Wirtschaftsausblick

24.04.2018

Wirtschaftsausblick - Georgien (April 2018)

Inhalt

Georgien glänzt mit hohem stabilen Wachstum / Motoren sind Exporte, Baubranche und Tourismus / Von Uwe Strohbach

Tiflis (GTAI) - Georgien durchlebt eine Hochkonjunktur. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird voraussichtlich von 2018 bis 2020 um mehr als vier Prozent pro Jahr zulegen. Projekte für den Infrastrukturausbau, der boomende Fremdenverkehr, gute Exportgeschäfte und der Konsum kurbeln die Wirtschaft an. Mehr in- und ausländische Gelder fließen in die Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen.

Wirtschaftsentwicklung: Regierung erwartetet BIP-Zuwachs von 4,5 Prozent

Die georgische Wirtschaft hat gute Wachstumsaussichten. Die Regierung und die Nationalbank Georgiens rechnen ebenso wie die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) und die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) für 2018 mit einem realen BIP-Zuwachs von 4,5 Prozent. Für die Jahre 2019 und 2020 seien mindestens ebenso hohe Wachstumsraten zu erwarten. Das führende Kreditinstitut des Landes, Bank of Georgia, erwartet für 2018 und auf mittlere Sicht sogar ein Plus von rund 5,5 Prozent.

Die Prognosen basieren auf einer breiten Basis: gute Perspektiven für den Export, die anhaltende Investitionsbelebung, das wieder rege Baugewerbe, der Aufwärtstrend in vielen Branchen der Industrie, ein weiteres Anziehen des Konsums und nicht zuletzt der boomende Ausländertourismus. Die Einnahmen aus dem Incoming-Tourismus legten 2017 gegenüber 2016 um 27 Prozent auf 2,75 Milliarden US-Dollar (US$) zu und dürften auch 2018 zweistellig wachsen.

Die Aufbruchstimmung im Land wird durch die Umsetzung eines 2016 verabschiedeten Vier-Punkte-Plans der Regierung flankiert. Dieser umfasst Reformen in der Unternehmensbesteuerung und Investitionsförderung, in der öffentlichen Verwaltung sowie einen forcierten Infrastrukturausbau bis 2020. Darüber hinaus hat die Regierung 2017 ihr Leitprogramm für die Jahre 2018 bis 2020 aktualisiert. Es legt den Fokus auf die Förderung und steuerliche Entlastung kleiner und mittlerer sowie neuer Unternehmen, die Entwicklung des Agrarsektors, die Integration Georgiens in die Weltwirtschaft sowie eine zügige Fortsetzung von Projekten in den Sektoren Berufs- und Hochschulausbildung, Gesundheitswesen und Arbeitsmarkt.

Ungeachtet des beachtlichen Konjunkturaufschwungs steht die georgische Wirtschaft vor großen Herausforderungen. Das BIP pro Kopf ist mit rund 4.100 US$ für 2017 und prognostizierten rund 5.000 US$ im Jahr 2020 weiterhin gering. Dringender Handlungsbedarf besteht bei der Eindämmung der großen Schattenwirtschaft, der hohen Armut und Arbeitslosigkeit und bei der weiteren Modernisierung der Landwirtschaft. Der Graumarkt macht nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds heute mehr als 50 Prozent des offiziellen BIP aus.

MKT201804238000.14

Wirtschaftliche Eckdaten Georgiens
Indikator 2016 2017 Vergleichsdaten Deutschland 2017
BIP (nominal, Mrd. US$) 14,4 15,2 3.686,7
BIP pro Kopf (US$) 3.865 4.079 44.595
Bevölkerung (Mio.) 3,7*) 3,7*) 82,7
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 US$ = ... Lari, GEL) 2,37 2,51 -

*) zum 1.1.

Quellen: Geostat, Statistisches Bundesamt

Investitionen: Viele Infrastrukturprojekte und Geld aus dem Ausland

Die positive Entwicklung bei den Bruttoanlageinvestitionen setzt sich 2018 und 2019 fort. Gründe bilden ein günstiges Investitionsklima, die Gewinnsteuerreform, rege Zuflüsse internationaler und nationaler Gelder in Infrastruktur- und andere Projekte. Zudem schafft die KMU-Förderung mit Fokus auf die Ernährungswirtschaft, den Tourismus und das verarbeitende Gewerbe eine solide Basis für eine Ausweitung der Investitionen. Im Jahr 2018 dürften die Bruttoanlageinvestitionen, bemessen in der Nationalwährung Lari, ähnlich wie im Vorjahr um nominal etwa 10 Prozent zulegen.

