Wirtschaftsausblick

31.12.2018

Wirtschaftsausblick - Algerien (Dezember 2018)

Inhalt

Anziehendes Wachstum kann Reformbedarf nicht kaschieren / Von Peter Schmitz

Tunis (GTAI) - Algerien muss seine Wirtschaft diversifizieren. Aktuell sorgen höhere Einnahmen aus Öl und Gas für etwas Aufwind. Der Privatsektor trägt wenig bei. Ein neues Energiegesetz könnte ab 2019 die Investitionen ankurbeln.

Wirtschaftsentwicklung: Öl- und Gasgeschäft begrenzt Reformeifer

Algeriens Wirtschaft profitiert von den steigenden Ölpreisen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt das reale Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für das Gesamtjahr 2018 auf 2,5 Prozent. Neben den höheren Öl- und Gaseinnahmen tragen staatliche Ausgaben zum Wachstum wesentlich bei. Die Regierung geht darüber hinaus zögerlicher an Einsparungspläne. Dies liegt auch an den 2019 anstehenden Präsidentschaftswahlen und befürchteten Protesten, sollten Subventionen gekürzt werden.

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Neben dem Ölgeschäft entwickelte sich auch die Landwirtschaft überdurchschnittlich gut. Schätzungen gehen von einem Plus von mehr als 5 Prozent aus. Für die Nicht-Öl-Industrie und den Dienstleistungssektor sind die Erwartungen etwas niedriger (1,5 und 2,5 Prozent Wachstum). Der Effekt dieser Zahlen ist ohnehin begrenzt, da die Landwirtschaft nur noch etwa 13 Prozent zum BIP beiträgt, die produzierende Industrie immerhin etwa 35 Prozent (inklusive Bau).

Die Bemühungen Algeriens, seine Industrie breiter aufzustellen und sich vom Öl- und Gasgeschäft stärker zu emanzipieren, fruchten nur begrenzt. Mehr als 90 Prozent der Exporteinnahmen kommen aus dem Öl- und Gasexport. Der Privatsektor leidet weiterhin unter der Bürokratie und einem unterentwickelten Bankensektor.

Zuletzt gab es gelegentlich sozial motivierte Proteste. Die hohe Arbeitslosigkeit (etwa 12 Prozent, bei unter 24-Jährigen mehr als 28 Prozent), Preissteigerungen von mehr als 5 Prozent und Wohnungsmangel sind wichtige Gründe. Die algerische Regierung wird wohl auch deswegen Kürzungen der Staatsausgaben für Investitionen, Subventionen und Gehälter mit Bedacht wählen.

Seit 2014 sind die Währungsreserven zwar auf weniger als die Hälfte zurückgegangen, liegen aber immer noch bei etwa 85 Milliarden US-Dollar (US$). Obwohl der Staatshaushalt aktuell im Defizit liegt, bestehen angesichts der Auslandsreserven Spielräume. Eine Auslandsverschuldung ist zudem kaum vorhanden. Die Zentralbank verfolgte zuletzt eine expansive Geldpolitik, vor deren Folgen Kritiker warnen.

Aktuell sieht es weiterhin so aus, als würde Präsident Bouteflika 2019 erneut zur Präsidentschaftswahl antreten, trotz seines fraglichen Gesundheitszustands. Die weiterhin ungeklärte Nachfolge könnte für politische Spannungen sorgen.

Wirtschaftliche Eckdaten Algeriens
Indikator 2017 2018 *) Vergleichsdaten Deutschland 2017
BIP (nominal, Mrd. US$) 167,6 188,3 3.702,4
BIP pro Kopf (US$) 4.034 *) 4.450 44.791
Bevölkerung (Mio.) 41,3 42,1 82,8
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 Euro = algerische Dinar) 125,23 137,75

*) Schätzung

Quellen: IWF, Statistisches Bundesamt

Investitionen: Investoren warten auf Novelle des Energiegesetzes

Die EIU erwartet für das Jahr 2018 eine Steigerung der Bruttoanlageinvestitionen von 7 Prozent, in den beiden folgenden Jahren um 3 Prozent. Die Entwicklung dürfte wesentlich von einem stabilen oder steigenden Ölpreis abhängen. Trotz des aktuellen Defizits spielt der Staat eine wesentliche Rolle für Investitionen. Nach Angaben der United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD) lag der Zufluss an ausländischen Direktinvestitionen 2017 mit etwa 1,2 Milliarden US$ deutlich unter den Vorjahren. Abseits von Öl und Gas sind Pharmaproduktion, Kfz-Montage, Elektronik sowie Nahrungsmittel- und Verpackungsindustrie vielversprechende Felder. Die bereits seit 2017 angekündigte Novelle des Energiegesetzes wird nun für 2019 erwartet und könnte die Bedingungen in diesem Sektor verbessern. Unter der aktuellen Gesetzgebung ist eine Mehrheitsbeteiligung des Staatsunternehmens Sonatrach bei Investitionen in den Öl- und Gassektor vorgeschrieben. Der 157ste Rang von 190 Ländern im Doing Business Report der Weltbank zeigt, dass die Rahmenbedingungen noch verbesserungswürdig sind.

