Wirtschaftsausblick

07.06.2018

Wirtschaftsausblick - Estland (Juni 2018)

Inhalt

Estland wächst 2018 und 2019 stärker als der EU-Durchschnitt / Von Marc Lehnfeld

Tallinn (GTAI) - Estlands konjunkturelle Lage ist äußerst positiv. Das nordbaltische Land wird auch 2018 und 2019 schneller wachsen als die Staaten der Europäischen Union im Durchschnitt. Gründe dafür sind der reallohngetriebene Privatkonsum und die Bruttoanlageinvestitionen. Zu beobachten bleibt, wie stark sich die zunehmenden Einschränkungen im globalen Handel auf das kleine Land auswirken werden.

Wirtschaftsentwicklung: Fachkräftemangel und Druck auf den Freihandel dämpfen die Entwicklung

Estlands Konjunktur folgt dem allgemeinen europäischen Trend einer abgekühlten Wirtschaftsdynamik, darüber sind sich die größten Prognoseinstitute des Landes einig. Trotzdem legt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des kleinen Landes laut Prognose der Europäischen Union (EU) 2018 real um 3,7 Prozent zu. Es steigt damit stärker als in der EU oder in der Eurozone im Durchschnitt.

Die Ergebnisse für das 1. Quartal 2018, Ende Mai vom estnischen Statistikamt veröffentlicht, unterstreichen diese Annahme. So stieg die Wirtschaftsleistung von Januar bis Ende März 2018 im Vergleich zur Vorjahresperiode preisbereinigt um 3,6 Prozent. Treiber war der Privatkonsum, während die Bruttoanlageinvestitionen nach dem zweistelligen Boom im Vorjahr sogar schrumpften.

Das wird sich im Gesamtjahr 2018 nach Einschätzung der Ökonomen des Landes aber noch ändern. Schließlich werden die Bruttoanlageinvestitionen die Rolle des Wachstumsmotors einnehmen, heißt es in den Analysen. Die EU-Kommission rechnet mit einer realen Zunahme um 4,4 Prozent, auch weil die für das kleine Land wichtigen Exporte um 4,2 Prozent steigen werden.

Doch der wachsende Druck auf den Freihandel könnte auch Estlands Exporte und Bruttoanlageinvestitionen im Verlauf des Jahres stärker treffen als erwartet. Mit öffentlichen Schulden von rund 9 Prozent gemessen am BIP ist der fiskalische Spielraum für staatliche Interventionen allerdings groß.

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Der Privatkonsum legt laut EU-Prognose 2018 um 3,8 Prozent zu, weil sich die estnischen Haushalte über Reallohnzuwächse freuen. Das ermöglicht vor allem der starke Lohnanstieg, der 2018 nominal im Schnitt 6 bis 7 Prozent betragen wird. Auf der anderen Seite schafft der durch den Fachkräftemangel bedingte Lohnanstieg ein strukturelles Risiko für die Wettbewerbsfähigkeit des Landes. Laut der Geschäftsklimaumfrage des estnischen Konjunkturinstituts gibt rund jedes fünfte Industrieunternehmen den Mangel an Fachkräften als begrenzenden Faktor in der Produktion an.

Positive Signale sendet der Anstieg der Bevölkerung, der seit 2015 zu beobachten ist. Die Nettozuwanderung ist sehr vielversprechend, weil unter den Einwanderern auch viele junge Esten sind, die zurück ins Land kommen. Diese Entwicklung ist auch ein Indikator für die gestiegene Lebensqualität im Land.

