Wirtschaftsausblick

03.06.2019

Wirtschaftsausblick - Brasilien (Mai 2019)

Inhalt

Die wirtschaftliche Erholung erfolgt nur in kleinen Schritten / Von Gloria Rose

São Paulo (GTAI) - Politische Unstimmigkeiten mindern das Vertrauen. Die Wirtschaftsaktivität in Brasilien zieht nicht an wie erwartet.

Wirtschaftsentwicklung: Keine Impulse in Sicht

Die Zahlen für 2018 und das 1. Quartal 2019 belegen, dass sich Brasiliens Wirtschaft langsamer erholt als erwartet. Seit Jahresbeginn senkten die Finanzmarktanalysten ihre Wachstumsprognose für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) von durchschnittlich 2,6 Prozent auf mittlerweile nur noch 1,5 Prozent. Die größten privaten Banken Itaú und Bradesco gehen von einem leichten Rückgang im 1. Quartal aus und erwarten für 2019 nur noch ein Wachstum von etwa 1 Prozent wie im Vorjahr.

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Verantwortlich für die schwache Konjunktur ist insbesondere der Industriesektor. Infolge der Bergbaukatastrophe Ende Januar 2019 fiel die Produktion in der Rohstoffindustrie besonders stark zurück. Aber auch die verarbeitende Industrie produzierte weniger als im 1. Quartal des Vorjahres. Darüber hinaus verzeichnete auch der bedeutende Dienstleistungssektor einen Rückgang der Aktivitäten.

Als Grundvoraussetzung für die Belebung der Wirtschaft gilt eine umfassende Rentenreform. Angesichts der Verschärfung der politischen Unstimmigkeiten befürchten die Finanzmarktanalysten eine zu starke Verwässerung der Reform. Darunter leidet das Vertrauen in eine nachhaltige Konsolidierung des Staatshaushaltes und die angestrebte Minderung des Länderrisikos, was die Erholung der Wirtschaft zusätzlich belastet. Die Staatseinnahmen steigen nicht wie erwartet und die Regierung sieht sich zu Budgetkürzungen gezwungen. Derweil steigt die Verstimmung in der Bevölkerung. Nur noch 35 Prozent der Brasilianer bewerten die neue Regierung als positiv.

Zusätzlich zu der Rentenreform fordern immer mehr Finanzmarktanalysten weitere Zinssenkungen. Brasiliens Leitzins Selic liegt nun seit 14 Monaten auf dem historischen Tiefststand von 6,5 Prozent pro Jahr. Wegen der Unsicherheit über die Rentenreform zögert die Zentralbank geldpolitische Eingriffe hinaus. Die Inflation hält sich relativ stabil bei rund 4 Prozent und somit im Zielbereich der Zentralbank.

Wirtschaftliche Eckdaten Brasiliens
Indikator 2017 2018 Vergleichsdaten Deutschland 2018
BIP (nominal, Mrd. US$) 2.053,3 1.868,1 4.001,5
BIP pro Kopf (US$) 9.945 8.930 48.269
Bevölkerung (Mio.) 207,7 209,2 82,9
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 US$ = R$) 3,19 3,65 -

Quellen: Banco Bradesco; Statistisches Bundesamt

Investitionen: Verzögerung der Reformen belastet das Vertrauen

Angesichts der Haushaltskrise fuhren Union, Bundesstaaten und Gemeinden die Investitionen stark zurück. Um Infrastrukturprojekte voranzutreiben, müssen private Investoren mobilisiert werden. Die Privatisierungen und Konzessionierungen über das Programm Programa de Parcerias de Investimentos (PPI, http://www.ppi.gov.br) verlaufen weiterhin erfolgreich.

Laut Umfrage des Industrieverbandes Confederação Nacional da Indústria (CNI) flaute die Investitionsabsicht in den ersten Monaten 2019 ab. Das Vertrauen der Unternehmer ließ deutlich nach, da sich die Erwartung einer schnellen und umfassenden Rentenreform nicht erfüllte.

Für 2019 wird wie im Vorjahr ein Anstieg der Bruttoanlageinvestitionen um rund 4 Prozent erwartet. Dabei verharrt die Investitionsquote auf einem Niedrigniveau von unter 16 Prozent des BIP.