Ausgewählte Großprojekte in Algerien
Entwickler/Projekt Investitionssumme (in Mio. US$) Stand Anmerkung
Export Raffinerie in Tiaret/Sontarach 6.000 FEED Kapazität 100.000 Barrel pro Tag; Hauptauftragsvergabe: 1. Quartal 2020
Phosphatwerk/Sonatrach 6.000 Vorstudie In Tebessa; Hauptauftragsvergabe: 3. Quartal 2019
Concentrated Solar Power Plant Phase II/Sonelgaz 5.000 Auf Halt Kapazität: 2.000 Megawatt; Hautauftragsvergabe: 3. Quartal 2021
Bau und Modernisierung Bahnlinie für Bergbau/ANESRIF 1) 2.000 Vorstudie Bau von neuer Bahnlinie Jebel El Onk-El Oued (200 Kilometer) und Modernisierung der Strecke Annaba- Djebel-Onk (388 Kilometer)
Oued Keberit Fertiliser Plant/Algerian MEM-Katar MEI 2) 2.000 Vorstudie Hauptauftragsvergabe: 4. Quartal 2019
Windkraftwerke/ Sonelgaz-DiiEumena 1.000 Auf Halt Kapazität: 516 Megawatt, Hauptauftragsvergabe: 3. Quartal 2021
Modernisierung Bahnlinie Mohammadia -Mostaganem Marine/ ANESRIF 1) 500 Vorstudie 64 Kilometer; Hauptauftragsvergabe: 3. Quartal 2020
Ammoniak-Werk/Fertial Spa 300 FEED Hauptauftragsvergabe: 3. Quartal 2019
Autowerk/PSA Peugeot Citroën-Condor Electronics PMO 117 Vorstudie In Oran;75.000 Autos pro Jahr ab 2021;Hauptauftragsvergabe: 1. Quartal 2019
Pharmawerk/Julphar-Albrat 32 Vorstudie In Algier;Hauptauftragsvergabe 2. Quartal 2019

1) Agence Nationale d'Etudes et de la Réalisation des Investissements Ferroviaires; 2) Algerisches Ministerium für Energie und Bergbau, Ministerium für Energie in Katar

Quelle: MEED Projects, November 2018

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/algerien, "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Konsum: Gedämpfte Erwartungen

Mit etwa 42 Millionen Einwohnern und einem Pro-Kopf-Einkommen von etwa 4.500 US$ liegt Algerien als Konsummarkt vor den beiden anderen Maghreb-Ländern Marokko und Tunesien. Für 2018 und die beiden folgenden Jahre wird mit einem Konsumwachstum von etwa 3 Prozent gerechnet, das Bevölkerungswachstum liegt bei 1,7 Prozent. Laut offiziellen algerischen Angaben bewahrheiten sich Befürchtungen einer steigenden Inflation vorerst nicht, bis Oktober 2018 lag die Preissteigerung demnach bei 4,5 Prozent, nachdem es im Gesamtjahr 2017 etwa 7 Prozent waren. Da viele Konsumgüter importiert werden, dürfte sich die zu erwartende weitere Abwertung des Dinar dämpfend auswirken.

Anfang 2018 trat ein neues Gesetz zur Regelung des E-Commerce in Kraft. Der elektronische Markt wächst, allerdings weniger dynamisch als in Marokko oder Ägypten. Wichtigste Plattform ist wie in vielen Ländern des Kontinents Jumia. Etwas weniger als die Hälfte der Bevölkerung hatte 2017 Zugang zum Internet, etwa 36 Prozent nutzten ein Smartphone.

Außenhandel: Ölexporte senken Defizit

Da der Außenhandel Algeriens stark von den Exporten von Öl, Gas und petrochemischen Produkten geprägt ist, hellt sich die Bilanz etwas auf. EIU erwartet für 2018 ein Leistungsbilanzdefizit von 6,2 Prozent, nach 12,9 Prozent 2017. Die Einfuhren gingen sowohl 2017 als auch in den ersten acht Monaten 2018 leicht zurück. Bei Ausrüstungsgütern lag der Rückgang nach Angaben des algerischen Zolls bei etwa 10 Prozent, besonders stark war er bei elektrotechnischen Konsolen und Telekommunikationsausrüstungen. Die Einfuhr von Maschinen legte dagegen im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum um mehr als 50 Prozent zu.

Außenhandel Algerien (in Mio. US$; Veränderung in %)
2017 1) 2017 2) 2018 2) 2018/17 2)
Importe 45.957 31.142 30.394 -2,4
Exporte 34.763 22.952 28.342 23,5
Handelsbilanzsaldo -11.194 -8.190 -2.025

1) Vorläufige Zahlen; 2) 8 Monate

Quelle: Statistiques du Commerce Extérieur de l'Algérie, Douanes Algériennes November 2018

Mit dem Finanzgesetz für 2018 wurde der Zollsatz für eine Reihe von Waren, unter anderem auch für einige Lebensmittel, angehoben. Die Regierung möchte dadurch den Aufbau der lokalen Industrie fördern, was mittelfristig den Bedarf an Produktionsmaschinen steigern dürfte. China ist mit einem Marktanteil von 16 Prozent das wichtigste Lieferland, Deutschland liegt mit 6,8 Prozent hinter Frankreich, Italien und Spanien auf Rang 5 (Januar bis Oktober 2018).

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/algerien

Dieser Artikel ist relevant für:

Algerien Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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