Wirtschaftsausblick

08.01.2019

Wirtschaftsausblick - Äthiopien (Dezember 2018)

Inhalt

Devisenmangel trübt erste Erfolge / Von Martin Böll

Nairobi (GTAI) - Äthiopiens Wirtschaft ist führend in Ostafrika - auch dank der Reformen des jungen Premierministers Abiy Ahmed. Doch das Land hat ein Liquiditätsproblem.

Wirtschaftsentwicklung: Industriepolitik auf Erfolgskurs

Die Zeiten eines zweistelligen Wirtschaftswachstums sind in Äthiopien erst einmal vorbei - auch wenn die Regierung das anders sieht. Riesige Infrastrukturprojekte müssen bezahlt werden, zahlen sich aber erst in Zukunft aus. Nach Einschätzung der britischen Economist Intelligence Unit (EIU) dürften 2018 "nur" 7,6 Prozent BIP-Zuwachs erreicht werden und in den zwei Folgejahren 7,3 und 7 Prozent. Dennoch: In Subsahara-Afrika wird im Schnitt nur die Hälfte dessen erreicht, und in Ostafrika ist Äthiopien ohnehin der Spitzenreiter.

In den kommenden Jahren wird Äthiopien seine Agrarexporte weiter steigern können. Infrastrukturinvestitionen und die - langsame - kommerzielle Ausrichtung der bisherigen Subsistenzlandwirtschaft machen sich bezahlt. Sehr viel dynamischer ist da die Industrie, die von neuen Industrieparks profitieren kann, mit denen Äthiopien einmal der führende industrielle Hersteller Afrikas werden möchte. Die EIU sagt für die Industrie in den nächsten fünf Jahren reale Wachstumsraten auf einer Bandbreite von 7,8 Prozent bis 11 Prozent voraus.

Mindestens genauso gut entwickelt sich auch der Dienstleistungssektor, der von der Nachfrage einer bislang fast gänzlich unterversorgten 110-Millionen-Bevölkerung und dem Tourismus profitieren kann. Herausforderungen aber bleiben: Nicht alles geht so schnell, wie die Regierung sich das vorstellt. Die Fertigstellung von Megaprojekten wie der Grand-Ethiopian-Renaissance-Talsperre verzögern sich und können erst später dringend benötigte Einnahmen generieren. Die Liquiditätsprobleme des Landes nehmen damit zu. Politisch betrachtet bleibt Äthiopien ein rückständiger, autoritärer Staat. Doch mit dem Amtsantritt des neuen, 42 Jahre jungen Premierministers Abiy Ahmed Anfang April 2018 gibt es zumindest Hoffnung. Er hat mit Reformen begonnen und sucht den Frieden mit dem Nachbarn Eritrea.

MKT201901078006.14

Wirtschaftliche Eckdaten Äthiopien
Indikator 2017 2018 *) Vergleichsdaten Deutschland 2017
BIP (nominal, Mrd. US$) 75,7 72,1 3.702,4
BIP pro Kopf (US$) 721 671 44.791
Bevölkerung (Mio.) 105,0 107,5 82,8
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 US$ = ... Birr 23,87 27,55 -

*) Schätzung

Quellen: EIU; Statistisches Bundesamt

Investitionen: Beeindruckender Zufluss von ausländischen Direktinvestitionen

Äthiopiens Investmentzuwächse werden von der EIU für 2018 auf beachtliche 19,7 Prozent geschätzt; für 2019 werden 12 Prozent prognostiziert. Die Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD) veranschlagt den Zufluss von ausländischen Direktinvestitionen 2017 auf stolze 3,6 Milliarden US-Dollar (US$). Zum Vergleich: Der Nachbar Kenia konnte nur 672 Millionen US$ einsammeln.

Das äthiopische Erfolgsmodell: neue Kraftwerke, Eisenbahnen und Straßen sowie Industrieparks für billige Lohnarbeit. Dabei strebt Äthiopien vor allem die Ansiedlung von Betrieben in den Bereichen Textil, Bekleidung, Leder, Agro-Verarbeitung und Arzneimittel an und will sich als bevorzugter Produktionsstandort für eine Leichtindustrie in Subsahara-Afrika empfehlen. Erste Erfolge zeigen, dass die Strategie funktioniert. Es gibt aber auch Schattenseiten: Die Bürokratie gilt als zäh, während ein akuter Devisenmangel den Import von Einsatzmitten erschwert - vom Transfer erwirtschafteter Gewinne ganz zu schweigen.

