und -verkäufern geschaffen. Dadurch müssen sie ihre Kreditwürdigkeit und andere Formalitäten nur einmal und nicht bei jeder Transaktion nachweisen. Auch illegale Käufe oder Verkäufe zu überhöhten Preisen lassen sich durch das System identifizieren.

Amazons Alexa: Geburtsort Danzig

Einen der größten Erfolge verzeichnete die polnische Start-up Szene 2013. Damals gab Amazon den Kauf des aus Danzig stammenden Start-up Ivona Software bekannt. Das polnische Unternehmen hatte sich auf Stimmentechnologien spezialisiert. Die Technologien waren bereits im Kindle Fire in Form von Text-zu-Sprache-Diensten zum Einsatz gekommen.

Seit dem Verkaufsstart im Juni 2015 sind die Technologien des polnischen Start-ups als virtuelle Assistentin Alexa weltbekannt. Laut Schätzungen von Statista verkaufte Amazon den smarten Lautsprecher im 1. Quartal 2018 weltweit rund 4 Millionen Mal. Am Standort des ehemaligen polnischen Start-ups in Danzig betreibt Amazon weiterhin ein Forschungs- und Entwicklungszentrum, um die künstliche Intelligenz von Alexa weiterzuentwickeln.

Zur Gruppe der weltweit erfolgreichsten polnischen Start-ups gehört auch Brainly. Das 2009 in Krakau gegründete Unternehmen sammelte in verschiedenen internationalen Investitionsrunden 39 Millionen US-Dollar ein - laut dem Polish Startups-Report ein Rekordwert für polnische Start-ups. Brainly bietet eine Lernplattform an, auf der Schülerinnen und Schüler sich gegenseitig bei den Hausaufgaben helfen. Nach eigenen Angaben ist das Unternehmen in 35 Ländern tätig und hat monatlich rund 100 Millionen Nutzer (unique users).

Internationale Start-up-Konkurrenz kämpft um polnischen Taximarkt

In Polen gibt es verschiedene Erfolgsbeispiele ausländischer (ehemaliger) Start-ups, etwa die 2010 vom Hamburger Start-up Intelligent Apps veröffentlichte App mytaxi. Das Unternehmen gehört mittlerweile zur 100-prozentigen Daimlertochter Moovel. Mit der App können Kunden Taxis direkt per Smartphone bestellen - ein Anruf in der Taxizentrale ist nicht mehr nötig. Die Bezahlung kann auch per App erfolgen.

Warschau war 2012 die erste Stadt in Polen, in der mytaxi seine Dienste angeboten hat. Mittlerweile ist die App auch in Danzig, in der Dreistadt (Danzig-Gdynia-Sopot) sowie in Breslau, Posen und Kattowitz vertreten. 2019 sollen weitere Städte folgen. Von Daimlers Beteiligung an mytaxi profitieren auch die Taxifahrer in Polen. Bereits seit 2016 erhalten mytaxi-Fahrer ein spezielles Mercedes-Leasingangebot.

Konkurrenz bekommt das Unternehmen von zwei anderen erfolgreichen Start-ups. Die polnische App iTaxi und die in den USA entwickelte App Uber sind ebenfalls in Polen verbreitet. Mit UberEats bietet Uber zudem seit 2014 einen Essenslieferdienst in Polen an, der vorwiegend per Fahrrad erfolgt. Mittlerweile ist das Unternehmen auch in anderen großen polnischen Städten aktiv.


Text: Niklas Becker

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