Wirtschaftsausblick

29.08.2018

Wirtschaftsausblick - Jordanien (August 2018)

Inhalt

Energiebranche und Exportwirtschaft geben den Takt an / Von Christian Glosauer

Bonn (GTAI) - Neue privatwirtschaftliche Projekte in der Energieversorgung (erneuerbare Energien) bilden derzeit den Lichtblick in der jordanischen Wirtschaft. Positive Effekte sind garantiert.

Wirtschaftsentwicklung: Amman will Wachstumsflaute überwinden

Die jordanische Führung will dem seit 2010 schwächelndem Wachstum mit einem Reformpaket im Zeitraum 2018 bis 2022 begegnen. Das Land will wieder an die Expansionsraten von 2004 bis 2008 anknüpfen, als die Wirtschaftsleistung real um jährlich zwischen 7 und 9 Prozent zulegte.

Die Prognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF) sagen für 2018 und 2019 mit 2,5 und 2,7 Prozent eine leichte Beschleunigung des Wachstums voraus, preisen allerdings noch nicht eine mögliche konsequente Umsetzung der geplanten Maßnahmen ein. Dazu gehören Abbau von Bürokratie, verbesserter Zugang zu Krediten und Reformen der rechtlichen Rahmenbedingungen. In der Realwirtschaft sollen Investitionen in die Digitalisierung der Wirtschaft sowie in die Infrastruktur wie insbesondere Transport, Energie- und Wasserversorgung das Programm untermauern.

MKT201808288001.14

Der Handlungsspielraum für die Regierung bleibt eng. Die öffentliche Auslandsverschuldung liegt 2018 bei geschätzten 43 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), die ausländischen Forderungen insgesamt (privat und öffentlich) belaufen sich auf 70,3 Prozent des BIP. Die Netto-Staatsverschuldung ist mit 86,8 Prozent des BIP hoch. Der Schuldendienst entzieht der öffentlichen Hand erhebliche Mittel, die ansonsten für Investitionen zur Verfügung stünden. Die Arbeitslosigkeit ist mit rund 15 Prozent hoch, bei der Jugend noch höher.

Gleichzeitig fährt das Land ein Leistungsbilanzdefizit von 8,5 Prozent des BIP (2018, geschätzt). Das Ungleichgewicht wird im Wesentlichen durch die stark defizitäre Handelsbilanz erzeugt. Besonders Nahrungsmittel- und Energieimporte sorgen für das Ungleichgewicht. Ohne die Überweisungen der Auslandsjordanier käme Jordanien kaum über die Runden. 2017 lagen diese bei 3,4 Milliarden US-Dollar (US$) oder bemerkenswerten 8,2 Prozent des BIP. Somit gilt auch für Jordanien die Tatsache, dass Humankapital das wichtigste Exportgut des Landes darstellt.

Optimistisch stimmen neue Entwicklungen auf dem Energie- und Wassermarkt. Investitionen in erneuerbare Energien nehmen auch dank verlässlicher rechtlicher Rahmenbedingungen (Public- private Partnerships) deutlich an Fahrt auf und werden helfen, die Dauerkrise bei Wasser- und Energieversorgung mittelfristig zu beheben.

Die erste Wasserentsalzungsanlage ist 2017 in Aqaba in Betrieb gegangen.

Wirtschaftliche Eckdaten Jordaniens
Indikator 2016 2017 Vergleichsdaten Deutschland 2017
BIP (nominal, Mrd. US$) 38,7 40,5 3.686,7
BIP pro Kopf (US$) 5.549 5.678 44.595
Bevölkerung (Mio.) 6,98 7,13 82,7
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 Euro = Jordan-Dinar) 0,78 0,80 -

Quellen: IWF; Statistisches Bundesamt; Bundesbank

Investitionen: Erneuerbare und Luxus-Wohnungsbau treiben Investment

Engpass bei Investitionen in Jordanien ist die Finanzierung. Dazu ist der Markt klein, qualifiziertes Personal schwer zu finden. Selbst die erfolgreiche jordanische Konfektionsbranche beschäftigt zehntausende Gastarbeiter aus Asien. Die offene jordanische Volkswirtschaft setzt das Land gnadenlos Importen aus, gegen die kleinere nationale Produzenten kaum konkurrieren können. So exportierte zum Beispiel das regionale industrielle Schwergewicht Türkei 2017 Waren im Wert von 682 Millionen US$ nach Jordanien während Amman nur für 113 Millionen US$ dorthin lieferte. Somit zögern auch jordanische Industrielle mit Engagements in das verarbeitende Gewerbe, geschweige denn ausländische Investoren.

Besser sieht es dagegen bei kommerziellen Engagements in der Infrastruktur aus. Dies gilt besonders für Investitionen in erneuerbare Energien mit besonderem Augenmerk auf Fotovoltaik. Mit einer weiteren Beschleunigung dieses Trends ist zu rechnen. So hat die Weltbanktochter IFC Anfang 2018 die Finanzierung des größten Fotovoltaik-Projekts (248 Megawatt) im Land abgeschlossen. Inzwischen kratzt die installierte Kapazität an der 1-Gigawatt-Grenze.

Ausgewählte Großprojekte in Jordanien
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. US$) Projektstand Anmerkung
Al Maabar - Marsa Zayed 7.715 70% Großes Stadtentwicklungsprojekt
Manaseer Integrated Potash & Phosphate Complex 800 10% (Planung) Fortführung ungewiss
ADC - Aqaba New Port 310 93% Ausbau Containerhafen Aqaba
Ritz Carlton Hotel 250 26% Al Eqbal Real Estate
MEMR Jordan Renewable Energy (PV) 250 Gebotsevaluierung
BSEC - Baynouna Solar Energy (200 MW) 220 13%
ADIC - CMC Abdali Hospital 180 77% Ausführung
Wind Power (100 MW) 160 77% Xenel Industries
Fujeiji Wind Farm 160 62% Ausführung

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; MEED Projects

Konsum: Einkommensschere weitet sich aus

Der Abbau von Subventionen bei Energie und Nahrungsmitteln setzt die einkommensschwächeren Bevölkerungsschichten weiter unter Druck. Während private Investoren, vor allem vom Golf, gehobene großflächige Immobilienprojekte verfolgen, haben breite Bevölkerungsschichten wenig Perspektiven, was auch in der Arbeitslosenrate von geschätzten 15 Prozent zum Ausdruck kommt. Die Konsumausgaben der schmalen Oberschicht werden weiter steigen, selbst teure Elektrofahrzeuge sind in Amman Teil des Straßenbildes. Der finanzielle Spielraum eines Großteils der Bevölkerung wird auch durch die Überweisungen ihrer Familienangehörigen am Golf, In Europa und in den USA bestimmt. Diese Transfers sollen 2018 auf 3,6 Milliarden US$ steigen und 2021 erstmals die 4-Milliarden-US$-Marke übersteigen.

Außenhandel: Konfektion und Chemie dominieren die Ausfuhren

Die weitere Entwicklung der stark defizitären Handelsbilanz wird vor allem von den Exportbranchen Bekleidung, pharmazeutische Generika und Düngemittel (Kali und Phosphat bestimmt. Die Dynamik in der Konfektionsbranche hält an: Sie bildete 2017 mit +9,5 Prozent und umgerechnet 1,33 Milliarden Euro (1 JD = 1,21 Euro) den größten Ausfuhrposten. Dabei beschleunigte sich die erfreuliche Entwicklung bei Konfektion in den ersten vier Monaten von 2018 mit +21,2 Prozent auf umgerechnet 438 Millionen Euro weiter. Auch die Kaliexporte legten 2017 mit +10 Prozent auf umgerechnet 400,5 Millionen Euro stark zu. Im Zeitraum Januar bis April 2018 stiegen die Kaliexporte gegenüber der gleichen Vorjahreszeit abermals um 16,7 Prozent auf umgerechnet 146,4 Millionen Euro. Erfreulich auch die Entwicklung bei Produkten mit höherer Wertschöpfung wie verarbeitete Düngemittel (vor allem Phosphorsäure), die im Berichtszeitraum um 43,2 Prozent auf umgerechnet 82,6 Millionen Euro zulegten. Stagnation gab es bei den Generika, deren Exporte im ersten Drittel 2018 um 5,9 Prozent auf umgerechnet 141,6 Millionen Euro zurückgingen.

Außenhandel Jordaniens (in Mio. US$; Veränderung in %)
2016 2017 Veränderung 2016/2017
Importe, fob 17.692 18.235 +3,1%
Exporte, fob 7.467 7.949 +6,5%
Handelsbilanzsaldo -10.226 -10.285 -

Quelle: IWF

Weitere Informationen zu Jordanien (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/Jordanien

Dieser Artikel ist relevant für:

Jordanien Außenwirtschaft, allgemein, Energie, Wasser, Wärme, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

Funktionen

Christian Glosauer Christian Glosauer | © GTAI/Rheinfoto

Kontakt

Christian Glosauer

‎+49 228 24 993 454

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche