Wirtschaftsausblick

11.01.2019

Wirtschaftsausblick - Belarus (Januar 2019)

Inhalt

Schwächere Weltkonjunktur und weniger russische Subventionen erhöhen Reformdruck / Von Fabian Nemitz

Kiew (GTAI) - Das Wachstum der belarussischen Wirtschaft setzt sich 2019 fort, der Aufschwung verliert aber an Fahrt. Ein Grund sind Änderungen bei der Besteuerung des Ölsektors in Russland.

Wirtschaftsentwicklung: Wachstum schwächt sich 2019 ab

Die belarussische Wirtschaft ist in den ersten elf Monaten 2018 real um 3,2 Prozent gewachsen. Im Gesamtjahr könnte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nach Prognose der Eurasischen Entwicklungsbank (EABR) um 3,1 Prozent gestiegen sein. Da die zyklische Konjunkturerholung nachlässt und erwartet wird, dass das Wachstum in Russland, dem wichtigsten Handelspartner, niedrig ausfällt, wird sich die Dynamik 2019 und 2020 voraussichtlich abschwächen. Die EABR rechnet für die beiden Jahre nur mit BIP-Zuwächsen von 1,6 beziehungsweise 1,9 Prozent, was dem Wachstumspotenzial des Landes entspreche. Die Weltbank ist optimistischer (2019: 2,7 Prozent; 2020: 2,5 Prozent).

Steueränderungen im Ölsektor in Russland trüben die Aussichten ebenfalls. Im Rahmen des 2018 beschlossenen "Steuermanövers" werden die bislang geltenden Exportsteuern auf Erdöl und Erdölprodukte 2019 bis 2024 schrittweise durch eine direkte Besteuerung der Förderunternehmen ersetzt. Für Belarus bedeutet dies große Einbußen, weil die Preise für Erdöl aus Russland steigen und Einnahmen aus Exportsteuern wegfallen.

Laut Schätzungen des Finanzministeriums beläuft sich der mit dem Steuermanöver verbundene Budgetausfall 2019 auf rund 300 Millionen US-Dollar (US$). Die möglichen Gesamtverluste bis 2024 bezifferte Staatspräsident Aljaksandr Lukaschenka gar auf 10,5 Milliarden US$. Verhandlungen über eine Kompensation Ende 2018 haben zu keinem Ergebnis geführt.

Die schwächere Weltkonjunktur und niedrigere Subventionen aus Russland erhöhen den Reformdruck. Zuletzt hat die Regierung eine Liberalisierung der Bedingungen für Privatunternehmen sowie Reformen im Steuersystem eingeleitet. Die Visafreiheit wurde im Sommer 2018 von fünf auf 30 Tage verlängert. Hauptursache für das niedrige Wachstumspotenzial bleibt aber die geringe Effizienz der Staatskonzerne, die einen großen Teil der Wirtschaft dominieren.

Stützen des Wachstums waren in den ersten elf Monaten 2018 der Einzelhandel (+8,8 Prozent), die Industrieproduktion (+6,1 Prozent), die Bauwirtschaft (+5,3 Prozent) und der Gütertransport (+4,5 Prozent). Rückläufig war dagegen der Ausstoß der Landwirtschaft (-3,5 Prozent).

MKT201901108016.14

Wirtschaftliche Eckdaten von Belarus
Indikator 2017 2018 1) Vergleichsdaten Deutschland 2017
BIP (nominal, Mrd. US$) 54,4 56,9 3.702,4
BIP pro Kopf (US$) 5.727 6.020 44.791
Bevölkerung (Mio.) 9,5 9,5 82,7
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 US$ = Belarus-Rubel (BYN)) 1,93 2,14 2) -

1) Prognosen; 2) Stand: 30. November 2018

Quellen: Internationaler Währungsfonds; Deutsche Bundesbank; Statistisches Bundesamt

Investitionen: Weitere Zuwächse erwartet

Laut belarussischem Statistikkomitee (Belstat) legten die Anlageinvestitionen in den ersten elf Monaten 2018 real um 7,9 Prozent auf umgerechnet rund 10,3 Milliarden US$ zu. Für 2019 und 2020 rechnet die Weltbank mit weiteren Zuwächsen von 5,6 beziehungsweise 5,2 Prozent.

Die hohe Verschuldung der Staatskonzerne und das schwierige Geschäftsumfeld für private Investoren bremsen allerdings die Investitionen. Der Staat will die Budgethilfen für Staatsfirmen künftig zurückfahren. Dagegen haben internationale Entwicklungsbanken eine Ausweitung ihrer Engagements angekündigt. Dank der stabilitätsorientierten Geldpolitik konnte der Leitzins seit 2016 deutlich gesenkt werden.

Wichtige Zentren für die Ansiedlung ausländischer Firmen sind die Sonderwirtschaftszonen, allen voran der Industriepark Great Stone und der Hightech-Park in Minsk. Belarus hat gute Chancen zu einem wichtigen Knotenpunkt der neuen Seidenstraße zu werden. Nach Einschätzung des German Economic Team könnte China von 2013 bis 2020 insgesamt 2,5 Milliarden US$ in den Aufbau von Produktionsstätten investieren.

Ausgewählte Großprojekte in Belarus
Projektbezeichnung Projektwert (Mio. US$) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
Bau eines Atomkraftwerks mit einer Leistung von 2.400 Megawatt 10.000 bis 11.000 Bauarbeiten im Gang; geplante Inbetriebnahme: Dezember 2019 (Block 1), Juli 2020 (Block 2) Generalplaner und Generalauftragnehmer: ASE, Russland (http://ase-ec.ru)
Modernisierung der Ölraffinerien Masyr und Naftan 1.735 (Masyr), 1.640 (Naftan) im Gang; geplante Fertigstellung bis November 2019 Ölraffinerien Masyr (https://mnpz.by) und Naftan (http://www.naftan.by)
Unternehmen Slavkaliy: Förderung und Verarbeitung von Kalisalzen inkl. lokaler Projekte für die Infrastruktur, Lagerstätte Starobin (jährliche Kapazität: bis zu 2 Mio. t Kaliumchlorid) 2.000 im Gang; geplante Inbetriebnahme: 2022 Internet: http://www.slavkaliy.com; Umsetzung mit Kredit der China Development Bank über 1,4 Mrd. US$
Unternehmen Grodno Azot: Modernisierung und Bau von neuem Werk zur Produktion von Harnstoff (Stickstoffdünger) 400 (Modernisierung), 1.300 (neues Werk) in Planung; geplante Umsetzung bis 2024 Internet: http://www.azot.by; mögliche Jahreskapazität von neuem Werk: 875.000 t Ammoniak, 1,2 Mio. t Harnstoffgranulat; mögliche Finanzierung mit chinesischen Krediten
Unternehmen Belaruskali: Förderung und Verarbeitung von Kalisalzen, Lagerstätte Petrikow (jährliche Kapazität: 1,5 Mio. t Kaliumchlorid, später bis zu 3 Mio. t) 1.500 bis 1.700 im Gang; Inbetriebnahme 1. Phase: 2020, 2. Phase: 2022 Internet: https://kali.by; Generalprojektant: Belgorkhimprom (http://bmci.by)
Erweiterung der dritten Linie der U-Bahn Minsk 1.100 in Vorbereitung; geplante Umsetzung: 2020 bis 2025 Minskmetrostroy (http://metrostroy.by)
Bau von Spitzenlastanlagen an den Kraftwerken Berezovskaya GRES, Lukomlskaya GRES, Novopolotskaya TEC und Minskaya TEC-5 rund 470 geplante Umsetzung bis 2020 Belenergo (http://www.energo.by)
Bau eines Werks zur Produktion von Verbundwerkstoffen im Industriepark Great Stone 220 Mio. Euro geplante Umsetzung: 2018 bis 2022 Investor: Kompositnyje Konstrukzii; Beteiligung von Dieffenbacher
Unternehmen Amkodor: Bau eines neuen Werks zur Produktion von Kommunaltechnik 250 im Gang; geplante Fertigstellung bis Ende 2019 Umsetzung mit Kredit der Eximbank of China; Generalauftragnehmer: CITIC Construction (VR China)
Modernisierung von Kläranlagen in Minsk, Bau von Anlagen zur Behandlung von Klärschlamm mindestens 168 Mio. Euro in Vorbereitung; Unterzeichnung von Kreditvereinbarung mit EBWE und EIB im November 2018 Kommunaler Wasserversorger Minskvodokanal (https://minskvodokanal.by); EBWE und EIB stellen je 84 Mio. Euro bereit

