Wirtschaftsausblick

13.02.2019

Wirtschaftsausblick - Libyen (Januar 2019)

Inhalt

Erdölproduktion 2018 stetig gestiegen / Von Christian Glosauer

Bonn (GTAI) - Die Lage in Libyen bleibt unübersichtlich. Die jeweiligen Machthaber in Tripolis und Benghazi ringen um die Vorherrschaft. Ausländische Interessen sind mit im Spiel.

Wirtschaftsentwicklung: Erst eine politische Einigung bringt langfristige Perspektiven

Die Abwesenheit einer ordnenden Zentralkraft macht das libysche Territorium auch 2019 und acht Jahre nach dem Sturz Gaddafis zu einem Spielball konkurrierender in- und ausländischer Interessen. Gerungen wird um das Land mit den größten Erdölreserven (48,4 Milliarden Barrel 2017) auf dem afrikanischen Kontinent. Die Libysche Dschamahirija (Volksrepublik) Gadaffis ist in den alten Zustand konkurrierender Stammesgebiete zerfallen; mit drei Machtzentren im Westen in Tripolis, im Osten in Benghazi und dem sich eher nach Afrika orientierenden Süden mit der Stadt Sebha als Zentrum. Die Machtzersplitterung setzt sich mit einzelnen Städten wie zum Beispiel Sirte oder Misurata, die teilweise autonom handeln, fort.

Faustpfand sind die Erdöl- und Gasfelder sowie die Verladehäfen. Die Kontrolle der vor allem im Osten angesiedelten Erdölverladehäfen wie Es-Sider, Marsa El-Brega, Zueitina oder Tobruk sichert Einfluss und Druckpotenzial, was auch von den lokalen Machthabern immer wieder bis zur Sperrung der Häfen für den Erdölexport eingesetzt wird.

Zusätzlich wird die Situation durch mächtige ausländische Spieler beeinflusst, die das Machtvakuum zur Durchsetzung eigener Interessen ausnutzen wollen. Im Spiel sind vor allem Italien, mit seinen historisch engen Beziehungen zu Libyen, aber auch Frankreich oder Ägypten als unmittelbarer Nachbar, der sich nicht scheut, auch militärisch in Libyen einzugreifen. Auch die Türkei, Russland oder die USA sind im Spiel. Dabei zeigt der sogenannte Westen keine einheitliche Haltung. So soll Frankreich (zusammen mit Russland und Ägypten) den säkularen Machthaber in Benghazi, General Haftar, unterstützen während Italien dem auch von der UN gestützten eher islamisch orientierten Regime von Fayez al-Serraj in Tripolis zuneigt.

MKT201902128004.14

Alles steht und fällt mit der libyschen Erdölproduktion, die erratisch mit der jeweiligen Sicherheitslage und den Produktionsstätten und den Verladehäfen korreliert. Im Laufe von 2018 konnte die Erzeugung von lediglich 500.000 Barrel pro Tag im Juni bis Oktober 2018 auf über eine Millionen Barrel gesteigert werden. Das reguläre Produktionspotenzial liegt derzeit bei knapp zwei Millionen Barrel. Allerdings besetzten bewaffnete Gruppen im Dezember 2018 das größte Erdölfeld Sharara im Süden Libyens, das nach Angaben der National Oil Corporation (NOC) seitdem nicht mehr normal betrieben werden kann.

Wirtschaftliche Eckdaten Libyens
Indikator 2017 2018 Vergleichsdaten Deutschland 2017
BIP (nominal, Mrd. US$ 30,6 43,2 3.702,4
BIP pro Kopf (US$) 4.740 6.639 44.791
Bevölkerung (Mio.) 6,45 6,51 82,8
Wechselkurs (Jahresdurchschnitt, 1 US$ = LYD) 1,36 1,38 -

Quellen: IWF; Statistisches Bundesamt

Investitionen: Umfeld für langfristige Investitionen noch nicht gegeben

Libyen stellt seit 2011 mit dem Sturz Gaddafis kein einheitliches Staatsgebilde mehr dar und somit derzeit auch keine Grundlage für langfristige Investitionen. Ad-hoc-Maßnahmen bestimmen die Situation. Wichtige Teile der Infrastruktur wie Wasserversorgung oder Elektrizität sind bis heute nicht auf dem alten Stand. Großprojekte sind im gegenwärtigen Umfeld kaum umzusetzen, neben den nötigen Finanzmitteln fehlt es auch an den notwendigen Entscheidern und Fachkräften.

Somit verlagert sich die Investitionstätigkeit auf kleinteilige Vorhaben mit kurzfristigem Renditehorizont, die vor allem vom Privatsektor unternommen werden können. Der Zusammenbruch der Einfuhrtätigkeit spiegelt das wider. Mit subventionierter Energie und Lebensmitteln werden Bevölkerung und ein Heer öffentlicher Bediensteter alimentiert und ruhiggestellt.

Konsum: Ölpreis bestimmt über den gedeckten Tisch

Als Verzweiflungstat kann die Maßnahme der Zentralbank in Tripoli gewertet werden, im September 2018 eine Steuer von 183 Prozent auf Devisentransaktionen einzuführen. Ziel ist eine realistischere Bewertung des Dinar, um damit dem Devisenschwarzmarkt entgegenzuwirken, ohne die Dollarkopplung aufzugeben. Damit wird der völlig überbewertete libysche Dinar mit seiner festen Kopplung an den US-Dollar faktisch abgewertet. Gleichzeitig sollen die Devisenzuteilungen pro Person von 500 US-Dollar (US$) auf 1.000 US$ jährlich zuzüglich 100 US$ pro Kind steigen. Das Chaos wird perfekt, wenn in Betracht gezogen wird, dass in Ostlibyen eine konkurrierende Zentralbank etabliert wurde.

Der Ausgabenspielraum der öffentlichen Hand und der Privathaushalte wird fast ausschließlich von den Erdöleinnahmen diktiert. Hier hängt alles von der weiteren Preisentwicklung ab, so dass keine seriösen Prognosen zur Konsumentwicklung getätigt werden können. Libyen wird weiterhin von der UN sanktioniert. Im Rahmen dieses Regimes sind erhebliche Mittel des libyschen Staates in westlichen Banken eingefroren. Schätzungen noch aus der Zeit des Gaddafi-Regimes gingen von bis zu 150 Milliarden US$ an Auslandsvermögen einschließlich erheblicher Unternehmensbeteiligungen aus (unter anderem in Italien an Unicredit oder ENI). Diese Mittel stehen dem Land derzeit nicht zur Verfügung.

Außenhandel: Niedrige Ölpreise lassen Import einbrechen

Die Einfuhren Libyens sind seit 2014 stark rückläufig und sind Abbild der seitdem stark gesunkenen Erdölpreise von damals rund 100 US$ pro Barrel auf eine Bandbreite von inzwischen 40 bis 60 US$. 2014 hatten die Importe noch bei rund 30 Milliarden US$ gelegen um 2016 auf einen Tiefststand von rund 9 Milliarden US$ zu kollabieren. Seitdem haben sie sich etwas auf geschätzte 13 Milliarden US$ in 2018 erholt und für 2019 wird ein ähnlicher Wert prognostiziert.

Während Libyen für Deutschland ein wichtiger und in der Bedeutung weiter steigender Erdöllieferant ist mit Ölexporten im Wert von 2,5 Milliarden Euro im Jahr 2017 (1. Halbjahr 2018: 1,9 Milliarden Euro) köchelt der deutsche Export verglichen mit früheren Ergebnissen auf niedrigem Niveau. 2017 lagen die deutschen Lieferungen lediglich bei 288,5 Millionen Euro (1. Halbjahr 2018: 150,2 Millionen Euro). Es gibt derzeit kaum einen Markt für hochwertige Investitionsgüter, auf dem Deutschland punkten könnte. Die Türkei, ein wichtiger Lieferant Libyens, konnte 2018 dagegen Waren im Wert von 1,3 Milliarden US$ absetzen. In dem bislang besten Jahr konnte Ankara 2013 für 2,7 Milliarden US$ nach Libyen exportieren.

Außenhandel Libyens (in Milliarden US$; Veränderung in %)
2017 *) 2018 *) Veränderung 2017/2018
Importe 11,4 12,8 +13,3%
Exporte 18,4 25,3 +37,5%
Handelsbilanzsaldo +7,0 -

*) Schätzung

Quelle: EIU

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/Libyen

Dieser Artikel ist relevant für:

Libyen Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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