Wirtschaftliche Eckdaten Estlands
Indikator 2016 2017 Vergleichsdaten Deutschland 2017
BIP (nominal, Mrd. Euro) 21,1 23,0 3.263,4
BIP pro Kopf (Euro) 16.034,7 17.460,6 39.475
Bevölkerung (Mio.) 1,3 1,3 82,7

Quellen: Estnisches Statistikamt; Statistisches Bundesamt

Investitionen: Geringerer Anstieg als im Vorjahr

Die allgemein gute Wirtschaftslage auf dem wichtigen europäischen Absatzmarkt und EU-Fördermittel lassen die estnische Volkswirtschaft weiter investieren, wenn auch schwächer als im Vorjahr. Während die estnischen Industrieunternehmen in den nächsten drei Monaten ihre Produktion noch steigern wollen, zeigt sich ihr Auftragsbestand für den wichtigen Export schon leicht brüchig und lag im April und Mai erstmals wieder unterhalb des Vorjahresniveaus. Die Kapazitätsauslastung ist stabil bei rund 70 Prozent. Mit neuen Investitionen in Automatisierungstechnik könnten produzierende Unternehmen dem Fachkräftemangel stärker entgegen wirken.

Obwohl die Zuversicht im Baugewerbe schwindet, wird das Rail Baltica Schienenprojekt ab 2019 den Infrastrukturbau dominieren. Auf der Kippe steht dagegen die Errichtung des mit einer Milliarde Euro geplanten, teuersten Industrieprojekts der estnischen Geschichte: Eine von der Investorengruppe Est-For Invest anvisierte Zellstoffproduktionsanlage stößt bei der Standortsuche im Raum Tartu auf großen Widerstand der Bevölkerung.

Ausgewählte Großprojekte in Estland
Projektbezeichnung Investitionssumme (Euro) Projektstand Anmerkung
Ostsee-Schienentunnel "Talsinki" 9 bis 13 Mrd. Machbarkeitsstudien Planung eines Untersee-Schienentunnels zwischen Tallinn und Helsinki (FI); möglicher Baustart 2025; Fertigstellung 2030-2035; http://www.finestlink.fi
Bahnlinie "Rail Baltica" Estland-Lettland-Litauen" 5,8 Mrd., davon 1,3 Mrd. in Estland Planung, Ausschreibungen Europäisches Schienenprojekt; diverse technische Planungen; geplante Inbetriebnahme 2026; Baubeginn 2019/2020; Ausschreibungen zu technischem Design laufen; http://www.railbaltica.org; http://www.rbestonia.ee
Zellstoffanlage Est-For Invest 1 Mrd. Planung (Umweltstudie und Standortsuche), Genehmigungsverfahren Möglicher Standort in der Region Tartu am Fluss Emajogi umstritten; nach Planungsphase (2017-2019) soll Business-Plan-Erstellung und Investorensuche beginnen; Geplanter Produktionsbeginn 2022 mit Volumen von 750.000 t/a; http://biorefinery.ee
Erdölraffinerie Jukonoil OÜ 880 Mio. Planung Schwebendes Vorhaben des russischen Unternehmens Jukonoil zum Aufbau einer Erdölraffinerie in Sillamäe; noch kein Baubeginn trotz Ankündigung; geplante Fertigstellung 2019; http://www.jukonoil.ee/en
Estnisch-Finnische Gaspipeline Balticconnector 250 Mio. Im Bau Ca. 150 km Pipeline, Offshore 80 km; Gasmess- und Verdichtungsstationen in Kersalu (EE) und Inkoo (FI); geplante Bauphase 2018-2019; Inbetriebnahme 2020; Aufträge weitgehend vergeben; https://elering.ee/balticconnector (auf Estnisch); http://www.balticconnector.fi/en
LNG-Terminal in Paldiski(Alexela Group) 344 Mio. Planungsphase abgeschlossen; Investorensuche Speicherkapazität von 160.000 cbm; Speicher samt Kraft-Wärme-Kopplung-Anlage für Energieproduktion für das Terminal; Investorensuche nach versagter EU-Förderung; geplante Fertigstellung 2024; http://www.baltigaas.eu/en
LNG-Terminal in Muuga (Vopak E.O.S) 250 Mio. Planung; Suche nach Partnern; EU-Kofinanzierung angestrebt Bauphase 1: Terminal für Betankung der Schiffe und Auffüllung der LKWs (4.000-20.000 cbm, 25-50 Mio. Euro) ohne EU-Förderung; Bauphase 2: Bau des regionalen Terminals(250 Mio. Euro); Investitionsentscheidung in 2018 erwartet; http://www.tallinnlng.com
Erschließung der Ölschiefer-Flächen Sonda I und Sonda II Sonda I: 200 Mio.; Sonda II.: k.A. Planung, Umweltverträglichkeitsstudie Gemeinsame Erschließung durch VKG und KKT, 2.260 ha in Ida-Virumaa und 402 ha in Lääne-Virumaa; jährliches Abbauvolumen ca. 4,7 Mio. t; http://www.vkg.ee; http://www.keemiatoostus.ee
Multifunktionales Zentrum in ehemaligem Gefängniskomplex (Patarei) Geschätzte Renovierungskosten: 100 Mio. Investorensuche, Planung Mögliche Ausbaupläne für sanierungsbedürftiges historisches Gefängnis: Museumskomplex mit Kultur- und Freizeitzentrum, Hotel mit Yachthafen, Büros und Apartments; 21.000 qm Baubestand; Staat sucht Investor; http://www.rkas.ee; http://www.patarei.org

