Wirtschaftsausblick

10.01.2019

Wirtschaftsausblick - Italien (Dezember 2018)

Inhalt

Der Konjunktur geht die Luft aus / Von Oliver Döhne

Mailand (GTAI) - Ende 2018 ist es Italiens Regierung gelungen, sich mit Brüssel auf einen Haushaltsentwurf zu einigen. Die Konjunkturaussichten für 2019 sind durchwachsen.

Wirtschaftsentwicklung: Schwaches Wachstum

Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen wird Italiens Wirtschaft in den kommenden Jahren kaum mehr als 1 Prozent per anno zulegen. Die Prognosen der Regierung für die Jahre 2018 und 2019 fallen von Monat zu Monat geringer aus. Nach vier Jahren Wachstum ging das Bruttoinlandsprodukt im 3. Quartal 2018 gegenüber dem Vorquartal erstmals leicht zurück.

Besonders die Binnennachfrage ist schwach. Ein Grund ist die politische Lage. Die Mischung aus unvorhersehbaren Eingriffen der Regierung, europakritischer Polemik und fehlenden oder nicht konsequent weitergeführten langfristigen Modernisierungskonzepten untergraben das Vertrauen von Konsumenten, Unternehmen und Investoren. Außerdem drohen schmerzhafte Ausschläge auf den Finanzmärkten, von denen Italien angesichts seiner hohen Verschuldung besonders abhängt. Zumindest die Auseinandersetzung um den italienischen Haushalt mit der Europäischen Union (EU) fand Ende 2018 noch ein friedliches Ende.

Mit Ausnahme der hohen Staatsverschuldung ist die italienische Wirtschaft solide. Konsumenten- und Unternehmervertrauen sind trotz der unübersichtlichen Lage nicht wirklich eingebrochen. Die private Verschuldung der italienischen Haushalte ist eine der niedrigsten im Euroraum, und die Auslandsverschuldung sinkt. Nach einem Machtwort der Industrieverbände Ende 2018 scheint sich auch bei einigen festgefahrenen Themen wie zum Beispiel bei Infrastrukturprojekten wieder etwas zu tun.

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Extreme Turbulenzen sollten 2019 also ausbleiben, auch wenn im Vorfeld der Europawahl im Mai mit weiteren polemischen Ansagen in Richtung Brüssel zu rechnen ist. Einige Marktkenner halten es für möglich, dass es 2019 Neuwahlen geben könnte, da die Differenzen innerhalb der Regierungskoalition immer deutlicher werden.

Der Export läuft trotz Protektionismus, Spannungen im Nahen Osten und einer schwächeren Konjunktur in der Eurozone immer noch überraschend gut.

Die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland sind weiterhin intensiv, und insbesondere der italienische Import aus Deutschland legt trotz träger italienischer Gesamtwirtschaft deutlich zu.

Wirtschaftliche Eckdaten Italiens
Indikator 2016 2017 Vergleichsdaten Deutschland 2017
BIP (nominal, Mrd. Euro) 1.689,7 1.725,0 3.277,3
BIP pro Kopf (Euro) 27.871 28.494 39.649
Bevölkerung (Mio.) 60,7 60,6 82,7
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Quellen: ISTAT; Statistisches Bundesamt

Investitionen: Nachlassende Dynamik

Trotz sinkender interner und externer Güternachfrage legten die Investitionen 2018 spürbar zu. 2019 könnten dieser Entwicklung einige Faktoren entgegenwirken, zum Beispiel der Wegfall des Förderprogramms Superammortamento (Superabschreibung) für den Kauf von Kapitalgütern Ende 2018. Um noch davon zu profitieren, zogen viele Unternehmen ihre Anschaffungen vor und haben 2019 entsprechend weniger Bedarf.

Auf dem Kapitalmarkt drohen höhere Zinsen und eine nur moderat steigende Kreditvergabe. Die Zuversicht der Unternehmen nimmt seit Juli 2018 ab. Besonders die Konsumgüterproduzenten klagten über ausbleibende Aufträge. Positiver ist die Lage in der Bauindustrie, in der sich langsam ein Aufwärtstrend abzeichnet. Viele öffentliche Infrastrukturprojekte stecken fest, auch wenn sich die Regierung nach dem Rüffel der Industrieverbände Ende 2018 wieder etwas aufgeschlossener zeigte, verschleppte Großprojekte neu anzuschieben.