Die Anlagen auf US-Dollar-Basis erreichten 2017 ein Volumen von 4,5 Milliarden US$ gegenüber im Schnitt 4,2 Milliarden US$ in den drei Vorjahren. Im Jahr 2018 dürfte der Betrag auf bis zu 4,7 Milliarden US$ steigen. Die ausländischen Direktinvestitionen inklusive Reinvestitionen bewegen sich seit 2014 auf einem hohen Niveau von im Schnitt jährlich 1,7 Milliarden US$. Für 2018 ist angesichts laufender und neuer Projekte in der Transport- und Energiewirtschaft ein Zufluss von bis zu 2 Milliarden US$ realistisch. Hauptempfänger der Gelder bleiben die Sektoren Transport (2015 bis 2017 insgesamt: 1,7 Milliarden US$), Bau und Finanzen (jeweils 0,6 Milliarden US$), Energie, Hotel und Gaststätten sowie Immobilien (jeweils circa 0,3 bis 0,4 Milliarden US$).

Ausgewählte Großprojekte in Georgien
Projektbezeichnung Projektwert (Mio. US$) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
Autobahn Ost-West (208 km über zum Teil stark bergiges Relief) 2.000 bis 2.300 2006/2007 bis etwa 2021 (Realisierungsquote per 1.1.2018: circa 50%) Hauptauftraggeber: Straßenbaubehörde Roads Department of Georgia (http://www.georoad.ge); Finanzierung vorrangig über Kredite (ADB, EIB, JICA und Weltbank)
.Trasse Rikoti - Chumateleti - Argveta (bis zu 55 km, Rikoti-Pass inklusive 90 Brücken und 40 Tunnels) 1.000 voraussichtlicher Baubeginn: 2018 Roads Department of Georgia (http://www.georoad.ge)
Modernisierung und Ausbau der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung 1.650 (Regierungsprogramm 2011 bis 2020 geplante Projekte 2016 bis 2019 für mehr als 400 Mio. US$ Hauptauftraggeber: Ministerium für Regionalentwicklung und Infrastruktur Georgiens (http://www.mrdi.gov.ge), Ministerium für Finanzen und Wirtschaft Adschariens (http://www.adjara.gov.ge); Finanzierung vorrangig über Kredite (ADB, EIB, KfW und Weltbank)
Petrochemiekomplex (Verarbeitung von 5 Mio. t Rohöl pro Jahr; Ölraffinerie, Petrochemie, Bitumenanlage, Logistikzentrum), Supsa 1.500 Projekt in Planung, möglicher Baustart 2018/2019 Geopars Company (iranisch-georgisches Joint Venture; Partner: PCCI LLC, Fryona Commerce, Kontakt über: http://www.persia-oil.com)
Wasserkraftwerk Nenskra am Enguri (280 MW, 1,2 Mrd.kWh jährlich) 1.100 Baustart: 2018; Inbetriebnahme erster Anlagen: 2019; Fertigstellung des Gesamtkomplexes: Ende 2021) JSC Nenskra Hydro (Partner: K Water, Korea/Rep., 80% und staatlicher Partnerschaftsfonds, Georgien, 20%; http://www.nenskrahydro.ge), Bauauftragnehmer (EPC): Salini Impreglio S.p.A. (Auftragswert: 575 Mio. US$), Kofinanzierung durch Kredit der EBRD über 214 Mio. US$ und Darlehen der EIB und ADB
Wasserkraftwerk Namakhvani/Kaskade mit zwei Objekten am Rioni(333 und 100 MW) 730 BOO-Projekt in einer intensiven Vorbereitungsphase, Baustart: 2018, geplante Inbetriebnahme: 2021 Clean Energy Group Georgia LLC (Tochter der Clean Energy Group AS, Norwegen; Bauausführung: ENKA Insaat ve Sanayi A.S., Türkei; http://www.cleanenergygroup.no, http://www.namakhvani.com)
Neuer Tiefseehafen in Anaklia, 1. Phase (jährliche Umschlagkapazität: bis zu 900.000 TEU und bis zu 1,5 Mio. t Güter) bis zu 600 Dezember 2017 bis 1. Quartal 2021 Konsortium Anaklia Development (Conti International LLC, USA; TBC Holding, Georgien; http://www.anakliadevelopment.com)
Umgehungsstraße in Batumi, Adscharien (14 km; 19 Brücken, fünf Tunnels) 350 Ende 2017 bis 2020 Ministerium für Regionalentwicklung und Infrastruktur (http://www.mrdi.gov.de), Kredite der Asiatischen Infrastrukturinvestmentbank (114 Mio. US$) und der ADB (108 Mio. US$)
Errichtung eines unterirdischen Gasspeichers nahe der Stadt Tiflis (Lagerung von bis zu 280 Mio. cbm Gas) 250 bis 285 Geplante Realisierung: Mitte/Herbst 2018 bis 2021 Georgian Oil & Gas Corporation (GOGC; http://www.gogc.ge), EBRD erwägt Vergabe eines Kredits über 100 Mio. US$, Erstellung der Machbarkeitsstudie (Phase 1)durch Geostock SAS, Frankreich
Bau eines Kohlekraftwerks (300 MW) in Gardabani 250 voraussichtliche Realisierung: 2018 bis 2020/21 CPower/Georgian Industrial Group (http://www.gig.ge), Auftragnehmer: Dongfang Electric Corporation, VR China (Auftragswert: 200 Mio. US$)
Zweiter Block im Kombikraftwerk Gardabani (230 MW) 160 voraussichtliche Realisierung: 2018 bis 2020/21 Georgian Oil & Gas Corporation (http://www.gogc.ge), Auftragnehmer: China Tianchen Engineering Corporation, VR China

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/georgien "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".

