Wirtschaftsausblick

11.12.2018

Wirtschaftsausblick - Aserbaidschan (November 2018)

Inhalt

Erstmals wieder Aussichten auf ein höheres Wirtschaftswachstum / Von Uwe Strohbach

Baku (GTAI) - Aserbaidschans Wirtschaft hat im Jahr 2019 Chancen auf ein reales Wachstum von etwa 2 bis 4 Prozent. Die kritische Lage im Bankensektor bleibt jedoch ein Risiko.

Wirtschaftsentwicklung: Bankenkrise behindert schnelleres Wachstum

Die Prognosen für die Wirtschaftsentwicklung Aserbaidschans im Jahr 2019 gehen weit auseinander. Die Regierung und der Internationale Währungsfonds rechnen mit einem Wachstum von 3,9 Prozent und 3,6 Prozent. Die Ratingagentur Moody´s (USA) prognostiziert ein Plus von 3 Prozent, AKRA (Russland) von 2,1 Prozent und die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) von 2 Prozent. Diese Aussichten basieren auf erwarteten realen Zuwächsen bei der Produktion im Nichtöl- und im Ölsektor. Die Konjunktur wird durch einen stabilen Wechselkurs des Aserbaidschan-Manat (AZN) zum US-Dollar gestützt.

Unwägbarkeiten ergeben sich vor allem aus der weiterhin angespannten Lage im Bankensektor und den Preisschwankungen auf dem globalen Ölmarkt. Das Kreditportfolio verharrte in den ersten zehn Monaten 2018 mit 7,2 Milliarden US-Dollar (US$) auf dem geringen Niveau des Vorjahreszeitraums. Trotz der Umstrukturierung vieler ausfallgefährdeter Darlehen ist der Bankensektor noch weit entfernt von einer nachhaltigen Lösung. Problemkredite machten zum 1. Oktober 2018 etwa 14,2 Prozent des Kreditvolumens aus.

Viele Banken sind mit erheblichen Bilanz-, Rentabilitäts- und Kapitalproblemen konfrontiert. In den Wachstumsprognosen spiegelt sich auch die große Spannbreite der für das Gesamtjahr 2019 erwarteten Inflationsrate von etwa 3 Prozent bis 8 Prozent wider.

Ungeachtet der schwierigen Lage im Finanzsektor steht außer Frage, dass die aserbaidschanische Wirtschaft nach der tiefen Krise im Jahr 2016 und schwachen Zuwächsen in den beiden Folgejahren wieder auf mehr Wachstum hoffen kann. Das Land hat viele Reformen und neue Branchenprogramme gestartet, die zur Belebung der Wirtschaft beitragen. Der Reformbedarf ist noch immer groß. Staatsunternehmen müssten restrukturiert, die Schattenwirtschaft eingedämmt und Rahmenbedingungen für einen fairen wirtschaftlichen Wettbewerb und die Herausbildung eines leistungsfähigen privaten Mittelstandes geschaffen werden.

MKT201812108012.14

Wirtschaftliche Eckdaten Aserbaidschans
Indikator 2016 2017 2018 1) Vergleichsdaten Deutschland 2017
BIP (nominal, Mrd. US$) 37,8 40,8 38,4 3.702,4
BIP pro Kopf (US$) 3.956 4.192 3.910,6 44.791
Bevölkerung (Mio.) 9,81 2) 9,90 2) 9,97 3) 82,7
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 US$ = AZN) 1,5993 1,7189 1,7000 -

1) Januar bis Oktober; 2) zum 31. Dezember 2017; 3) zum 30. September 2018

Quellen: Staatliches Komitee für Statistik; Deutsche Bundesbank; Statistisches Bundesamt

Investitionen: Aktivitäten im Nichtölsektor nehmen zu

Die Entwicklung der Bruttoanlageinvestitionen ist unerfreulich. Sie betragen 2018 preisbereinigt weniger als drei Fünftel des Wertes vom Vorkrisenjahr 2013 (in Aserbaidschan-Manat). Bemessen in US-Dollar entspricht das investierte Kapital etwa 9 Milliarden US$ und damit nur zwei Fünfteln des Niveaus von 2013. Der Anteil von Maschinen, Ausrüstungen und Inventar am Anlagevolumen beträgt seit Jahren bescheidene 12 Prozent.

