Wirtschaftsausblick

17.06.2019

Wirtschaftsausblick - Estland (Juni 2019)

Inhalt

Estlands Wirtschaft profitiert von kräftiger Binnennachfrage / Von Marc Lehnfeld

Tallinn (GTAI) - Estlands Wirtschaftswachstum verliert weiter an Dynamik. Die Auslandsnachfrage wächst langsamer, dafür bleibt die Binnennachfrage kräftig. Geringe Staatsschulden sorgen für Sicherheit.

Wirtschaftsentwicklung: Starker Privatkonsum trotz nachlassender Konjunktur

Estland entwickelt sich wirtschaftlich in diesem und im nächsten Jahr nicht anders als die meisten europäischen Länder: Die Konjunktur lässt unter dem Eindruck steigender Unsicherheiten im Außenhandel nach. Für 2019 erwarten die zuletzt veröffentlichten Prognosen der Kommission der Europäischen Union (EU) und der SEB Bank ein Realwachstum des estnischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 2,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Am optimistischsten zeigt sich Estlands Finanzministerium, dass Anfang April 2019 noch ein Wachstum von 3,1 Prozent für das Gesamtjahr 2019 erwartete. Immerhin wird die Wirtschaft des kleinen nordbaltischen Landes weiterhin oberhalb des Eurozonen- und EU-Schnitts zulegen, das die EU-Kommission mit 1,2 Prozent beziehungsweise 1,4 Prozent für dieses Jahr deutlich niedriger ansetzt.

MKT201906148006.14

Noch zeigt sich Estlands Wirtschaft in bester Verfassung. Für das erste Quartal 2019 meldete das nationale Statistikamt ein Realwachstum von 4,5 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode. Weil auf den wichtigen Absatzmärkten aber die Konjunktur - und damit auch die Auslandsnachfrage - abflacht, werden Estlands Exporte etwas langsamer wachsen als im Vorjahr.

Wachstumstreiber bleibt der starke Privatkonsum, weil das rekordhohe Beschäftigungsniveau für weiterhin steigende Löhne sorgt. Während die EU-Kommission erwartet, dass die Konsumfreude durch eine steigende Sparquote gebremst werden könnte, geht die SEB Bank davon aus, dass die Reformen der neuen Regierung weithin für Dynamik sorgen. Trotzdem erwarten die Ökonomen unisono, dass der Privatkonsum den Realzuwachs von 4,7 Prozent in 2018 in diesem Jahr nicht erreichen wird.

Wirtschaftliche Eckdaten Estlands
Indikator 2017 2018 Vergleichsdaten Deutschland 2018
BIP (nominal, Mrd. Euro) 23,6 25,7 3.702,4
BIP pro Kopf (Euro) 18.000 19.500 44.791
Bevölkerung (Tausend) 1.315,6 1.319,1 82,8
-

Quellen: Eurostat; Statistisches Bundesamt

Zu beobachten bleibt, wie sich die neue Mitte-Rechts-Regierung entwickeln wird. Der fiskalpolitische Handlungsspielraum ist groß. Estlands Staatsverschuldung ist mit einem Anteil von 8,4 Prozent am BIP (2018) das schuldenärmste Land der EU. Sollte sich die außenwirtschaftliche Lage also durch eine Verschärfung der Handelskonflikte oder den Brexit zuspitzen, kann die Regierung durch gezielte Maßnahmen die Binnennachfrage steigern.

Investitionen: Bruttoanlageinvestitionen wachsen trotz Abkühlung im Bau schneller

Die starken Lohnsteigerungen und der Fachkräftemangel in einigen Branchen verlangt von den Unternehmen Modernisierungen - vor allem Automatisierungen - in der Produktion, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Analysten der EU-Kommission schätzen, dass die Bruttoanlageinvestitionen in Maschinen und Ausrüstungen 2019 real um 6,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr zulegen werden. Die steigenden Gewinne der vergangenen Jahre haben die estnischer Unternehmen gestärkt. Trotzdem könnten die Unternehmen bei Investitionsentscheidungen vorsichtiger werden, wenn sich die Absatzchancen im Ausland deutlich verschlechtern.

