Wirtschaftsausblick

08.07.2019

Wirtschaftsausblick - Belarus (Juni 2019)

Inhalt

Steueränderungen in Russlands Ölbranche belastet die Wirtschaft / Von Fabian Nemitz

Minsk (GTAI) - Die belarussische Wirtschaft verliert an Schwung. Der Druck zu Strukturreformen im Staatssektor steigt. Ein größerer Durchbruch ist im Vorfeld der Wahlen aber nicht zu erwarten.

Wirtschaftsentwicklung: Wachstumsprognose nach unten korrigiert

Das Wachstum der belarussischen Wirtschaft lässt 2019 nach. In den ersten fünf Monaten ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) real nur um 1 Prozent gestiegen (nach vorläufigen Angaben). Für das Gesamtjahr erwartet die Weltbank ein Plus von 1,8 Prozent und für 2020 von 1,3 Prozent. In den vergangenen Monaten haben die Analysten ihre Prognosen nach unten korrigiert.

Stützen des Wachstums waren in den ersten fünf Monaten 2019 der Einzelhandel (+5,6 Prozent) und die Bauwirtschaft (+3,3 Prozent). Schwach entwickelten sich die Industrieproduktion (+0,3 Prozent), die Landwirtschaft (-1,3 Prozent) und der Gütertransport (-7,1 Prozent).

Ursächlich für den Abschwung sind das Nachlassen der zyklischen Konjunkturerholung im Inland und das schwache Wachstum in Russland, dem wichtigsten Handelspartner. Eine weitere Belastung waren die verunreinigten Öllieferungen, die Russland im April 2019 durch die Drushba-Pipeline gepumpt hatte. Dadurch hat Belarus Produktions- und Exporteinbußen in der Petrochemie erlitten. Erdöl und Erdölerzeugnisse standen 2018 für fast ein Viertel der belarussischen Exporte.

Während dieser Effekt nur kurzfristig wirkt, trüben Steueränderungen in Russlands Ölbranche den Ausblick längerfristig. Im Rahmen des 2018 beschlossenen "Steuermanövers" werden die bislang geltenden Exportsteuern auf Erdöl und Erdölprodukte 2019 bis 2024 schrittweise durch eine direkte Besteuerung der Förderunternehmen ersetzt.

Für Belarus bedeutet dies große Einbußen, weil die Preise für Rohöl aus Russland steigen und Einnahmen aus Exportsteuern wegfallen. Staatspräsident Aljaksandr Lukaschenka bezifferte die möglichen Gesamtverluste bis 2024 auf 10,5 Milliarden US-Dollar (US$). Verhandlungen über eine Kompensation verliefen bislang ergebnislos. Sollte sie ausbleiben, wird das BIP-Wachstum noch geringer ausfallen, schätzt die Weltbank. Im Gegenzug für Ausgleichszahlungen und eine Fortsetzung von Subventionen und Finanzhilfen fordert Russland eine engere Integration der beiden Länder im Rahmen des Unionsstaats.

Die schwächere Weltkonjunktur und niedrigere Subventionen aus Russland erhöhen den Handlungsdruck auf die belarussische Regierung. Im Vorfeld der anstehenden Parlamentswahlen im November 2019 und der Präsidentschaftswahlen im Jahr 2020 sind aber keine umfassenden Strukturreformen zu erwarten.

MKT201907058008.14

Wirtschaftliche Eckdaten Belarus
Indikator 2018 2019 1) Vergleichsdaten Deutschland 2018
BIP (nominal, Mrd. US$) 59,6 61,0 4.001,5
BIP pro Kopf (US$) 6.306 6.477 48.269
Bevölkerung (Mio.) 9,5 9,4 82,9
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 US$ = Belarus-Rubel (BYN)) 2,04 2,10 2) -

1) Prognosen; 2) Stand: 31. Mai 2019

Quellen: Internationaler Währungsfonds; Deutsche Bundesbank; Statistisches Bundesamt

Investitionen: Weltbank erwartet sinkende Investitionen

Die Anlageinvestitionen stiegen in den ersten fünf Monaten 2019 laut Belstat real um 3,6 Prozent. Für das Gesamtjahr 2019 rechnet die Weltbank aber mit einem Rückgang der Bruttoanlageinvestitionen um 1,6 Prozent. Die weiteren Aussichten sind gemischt: +2,9 Prozent für 2020 und -3 Prozent für 2021.