Marktkenner prognostizieren für 2019 ein Plus der Gesamtinvestitionen von bis zu 5 Prozent. Das absolute Anlagevolumen bleibt weiterhin niedrig und beträgt voraussichtlich rund 10,5 Milliarden US$. Positiv ist anzumerken, dass die Investitionen in den Nichtölsektor wieder zweistellig zulegen dürften. Sie steigen bereits 2017 um 17 Prozent und nahmen 2018 schätzungsweise auf gleichem Niveau zu. Dahinter stehen Projekte in der verarbeitenden Industrie, der Landwirtschaft, im Transportsektor und IKT-Sektor. Der absolute Anlagebetrag im Nichtölsektor dürfte 2019 ein Volumen von kaum mehr als 6 Milliarden US$ erreichen.

Ausgewählte Großprojekte in Aserbaidschan
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. US$) Projektstand Anmerkung
Südlicher Gaskorridor für den Gastransport nach Europa (Erschließung des Gasfelds Shah Deniz 2, Ausbau/Erneuerung von Pipelines) 11.500 geplante Realisierungsquote zum 31.12.18: 85% (9,8 Mrd. US$), Projektvolumen 2019: 1,4 Mrd. US$, 2020: 0,3 Mrd. US$ Southern Gas Corridor CJSC (http://www.sgc.az; Partner: Regierung Aserbaidschans und staatliche Ölgesellschaft SOCAR)
Anlage für Gasverarbeitung und Petrochemie (Verarbeitung von 10 Mrd. cbm Erdgas jährlich, Produktion von pro Jahr 9,1 Mrd. cbm Gebrauchsgas, 130.000 t Propylen, 42.000 t Benzol und 600.000 t HD- und LD-Polyethylen, Stadtbezirk Garadagh/Baku) 4.200 FEED (Entwurfsplanung) liegt vor, EPC-Vertrag in Vorbereitung, Baubeginn: voraussichtlich Anfang 2019, geplante Fertigstellung: etwa 2023 SOCAR GPC, Projekteinheit der staatlichen Ölgesellschaft SOCAR (http://www.socargpc.az); Haupttechnologiepartner: TechnipFMC, Univation Technologies, Axens und SINOPEC TECH; Kofinanzierung durch ausländische Banken
Modernisierung der Ölraffinerie H. Aliyev, Ausbau der jährlichen Kapazität von 6 Mio. auf bis zu 8 Mio. t, Baku (Ausweitung der Produktion von Benzin und Dieselkraftstoff um jeweils 1 Mio. t auf 1,9 und 3 Mio. t und anderen petrochemischen Produkten) 1.600 bis 1.700 Realisierung: 2016/17 bis Ende 2021 Staatliche Ölgesellschaft SOCAR, Fachbereich SOCAR OGPC (Oil and Gas Processing and Petrochemical Complex; http://www.socar.az), Projektmanagement für die Modernisierung: Joint Venture SOCAR-KBR (Aserbaidschan/USA); EPC-Hauptauftragnehmer: Tecnimont/Kinetics Technology (Italien, zehn neue Anlagen, Auftragswert: 850 Mio. US$) und Tecnicas Reunidas (Spanien/USA,(Modernisierung bestehender Anlagen; Auftragswert: 800 Mio. US$)
Projekt Power Distribution Enhancement Investment Programm (Erneuerung des Stromnetzes auf der Mittel- und Niederspannungsebene; Umspannwerke und Transformatorenstationen) 1.000 (Phase 1: 325) Realisierung: 2016/17 bis 2022; Phase 1: 2016/17 bis 2019, Realisierung der Phasen 2 und 3 offen Nationaler Stromnetzbetreiber Azerishiq (http://www.azerishiq.az). Finanzierung hauptsächlich über Kredite der ADB (drei Tranchen über jeweils 250 Mio. US$, erste Tranche weitestgehend in Projekt umgesetzt)
Straße Gandscha - Grenze zu Georgien (130 km) k.A. Projekt in Vorbereitung, Realisierung: ab 2019 Staatliche Agentur für Straßenwesen Azeravtoyol (http://www.aayda.gov.az), Finanzierung voraussichtlich überwiegend über einen Kredit der EBRD
Modernisierung der doppelgleisigen Bahntrasse Yalama/Grenze zu Russland - Sumgait (167 km) 325 Realisierung: 2019 bis 2022, Ausschreibungen Ende 2018/Anfang 2019 (zwei Teiltrassen: 83 und 84 km) Azerbaijan Railways (ADY, http://www.ady.az), Kofinanzierung durch ADB (150 Mio. US$) und die Agence Francaise de Développement (100 Mio. US$)
Windkraftpark Khizi-3 (135 MW) 219 Projekt in Vorbereitung, Machbarkeitsstudie liegt vor Staatliche Agentur für Alternative und Erneuerbare Energien (ARREA; http://www.area.gov.az)

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Staatliches Ausschreibungsportal: http://www.tender.gov.az

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/aserbaidschan ("Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte").

Konsum: Privatverbrauch steigt dank Steuer- und Abgabenentlastungen

Infolge der Währungsabwertung sind die Preise im Zeitraum 2014 bis 2017 gegenüber dem US-Dollar um rund 120 Prozent gestiegen. Die hohe Arbeitslosigkeit, geringe Löhne und hohe Zinsen für Kredite zwingen die Verbraucher, den Gürtel enger zu schnallen. Amtlich gemeldete reale Zuwächse im Einzelhandel für die Jahre 2017 und 2018 und das offiziell erwartete Plus für 2019 sind infolge einer unterbewerteten Inflation wenig realistisch.

In den ersten neun Monaten 2018 gab ein Verbraucher monatlich im Schnitt nur 88 US$ für Lebensmittel und Non-Food-Güter aus. Dies könnte sich im Jahr 2019 leicht ändern. Geplante Entlastungen bei der Einkommensteuer, den Sozialabgaben und zunehmende private Geldtransfers aus dem Ausland erweitern den Spielraum für den Konsum. In Aserbaidschan gibt es ein nicht zu unterschätzendes Klientel, das sich weiterhin hochwertige Importprodukte leisten kann. Positive Signale für den Einzelhandel gehen vom wachsenden Incoming-Tourismus aus.

Außenhandel: Importe beleben sich

Nach schwachen Vorjahren wächst der Außenhandel 2018. Für die ersten zehn Monate weist die Zollstatistik ein Plus von 76 Prozent für den Export und von 33 Prozent für den Import aus. Preisbereinigt verharrten aber die Aus- und Einfuhren etwa auf Vorjahresniveau. Die Ausfuhr profitiert von höheren Preisen für die Hauptausfuhrgüter Öl, Gas und Ölprodukte. Für 2019 erwarten Marktkenner ein geringeres nominales Wachstum. Für die Ausfuhren von Produkten des Nichtöl-Sektors ist ein realer Zuwachs von bis zu 10 Prozent durchaus realistisch.

Positiv haben sich 2018 die Importe von Maschinen und Ausrüstungen inklusive Elektrotechnik/Elektronik entwickelt. Die Einfuhren von Maschinen legten um 0,5 Milliarden US$ auf 1,8 Milliarden US$ zu. Hierbei sind der große Einbruch in den Vorjahren und damit das geringe Ausgangniveau zu beachten. Projekte zur Importsubstitution, zum Ausbau der Exporte und neue Vorhaben in den staatlich geförderten Industrie- und Agrarparks lassen im Jahr 2019 einen überschaubaren Anstieg der Importe erwarten. Deutschland ist nach Russland, der Türkei und China der viertwichtigste Beschaffungsmarkt Aserbaidschans.

Außenhandel Aserbaidschan (in Mio. US$; nominale Veränderung in %)
2016 2017 2018 1) Veränderung 2)
Importe (Waren, cif) 8.489 8.782 9.253 33,0
Exporte (Waren, fob) 13.458 13.812 15.971 76,4
Handelsbilanzsaldo 4.969 5.030 6.718 -

1) Januar bis Oktober; 2) Januar bis Oktober 2018 gegenüber Januar bis Oktober 2017

Quelle: Staatliches Zollkomitee Aserbaidschans

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/aserbaidschan

Dieser Artikel ist relevant für:

Aserbaidschan Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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