Wirtschaftsausblick

17.05.2019

Wirtschaftsausblick - Iran (Mai 2019)

Inhalt

Sanktionen verursachen schwere Rezession, weitere Entwicklung sehr ungewiss / Von Robert Espey

Dubai (GTAI) - Nach einer kurzen Wachstumsphase ist Irans Wirtschaft seit Mitte 2018 wieder auf Talfahrt. Ohne Änderung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ist nicht mit einer Besserung zu rechnen.

Wirtschaftsentwicklung: Prognosen müssen erneut nach unten korrigiert werden

Die Lockerung der Wirtschaftssanktionen nach Abschluss des Atomvertrages im Juli 2015 brachte Iran zwei Jahre mit positivem Wirtschaftswachstum, wesentlich verursacht durch Aufhebungen der Beschränkungen für iranische Ölexporte. Als Folge der im August und November 2018 reaktivierten US-Sanktionen schrumpft nun die Wirtschaft wieder kräftig. Die erheblichen Strukturprobleme der iranischen Wirtschaft erschweren die Lage zusätzlich.

Wann Iran wieder auf Wachstumskurs kommt, ist derzeit nicht absehbar. Die erheblichen und weiter wachsenden politischen Unwägbarkeiten lassen mittel- und langfristige Prognosen gegenwärtig gewagt erscheinen.

Das iranische Statistikamt hat bislang nur vorläufige Daten für die ersten neun Monate 2018/19 (iranisches Jahr 1397: 21.3. bis 20.3.) veröffentlicht. Im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum wird ein Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 3,8 Prozent gemeldet. Den Angaben zufolge schrumpfte der Öl- und Gassektor um 10,5 Prozent. In der verarbeitenden Industrie kam es zu einem Rückgang um 4,4 Prozent, ebenfalls -4,4 Prozent werden für das Bauwesen angegeben. Im Dienstleistungssektor soll ein Plus von 0,7 Prozent erzielt worden sein.

MKT201905168008.14

Der Internationale Währungsfonds (IWF) senkte in der Frühjahrsausgabe des "World Economic Outlook" die Vorhersage für Irans Wirtschaftswachstum 2019/20 um 2,1 Prozentpunkte auf -6,0 Prozent. Für den Zeitraum 2020/21 bis 2024/25 wird ein durchschnittliches BIP-Plus von 0,8 Prozent angenommen.

Die IWF-Frühjahrsprognose berücksichtigte allerdings noch nicht die unerwartete Entscheidung der US-Administration, keine neuen Ausnahmegenehmigungen (Waiver) für den Kauf iranischen Öls mehr zu erteilen. Ebenfalls nicht einkalkuliert sind die negativen Auswirkungen der am 8.5.19 erfolgten Ankündigung Teherans, mit einem Teilausstieg aus dem Atomvertrag zu beginnen, sowie die Effekte der am selben Tag erfolgten Ausweitung der US-Sanktionen gegen Irans Metallsektor.

Insbesondere angesichts der nun wahrscheinlich deutlich geringeren Ölausfuhren ist 2019/20 eine BIP-Schrumpfung von 10 Prozent oder mehr nicht auszuschließen. Eine Verbesserung der Beziehungen zwischen Washington und Teheran würde die Rahmenbedingungen für die Entwicklung der iranischen Wirtschaft entscheidend verbessern. US-Präsident Trump hat Iran wiederholt Verhandlungen über einen neuen "Deal" vorgeschlagen, eine Annahme dieses Angebots durch Teheran ist aber nicht in Sicht.

Wirtschaftliche Eckdaten Iran1)
Indikator 2016/17 (1395) 2) 2017/18 (1396) 2 Vergleichsdaten Deutschland 2018
BIP (nominal, Mrd. US$) 3) 419,0 447,7 4.001,5
BIP pro Kopf (US$) 3) 5.257 5.534 48.269
Bevölkerung (Mio.) 79,7 80,9 82,9
Wechselkurs (Zentralbankrate; Jahresdurchschnitt, 1 US$ = Rial) 31.389 34.214 --
Wechselkurs (freie Marktrate; Jahresdurchschnitt, 1 US$ = Rial) 36.440 40.453 --

1) jeweils iranische Jahre (21.3. bis 20.3.); 2) vorläufige offizielle Angaben; 3) zu Marktpreisen, Umrechnung zum durchschnittlichen Zentralbankkurs

Quellen: Central Bank of Iran, Statistisches Bundesamt

Nach Berechnungen der Analysten von Refinitiv Eikon (Thomson Reuters) haben die seit November 2018 geltenden US-Sanktionen gegen Irans Ölsektor die iranischen Rohöl- und Kondensatausfuhren im Zeitraum November 2018 bis April 2019 auf durchschnittlich 1,3 Millionen barrel per day (bpd) absinken lassen. In den Monaten Januar bis Oktober 2018 waren es im Durchschnitt 2,4 Millionen bpd. Ein Spitzenwert wurde im Mai 2018 mit 3,2 Millionen bpd erreicht.