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Öffentliche Ausschreibungen veröffentlicht die Abteilung für Ausschreibungen und Staatshilfen (Riigihangete ja riigiabi osakond) beim Finanzministerium (https://riigihanked.riik.ee).

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/estland, "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Informationen zu EU-Binnenmarktausschreibungen unter http://www.gtai-EU-Ausschreibungen.de.

Konsum: Gute Stimmung dank steigender Löhne und niedriger Kreditzinsen

Die sinkende Arbeitslosigkeit, die steigende Erwerbstätigenquote und weitere Reallohnzuwächse lassen Estlands Haushalte konsumieren. Während der Vertrauensindikator der Industrie und des Baugewerbes schon leicht nachgibt, ist die Zuversicht im Einzelhandel und bei den Verbrauchern ungebrochen. Der Fachkräftemangel lässt die Löhne auch in diesem Jahr um 6 bis 7 Prozent nominal äußerst stark steigen. Er übertrifft das prognostizierte Plus von 2,8 bis 3,6 Prozent deutlich.

Das verdiente Geld fließt in den Konsum, der preisbereinigt laut EU-Analysten 2018 um 3,8 Prozent zulegen wird. Für 2019 wird - trotz des geringeren Wirtschaftswachstums - noch ein Plus von 2,7 Prozent erwartet. Dabei verschulden sich die Haushalte auf der Basis niedriger Zinsen. Nach Informationen der estnischen Nationalbank Eesti Pank lag das Schuldenniveau aus Pkw-Mietkäufen im April 2018 rund 19,5 Prozent höher als im Vergleich zum entsprechenden Vorjahresmonat. Bei Verbraucherkrediten war die Verschuldung um 9,2 Prozent höher.

Außenhandel: Estlands offene Volkswirtschaft profitiert von Außenbeitrag

Als kleine Volkswirtschaft ist Estlands wirtschaftlicher Erfolg maßgeblich vom außenwirtschaftlichen Klima abhängig, schließlich übertreffen Ein- und Ausfuhren von Waren und Dienstleistungen das BIP um knapp 50 Prozent. Ununterbrochen seit 2009 profitiert das estnische Wirtschaftswachstum von einem positiven Außenbeitrag, der dem Dienstleistungshandel zu verdanken ist.

Die EU-Analysten erwarten, dass die Exporte wegen des hohen Auftragsbestands der Industrie 2018 real um 4,2 Prozent steigen werden. Wegen der guten konjunkturellen Lage und steigenden Investitionen werden die Importe um 4,1 Prozent zulegen. Mittelfristig sorgt der Baubeginn der Rail Baltica in den nächsten Jahren für ein hohes Importniveau. Einschränkungen im Freihandel könnten Estlands positiven Außenbeitrag aber stark gefährden. Eine mögliche Abkühlung der europäischen Wirtschaft könnte auch Estland schneller treffen als erwartet.

Außenhandel Estlands (in Mio. Euro; Veränderung in %)
2017 2016 Veränderung 2016/2017
Importe 12.734,6 11.957,8 6,5
Exporte 11.815,7 11.167,8 5,8
Handelsbilanzsaldo -918,9 -790,0 16,3

Quelle: Eurostat

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/estland.

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Estland Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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