Wirtschaftsausblick

20.06.2019

Wirtschaftsausblick - Lettland (Juni 2019)

Inhalt

Starke Binnennachfrage treibt Lettlands Wirtschaft 2019 / Von Marc Lehnfeld

Riga (GTAI) - Lettland gehört 2019 zu den Euroländern mit den höchsten Wachstumsraten des Bruttoinlandsproduktes. Risiken birgt mittelfristig die Entwicklung der Exporte.

Wirtschaftsentwicklung: Binnennachfrage sorgt für robustes Wachstum

Das kleine Lettland gehört zu den Wachstumsmotoren in der Eurozone. Die Analysten der Kommission der Europäischen Union (EU) erwarten in ihrer Frühjahresprognose, dass die lettische Wirtschaft 2019 real um 3,1 Prozent zulegen wird. Damit würde das baltische Land zusammen mit Zypern und Slowenien den vierten Platz der am schnellsten wachsenden Euroländer nach Malta, Irland und der Slowakei belegen. Zugleich würde Lettland - wie auch im vergangenen Jahr - wieder an der Spitze der baltischen Staaten stehen: Nach der EU-Prognose für 2019 legt die Wirtschaftsleistung von Estland (2,8 Prozent) und Litauen (2,7 Prozent) langsamer zu.

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Diese europäische Einordnung darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch Lettlands Bruttoinlandsprodukt (BIP) langsamer zulegen wird als in den letzten Jahren. Das starke Realwachstum von 4,8 Prozent 2018 war das höchste der vergangenen sieben Jahre. Nun sehen die Analysten wichtiger Prognoseinstitute den Höhepunkt beim Zufluss von EU-Fördermitteln in der aktuellen Periode erreicht. Damit ist das Steigerungspotenzial der davon stark abhängigen Bruttoanlageinvestitionen begrenzt.

Insgesamt wächst Lettlands Wirtschaft dank der starken Binnennachfrage robust. Der Privatkonsum wird den Prognosen zufolge 2019 stärker wachsen als die Gesamtwirtschaft, allerdings mit nachlassender Dynamik. Mittelfristig können die zunehmenden internationalen Handelskonflikte und der anstehende Brexit die Exporte belasten. In diesem Jahr legen die Exporte um 2,2 Prozent zu, erwartet die EU.

Wirtschaftliche Eckdaten Lettlands
Indikator 2017 2018 Vergleichsdaten Deutschland 2018
BIP (nominal, Mrd. Euro) 27,0 29,5 3.388,2
BIP pro Kopf (Euro) 13.900 15.300 40.871
Bevölkerung (in Tausend) 1.941,2 1.926,2 82,9

Quellen: Eurostat; Statistisches Bundesamt

Im 1. Quartal 2019 zeigt sich Lettlands Wirtschaft hingegen schwächer als erwartet. Mit 3 Prozent Realwachstum steigt das BIP weniger stark als viele Analysten in ihren Jahresprognosen erwartet haben. Grund dafür ist die schwache Entwicklung des Privatkonsums, der im Berichtsquartal nur um 3 Prozent zulegte. Die Analysten der SEB Bank erwarten für das Gesamtjahr weiterhin eine stärkere Entwicklung des Privatkonsums.

Investitionen: Bauwirtschaft zeigt sich auch Anfang 2019 stark

Die Stimmung lettischer Unternehmen befindet sich auf einem hohen Niveau, zeigt aber erste Schwächen. Die Kapazitätsauslastung der Industrie ist im Mai 2019 mit 77 Prozent hoch. Problematisch bleiben der Fachkräftemangel in vielen Branchen sowie die starken Lohnsteigerungen. Vor diesem Hintergrund sind Investitionen in effizienzsteigernde Maschinen und Anlagen sowie Automatisierungstechnik höchst attraktiv. Die Stimmung in der Industrie ist allerdings seit Jahresanfang leicht rückläufig. Nach der Wirtschaftskrise des Landes in den Jahren 2008/2009 hatte der Stimmungsindikator der Industrie 2018 seinen Höhepunkt erreicht.

Die Bauwirtschaft zeigt sich hingegen äußerst robust, die Zuversicht der Branche bleibt auf dem höchsten Niveau seit der Krise 2008/2009. Stabil entwickeln sich im Hochbau sowohl die Baugenehmigungen als auch die Bauvolumina. Außerdem steht mit dem Schienenprojekt "Rail Baltica" ein milliardenschweres Infrastrukturprojekt an, das die Branche belebt. Der Baustart ist für 2021 avisiert.

Ausgewählte Großprojekte in Lettland
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. Euro) Projektstand Anmerkung
Bahnlinie "Rail Baltica" Estland-Lettland-Litauen bis zu 5,8 Mrd., davon 2 Mrd. in Lettland Planung, Ausschreibungen Europäisches Schienenprojekt; unter anderem Bahnverbindung vom Flughafen Riga zum Hauptbahnhof (291 Mio. Euro) inklusive Stationsneubau; Pläne für intermodales Terminal; geplanter Baubeginn 2021, geplante Inbetriebnahme 2026; http://www.railbaltica.org; http://edzl.lv/en
Modernisierung von Bahnlinien 1,3 Mrd. Planung der 1. Stufe; Auswertung der Gebote auf Ausschreibung Elektrifizierungsprojekt; 1. Stufe 2019 bis 2023: 660 Mio. Euro, 2. Stufe 2020 bis 2025: 529 Mio. Euro; 3. Stufe 2025 bis 2030: Ausbau in der Region Riga; http://www.ldz.lv
Ausbau des Freihafens von Riga 460 Bau Zehn neue Container-, Dünger-, Kühl-, Getreide- und andere Terminals samt Logistikpark; dezentrale Ausschreibung über unterschiedliche Terminalbetreiber, unter anderem Riga fertilizer terminal SIA (http://www.rft.lv); http://www.rop.lv
Programm zur Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden 377 Planung, Umsetzung EU-finanziertes Förderprogramm zur Sanierung privater, öffentlicher und industrieller Gebäude (317 Mio. Euro) sowie Investitionen in Fernwärmesysteme (60 Mio. Euro); Laufzeit bis 2022; http://www.em.gov.lv
Ausbau des Stromnetzes 320 Planung (Estland-Verbindung), Bau (Kurzeme Ring) Bau einer dritten Verbindung nach Estland (190 km in Lettland, 100 Mio. Euro, geplante Fertigstellung 2020) und Vervollständigung des Kurzeme Rings (330 km Stromleitungen, 220 Mio. Euro, geplante Fertigstellung 2019); Projekte mit EU-Förderung; http://www.ast.lv
Rigaer Stadtviertel Skanste 250 Planung, teilweise Bau, teilweise Baustopp Abwicklung des Ankermieters ABLV lässt Gesamtprojekt stocken; Immobilienunternehmen Pillar investiert rund 160 Mio. Euro in neues Stadtviertel (Fläche: 2,15 qkm); Planung für zeitgenössisches Museum wird fortgesetzt; http://www.skanste.lv/en
Modernisierung der Wasserkraftwerke Plavinas, Kegums, Riga 200 Umsetzung Erneuerung der Turbinen und Kapazitätserhöhung, Realisierung bis 2022 geplant; Alstom ist Auftragnehmer; http://www.latvenergo.lv
Modernisierung Gasspeicher Incukalns 80 (in sieben Jahren) Planung, Vorstudie beendet Modernisierung und Ausbau der Speicherkapazitäten; EU-Förderquote von 50 Prozent angestrebt; http://www.conexus.lv/en

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Öffentliche Ausschreibungen werden von der Aufsichtsbehörde für öffentliche Beschaffungen (Iepirkumu Uzraudzibas Birojs, https://www.iub.gov.lv) auf Lettisch bekanntgemacht. Allerdings publizieren öffentliche Einrichtungen ihre Ausschreibungen teilweise auch auf eigenen Plattformen, zum Beispiel auf dem Verwaltungsportal der Hauptstadt Riga (Rigas Pasvaldibas Pakalpojumu Portals, https://www.eriga.lv/Anonymous/Service.aspx). Außerdem müssen öffentliche Einrichtungen ihre geplanten Beschaffungen für das laufende Jahr offenlegen. Solche Ausschreibungspläne können über die Plattform https://www.eis.gov.lv/EKEIS/ProcurementPlan eingesehen werden.

Informationen zu EU-Binnenmarktausschreibungen unter http://www.gtai-EU-Ausschreibungen.de.

Konsum: Höhere Löhne steigern die Kaufbereitschaft

Der Privatkonsum profitiert seit Jahren von den fachkräftemangelbedingten kräftigen Lohnanstiegen. Nach Einschätzung der EU-Kommission wird das nominale Plus bei den Löhnen 2019 und 2020 auf 6,2 Prozent und 5 Prozent sinken. Der Privatkonsum wächst deshalb 2019 real mit 3,7 Prozent zwar langsamer als im Vorjahr (4,5 Prozent), aber weiterhin auf hohem Niveau. Die Beschäftigungsquote erreichte 2018 den Rekord von 71,8 Prozent, bei einer weiter fallenden Arbeitslosenquote von 7,6 Prozent.

Sowohl die Konsumenten als auch die Einzelhändler zeigen im Vertrauensindikator eine stabile Entwicklung auf dem Niveau des Vorjahres. Im Lebensmitteleinzelhandel steht der Markteintritt von Lidl bevor. Das Logistikzentrum befindet sich im Bau und soll 2020 fertiggestellt werden. Lettland ist nicht nur wegen des dynamischen Privatkonsums attraktiv. Der steigende Wohlstand macht das Land auch für Anbieter hochwertiger Konsumgüter immer interessanter.

Außenhandel: Exporte können 2019 dank voller Auftragsbücher noch wachsen

Die vollen Auftragsbücher lettischer Unternehmen lassen die Exporte von Waren- und Dienstleistungen 2019 stärker wachsen als im Vorjahr. Die EU-Analysten prognostizieren 2019 einen preisbereinigten Anstieg um 2,2 Prozent. Für das Jahr 2020 wird ein Plus von 2,4 Prozent erwartet. Doch eine weitere Verschärfung der internationalen Handelskonflikte könnte auch Lettlands Exporte belasten. Die Umstrukturierungen im Bankenwesen sind nach der Auflösung der ABLV-Bank weitgehend abgeschlossen. Sie wirken sich nicht weiter auf den Dienstleistungsaußenhandel aus.

Wegen des weiterhin hohen Wachstums der Binnennachfrage, die überwiegend aus dem Ausland bedient werden muss, bleiben die Geschäftschancen für deutsche Unternehmen gut. Die Importe werden laut EU-Einschätzung 2019 um 2 Prozent zulegen. Für die Wirtschaftspolitik das Handelsbilanzdefizit eine Herausforderung.

Warenaußenhandel Lettlands (in Mio. Euro; Veränderung in Prozent)
2017 2018 Veränderung 2018/2017
Importe 13.851,0 14.666,3 5,9
Exporte 11.543,4 12.089,9 4,7
Handelsbilanzsaldo -2.307,6 -2.576,3 *) 11,6

*) Rundungsabweichung.

Quelle: Eurostat

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/lettland

Dieser Artikel ist relevant für:

Lettland Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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