Ausgewählte Großprojekte in Brasilien
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. US$) *) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
16 Konzessionen für Übertragungsleitungen 3.474 Versteigert am 20.12.18, Baufrist 3-5 Jahre Insgesamt 7.152 km Netzstrecke und 14.819 MVA Transformatorleistung
Eisenbahnstrecke EF-170 Ferrogrão zwischen Sinop (Mato Grosso) und Miritituba (Pará) 3.342 Konzession für Bau und Betrieb der 933 km langen Strecke soll im 2. Hj. 2019 versteigert werden Interessiertes Konsortium: ADM, Amaggi, Bunge, Cargill und LDC
Autobahnstrecke Rodovia de Integração do Sul - RIS 2.053 CCR gewann die Versteigerung am 01.11.18 30-jährige Konzession für 473 km über vier Abschnitte (BR-101/290/386/448/RS)
Brücke Salvador - Itaparica (Bahia) 1.605 Vorgaben für die Vergabe (Edital) werden im Oktober 2019 veröffentlicht 12,4 km lang, mehrfach aufgeschoben, Chinesische Konzerne sind interessiert
Ausbau und Modernisierung von 12 Flughäfen 921 Betriebskonzessionen für 3 Blöcke wurden am 15.03.19 versteigert Konzessionäre: Aena, Aeroeste und Zurich
Eisenbahnstrecke Norte-Sul 737 1.550 km fertig sowie 95% des 2. Abschnitts von 682km Rumo ersteigerte die Konzession am 27.03.19

*) Angabe in US-Dollar oder Umrechnung anhand des durchschnittlichen Wechselkurses für Januar bis April 2019: 1 US$ = 3,80 R$ (vorher 3,62 R$)

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Die nationale Ausschreibungsdatenbank der brasilianischen Bundesregierung findet sich unter http://www.comprasnet.gov.br. Weitere Ausschreibungsportale sind die von der staatlichen Banco do Brasil betriebene http://www.licitacoes-e.com.br und die Beschaffungsseiten der Bundesstaaten (zum Beispiel São Paulo http://www.bec.sp.gov.br).

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/brasilien, "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Konsum: Anhaltende Arbeitslosigkeit verhindert Erholung der Kaufkraft

Die Lage am Arbeitsmarkt ist besorgniserregend. Im 1. Quartal lag die Arbeitslosigkeit bei 12,7 Prozent und somit nur 0,4 Prozentpunkte niedriger als im 1. Quartal 2018. Die verdeckte Arbeitslosigkeit fiel jedoch um 5,6 Prozent höher aus. Damit waren mehr als 28 Millionen Brasilianer, etwa ein Viertel der Erwerbspersonen, unterbeschäftigt.

Ohne Aussicht auf eine Verbesserung am Arbeitsmarkt und einen Anstieg der Kaufkraft ging das Vertrauen der Verbraucher im Laufe der ersten Monate wieder zurück. Besonders verunsichert werden die Konsumenten durch die unklare zukünftige Finanzlage.

Der Handelsverband Confederação Nacional do Comércio de Bens, Serviços e Turismo (CNC) erwartet, dass der Einzelhandel frühestens im 1. Quartal 2020 das Rekordniveau aus 2014 erreichen wird. Der Handelssektor insgesamt soll erst Mitte 2021 wieder neue Verkaufsrekorde aufstellen.

Außenhandel: Importe aus Deutschland gehen leicht zurück

Das Volumen des Außenhandels steigt seit dem Ende der Rezession kontinuierlich an. Im Gegensatz zum globalen Abschottungstrend strebt Brasilien eine zunehmende Marktöffnung an und baut Handelshemmnisse ab. Auch für 2019 und 2020 ist eine Zunahme zu erwarten.

Für 2019 rechnen Brasiliens Finanzanalysten mit einem Anstieg der Importe um 7,7 Prozent. Infolge der Wirtschaftskrise des wichtigen Handelspartners Argentinien sowie der nach der Bergbaukatastrophe eingeschränkten Eisenerzförderung sollen die Exporte nur um 2,7 Prozent zulegen. Damit wird der Handelsbilanzüberschuss weiter abnehmen. Angesichts der politischen Unsicherheit bleibt der Wechselkurs volatil.

Nach China, den USA und Argentinien ist Deutschland das viertwichtigste Lieferland Brasiliens. In den ersten vier Monaten 2019 gingen die Wareneinfuhren aus Deutschland um 5 Prozent zurück. Knapp 6 Prozent aller brasilianischen Importe stammten aus Deutschland. Zu fast einem Viertel handelt es sich um Maschinen und Anlagen. Eine Verstärkung der Investitionstätigkeit dürfte den Import aus Deutschland somit stimulieren.

Außenhandel Brasiliens (in Mio. US$ (fob); Veränderung in Prozent)
2017 2018 Veränderung 2018/2017
Importe 150.749 181.231 20,2
Exporte 217.739 239.889 10,2
Handelsbilanzsaldo 66.990 58.658 -12,4

Quelle: Comex Stat/MDIC

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/brasilien

Dieser Artikel ist relevant für:

Brasilien Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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