Wirtschaftsausblick

28.03.2019

Wirtschaftsausblick - Argentinien (März 2019)

Inhalt

Der Tiefpunkt der Rezession scheint überwunden / Von Carl Moses

Buenos Aires (GTAI) - Argentinien taumelt aus der Krise. Konjunktur und Wirtschaftspolitik stehen 2019 im Bann der Wahlen, Investoren warten ab. Deutsche Firmen äußern dennoch Zuversicht.

Wirtschaftsentwicklung: Zarte Sprossen einer Konjunkturbelebung

Argentiniens Wirtschaft erholt sich nur langsam von der Rezession, die ab Jahresmitte 2018 zu einem scharfen Einbruch der Wirtschaftsaktivität geführt hat. Nach einem Rückgang um 2,5 Prozent im Jahresdurchschnitt und um mehr als 6 Prozent in den letzten vier Monaten 2018 wird für 2019 im Jahresdurchschnitt ein weiterer Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um etwa 1 Prozent erwartet. Von Monat zu Monat sind jedoch bereits leichte Zuwächse zu beobachten, die im weiteren Jahresverlauf an Kraft gewinnen könnten. Angesichts einer erwarteten Rekordernte werden ab dem 2. Quartal 2019 kräftige Impulse von der exportstarken Agrarwirtschaft ausgehen. Positiv wirkt sich zudem die allmähliche Erholung der Konjunktur beim wichtigsten Handelspartner Brasilien aus. Neben dem bereits anziehenden Export könnte sich ab Jahresmitte auch der private Verbrauch beleben. Die Investitionen werden dagegen bis zu den Wahlen im Oktober 2019 weiter schwächeln.

Argentinien bleibt vorerst auf die massive Hilfe des Internationalen Währungsfonds (IWF) angewiesen, der dem Land Kredite von 57 Milliarden Dollar (US$) zugesagt hat. Im Gegenzug verpflichtet sich Argentinien zu einem stark beschleunigten Abbau des Staatsdefizits und zu einer extrem restriktiven Geldpolitik. Dies soll die unerwartet hartnäckige Inflation von zuletzt mehr als 50 Prozent eindämmen, erstickt aber gleichzeitig die Inlandsnachfrage. Sollte aus den Wahlen eine marktfreundliche Regierung hervorgehen, könnte es 2020 wieder aufwärts gehen.

Deutsche Unternehmen stehen trotz der Krise zu Argentinien. Vier von fünf deutschen Niederlassungen wollen ihre Investitionen 2019 stabil halten oder sogar erhöhen, ergab eine Umfrage der Deutsch-Argentinischen Industrie- und Handelskammer. Damit festigen die Unternehmen ihre traditionell starke Präsenz und wahren Chancen mit Blick auf das unvermindert attraktive Zukunftspotenzial des Pampalandes.

MKT201903278012.14

Wirtschaftliche Eckdaten Argentiniens
Indikator 2018 1) 2019 2) Vergleichsdaten Deutschland 2018
BIP (nominal, Mrd. US$) 506 459 4.002
BIP pro Kopf (US$) 11.396 10.246 48.269
Bevölkerung (Mio.) 44,4 44,8 82,9
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, arg$/US$) 28,11 42,17 -

1) Schätzungen; 2) Prognosen

Quellen: Indec; Econométrica; Statistisches Bundesamt

Investitionen: Abwarten und Mate trinken

Die Investitionen sind im 2. Halbjahr 2018 eingebrochen und zeigen bislang kaum Zeichen einer Belebung. Die schwache Inlandsachfrage und sehr hohe Zinsen drücken die Investitionsbereitschaft der Unternehmen. Die Industrie arbeitet mit lediglich 57 Prozent der Kapazitäten. Das ist die geringste Auslastung seit dem Jahr der Rekordkrise 2002. Zugang zu ausländischen Krediten gibt es angesichts zweistelliger Zinssätze in Hartwährung kaum.

Sparmaßnahmen im Staatshaushalt treffen besonders die öffentlichen Investitionen. Geplante öffentlich-private Projekte zum Ausbau der Infrastruktur liegen auf Eis. Massive Korruptionsvorwürfe belasten dutzende Bauunternehmen. Banken sind darum mit Kreditvergaben noch zurückhaltender als zuvor. Gedämpft wird die Investitionsbereitschaft aber vor allem durch die Unsicherheit über die Fortführung der marktfreundlichen Wirtschaftspolitik nach den Wahlen im Oktober 2019. Finanzexperten rechnen im Vorfeld der Wahlen mit zunehmenden Turbulenzen am Finanz- und Devisenmarkt.

