Start-Ups in Vietnam

Vietnams Start-up-Szene kommt in Schwung

Die vietnamesische Start-up-Szene steht noch am Anfang, sie ist wenig institutionalisiert. Die Regierung will Innovationen fördern. Auch Privatinvestoren engagieren sich verstärkt.

28.01.2019

Vietnams Start-up-Szene ist noch jung, aber quirlig

Vietnam gewinnt als Tech Hub an Renommee. Eine junge, technikaffine Bevölkerung trifft auf ein Umfeld, in dem ebenso technikaffine Investoren finanzielle Beteiligungsmöglichkeiten außerhalb des bislang noch wenig ausgeprägten Finanz- und Aktienmarktes suchen. Insbesondere Ho Chi Minh City wird in lokalen und internationalen Zeitungen gerne als zukünftiges Silicon Valley Asiens beschrieben. Ob die Stadt in Zukunft diesem Ruf gerecht werden kann, muss allerdings noch abgewartet werden.

Wagniskultur in Vietnam

Vietnamesen verfügen über einen ausgeprägten Unternehmergeist und eine Sehnsucht nach wachsendem Wohlstand. In den Straßen der quirligen Metropolen Hanois und Ho Chi Minh Cities vergeht kein Tag, an dem nicht neue Geschäfte aus dem Boden schießen. Teils müssen sie mangels tragender Geschäftsmodelle zwar ebenso schnell wieder schließen, wie sie aufgemacht haben. Davon lassen sich die Vietnamesen allerdings nicht aufhalten. Wenig später rückt ein neues Unternehmen an die Stelle des alten. Diese von Beobachtern gerne als Grass-Root Entrepreneurship bezeichnete Wagniskultur findet sich nicht nur in der analogen, sondern auch in der digitalen Welt wieder.

Im Verhältnis zu seinem Einkommensniveau ist Vietnam ausgesprochen innovativ. Beim Global Innovation Index 2018 der World Intellectual Property Organization konnte das Land auf Rang 45 aufsteigen und liegt nunmehr lediglich einen Platz hinter Thailand und weit vor Indien, Indonesien oder den Philippinen. Vietnam ist neben der Ukraine und Moldawien damit eines von lediglich drei Lower Middle Income Countries, die es unter die Top 50 der Welt geschafft haben. Mathematik und Naturwissenschaften haben im Land einen hohen Stellenwert. Vietnamesische Schüler lagen im Pisa-Vergleich 2015 auf dem achten Rang weltweit und damit acht Positionen vor Deutschland (Rang 16).

Staatliche und private Förderlandschaft noch im Aufbau

Die Start-up-Szene ist jung. Entsprechend wenig ausgeprägt ist die institutionalisierte Förder- und Finanzierungslandschaft. Auch die universitäre Forschung und Entwicklung befindet sich Experten zufolge noch in der Aufbauphase. Die vietnamesische Regierung hat die Förderung der Start-up-Kultur fest ins Auge gefasst. Sie legte 2016 einen Plan zur Unterstützung von Start-ups auf. Danach sollen junge Unternehmen nicht nur finanziell, sondern auch durch Mentoring, Inkubatoren und Acceleratoren gefördert werden.

Als zentrales staatliches Förder- und Innovationszentrum wird den Regierungsplanungen zufolge das National Innovation Center (NIC) in Hanoi fungieren. Voraussichtlich 2019 beginnen im Hanoier Hoa Lac High Tech Park die Bauarbeiten, und ab 2020 soll das NIC insgesamt 40 großen Technologieunternehmen, 150 Start-ups und kleinen und mittleren Unternehmen sowie 15 Risikokapitalfonds eine Heimat bieten.

Bildungseinrichtungen hinken bei angewandter Forschung noch hinterher

Bildungseinrichtungen wie Universitäten sind bislang noch kein bedeutender Hort von Innovationskraft. Ein veralteter, starrer und theorielastiger Lehrplan hemmt moderne Forschung. Zudem sind Hochschulen vorrangig ausbildungsorientiert. Allerdings arbeiten Staat und Universitäten an einer Reform des Hochschulwesens. Universitäten sollen an Autonomie gewinnen und die universitäre Forschung in den Vordergrund rücken.