Die nun vollzogene Sanktionsverschärfung führt zu einer weiteren starken Verminderung der iranischen Ölexporte. Die meisten Prognosen liegen zwischen 0,2 Millionen und 0,7 Millionen bpd. Ein so niedriges Ölexportniveau gab es zuletzt während des Iran-Irak-Krieges (1980 bis 1988).

Die bisherigen fünf Nutzer der am 2.5.19 ausgelaufenen Ausnahmegenehmigungen (China, Indien, Südkorea, Japan, Türkei) haben vorerst den Import iranischen Öls ganz oder weitgehend eingestellt. Aber es laufen Gespräche mit der US-Administration über die Gewährung von Übergangsfristen, um hinreichend Zeit für die Umstellung auf alternative Lieferanten sowie für notwendige technische Umrüstungen der Raffinerien zu bekommen.

Investitionen: Neue Tiefpunkte werden erreicht

Die Bruttoanlageinvestitionen dürften 2018/19 einen neuen Tiefpunkt erreicht haben. Nach Angaben der Statistikbehörde endete bereits im 3. Quartal 2017/18 eine einjährige Phase mit signifikanten Investitionszuwächsen. Es folgten zwei Quartale mit nur noch schwachem Wachstum, im 2. und 3. Quartal 2018/19 waren es dann -5,6 und -6,3 Prozent. Angaben zum 4. Quartal sind noch nicht verfügbar. In den ersten drei Quartalen 2018/19 schrumpften die Investitionen um insgesamt 3,8 Prozent, die Ausrüstungsinvestitionen gingen um 3,2 Prozent zurück, die Bauinvestitionen um 4,4 Prozent.

Bereits seit 2012/13 zeigt die Investitionstätigkeit keinen Wachstumstrend mehr, Zuwächse wechselten sich mit Rückgängen ab. Das 2018/19 erreichte Investitionsniveau liegt geschätzte 25 Prozent unter dem Wert von 2011/12. Die sich noch weiter verschlechternde Wirtschaftslage wird 2019/20 erneut zu schrumpfenden Investitionen führen.

Nach der Anfang 2016 erfolgten Lockerung der Wirtschaftssanktionen hatte die staatliche Entwicklungsplanung auf großes Engagement internationaler Firmen gehofft. Angesichts der amerikanischen Sanktionspolitik liegen jedoch nun nahezu alle der zwischen 2015 und 2018 mit europäischen, südkoreanischen und japanischen Unternehmen verhandelten Investitions- und Finanzierungspläne auf Eis. Der Rückzug der ausländischen Unternehmen hat auch inländische Investoren demotiviert.

Konsum: Kaufkraft der privaten Haushalte bricht ein

Das iranische Statistikamt meldet einen starken Einbruch des privaten Konsums. Auf einen Zuwachs im 1. Quartal 2018/19 von 4,1 Prozent folgten im 2. und 3. Quartal Rückgänge um 0,8 und 6,5 Prozent. Die nun grassierende Inflation hat zu einem drastischen Kaufkraftverlust geführt.

Offiziellen Daten zufolge lagen die Verbraucherpreise im April 2019 um 51 Prozent über dem Niveau des entsprechenden Vorjahresmonats. Die Teuerung bei Lebensmitteln wird mit 84 Prozent angegeben. Die nominalen Gehaltszuwächse liegen weit unter der Inflationsrate. Im öffentlichen Sektor gab es Anfang 2019/20 eine Gehaltserhöhung von lediglich 20 Prozent.

Die steigende Arbeitslosigkeit wird den privaten Konsum zusätzlich bremsen. Bislang zeigt die offizielle Beschäftigungsstatistik allerdings noch keinen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Für das 4. Quartal 2018/19 wird die Arbeitslosenquote mit 12,1 Prozent angegeben, unverändert gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum. In der Altersgruppe der 15 bis 29-Jährigen erhöhte sich die Arbeitslosenquote leicht auf 25,5 Prozent. Die Gesamtzahl der Arbeitslosen wird mit 3,2 Millionen ausgewiesen. Der IWF geht in seiner Frühjahrsprognose für den Zeitraum 2018/19 bis 2023/24 von einem Anstieg der Arbeitslosenquote von geschätzten 13,8 auf 19,4 Prozent aus.

Außenhandel: Negative Handelsbilanz droht

Die sanktionsbedingt seit November 2018 stark geschrumpften Ölexporte dürften 2018/19 trotz des gegenüber dem Vorjahr höheren Ölpreisniveaus zu einer deutlichen Schrumpfung der Ölexporterlöse geführt haben. Offizielle Daten liegen aber noch nicht vor. Auch die Nicht-Ölausfuhren gingen 2018/19 zurück. Nach Angaben der iranischen Zollverwaltung sanken die Nicht-Öl-Exporte um 6 Prozent auf 44,3 Milliarden US-Dollar (US$).

Die Einfuhren verminderten sich 2018/19 um 22 Prozent auf 42,6 Milliarden US$. Führende Lieferanten waren China (10,3 Milliarden US$; Veränderung gegenüber 2017/18: -22 Prozent), die Vereinigten Arabischen Emirate (6,6 Milliarden US$; -35 Prozent), die Türkei (2,6 Milliarden US$; -19 Prozent), Indien (2,6 Milliarden US$; +15 Prozent) und Deutschland (2,5 Milliarden US$; -20 Prozent).

Ob die für 2019/20 zu erwartende weitere deutliche Reduzierung der Einfuhren ausreicht, um die Handelsbilanz trotz des erneut drastischen Rückgangs der Öleinnahmen und schrumpfender Nicht-Öl-Ausfuhren im positiven Bereich zu halten, erscheint fraglich. Als Nicht-Öl-Exporte sind auch Kondensate und petrochemische Erzeugnisse klassifiziert, die ebenfalls unter US-Sanktionen stehen. Petrochemie und Kondensate hatten 2018/19 einen Anteil an der Nicht-Öl-Ausfuhr von 43 Prozent. Der seit 8. Mai 2019 unter erweiterten US-Sanktionen stehende Metallsektor kam auf einen Anteil von etwa 11 Prozent.

Iran: Außenhandel 2015/16 bis 2017/18 (in Millionen US$; Veränderung in Prozent) 1)
2015/16 (1394) 2016/17 (1395) 2) 2017/18 (1396) 2) Veränderung 2017/18 zum Vorjahr
Importe (fob) 57.641 63.135 75.546 19,7
.Öl- und .Gaserzeugnisse 1.639 1.388 2.764 99,1
.sonstige .Erzeugnisse 56.003 61.747 72.782 17,9
Exporte (fob) 62.995 83.978 98.142 16,9
.Öl und Gas 31.848 55.752 65.818 18,1
.Nichtöl-.erzeugnisse 31.147 28.226 32.324 14,5
Handelsbilanz-saldo 5.354 20.843 22.596 8,4

Anmerkung: Die Importdaten der Zentralbank liegen deutlich über den von der Zollstatistik registrierten Einfuhren.

1) jeweils iranische Jahre (21.3. bis 20.3.); 2) vorläufige Angaben

Quelle: Central Bank of Iran

In den ersten vier Monaten nach voller Reaktivierung der US-Sanktionen (November 2018 bis Februar 2019) sind die Iran-Ausfuhren der EU28-Gruppe gegenüber der entsprechenden Vergleichsperiode 2017/18 um 62 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro gesunken, so Eurostat. Die Bezüge der EU28-Gruppe aus Iran gingen um 89 Prozent auf 0,5 Milliarden Euro zurück.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes schrumpften die deutschen Ausfuhren nach Iran im Zeitraum November 2018 bis März 2019 um 53 Prozent auf 615 Millionen Euro, die Einfuhren um 44 Prozent auf 102 Millionen Euro. Kommt es im Jahresverlauf nicht zu einer (derzeit eher unwahrscheinlichen) Belebung der deutschen Iran-Exporte, würden 2019 die Ausfuhren auf 1 Milliarden bis 1,5 Milliarden Euro absinken. Bereits 2018 wurde ein Rückgang um 8 Prozent auf 2,7 Milliarden Euro verbucht.

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/iran

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Iran Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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