Ausgewählte Großprojekte in Äthiopien
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. US$) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
6.450-MW-Wasserkraftwerk Grand Renaissance Dam 5.000 Projekt ist zu zwei Drittel fertig. Fertigstellung ungewiss. Auftragnehmer: Salini Impregilio (Italien). Turbinenlieferant: Voith (Heidenheim).
Gasförderung und -export 4.300 Angestrebte Gasförderung: 2021. Entwickler: Poly Group/GCL Group (beide aus China).
1.000 MW Geothermie-Kraftwerke Corbetti und Tulu Moye 4.000 Vertragsabschlüsse. Aktuell: Verhandlungen mit der Multilateral Investment Guarantee Agency der Weltbank-Gruppe über Risikogarantien. Reykjavik Geothermal (Island)und Meridiam (Frankreich).
Neuer Flughafen für 120 Mio. Passagiere im Umland von Addis Abeba 4.000 Durchführbarkeitsstudien und Masterplan in Arbeit. Angestrebte Fertigstellung: 2024. Beraterfirma: ADPI (Frankreich).
Ölraffinerie in Awash 4.000 Projekt in einer "Erwägungsphase". Promotor ist ein Konsortium unter Führung des US-Investitionsfonds Fairfax Africa mit einer Reihe asiatischer Anleger.
Düngemittelfabrik 3.700 Durchführbarkeitsstudie abgeschlossen; antizipierter Produktionsbeginn Mitte 2022. Promotor ist die staatliche marokkanische Office Cherifien des Phosphates; Kontaktperson: Faisal Benameur, GM, OCP Ethiopia.
Danakil-Pottasche-Projekt 2.300 Finanzierungsphase. Lizenznehmer: Circum Minerals (London).
Industriepark-Entwicklung (derzeit mehr als 16) Etwa 2.000 bis 2.500 Unterschiedliche Projektstände. Entwickler sind vornehmlich chinesische Firmen.
2.160-MW-Wasserkraftwerk Koysha 2.300 Vorbereitende Arbeiten. Auftragnehmer: Salini Impregilio (Italien).
Integrated Community Development Project, Addis Abeba (Bauvorhaben) 1.700 Planung; sieben Jahre Bauzeit. Entwickler: Eagle Hills, VAE. Äthiopische Regierungsbeteiligung 27 %. Vorgesehen sind unter anderem 4.000 Appartements, mehrere Hotels, Einkaufszentren, Freizeiteinrichtungen.

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/aethiopien, "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Konsum: Bemerkenswerte Erfolge bei der Armutsbekämpfung

Der private Verbrauch dürfte 2018 und 2019 um etwa 4 beziehungsweise 5 Prozent zulegen. Bei den realen Veränderungen im staatlichen Verbrauch erwartet die EIU für 2018 und 2019 einen Rückgang um 8,7 beziehungsweise 2,1 Prozent. Der Grund: leere Kassen. Die Inflation hat sich nach einem Galopp von 33 Prozent 2011 deutlich verlangsamt, wenngleich für 2018 immer noch 13,9 Prozent erwartet und für 2019 etwa 9,3 Prozent prognostiziert werden.

Dank seiner ökonomischen Erfolge hat Äthiopien bei der Armutsbekämpfung große Fortschritte gemacht: Jede Stunde können derzeit 258 Menschen aus ihrer extremen Armut herausgeholt werden, sagt die in Wien ansässige World Poverty Clock, im Nachbarland Kenia sind es nur 36. Äthiopien ist damit auf dem besten Weg, als einziges ostafrikanisches Land bis 2030 das Sustainable Development Goal der UN zu erreichen. Eine nennenswerte Kaufkraft für gehobene Güter, wie deutsche Firmen sie herstellen, ist damit aber noch lange nicht gegeben.

Außenhandel: Hohes Handelsungleichgewicht

Äthiopien importiert fünfmal so viel wie es exportiert, ein Defizit, dass nur schwerlich mit den Transfers von Auslandsäthiopiern und Gebern finanziert werden kann. Dabei gehen die Importe zum großen Teil auf das Konto von Kapitalgütern, mit denen Äthiopien seine Infrastruktur, namentlich Kraftwerke und Industrieparks, aufbaut. Schon bald möchte Äthiopien zu einem der bedeutendsten Stromexporteure und Verbrauchsgüterproduzenten Afrikas aufsteigen.

Erste Erfolge bestätigen die Strategie: So kann Äthiopien mittlerweile in nennenswertem Umfang Blumen, Bekleidung, Schuhe und lebende Tiere exportieren. Dabei hat Äthiopien allerdings den Zeitrahmen falsch eingeschätzt. So verzögert sich der Kraftwerksbau wohl noch um Jahre und auch Industrieparks können nicht über Nacht Milliarden-Dollar-Einnahmen generieren. Für Deutschland ist Äthiopien mittlerweile der wichtigste Handelspartner in Ostafrika. Die deutschen Exporte lagen 2017 bei 328 Millionen Euro und die Importe bei 172 Millionen Euro.

Außenhandel Äthiopiens (in Mio. US$; Veränderung in %) *)
2016 2017 Veränderung 2017/2016
Importe (fob) 14.692 14.235 -3,1
Exporte (fob) 2.811 3.030 7,8
Handelsbilanzsaldo -11.881 -11.205 -

*) Anmerkung: Statistische Zahlen von und über Äthiopien sind mit Vorsicht zu genießen und variieren zum Teil erheblich. So geht die EIU für 2016 von äthiopischen Importen in einer Größenordnung von 14,7 Milliarden US$ aus, während Comtrade, die sich auf äthiopische Zahlen stützen, von 19,1 Milliarden US$ sprechen.

Quelle: EIU

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/aethiopien.

Dieser Artikel ist relevant für:

Äthiopien Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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