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Nationale Ausschreibungsdatenbank - http://www.goszakupki.by

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/belarus "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Konsum: Verschuldung der privaten Haushalte gestiegen

Die Umsätze im Einzelhandel sind in den ersten elf Monaten 2018 real um 8,8 Prozent auf rund 19,9 Milliarden US$ gestiegen. Ein Grund für das hohe Wachstum liegt am Anstieg der Reallöhne um 12,4 Prozent auf umgerechnet rund 465 US$, was jedoch deutlich über dem Zuwachs der Arbeitsproduktivität liegt. Hinzu kommt die vermehrte Verbraucherkreditvergabe. Laut Angaben der Nationalbank ist die Verschuldung der Haushalte im genannten Zeitraum in lokaler Währung um 26,2 Prozent auf umgerechnet rund 5,3 Milliarden US$ gestiegen. Die Neuwagenverkäufe verzeichneten in den ersten drei Quartalen 2018 einen Zuwachs von 62 Prozent.

In den Jahren 2019 und 2020 dürfte sich das Wachstum des privaten Verbrauchs abkühlen. Die Weltbank rechnet für die beiden Jahre mit Zuwächsen von 3,1 beziehungsweise 2,3 Prozent. Bei den Löhnen erwartet das Ministerium für Arbeit und sozialen Schutz 2019 einen Anstieg um real 3,5 Prozent, während die Renten um 10,8 Prozent steigen könnten. Vor den Wahlen im Jahr 2020 dürfte die Regierung an weiteren Einkommenszuwächsen interessiert sein.

Außenhandel mit Europäischer Union wächst stark

Der Außenhandel wuchs in den ersten elf Monaten 2018 stark. Hinter den Importzuwächsen stehen die gestiegene Nachfrage nach Konsum- und Investitionsgütern. Der Export profitierte von höheren Preisen für Düngemittel, Erdöl und Erdölprodukte.

Für 2019 und 2020 rechnet die Weltbank mit realen Zuwächsen der Ein- und Ausfuhr von Waren und Dienstleistungen von 8 bis 9 Prozent. Angesichts der schwächeren Weltkonjunktur, des niedrigen Wachstums in Russland und ungelöster Fragen in Bezug auf die Lieferung, Verarbeitung und den Reexport von Öl aus Russland scheint diese Prognose optimistisch.

Rund 51,3 Prozent des Außenhandelsvolumens entfiel in den ersten elf Monaten 2018 auf Russland. Hohe Zuwächse verzeichnete der Handel mit der EU (+24 Prozent). Belarus führt Verhandlungen mit der Welthandelsorganisation (WTO). Ein Beitritt ist für 2020 angestrebt.

Das Wachstum der deutschen Exporte nach Belarus hat sich abgeschwächt. Nach einem Plus von 27,3 Prozent im Jahr 2017 legten die Lieferungen in den ersten zehn Monaten 2018 um 4,2 Prozent auf rund 1,2 Milliarden Euro zu. Die Importe stiegen um 21,1 Prozent auf 0,5 Milliarden Euro.

Außenhandel von Belarus (in Mio. US$; nominale Veränderung in %)
2017 Jan.-Nov. 2018 Veränderung *)
Warenimporte 34.235 34.900 13,9
Warenexporte 29.240 30.780 16,5
Handelsbilanzsaldo -4.995 -4.120 -

*) Januar bis November 2018 im Vergleich zu Januar bis November 2017

Quelle: Belstat

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/belarus

Dieser Artikel ist relevant für:

Weißrussland, Belarus Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

Funktionen

Kontakt

Kathleen Beger

‎+49 228 24 993 283

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche