Wirtschaftsausblick

03.09.2019

Wirtschaftsausblick - Aserbaidschan (September 2019)

Inhalt

Wiederbelebung der Wirtschaft kommt schleppend voran / Von Uwe Strohbach

Baku (GTAI) - Aserbaidschans Wirtschaft dürfte in den Jahren 2019 und 2020 im Schnitt jährlich um etwa 2,6 Prozent zulegen. Die Rate liegt unter früheren Prognosen. Haupttreiber ist der Nichtölsektor.

Wirtschaftsentwicklung: Wachsende Geschäftschancen im Nichtölsektor

Die Wirtschaft der Republik Aserbaidschan wächst seit 2018 wieder. Allerdings ist das Tempo schwächer als ursprünglich erwartet. Die Regierung und internationale Beobachter wie der Internationalen Währungsfonds (IWF) und die Weltbank korrigierten ihre Prognosen für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den Jahren 2019 und 2020 nach unten. Sie erwarten Wachstumsraten von etwa 2,7 bis 3,2 Prozent für 2019 und von circa 2,1 bis 2,5 Prozent für 2020. Im 1. Halbjahr 2019 betrug der reale Zuwachs 2,4 Prozent. Vor allem der Nichtölsektor sorgt für positive Wachstumsaussichten. Flankiert wird die Konjunkturentwicklung durch staatliche Programme zur sozialen Abfederung der Bevölkerung und Entschuldung privater Kreditnehmer, durch Steuersenkungen, Wirtschaftsreformen und geförderte Ausbauprojekte in diversen Branchen.

Folgende Entwicklungen dämpfen die ursprünglich erwarteten BIP-Zuwächse: Zwar schrumpfte der Anteil notleidender Kredite am gesamten Kundenkreditvolumen zum 1. Juli 2019 um 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr, doch beträgt er immer noch hohe 11,0 Prozent - eine Folge der Bankenkrise. Das erschwert die Vergabe neuer Kredite. Der Ausbau sich selbsttragender Branchen im Nichtölsektor kommt nicht im gewünschten Tempo voran. Erheblicher Nachholbedarf besteht bei der Schaffung eines fairen Wettbewerbs und beim Abbau der großen Schattenwirtschaft. Den informellen Wirtschaftssektor beziffern internationale Beobachter auf mehr als 60 Prozent des BIP. Die skizzierten Probleme finden ihren Wiederhall in einer schwachen Investitionsneigung der Unternehmen.

Dennoch gibt es in Aserbaidschan gegenüber den Krisenjahren bis 2018 wieder mehr Geschäftschancen für ausländische Unternehmen. Diese bergen vor allem Ausbauprogramme im produzierenden Gewerbe, in der Landwirtschaft, im Dienstleistungsgewerbe und nicht zuletzt in der Bauwirtschaft.

MKT201909028006.14

Wirtschaftliche Eckdaten Aserbaidschans
Indikator 2017 2018 Vergleichsdaten Deutschland 2018
BIP (nominal, Mrd. US$) 40,9 46,9 4.001,5
BIP pro Kopf (Euro/US$) 4.198,5 4.780,1 48.269
Bevölkerung 9,9 1) 10,0 1) 82,9
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 Euro = ... AZN 1,719 1,700 -

1) jeweils zum 31.12.

Quellen: Staatliches Komitee für Statistik Aserbaidschans, Statistisches Bundesamt, Deutsche Bundesbank

Investitionen: Anlagevolumen im Tief

Die Bruttoanlageinvestitionen sind auf einem Tiefstand. Bemessen in US-Dollar (US$) entsprachen sie in den Jahren 2017 und 2018 mit jeweils 10,1 Milliarden US$ nur 45 Prozent des Niveaus der Rekordjahre 2013 und 2014. Ausrüstungen, Maschinen und Inventar stehen seit 2013 für bescheidene 12 Prozent der jährlichen Gesamtinvestitionen. In den sechs Vorjahren war diese Quote im Schnitt doppelt so hoch. Gut zwei Drittel aller Anlageinvestitionen entfallen auf Bau- und Montagearbeiten.

Im 1. Halbjahr 2019 schrumpften die Gesamtinvestitionen preisbereinigt um 5,4 Prozent. Auch für das Gesamtjahr 2019 ist mit einem Minus zu rechnen. Für das Jahr 2020 bestehen dank neuer Projekte in der Öl- und Gasbranche sowie einem angestrebten forcierten Ausbau der Infrastruktur, der verarbeitenden Industrie und des Agrarsektors Chancen auf mehr Investitionen. Positiv anzumerken ist, dass die Anlagen im Nichtölsektor seit 2017 nach oben zeigen. Dieser Trend fußt auf Projekten in der Bauwirtschaft sowie im Transportsektor und verarbeitenden Gewerbe. Die Anlageinvestitionen im Nichtölsektor dürften 2019 mehr als 6 Milliarden US$ erreichen. In den Sektor flossen 2018 und im 1.Halbjahr 2019 jeweils mehr als 60 Prozent des landesweit investierten Kapitals.

Ausgewählte Großprojekte in Aserbaidschan
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. US$) Projektstand Anmerkung
Anlage für Gasverarbeitung und Petrochemie (jährliche Produktion von 9,1 Mrd. cbm Gebrauchsgas, 600.000 t HD- und LD-Polyethylen, 130.000 t Propylen, 42.000 t Benzol, 25.000 t Leichtbenzin, 32.000 t 1-Buten und 21.000 t 1-Hexen), Stadtbezirk Garadagh/Baku bis zu 4.200 finale Investitionsentscheidung im 4. Quartal 2019, voraussichtliche Bauzeit: 1. Quartal 2020 bis 3. Quartal 2023, EPC-Vertrag kurz vor Abschluss SOCAR GPC, Projekteinheit der staatlichen Ölgesellschaft SOCAR (http://www.socargpc.az); Haupttechnologiepartner: TechnipFMC, Univation Technologies, Axens und SINOPEC TECH; Bauplanung: HQC Company/China; Kofinanzierung durch ausländische Banken (ING Bank/Niederlande, CDB/China, Gazprombank/Russland)
Modernisierung der Ölraffinerie H. Aliyev, Ausbau der jährlichen Verarbeitungskapazität von 6,0 Mio. auf bis zu 8,0 Mio. t, Baku; Ausweitung der Produktion von Benzin und Dieselkraftstoff um jeweils 1,0 Mio. t auf 1,9 Mio. und 3,0 Mio. t 1.800 bis 2.000 Realisierung: 2016/17 bis Ende 2021 Staatliche Ölgesellschaft SOCAR, Fachbereich SOCAR OGPC (Oil and Gas Processing and Petrochemical Complex; http://www.socar.az), Projektmanagement für die Modernisierung: Joint Venture SOCAR-KBR (Aserbaidschan/USA); EPC-Hauptauftragnehmer: Tecnimont/Kinetics Technology (Italien, zehn neue Anlagen, Auftragswert: 850 Mio. US$) und Tecnicas Reunidas (Spanien/USA, Modernisierung bestehender Anlagen, Auftragswert: 800 Mio. US$)
Projekt Power Distribution Enhancement Investment Programm (Modernisierung des Stromnetzes auf der Mittel- und Niederspannungsebene inklusive Umspannwerke und Transformatorenstationen) 1.000 (Phase 1: 325) Realisierung: 2016/17 bis 2022; Phase 1: 2016/17 bis 2019, Realisierung der Phasen 2 und 3 noch offen Nationaler Stromnetzbetreiber Azerishiq (http://www.azerishiq.az), Finanzierung hauptsächlich über Kredite der ADB (drei Tranchen über jeweils 250 Mio. US$)
Neues Werk für Kfz-Reifen und andere Gummierzeugnisse (3,3 Mio. Stück Reifen/Jahr), Chemiepark Sumgait etwa 300 Projekt in Vorbereitung, geplante Bauzeit: 3 Jahre Partner: CNEEC (China; http://www.cneec.com.cn), Azerbaijan Investment Company/AIC(http://www.aic.az)
Straße Gandscha-Grenze zu Georgien (130 km, Ausbau von zwei auf vier Fahrspuren) k. A. Realisierung: 2019 bis 2021; Bau einer Teilstrecke über 40 km mit 16 Brücken durch Ozgun Yapo Inc./Türkei (Vereinbarung vom März 2019) Staatliche Agentur für Straßenwesen Azeravtoyol (http://www.aayda.gov.az), Kofinanzierung über einen Kredit der EBRD (120 Mio. US$)
Modernisierung der doppelgleisigen Bahntrasse Yalama (Grenze zu Russland)-Sumgait (167 km) *) 325 Realisierung: 2019 bis 2022 Azerbaijan Railways (ADY, http://www.ady.az), Kofinanzierung durch die ADB (150 Mio. US$) und die Agence Francaise de Développement (100 Mio. US$)
Windkraftpark Khizi-3 (135 MW) 219 Projekt in Vorbereitung, Machbarkeitsstudie liegt vor Ministerium für Energie (Abt. Department of Energy; http://www.minernergy.gov.az)
Neues Wärmekraftwerk (Gaskraftwerk, 385 MW), Gobu (Region Abscheron) k. A. zz. Suche nach einem Beratungsunternehmen für die Projektierung und Bauaufsicht ASC AzerEnerji (http://www.azerenerji.gov.az)

*) Erhöhung der Leitgeschwindigkeit auf der Trasse auf 140 km/h, Modernisierung der Signaltechnik und Elektrifizierung, Erneuerung von 157 Brücken

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest, Pressemeldungen

Staatliches Ausschreibungsportal: http://www.tender.gov.az

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/aserbaidschan ("Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte").

Konsum: Soziale Entlastungen und mehr Lohn sollen Verbrauch ankurbeln

Die Kaufkraft der Aserbaidschaner leidet nach wie vor unter der Abwertung der Nationalwährung Aserbaidschan-Manat gegenüber dem US-Dollar um mehr als 100 Prozent (2015). Eine hohe Arbeitslosigkeit und Armutsquote, geringe Löhne, zahlreiche verteuerte Güter und hohe Zinsen für restrukturierte und neue Verbraucherdarlehen drosseln private Ausgaben. Im 1. Halbjahr 2019 betrug das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen 271 US$ pro Monat. Jeder Einwohner gab davon im Schnitt monatlich jeweils 89 US$ für Lebensmittel und Nonfood-Güter und 41 US$ für Dienstleistungen aus.

Die öffentlich gemeldeten realen Zuwächse im Einzelhandel und die Wachstumsprognosen für 2019 und 2020 sind kritisch zu betrachten, da die Inflation nach der Währungsabwertung zu gering bemessen ist. Aktuelle Entlastungen bei der Einkommensteuer und den Sozialabgaben, ein Paket für Kreditentschuldungen und Lohnzuwächse lassen aber wieder einen real leicht wachsenden Konsum erwarten. Im öl- und gasreichen Aserbaidschan, vor allem in der Hauptstadt Baku, gibt es einkommensstarke Bevölkerungsteile, die sich teure Importprodukte leisten können. Deren Gruppe ist jedoch in den letzten Jahren geschmolzen.

Außenhandel: Diversifizierungsprojekte beleben reale Importe leicht

Die nominalen Ex- und Importe legen nach einer Flaute seit 2018 wieder deutlich zu. Preisbereinigt sind die Zuwächse eher bescheiden. Die Ausfuhr profitiert vor allem von höheren Preisen für die Hauptausfuhrgüter Öl, Ölprodukte und Gas (Ausfuhranteil im 1. Halbjahr 2019: 90 Prozent). Die jährlichen Warenexporte des Nichtölsektors sind mit rund 1,7 Milliarden US$ (2018) gering. Sie beschränken sich auf wenige Positionen wie Obst/Gemüse, Kunststoffe, Baumwollfasern, Strom und Edelmetalle. Sie gehen zu einem Großteil nach Russland.

Positiv hat sich 2018 das Importgeschäft in der Produktgruppe Maschinen und Ausrüstungen inklusive Elektrotechnik/Elektronik entwickelt. Die Einfuhren legten um 0,5 Milliarden US$ auf 1,8 Milliarden US$ zu. Hierbei ist das geringe Ausgangsniveau durch den großen Einbruch in den Vorjahren zu beachten. Projekte zur Importsubstitution, den Ausbau der Exportproduktion sowie neue Vorhaben in den staatlich geförderten Industrie- und Agrarparks lassen 2019 weitere überschaubar anziehende Importe erwarten. Deutschland ist unter allen EU-Ländern der wichtigste Beschaffungsmarkt Aserbaidschans (Anteil am Warenimport im 1. Halbjahr 2019: 4,7 Prozent).

Außenhandel Aserbaidschan (in Mio. US$; nominale Veränderung in Prozent)
2017 2018 2019 1) Veränderung 2)
Importe (Waren, cif) 8.782 11.465 7.015 50,5
Exporte (Waren, fob) 13.812 19.458 9.979 15,2
Handelsbilanzsaldo 5.030 7.993 2.964 -

1) 1. Halbjahr; 2) 1. Halbjahr 2019 gegenüber 1. Halbjahr 2018

Quelle: Staatliches Komitee für Statistik Aserbaidschans

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/Aserbaidschan

Dieser Artikel ist relevant für:

Aserbaidschan Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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