Ausgewählte Großprojekte Argentinien
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. US$) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
7.000 km Autobahnen und Schnellstraßen 12.000 PPP-Projekte, erste Etappe (2.800 km) zugeteilt, Baubeginn verzögert, weitere Ausschreibungen in Vorbereitung Ministerio de Transporte, manlop@transporte.gob.ar, Secretaría de Participación Público Privada, ppp@mfin.gob.ar
Wasserkraftwerke Jorge Cepernic und Néstor Kirchner 4.000 Im Bau, geplante Fertigstellung Ende 2023 UTE Represas Patagonia (comunicacion@represaspatagonia.com.ar), Finanzierung aus China
Verlagerung der Sarmiento-Bahnlinie unter die Erde 3.000 Durchführung, Tunnelbau läuft Consorcio Nuevo Sarmiento UTE, Projektleitung: mcenciarini@cnsute.com.ar
Erneuerung der Bahnlinie Belgrano Cargas 2.500 Im Bau, Ausschreibung von Teilabschnitten jmayorca@adifse.com.ar
Wasserkraftwerk Chihuido I 2.200 Noch auf der Suche nach Finanzierung, mögliche Neuausschreibung Auch deutsche Banken bieten Finanzierung an, Consorcio Chihuido I, juanmanuel.collazo@arhelport.com, pbereciartua@interior.gob.ar
2.175 km Hochspannungsleitungen (500 kV) 2.200 PPP-Projekte verzögert Ministerio de Energía, energiaelectrica@minem.gob.ar, Secretaría de Participación Público Privada, ppp@mfin.gob.ar
"Parque de la Innovación" - Technologiepark und Urbanisierungsprojekt in der Stadt Buenos Aires 2.000 Planung, Ausschreibungen in Vorbereitung, aber aufgrund von Finanzkrise verzögert Ministerium für städtische Entwicklung und Transport der Autonomen Stadt Buenos Aires, mduyt@buenosaires.gob.ar
Straßentunnel am Andenpass Agua Negra 1.600 Ausschreibung (Präqualifikation der Anbieter) manlop@transporte.gob.ar
Frachtzug Tren Norpatagónico, 685 km von Bahía Blanca (Provinz Buenos Aires) bis Añelo (Provinz Neuquén) 1.000 Ausschreibung als PPP-Projekt verzögert Zulieferungen für Schiefergasgebiet Vaca Muerta, Abtransport von Obst, Secretaría de Participación Público Privada, ppp@mfin.gob.ar

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; BNamericas; Pressemeldungen

Offizielle Ausschreibungsdatenbank: https://comprar.gob.ar/Default.aspx. Weitere Informationen zu Infrastrukturprojekten: http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/Trends/Infrastruktur/Land-Argentinien/trend-land-argentinien.html. Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten: http://www.gtai.de/argentinien, "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Konsum: Hoffnung nach totaler Flaute

Die Konsumnachfrage dürfte sich 2019 nur langsam von dem Einbruch 2018 erholen. Hohe Zinsen haben vor allem die Nachfrage nach langlebigen Konsumgütern abgewürgt. Die Inflation von mehr als 50 Prozent ließ die Realeinkommen um zweistellige Raten sinken. Der Import von Konsumgütern lag zum Jahreswechsel um 30 bis 35 Prozent unter dem Vorjahr. Selbst die Käufe von Waren des Grundbedarfs sanken deutlich. Im Februar 2019 lagen die Einzelhandelsumsätze in Fachgeschäften laut der Branchenkammer CAME noch um real 12 Prozent unter Vorjahr. Das von der Universität UTDT gemessene Konsumentenvertrauen fiel Ende 2018 auf den niedrigsten Stand seit der Megakrise 2002 und hat sich seither wenig erholt. Analysten rechnen für das Gesamtjahr 2019 mit einem Rückgang des privaten Verbrauchs um 2 bis 4 Prozent. Im Jahresverlauf wird jedoch mit einer leichten Belebung gerechnet: Ab Jahresmitte 2019 dürften die Löhne, Renten und Sozialhilfen wieder stärker steigen als die Preise.

Außenhandel: Radikale Trendwende

Nach der drastischen Abwertung des Peso, der 2018 gegenüber dem US-Dollar mehr als die Hälfte seines Wertes verloren hat, erlebt Argentiniens Außenwirtschaft eine radikale Trendwende. Im 4. Quartal 2018 brachen die Warenimporte der Menge nach um 29 Prozent gegenüber dem gleichen Vorjahreszeitraum ein, nachdem sie im 1. Quartal noch um 18 Prozent gestiegen waren. Die Handelsbilanz dreht vom Defizit in einen hohen Überschuss, der 2019 rund 10 Milliarden US$ erreichen könnte. Während die Warenexporte 2019 zweistellig wachsen dürften, werden die Importe ebenso stark sinken.

Die Abwertung zieht ausländische Touristen an, auch die Argentinier selbst machen vermehrt Ferien im eigenen Land. Das Leistungsbilanzdefizit wird 2019 von fast 5 Prozent des BIP in den Vorjahren auf wenig mehr als 1 Prozent sinken. Über die neu geschaffene digitale Plattform VUCE sollen die meisten außenhandelsrelevanten Verwaltungsvorgänge künftig elektronisch abgewickelt werden.

Außenhandel Argentiniens (in Mrd. US$; Veränderung in %)
Indikator 2018 2019 *) Veränderung 2019/2018
Importe 65,4 58,0 -11,3
Exporte 61,6 68,0 10,4
Handelsbilanzsaldo -3,8 10,0 -

*) Prognose

Quellen: Indec; Banken; Beratungsunternehmen; Germany Trade & Invest

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) sind unter http://www.gtai.de/argentinien abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Argentinien Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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