Konsum: Konsumneigung legt wieder zu

Das Verbrauchervertrauen zeigt seit Mitte 2017 wieder nach oben, ist aber noch schwach ausgeprägt. Vom Wirtschaftsaufschwung profitiert nur ein kleiner Teil der Bevölkerung. Etwa 70 Prozent der Einwohner gelten als arm und 20 Prozent haben ein Einkommen unterhalb der Armutsgrenze. Hohe 44 Prozent ihrer Gesamteinnahmen muss die Bevölkerung für Lebensmittel ausgeben. Groß ist die Arbeitslosenquote mit offiziell mehr als 11 und inoffiziell mit etwa 35 Prozent. Vielen Georgiern machen die zum 1. Januar 2018 beschlossenen Preissteigerungen für kommunale Dienste zu schaffen.

Dennoch ist ein klares Wachstum im Einzelhandel nicht zu verkennen. Der Handel ohne Kfz ist 2017, bemessen in Lari, im Vergleich zu 2016 um nominal 22,5 und real um 15,8 Prozent gestiegen. Berechnet in US-Dollar betrugen die Zuwächse 15,5 und 8,8 Prozent. Der positive Trend dürfte sich 2018 fortsetzen. Motor dieser Entwicklung sind weitere Zuwächse bei den Geldüberweisungen der georgischen Gastarbeiter aus dem Ausland (2017: +19,8 Prozent auf 1,4 Milliarden US$; Anteil am BIP: 9,3 Prozent), der boomende Incoming-Tourismus, die wieder zunehmenden Konsumdarlehen und eine wachsende Beschäftigung. Ungebrochen ist das Interesse vieler Verbraucher an Einkäufen in modernen Handelseinrichtungen.

Außenhandel: Handelsströme nehmen wieder an Dynamik zu

Der Außenhandel entwickelt sich erfreulich. Der 2017 erzielte Exportzuwachs von nominal 29 Prozent geht auf das Konto verbesserter Preise für die Ausfuhr von Metallen, von Mehrlieferungen von Agrargütern und Getränken sowie steigender Pkw-Reexporte. Für 2018 ist mit einem deutlich zweistelligen Ausfuhrwachstum zu rechnen.

Der Importzuwachs fiel 2017 angesichts der vielen neuen Projekte im Baugewerbe, in der Infrastruktur und in anderen Branchen schwach aus. Das Plus von neun Prozent ist vor allem höheren Preisen für mineralische Produkte und Mehreinfuhren von Konsumgütern geschuldet. Stark stiegen die Einfuhren von Computer- und Telekommunikationstechnik. Die Importe aus der EU stagnierten 2017 mit 2,2 Milliarden US$ auf Vorjahresniveau. Für 2018 bestehen gute Chancen für ein höheres Importwachstum. Hierfür sprechen die Belebung der Investitionen und des Konsums sowie ein erwarteter stabiler Wechselkurs.

Die Importe übersteigen die Exporte traditionell um ein Mehrfaches. Georgien muss das Gros seines Bedarfs an Energieträgern, Rohstoffen, Nahrungsgütern und Ausrüstungen einführen. Die Exporte konzentrieren sich auf wenige Positionen wie Kupfererze und -konzentrate, Ferrolegierungen, Wein, Mineralwasser, Spirituosen und Haselnüsse. Hauptbezugsländer waren 2017 die Türkei (1,4 Milliarden US$), Russland (789 Millionen US$), die VR China (732 Millionen US$) und Aserbaidschan (610 Millionen US$). Deutsche Firmen lieferten Waren für 433 Millionen US$. Unter den Abnehmerländern dominierten Russland (395 Millionen US$), Aserbaidschan (272 Millionen US$) und die Türkei (217 Millionen US$).

Außenhandel Georgiens (in Mio. US$; nominale Veränderung in %)
2015 2016 2017 Veränderung 2017/2016
Warenimporte 7.300 7.295 7.979 9,4
Warenexporte 2.205 2.113 2.728 29,1
Handelsbilanzsaldo -5.095 -5.182 -5.251

Quelle: Geostat

Umfassende Informationen zu Geschäftschancen und Rahmenbedingungen in Georgien finden Sie in unserer neuen Gemeinschaftspublikation mit der Deutschen Wirtschaftsvereinigung Georgien „Georgien - Ein Markt mit Zukunft“: http://www.gtai.de/georgien-markt-mit-zukunft

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/Georgien

Dieser Artikel ist relevant für:

Georgien Außenwirtschaft, allgemein, Export, Import, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Außenhandel / Struktur, allgemein, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten

Funktionen

Kontakt

Katrin Kossorz

‎+49 228 24 993 268

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche