Wirtschaftsausblick

02.08.2019

Wirtschaftsausblick - Algerien (Juli 2019)

Inhalt

Die Wende ist noch nicht vollzogen / Von Peter Schmitz

Tunis/Algier (GTAI) - Der politische Umbruch bremst Algeriens Wirtschaftsentwicklung. Wichtige Entscheidungen werden vertagt.

Wirtschaftsentwicklung: Umbruch bremst Reformen aus

Algeriens Wirtschaft steht unter Druck. Zwar steigen die Einnahmen aus dem Gasgeschäft, aber die anhaltende Umbruchsituation wirkt sich dämpfend auf die Gesamtwirtschaft aus. Im April 2019 bewegten Demonstrationen den langjährigen Präsident Abdelaziz Bouteflika zum Rücktritt. Zuvor hatte er angekündigt, sich erneut zur Wahl zu stellen. Die Wahl ist inzwischen auf einen unbestimmten Termin verschoben worden. Die Freitagsdemonstrationen werden fortgesetzt mit Forderungen nach einem Rücktritt weiterer Vertreter des alten Regimes (darunter Übergangspräsident Abdelkader Bensalah) sowie einer unabhängigen Wahlkommission.

Die Unsicherheit über die weitere Entwicklung bremst Projektentscheidungen, abgesehen davon, dass die unbedingt nötige wirtschaftliche Diversifizierung nicht vorwärts kommt. Die Prognosen sehen zwar teilweise ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von etwa 2 Prozent für 2019, was eine leichte Steigerung gegenüber den Vorjahren wäre. Es gibt aber zahlreiche Stimmen, vor allem aus der Privatwirtschaft, die alarmieren. Der Staat komme seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nach, etliche Unternehmen müssten Mitarbeiter entlassen. Zudem sind durch eine "Antikorruptionskampagne" zahlreiche Geschäftsleute und ehemalige Regierungsvertreter verhaftet worden.

MKT201908018006.14

Die gute Entwicklung des Energiesektors trägt dazu bei, dass vor allem der Industriesektor Algeriens 2019 zulegen dürfte, nachdem es hier 2018 einen leichten Rückgang gegeben hatte. Die Prognosen sehen hier einen Zuwachs von etwas über 3 Prozent für 2019. Das Vorjahr war ein sehr gutes für die algerische Landwirtschaft, voraussichtlich lag das Wachstum bei 6 Prozent. Dies wird sich Prognosen zufolge 2019 nicht wiederholen. Auch der Dienstleistungssektor wächst 2019 vermutlich nur um etwa 1 Prozent. Alle diese Prognosen sind angesichts der politischen Ungewissheit aber etwas vage. Das betrifft auch Zahlen zu Arbeitslosigkeit und Inflation, Themen, die auch Gründe für die Proteste waren. Schwierigkeiten einiger Unternehmen aus dem Privatsektor dürften für die etwas gestiegene Arbeitslosigkeit gesorgt haben, die auf etwa 12 Prozent geschätzt wird.

Wirtschaftliche Eckdaten Algerien
Indikator 2017 2018 1) Vergleichsdaten Deutschland 2018
BIP (nominal, Mrd. US$) 170,5 174,8 4.001,5
BIP pro Kopf (US$) 2) 15.548 1) 15.856 48.269
Bevölkerung (Mio.) 41,3 42,1 82,9
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 Euro = DA) 125,23 137,77 3) -

1) Schätzung; 2) nach Kaufkraftparität; 3) Istwert

Quellen: Economist Intelligence Unit (Juni 2019); Statistisches Bundesamt

Vorerst setzt die Regierung ihre Ausgabenpolitik fort. Die Währungsreserven schmelzen förmlich, auch wenn gestiegene Einnahmen aus der Gasproduktion und deutlich gestiegene Zolleinnahmen das Defizit etwas eingrenzen. Ende 2018 lagen die Reserven noch bei etwa 80 Milliarden US-Dollar (US$), 2014 waren es 180 Milliarden US$.

Investitionen: Neben Öl und Gas steigt das Interesse am Automobilsektor

Der politische Umbruch spiegelt sich in gedämpften Aussichten für das Investitionsklima in Algerien wieder. 2018 war ein relativ gutes Jahr. Die Bruttoanlageinvestitionen legten um geschätzte 5 Prozent zu. Aus dem Ausland flossen Direktinvestitionen in Höhe von 1,5 Milliarden US$ ins Land, und damit wieder etwas mehr als 2017 (1,2 Milliarden US$). Neben dem Öl- und Gassektor zog 2018 vor allem der Automobilsektor Investoren an. Neben BAIC (China) gaben auch Hyundai, Nissan (beide Republik Korea) und Ford (USA) die Eröffnung von Montagewerken bekannt. Problematisch ist die Begrenzung der Importe von CKD- oder SKD-Kits, die von der Regierung festgesetzt wird. Abgesehen davon sind Pharmaproduktion, Elektronik sowie Nahrungsmittel- und Verpackungsindustrie vielversprechende Felder, wenn sich abzeichnet wie sich das Land weiter entwickelt.

Vor allem China und die Türkei sind inzwischen wichtige Herkunftsländer von Investitionen, neben Frankreich. Im Jahresverlauf 2019 wurde auch über gestiegenes Interesse aus den USA berichtet. Auf der Foire Internationale d'Alger war der US-amerikanische Gemeinschaftsstand einer der größten, insgesamt war das Interesse deutlich unter dem der Vorjahre. Die erwartete Novelle des Energiegesetzes dürfte wohl noch auf sich warten lassen. Eine Änderung der vorgeschriebenen Mehrheitsbeteiligung des Staatsunternehmens Sonatrach ist nicht zu erwarten.

Ausgewählte Großprojekte in Algerien
Entwickler/Projekt Investitionssumme (in Mio. US$) Stand Anmerkung
Export Raffinerie in Tiaret/Sontarach 6.000 FEED Kapazität 100.000 Barrel/ Tag; Hauptauftragsvergabe: 1. Quartal 2020
Phosphatwerk/ Sonatrach 6.000 Vorstudie In Tebessa; Hauptauftragsvergabe: 4. Quartal 2019
Bau von neue Bahnlinien/ANESRIF 1) 4.170 Vorstudie Mehrere Teilstrecken, Gesamtlänge: 2.325 Kilometer; Hauptauftragsvergabe ab 2019
Oued Keberit Fertiliser Plant 2.000 Vorstudie Algerisch-katarisches Projekt 2); Hauptauftragsvergabe: 4. Quartal 2019
Erweiterung der Raffinerie Skikda/ Sonatrach 1.500 Ausschreibung Hauptauftragsvergabe: 4. Quartal 2019
Stahlwerk in Annaba /Joint Venture Emarat Dzayer Group-Imtel 1.440 Vorstudie Hauptauftragsvergabe: 1. Quartal 2020
Modernisierung Bahnlinie Mohammadia -Mostaganem Marine/ ANESRIF 1) 500 Vorstudie 64 Kilometer/Hauptauftragsvergabe: 3. Quartal 2020
Propan-Dehydrierungsanlage/Sonatrach-Total 400 Vorstudie Kapazität 550.000 Tonnen von Polypropylen/Jahr Hauptauftragsvergabe: 1. Quartal 2020
Ammoniakwerk/ Société Des Fertilisants d'Algerie 300 FEED Hauptauftragsvergabe: 3. Quartal 2019
Pkw-Montagewerk/ Nissan-Hasnaoui 160 Vorstudie In Oran; Kapazität: 63.500 Auto/Jahr Hauptauftragsvergabe: 4. Quartal 2019

1) Agence Nationale d'Etudes et de la Réalisation des Investissements Ferroviaires; 2) Algerisches Ministerium für Energie und Berg, Katarisches Ministerium für Energie

Quelle: MEED Projects, Juli 2019

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/algerien, "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Konsum: Großer Absatzmarkt mit mäßiger Entwicklung

Der private Konsum dürfte 2019 und 2020 etwas schwächer zulegen als noch 2018; erwartet wird für 2019 eine Zunahme um etwa 2 Prozent. Die wirtschaftlich angespannte und politisch noch unsichere Situation macht sich darin bemerkbar. Die Arbeitslosigkeit dürfte seit Jahresbeginn gewachsen sein und über den offiziellen Angaben von 12 Prozent liegen. Besonders aus dem Privatsektor gab es Berichte, dass ausstehende Zahlungen der Regierung zu Entlassungen bei Privatunternehmen geführt hätten.

Im Vergleich zu den Nachbarländern Marokko und Tunesien ist Algerien grundsätzlich ein bedeutender Absatzmarkt, mit etwas über 43 Millionen Einwohnern und einem pro-Kopf-Einkommen von etwa 4.300 US$. Algerische Haushalte geben etwas über 40 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus, wobei viele Grundnahrungsmittel staatlich subventioniert sind. Touristen spielen als Konsumenten in Algerien kaum eine Rolle. Internetnutzung ist in Algerien viel stärker reguliert als in Nachbarländern, weshalb sich auch der elektronische Handel weniger dynamisch entwickelt.

Außenhandel: Neue Zölle und Restriktionen

Das Außenhandelsdefizit Algeriens verringerte sich 2018 gegenüber den Vorjahren. Die Importe blieben nahezu konstant, die Exporte legten um knapp 17 Prozent zu. Auf der Importseite legten Verbrauchsgüter besonders stark zu, die Einfuhren von Ausrüstungsgütern gingen dagegen etwas zurück. Zudem hat die Regierung die Einfuhr bestimmter Güter eingeschränkt bzw. vorübergehend verboten, auf einige Güter werden zusätzliche Zölle erhoben. Dazu zählen neben bestimmten landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Nahrungsmitteln auch andere Verbrauchsgüter, Baustoffe und Elektrogeräte.

Deutschland liefert vor allem Kfz- und Kfz-Teile, Maschinen und chemische Erzeugnisse. Der bilaterale Handel Deutschlands mit Algerien ging 2018 stark zurück. Grundsätzlich dürfte die Nachfrage nach Produktionsgütern hoch bleiben, da weiterhin die Produktion außerhalb des Öl- und Gassektors gesteigert werden soll, um die Importabhängigkeit zu reduzieren.

Außenhandel Algerien (in Mio. US$; Veränderung in %)
2017 2018 2018/17
Importe 46.059 46.197 0,3
Exporte 35.191 41.168 17,0
Handelsbilanzsaldo -10.868 -5.029

Quelle: Statistiques du Commerce Extérieur de l'Algérie, Douanes Algériennes, Juli 2019

Dieser Artikel ist relevant für:

Algerien Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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