Estlands Bauwirtschaft hingegen erreicht seinen Produktionshöhepunkt, nachdem im Hochbau die Baugenehmigungen seit dem letzten Jahr rückläufig sind. Im Tiefbau wird das Schienenprojekt "Rail Baltica" in den nächsten Jahren für Belebung sorgen. Insgesamt fällt das Wachstum der Bruttoanlageinvestitionen mit einem Plus von 3,3 Prozent etwas höher aus als im Vorjahr.

Ausgewählte Großprojekte in Estland

Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. Euro) Projektstand Anmerkung
Weltweit längster Untersee-Eisenbahntunnel zwischen Tallinn (Estland) und Helsinki (Finnland) 9 bis 13 Mrd.; 15 bis 20 Mrd. im Konkurrenzprojekt von FinEstBay Area Development Oy Machbarkeitsstudie liegt vor, weitere Planungen Planung eines Untersee-Eisenbahntunnels zwischen Tallinn und Helsinki (FI); möglicher Baustart 2025; Fertigstellung 2030 bis 2035; http://www.finestlink.fi; Konkurrenzprojekt von FinEstBay Area Development Oy plant Projektende im Dezember 2024; https://finestbayarea.online
Bahnlinie "Rail Baltica" Estland-Lettland-Litauen 5,8 Mrd., davon 1,6 Mrd. in Estland Ausschreibungen, Planung, unter anderem. technische Planung der Teilstrecke Tallinn-Rapla durch spanischen IDOM-Konzern Europäisches Schienenprojekt; diverse technische Planungen; geplante Inbetriebnahme 2026; Baubeginn 2019/2020; Ausschreibungen zu technischem Design laufen; http://www.railbaltica.org; http://www.rbestonia.ee
Estnisch-Finnische Gaspipeline Balticconnector 300 In Bau Etwa 150 km Pipeline, Offshore 80 km; Gasmess- und Verdichtungsstationen in Kersalu (EE) und Inkoo (FI); geplante Bauphase 2018 bis 2019; Inbetriebnahme 2020; Aufträge weitgehend vergeben; https://elering.ee/balticconnector (auf Estnisch); http://www.balticconnector.fi/en
LNG-Terminal in Paldiski(Alexela Group) 344 Mio. Vertragsverhandlungen in Beratungen bis voraussichtlich Ende 2020; parallel Investorensuche Neues Memorandum of Understanding zwischen Alexela und dem Tallinner Hafen; Speicherkapazität von 320.000 cbm nahe Balticconnector-Pipeline; Investorensuche nach versagter EU-Förderung; geplante Fertigstellung 2024; http://www.baltigaas.eu/en
LNG-Terminal in Muuga (Vopak E.O.S) 250 Mio. Planung der 1. Bauphase; Suche nach Partnern; EU-Kofinanzierung angestrebt Bauphase 1: Terminal für Betankung der Schiffe und Auffüllung der LKWs (4.000 bis 20.000 cbm, 25 bis 50 Mio. Euro) ohne EU-Förderung; Bauphase 2: Bau des regionalen Terminals(250 Mio. Euro); Investitionsentscheidung 2019 erwartet; http://www.tallinnlng.com
Erschließung der Ölschiefer-Flächen Sonda I und Sonda II Sonda I: 200 Mio.; Sonda II.: k.A. Planung, Umweltverträglichkeitsstudie abgeschlossen Projektdurchführung abhängig vom globalen Erdölpreis; gemeinsame Erschließung durch VKG und KKT, 2.260 ha in Ida-Virumaa und 402 ha in Lääne-Virumaa; jährliches Abbauvolumen ca. 4,7 Mio. t; Planungen laufen noch etwa 5 Jahre; http://www.vkg.ee; http://www.keemiatoostus.ee
Multifunktionales Zentrum in ehemaligem Gefängniskomplex (Patarei) Geschätzte Renovierungskosten: 100 Mio. Staat sucht Investor, Ausschreibung bis zum 12. November 2019 möglich Möglicher Ausbau als Museumskomplex mit Kultur- und Freizeitzentrum, Hotel mit Yachthafen, Büros und Apartments; 21.000 qm Baubestand; im östlichen Teil soll internationales Forschungszentrum und ein Gedenkmuseum errichtet werden; http://www.rkas.ee; http://www.patarei.org
Tallina Linnahall, Ausbau eines Konferenzzentrums Geschätzte Renovierungskosten: 100 Mio. Planung Regierung wartet auf Freigabe einer staatlichen Beihilfe durch EU-Kommission; Privatisierung des Gebäudes bisher gescheitert; http://linnahall.ee

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Öffentliche Ausschreibungen veröffentlicht die Abteilung für Ausschreibungen und Staatshilfen (Riigihangete ja riigiabi osakond) beim Finanzministerium (https://riigihanked.riik.ee).

Informationen zu EU-Binnenmarktausschreibungen unter http://www.gtai-EU-Ausschreibungen.de.

Konsum: Kräftiges Wachstum im Privatkonsum stabilisiert Konjunktur

Estlands Konsumgütermarkt bleibt für deutsche Unternehmen höchst spannend. Der Privatkonsum der Haushalte ist in den letzten fünf Jahren real um 4 Prozent pro Jahr gewachsen und damit so stark wie kein anderes Segment. Damit stabilisieren die privaten Haushalte regelmäßig das Wirtschaftswachstum, während die Bruttoanlageinvestitionen sehr volatil sind. Die Arbeitslosenquote wird sich bis 2020 laut EU-Einschätzung bei 5,7 Prozent auf äußerst niedrigem Niveau stabilisieren, schlichtweg, weil die rekordhohe Beschäftigungsquote weitere Einstellungen noch schwerer macht. Bei einem durchschnittlichen Nominallohnanstieg 2019 von 6 bis 7 Prozent und einer Inflation von 2 bis 2,4 Prozent fallen die Reallohnzuwächse weiter hoch genug aus, um den Einzelhandel kräftig wachsen zu lassen.

Die starken Lohnanstiege in allen Branchen haben die Lebensqualität der Esten deutlich verbessert. Deshalb finden auch Hersteller von hochwertigen, teuren Produkten immer mehr Kunden in dem kleinen Markt. Einen steigenden Preiswettbewerb erwarten die Esten im Lebensmitteleinzelhandel, sobald Lidl seine ersten Filialen öffnet. Die Vorbereitungen dafür laufen auf Hochtouren.

Außenhandel: Importe profitieren von starker Binnennachfrage

Finnland, Schweden, Lettland: Weil sich die Konjunktur auf den drei wichtigsten Güterexportmärkten Estlands deutlich verlangsamt, flacht auch die Ausfuhrdynamik dorthin ab. Nach Einschätzung der EU-Kommission hat sich aber die Wettbewerbsfähigkeit einiger estnischer Nischenhersteller verbessert und sie damit krisenfester gemacht. Bei den Dienstleistungen zeigt sich das bereits in stabilen Nettoexporten.

Der Importbedarf Estlands bleibt hoch. Deshalb werden angesichts der weiterhin starken Binnennachfrage auch die Waren- und Dienstleistungseinfuhren 2019 weiter wachsen. Ökonomen verschiedener Prognoseinstitute erwarten 2019 einen Realanstieg der Importe zwischen 3,4 und 4,2 Prozent. Eine genauere Analyse des deutsch-estnischen Handels bietet dieser GTAI-Artikel: HYPERLINK "http://www.gtai.de/MKT201905218005

" http://www.gtai.de/MKT201905218005

Warenaußenhandel Estlands (in Mio. Euro; nominale Veränderung in Prozent)
2017 2018 Veränderung 2018/2017
Importe 12.838,7 13.711,8 6,8
Exporte 12.022,4 12.759,2 6,1
Handelsbilanzsaldo -816,3 -952,6 16,7

Quelle: Eurostat

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/estland.

Dieser Artikel ist relevant für:

Estland Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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