Ausgewählte Großprojekte in Italien
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. Euro) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
Ausbau des Hochgeschwindigkeitsbahnnetzes Palermo-Catania-Messina; Neapel-Bari; Terzo valico di Giovi; Mailand-Verona; Verona-Padua 32.230 Fertigstellung zwischen 2023 und 2025 RFI SpA
Autobahnbau Salerno-Reggio Calabria; SS 106 Jonica Reggio Calabria-Tarent; Pedemontana Lombarda; Pedemontana Veneta 18.969 Fertigstellung nach 2020 ANAS Spa;Concessioni Autostradali Lombarde Spa; Region Venetien
U-Bahn-Bau Mailand M4; Turin Linea 1; Rom Linea C; Neapel Linea 1 und Linea 6; Catania; Bologna 11.036 Fertigstellung zwischen 2020 und 2024 Gemeinden
Hochgeschwindigkeitsstrecke Turin-Lyon (250 km) 5.574(Anteil Italiens) Fertigstellung 2029 TELT SAS
Flutschutzwehr MOSE Venedig 5.385 Fertigstellung 2020 MIT - Magistrato alle Acque di Venezia
Brenner-Basistunnel (55,4 km) 4.400(Anteil Italiens) Fertigstellung 2025 RFI SpA
Stadtquartier City Life, Mailand 2.100 Fertigstellung 2023 http://www.city-life.it
Einkaufszentrum Westfield, Segrate Mailand 1.400 Fertigstellung 2021 http://www.westfieldmilano-project.com
Milano Innovation District (AREXPO) 1.300 Fertigstellung 2023 http://www.mindmilano.it
Coima, Renovierung von zwei Gebäuden im Stadtgebiet Porta Nuova 700 Fertigstellung 2022 http://www.coima.it

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Weitere Informationen zu EU-Binnenmarktausschreibungen finden Sie unter http://www.gtai-EU-Ausschreibungen.de.

Konsum: Haushalte verlieren Kaufkraft

Die Haushaltsausgaben wachsen moderat, ohne der Gesamtwirtschaft große Impulse zu geben. Die Beschäftigungsrate stagniert. Die Löhne steigen aufgrund geringer Produktivitätsgewinne schwächer als die Inflation, was zu realen Kaufkraftverlusten der Haushalte führt. Im öffentlichen Dienst steht eine Gehaltserhöhung an, auch das geplante Mindesteinkommen könnte die Privatausgaben beleben.

Hinzu kommt, dass die Regierung trotz Schulden die Mehrwertsteuer 2019 nicht erhöht. Das ist kurzfristig gut für den Konsum, auch wenn die Mehrwertsteuer dann 2020 und 2021 voraussichtlich umso stärker steigen wird. Das Vertrauen der Haushalte ist weniger zurückgegangen als das der Unternehmen, dennoch sparen die Haushalte vorerst mehr.

Die Zentralbank rechnet damit, dass der Inlandskonsum in den kommenden zwei Jahren in ähnlich geringem Tempo wie der Industrieoutput wächst. Falls der Ölpreis niedrig bleibt, könnten sinkende Energiepreise das verfügbare Einkommen erhöhen.

Außenhandel: Importnachfrage auch bei schwacher Konjunktur

Italienische Produkte sind weiterhin erfolgreich im Ausland. Da aber von stärkeren protektionistischen Tendenzen auszugehen ist, und auch im Euroraum die Wirtschaft nicht mehr ganz so stark wächst, ist fraglich, ob der Export die Konjunktur weiter so stützen kann wie bisher.

Der Import profitiert unter anderem von der vergleichsweise positiven Lage bei den Investitionen und sollte auch 2019 deutlich wachsen. Der Import aus Deutschland legte bis September 2018 deutlich zu. Deutsche Hersteller konnten von Januar bis September 2018 für rund 1,4 Milliarden Euro mehr chemische Erzeugnisse und rund 1,2 Milliarden Euro mehr Maschinen und Transportausrüstung nach Italien liefern als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Mit Importen von rund 66 Milliarden Euro bleibt Italien einer der fünf wichtigsten Absatzmärkte für deutsche Produkte.

Außenhandel Italiens (in Mio. Euro; Veränderung in %)
2017 1. Halbjahr 2018 Veränderung 1. Halbjahr 2018/1. Halbjahr 2017
Importe 400.659 212.558 4,7
Exporte 448.107 231.615 3,7
Handelsbilanzsaldo 47.448 19.057 -

Quelle: Istituto Nazionale di Statistica (ISTAT), Nationales Institut für Statistik

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/Italien

Dieser Artikel ist relevant für:

Italien Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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