Bremsklötze für Investitionen sind die hohe Verschuldung der Staatskonzerne und das schwierige Geschäftsumfeld für private Investoren. Im Zuge der politischen Entspannung verstärken westliche Entwicklungsbanken ihr Engagement in Belarus. Auch deutsche Firmen richten vermehrt ihren Blick auf das Land.

Wichtige Zentren für die Ansiedlung ausländischer Firmen sind die Sonderwirtschaftszonen, allen voran der Industriepark "Great Stone" und der Hightech-Park in Minsk. Belarus hat gute Chancen, zu einem wichtigen Knotenpunkt an der neuen Seidenstraße zu werden. Nach Einschätzung der Industrial Park Development Company könnten die für Projekte zugesagten Investitionen bis Ende 2020 einen Wert von bis zu 2 Milliarden US$ erreichen.

Ausgewählte Großprojekte in Belarus
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. US$) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
Bau eines Atomkraftwerks mit einer Leistung von 2.400 MW 10.000 bis 11.000 Bauarbeiten im Gang; geplante Inbetriebnahme: Dezember 2019 (Block 1), Juli 2020 (Block 2) Generalplaner und Generalauftragnehmer: ASE, Russland (http://ase-ec.ru)
Unternehmen Slavkaliy: Förderung und Verarbeitung von Kalisalzen inklusive lokaler Projekte für die Infrastruktur, Lagerstätte Starobin (jährliche Kapazität: bis zu 2 Mio. t Kaliumchlorid) 2.000 Bau im Gang; geplante Inbetriebnahme: 2022 Internet: http://www.slavkaliy.com; Umsetzung mit Kredit der China Development Bank über 1,4 Mrd. US$
Unternehmen Grodno Azot: Bau eines neuen Düngemittelwerks (geplante Jahreskapazität: 875.000 t Ammoniak, 1,2 Millionen t Harnstoffgranulat, 200 Millionen cbm Wasserstoff) 1.600 Bewerbungsfrist für Generalauftragnehmer am 29.5.2019 abgelaufen; geplante Umsetzung bis Ende 2024 Internet: http://www.azot.by; mögliche Finanzierung mit chinesischen Krediten
Unternehmen Belaruskali: Förderung und Verarbeitung von Kalisalzen, Lagerstätte Petrikow (jährliche Kapazität: 1,5 Millionen t Kaliumchlorid, später bis zu 3 Millionen t) 1.500 bis 1.700 im Gang; Inbetriebnahme 1. Phase: 2020, 2. Phase: 2022 Internet: https: kali.by; Generalprojektant: Belgorkhimprom (http://bmci.by)
Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur im Rahmen der Östlichen Partnerschaft mit der EU 1.248 Mio. Euro Umsetzung bis 2030 Finanzierung mit Krediten internationaler Geber geplant; darunter Investitionen in Ausbau von Straßen und Elektrifizierung von Bahnstrecke
Bau von Spitzenlastanlagen an den Kraftwerken Berezovskaya GRES, Lukomlskaya GRES, Novopolotskaya TEC und Minskaya TEC-5 470 geplante Umsetzung bis 2020 Belenergo (http://www.energo.by)
Bau eines Werks zur Produktion von Verbundwerkstoffen im Industriepark "Great Stone" 220 Mio. Euro geplante Umsetzung: 2018 bis 2022 Investor: Kompositnyje Konstrukzii (https://composite.partners); Beteiligung von Dieffenbacher
Bau eines Walzwerks (Weißblech) in Mjori (Produktionskapazität: 150.000 t pro Jahr; später Ausbau auf 240.000 t möglich) 200 Mio. Euro Bau im Gang Miory Steel (http://www.mmpz.by); Ausrüstungen liefert SMS Group GmbH
Modernisierung von Kläranlagen in Minsk, Bau von Anlagen zur Behandlung von Klärschlamm mindestens 168 Mio. Euro Unterzeichnung von Kreditvereinbarung mit EBWE und EIB im November 2018 Kommunaler Wasserversorger Minskvodokanal (https://minskvodokanal.by); EBWE und EIB stellen je 84 Mio. Euro bereit
Kronospan: Ausbau der Werke Mogilev und Smorgon 85 Mio. Euro EBWE will im Juli 2019 über Kreditpaket entscheiden