Mit der Hanoi University of Science and Technology und den beiden Nationaluniversitäten in Hanoi und Ho Chi Minh City verfügt das Land über erste akademische Zentren, die sich auch auf die Förderung von Start-ups konzentrieren. In Danang und Hue gibt es ebenfalls fachlich gute Universitäten, die das Potenzial haben, sich zu Forschungsuniversitäten zu entwickeln. Technologieunternehmen fokussieren sich zunehmend darauf, mit Universitäten zusammenzuarbeiten - auch, um junge Talente frühzeitig anwerben zu können.

Acceleratoren und Investoren verstärken ihr Engagement

Die Förderlandschaft für Start-up-Unternehmen befindet sich noch in der Anfangsphase. Allerdings engagieren sich sowohl der Staat als auch vietnamesische und ausländische Investoren zunehmend.

VinTech, eine Tochter des Industriekonglomerats Vingroup, investiert rund 86 Millionen US-Dollar (US$) in das Vingroup Silicon Valley Program. Auf mehr als 70 Hektar sollen im Hanoier Dong Anh Distrikt vollausgestattete Büro- und Forschungsgebäude entstehen, die speziell für Start-ups und wissenschaftliche Forschung reserviert sind.

Auch das durch die Vietnam National University HCMC betriebene Programm iStartX unterstützt Gründer. Hierfür stellt das Programm nicht nur Inkubatorenleistungen zur Verfügung, sondern auch ein Acceleratorenpogramm.

Wichtigster heimischer Accelerator ist der Vietnam Innovative Startups Accelerator (VIISA). Hinter VIISA stehen wichtige IT-Unternehmen und Finanzinstitute wie FPT, Dragon Capital, die Hanwha Group (South Korea) sowie die BIDV Securities Company. VIISA stellt Mentoring und Gründerkurse und unterstützt bei der Finanzierung.

Die 2017 gegründete Start up Vietnam Foundation fördert Gründer mit Coaching, Mentoren und einem - bislang noch eher schwach ausgebildeten - Investorennetzwerk.

Finanzierung für Start-ups noch schwierig

Die Finanzierung von Start-Ups ist bislang noch unterentwickelt, auch wenn vietnamesische und internationale Investoren die zwar noch kleine, aber sich rasch entwickelnde Start-up-Szene langsam entdecken.

Eigenkapital ist in der Regel bei den Gründern kaum vorhanden. Kann die Familie nicht einspringen, sind sie auf Fremdfinanzierung angewiesen. Der klassische Bankensektor ist zur Zeit noch zu unflexibel, um für Start-ups eine Finanzierung bereitzustellen. Auch staatliche Förderprogramme stehen erst in den Anfängen.

Ausländische und vietnamesische Unternehmen und Privatpersonen aus dem Bereich der Informationstechnologie sowie Drittbranchen interessieren sich zunehmend für Start-ups und die entsprechenden Investitionsmöglichkeiten. Risikokapitalunternehmen der ersten Stunde sind IDG Ventures Vietnam, seit 2004 am Markt, sowie DFJ-VinaCapital, ein vietnamesisch-amerikanisches Gemeinschaftsprojekt. Seit 2018 agiert Vinacapital als eigener Risikokapitalfonds.

500 Startups, ein Venturecapitalunternehmen aus dem amerikanischen Silicon Valley, hat 2016 einen ursprünglich auf 10 Millionen US$ ausgelegten Fonds aufgelegt. Im Jahr 2018 meldete das Unternehmen, dass die Fondseinlagen 14 Millionen US$ erreicht hätten. Insgesamt will das Unternehmen 500 Startups 100 bis 150 Start-ups mit Investitionen zwischen jeweils 100.000 und 250.000 US$ bis zur Exitreife bringen. Der heimische ESP Risikokapitalfonds ist seit 2017 in Vietnam aktiv und hat sich auf die Early Stage-Finanzierung von Start-ups spezialisiert. Einzelunternehmen wie FPT oder die Vingroup fördern Start-ups durch eigene Programme.


Text: Frauke Schmitz-Bauerdick

28.01.2019

Die Volumina der Deals in Vietnams Gründerszene steigen

Dem Ministry of Science and Technology zufolge konnte Vietnam im Jahr 2017 bereits rund 3.000 Start-ups sowie mehr als 40 Venture Capital Funds vorweisen. Ob diese Zahlen zutreffen, ist allerdings nur schwer einschätzbar.

So ist alleine die Abgrenzung von Start-ups und klassischen Unternehmensgründungen fließend. Nicht wenige Gründer agieren zudem in einer Grauzone abseits regulativer Vorgaben und Statistiken. Ein unübersichtliches Regelungsumfeld und ein generelles Misstrauen gegenüber staatlichen Registrierungspflichten führen dazu, dass gerade Start-ups in den ersten Gründungsphasen ihre Anwendungen eher im Privaten entwickeln. Auch weichen hoffnungsvolle vietnamesische Entwickler nicht selten in die Gründerhochburg Singapur aus.

Fintech und Foodtech liegen in der Gunst der Investoren vorne

Insgesamt beobachtet aber der Accelerator Topica Founder Institute eine wachsende Dynamik bei Finanzierungen und Exits sowie steil ansteigende Dealvolumina.

Deals nach maßgeblichen Branchen (Anzahl; Investitionshöhe in Millionen US$) *)

Branche

Anzahl 2016

Anzahl 2017

Investitionshöhe 2016

Investitionshöhe 2017

.E-Commerce

12

21

35

83

.Foodtech

k.A.

k.A.

k.A.

65

.Fintech

k.A.

8

129

57

.Medien

4

9

4

18

.Logistik

k.A.

5

k.A.

18

.Reisen

k.A.

5

k.A.

10

Insgesamt

50

92

205

291

*) Schätzungen
Quelle: Topica Founder Institute

Erste Start-ups werden erwachsen

Die Start-up-Szene beginnt sich zu etablieren. Einige vietnamesische Anwendungen sind mittlerweile bereits in der zweiten oder dritten Finanzierungsrunde beziehungsweise haben den Exit erreicht.

Das ehemalige E-Commerce-Start-up Tiki.com ist in der Finanzierungsserie D und zählt heute zu den wichtigsten Onlinemarktplätzen des Landes. Der mobile Zahlungsdienst MoMo befindet sich in der zweiten Finanzierungsrunde und konnte sich 2016 eine Finanzierung in Höhe von 28 Millionen US-Dollar (US$) durch die Standard Chartered Bank sowie Goldman Sachs sichern.

Der für vietnamesische Anwender entwickelte Browser Coc Coc zählt mit rund 22 Millionen Nutzern laut Alexa zu den Top-30-Internetseiten in Vietnam. Laut Stat Counter verfügt Coc Coc über einen Marktanteil von knapp 18 Prozent und ist damit hinter Chrome der zweitwichtigste Browser in Vietnam. Finanziert wird Coc Coc unter anderem durch das deutsche Medienhaus Burda, das 2015 über seine Investmentsparte BurdaPrincipal 15 Millionen US$ investiert hatte.

Ho Chi Minh City, Hanoi und Danang entwickeln sich zu Gründerhochburgen

Die wichtigsten Start-up-Zentren sind Ho Chi Minh City (HCMC), Hanoi und Danang. Das traditionell als wirtschaftlich aufgeschlossener und experimentierfreudiger geltende ehemalige Saigon verfügt über eine lebhafte, kaum verfestigte Gründerszene. Ho Chi Minh City strebt an, das Silicon Valley Südostasiens zu werden.

Auch das zentralvietnamesische Danang etabliert sich als Hightech- und Informationstechnologie-Nukleus. Hierzu trägt nicht nur bei, dass FPT, das wohl wichtigste IT-Unternehmen des Landes, einen Standort in die aufstrebende Stadt verlegt hat. Auch gute technische Universitäten machen das rund 1 Million Einwohner umfassende Danang zu einem noch kleinen, aber zunehmend interessanteren IT- und Start-up-Hub.

Wichtige Gründerhochburg ist zudem Hanoi, das nicht nur - wie auch Ho Chi Minh City - über einen Hightechpark verfügt, sondern zudem Standort von VinTech, dem Forschungs- und Entwicklungszweig des Industriekonglomerats Vingroup, werden wird.

Förderlandschaft bleibt unübersichtlich

Eines der wichtigsten offiziellen Gründerevents ist das vom Ministry of Science and Technology organisierte jährliche Techfest. Dort treffen nationale und internationale potenzielle Investoren auf Start-ups, die auf vorausgegangenen regionalen Techfest-Events ausgewählt worden sind.

Zudem florieren regionale oder durch Privatunternehmen unterstütze Förderevents und Wettbewerbe, wie die IoT Startup Competition des Sai Gon Hi-Tech Park Incubation Centers oder wie das Vietnam Startup Wheel, das vom Business Startup Support Center, HCMC Department of Science and Technology und der HCMC Young Businesspeople Association unterstützt wird.

Anwendungen für Fintech und E-Commerce an der Spitze

Wichtige Start-up-Branchen sind Fintech (mit dem Zahlungsdienst MoMo), E-Commerce und Lifestyle; ferner Business-to-Business-Anwendungen wie Logistiklösungen (Logivan; sozusagen ein Uber für die Logistik) oder Kunden- und Websitemanagementlösungen (BotStar; eine Plattform für Chatbots und Chatbot-Monitoring).

Aber auch Entwicklungen in den Bereichen Agrartechnologie, Industrie 4.0, Tourismus, Medizin und Bildung sind erheblich nachgefragt und werden zunehmend gefördert. Zudem will die Regierung - auch aus nationalen Sicherheitserwägungen heraus - eigene vietnamesische Social-Media-Lösungen entwickeln, um großen internationalen Anbietern wie Facebook Paroli bieten oder diese im besten Falle ersetzen zu können.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Vietnam finden Sie auf der GTAI Länderseite Vietnem. Die Seite Asien-Pazifik: Motor der Weltwirtschaft bietet einen Überblick zu verschiedenen Themen in dieser Region.


Text: Frauke Schmitz-Bauerdick

28.01.2019

Vietnamesische Start-ups konzentrieren sich auf den heimischen Markt

Vietnamesische Start-ups haben bislang außerhalb des Landes noch wenig Fuß gefasst. Der Fahrdienstvermittler FastGo, vergleichbar mit Grab oder Uber, versucht als eines der ersten Jungunternehmen, seine Fühler nach Indonesien und Myanmar auszustrecken. Andere Start-ups wie Wisepass, das Gutscheinabonnements für Güter und Dienstleistungen anbietet, will sich in Zukunft ebenfalls über Vietnams Grenzen hinaus orientieren. Auch Toong, ein Co-Working-Space Start-up, plant die Ausweitung seines Angebotes auf Laos und Kambodscha.

Schritt ins Ausland für die meisten Start-ups Vietnams noch Zukunftsmusik

Noch aber ist der Großteil der vietnamesischen Start-ups auf den lokalen Markt fokussiert. Wenn überhaupt eine Expansion angedacht ist, dann am ehesten in die südostasiatischen Nachbarländer. Die Tech-Szene wird Experten zufolge noch einige Jahre brauchen, bis Unternehmungen auch über den vietnamesischen Markt hinaus marktreif sein werden.

Der Wille, ins Ausland zu gehen, ist zwar vorhanden. Junge vietnamesische Gründer nehmen immer häufiger an internationalen Start-up-Wettbewerben in Malaysia, Singapur, Hongkong oder anderen Start-up-Hochburgen teil, auch, um die Chancen auf diesen weiter entwickelten Märkten auszutesten. Die Komplexitäten, die ein Marktwechsel mit sich bringt, sind aber bislang noch von den wenigsten zu stemmen. Nicht selten lassen sich diejenigen vietnamesischen Entwickler, die international denken, direkt in Singapur nieder, um in dem wesentlich einfacheren und ausgebildeterem Förderklima an ihrem Projekt zu arbeiten.

Erste ausländische Gründer testen vietnamesischen Markt

Ausländische Start-ups hingegen nehmen Vietnam stärker ins Visier. Gerade im Ausland ausgebildete Vietnamesen zieht es ins Land zurück, um hier ihre Geschäftsideen auszubauen. Die Gemengelage aus wachsender Wirtschaft, steigendem Konsum und hoher Internetdurchdringung sowie ein Pool an verhältnismäßig günstigen, dennoch aber gut ausgebildeten Arbeitskräften macht das Land insbesondere für die Entwickler von Anwendungen im Bereich E-Commerce und Fintech attraktiv.

Andere, bereits etablierte Start-ups aus südostasiatischen Nachbarstaaten weiten ihre Geschäfte langsam auch auf Vietnam aus. So ist GoJek, ein indonesischer Fahrdienstvermittler vergleichbar mit Uber und Grab, seit August 2018 sowohl in Hanoi und Ho Chi Minh City unter dem Namen „GoViet“ mit einer eigenen Fahrerflotte unterwegs.


Text: Frauke Schmitz-Bauerdick

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