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest, Pressemeldungen

Nationale Ausschreibungsdatenbanken:

- http://www.icetrade.by;

- http://www.goszakupki.by

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/belarus, "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Konsum: Privater Verbrauch bleibt Wachstumsstütze

Die Umsätze im Einzelhandel sind in den ersten fünf Monaten 2019 real um 5,6 Prozent gestiegen. Ein Grund für das hohe Wachstum ist der Anstieg der Reallöhne um 8,4 Prozent auf umgerechnet 480 US$ im Zeitraum Januar bis April 2019. Dieser Wert liegt jedoch deutlich über dem Zuwachs der Arbeitsproduktivität, die im 1. Quartal nur um 1,3 Prozent zunahm.

Die Vergabe von Verbraucherkrediten hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Sie sorgte mit dafür, dass die Neuwagenverkäufe 2018 um 60 Prozent auf knapp 49.000 Stück gestiegen sind. Für das 1. Quartal 2019 meldet die Nationalbank aber eine rückläufige Verbraucherkreditvergabe.

Nach einem Plus von 8,3 Prozent im Jahr 2018 erwartet die Weltbank geringere Zuwächse beim privaten Verbrauch: +3,5 Prozent (2019) und +2,5 Prozent (2020). In den vergangenen Jahren hat die Nationalbank gute Fortschritte bei der Preisstabilität erzielt. Hohe Lohnsteigerungen in jüngster Zeit, die anstehenden Wahlen und die schwierigere wirtschaftliche Lage könnten den Druck auf die Notenbank und die Inflation aber erhöhen.

Außenhandel: Geringeres Importwachstum erwartet

Die Dynamik im Außenhandel hat nachgelassen. Der schwächere Konsum und der erwartete Rückgang der Investitionen belasten die Importe. Die Weltbank rechnet 2019 und 2020 mit realen Zuwächsen der Einfuhr von Waren und Dienstleistungen von 3,2 Prozent und 1,4 Prozent.

Vor dem Hintergrund der schwachen Konjunktur in Russland und der Europäischen Union sind die Warenexporte in den ersten vier Monten 2019 geschrumpft. Für weitere - wenn auch temporäre - Einbußen sorgen die Produktions- und Exportausfälle in der Petrochemie wegen der Lieferung von verunreinigtem Öl über die Drushba-Pipeline. Wichtig für Belarus bleibt die Preisentwicklung für die Hauptexportgüter Erdöl, Erdölprodukte und Kalidünger. Hohes Wachstum verzeichnen die Exporte von IT-Dienstleistungen.

Belarus führt Verhandlungen mit der Welthandelsorganisation und strebt einen Beitritt für 2020 an. Die deutschen Exporte nach Belarus sind in den ersten vier Monaten 2019 laut Destatis um 1,7 Prozent auf knapp 484 Millionen Euro gesunken. Die deutschen Importe legten um 2 Prozent auf rund 194 Millionen Euro zu.

Außenhandel von Belarus (in Mio. US$; nominale Veränderung in Prozent)
2017 2018 1) Januar-April 2019 Veränderung 2)
Warenimporte 34.235 38.409 12.314 0,6
Warenexporte 29.240 33.726 10.395 -2,8
Handelsbilanzsaldo -4.995 -4.683 -1.919 -

1) vorläufige Zahlen; 2) Januar bis April 2019 im Vergleich zu Januar bis April 2018

Quelle: Belstat

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/belarus

Dieser Artikel ist relevant für:

Weißrussland, Belarus Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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