Wirtschaftsausblick

20.06.2018

Wirtschaftsausblick - Litauen (Juni 2018)

Inhalt

Investitionen der Wirtschaft und EU-Fördermittel treiben litauisches Wachstum / Von Marc Lehnfeld

Vilnius (GTAI) - Litauens Wirtschaft bleibt 2018 robust, auch wenn die Wachstumsdynamik etwas nachlässt. Dabei steigen die Exporte dank der guten Auslandsnachfrage, die wiederum die Bruttoanlageinvestitionen stärkt. Hinzu kommt eine Verdopplung der EU-Fördermittel und ein durch Fachkräftemangel bedingter Lohnanstieg, der den Privatkonsum belebt. Deutsche Unternehmen sollten die gute Lage nutzen, bevor die Abkühlung der Wirtschaftslage in Europa auch Litauen erreicht.

Wirtschaftsentwicklung: Investitionen der Wirtschaft bilden Speerspitze des litauischen Wachstums

Litauens Unternehmen sind so zuversichtlich wie lange nicht mehr. Der vom litauischen Statistikamt ermittelte Zuversichtsindikator erreichte im 1. Quartal 2018 den höchsten Stand seit zehn Jahren. Der Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) wird sich allerdings etwas verlangsamen, weil die Wachstumsdynamik auf dem wichtigen europäischen Absatzmarkt nachlässt. Darüber sind sich auch die Analysten der bedeutenden Prognoseinstitute des Landes einig, deren Spektrum für das erwartete reale Wirtschaftswachstum überraschend eng bei 3,1 bis 3,3 Prozent für 2018 liegt.

Mit prall gefüllten Auftragsbüchern und einer bereits hohen Kapazitätsauslastung werden Litauens Unternehmen ihre Investitionen in neue Maschinen, Anlagen und Gebäude 2018 kräftig steigern. Hinzu kommen die Fördermittel der Europäischen Union (EU), die sich laut litauischem Finanzministerium 2018 im Vergleich zum Vorjahr sogar verdoppeln sollen. Die wachsende Tourismusbranche sorgt für den Bau neuer Hotels in der Hauptstadt Vilnius. Insgesamt werden die Bruttoanlageinvestitionen 2018 mit 7,3 Prozent mindestens so stark steigen wie im Vorjahr, so die Einschätzung der EU-Kommission. Die Analysten der SEB und Swedbank erwarten gar einen Anstieg um 9 Prozent, womit die Bruttoanlageinvestitionen der Wachstumstreiber der Wirtschaft bleiben.

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Wie in den anderen baltischen Ländern bereitet auch den litauischen Unternehmen dagegen der Fachkräftemangel Sorgen. Er verschärft sich weiter in der Industrie, im Baugewerbe und im Dienstleistungsbereich einschließlich des Einzelhandels und stellt den größten Engpass der Wirtschaft dar. Weil die Bevölkerung weiter schrumpft und sich Arbeitslosigkeit und Beschäftigungsquote verbessern, sorgt das Werben und Halten qualifizierter Mitarbeiter für kräftig steigende Löhne. Auch wenn das Finanzministerium berichtet, dass die zunehmende Arbeitsmigration aus dem benachbarten Ausland den Fachkräftemangel abmildert, zeigt sich noch keine Trendwende. Nach Auswertungen der Swedbank erreichte das nominale Bruttolohnwachstum im 1. Quartal 2018 mit 9,5 Prozent den höchsten Wert seit Beginn der Finanzkrise 2009. Immerhin profitiert davon der Privatkonsum, der nach Ansicht der EU-Analysten 2018 um 3,4 Prozent zulegen wird.

Ein bedeutender Risikofaktor für die wirtschaftliche Entwicklung in Litauen bleibt eine absehbare Verschärfung des Handelskonflikts zwischen der EU und den USA. Jede Einschränkung im Freihandel, die den europäischen Markt trifft, wird auch litauische Unternehmen belasten.

Wirtschaftliche Eckdaten Litauens
Indikator 2016 2017 Vergleichsdaten Deutschland 2017
BIP (nominal, Mrd. Euro) 38,7 41,9 3.263,4
BIP pro Kopf (Euro) 13.486 14.796 39.475
Bevölkerung (Mio.) 2,9 2,8 82,7

Quellen: Litauisches Statistikamt; Statistisches Bundesamt

Investitionen: Fachkräftemangel forciert Automatisierungstechnik

Der Investitionsbedarf in Litauen bleibt wegen der guten Wirtschaftslage auch 2018 hoch. Die Kapazitätsauslastung liegt seit Mitte 2017 relativ stabil bei über 77 Prozent bei einem überdurchschnittlich guten Auftragsbestand. Folglich werden die Unternehmen weiter in neue Produktionsanlagen investieren und dabei wegen des ausgeprägten Fachkräftemangels besonders an Automatisierungstechnik interessiert sein.

Das litauische Finanzministerium erwartet im Wohnungsbau keine außergewöhnlichen Impulse für das Investitionswachstum Es weist aber auf den Bau neuer Hotels hin, die wegen des zunehmenden Tourismus entstehen. Gestützt werden die Bruttoanlageinvestitionen zusätzlich von den EU-Fördermitteln, die sich in diesem Jahr im Vergleich zum Vorjahr verdoppeln und bis zum Ende der Periode 2020 vor allem in den Ausbau des Energiesektors und die Verkehrsinfrastruktur fließen werden.

Ausgewählte Großprojekte Litauen
Projektbezeichnung Investitionssumme (Euro) Projektstand Anmerkung
Bahnlinie "Rail Baltica" Estland-Lettland-Litauen Bis zu 5,8 Mrd., davon ca. 2,5 Mrd. in Litauen Planung, Ausschreibungen Europäisches Schienenprojekt; EU-Förderung in Höhe von 85 Prozent; geplanter Baubeginn 2020; Überwiegend Schienenbau; Einschließlich Strecke Kaunas-Vilnius; Geplante Inbetriebnahme 2026; http://www.railbaltica.org; http://www.rail-baltica.lt
Ausbau des inneren und äußeren Hafens in Klaipeda Über 1 Mrd. Planung Entwicklung der Infrastruktur des Hafens und Neubau eines Tiefsee-Containerhafens mit 17,5m Tiefgang auf 120ha; Ausschreibungsveröffentlichungen unter http://www.portofklaipeda.lt/viesieji-pirkimai (auf Litauisch)
Rückbau Atomkraftwerk Ignalina 450 Mio. (von 2014 bis 2020, danach weitere 500 Mio.) Fortlaufende Realisierung Errichtung eines Atommüll-Übergangslagers (2014-2020); Rekultivierung des Geländes ab 2038 angestrebt; Nach 2020 wahrscheinlich ca. 900 Mio. Euro benötigt; http://www.iae.lt
Heizkraftwerk in Vilnius 381 Mio. Bau KWK-Kraftwerksneubau mit geplanter Leistung von 230 MW Wärme und 90 MW Strom; Baukonsortium geführt durch deutsches Unternehmen: Steinmüller Babcock Environment; Geplante Fertigstellung 2019; http://www.kogen.lt
Betrieb litauischer Flughäfen 200 Mio. bis 300 Mio. Planung Vergabe einer Konzession für den Betrieb der Flughäfen Vilnius (VNO), Kaunas (KUN), Palanga (PLQ); Dauer: 25 Jahre; Ausschreibungsbeginn 2. Quartal 2019; http://www.ltou.lt/en
Programm zur energieeffizienten Modernisierung von Wohnhäusern 280 Mio. Fortlaufende Umsetzung EU-Mittel für Investitionsperiode 2014-2020; Koordination über Agentur für Gebäudeenergieeinsparung: http://www.betalt.lt/en
Heizkraftwerk in Kaunas 150 Mio. In Bau Kraftwerksneubau mit geplanter Leistung von 70 MW Wärme und 24 MW Strom; Projektdurchführer Lietuvos Energija und Fortum Heat Lietuva; Abfallverbrennungskessel von deutschem Unternehmen Baumgarte Boiler Systems GmbH ; Geplante Inbetriebnahme 2020; http://www.kogen.lt
Bau der Fabrik von Continental 100 Mio. Planung Produktion von Elektronikelementen für die Pkw-Industrie auf 16.000 qm in Kaunas; Größte litauische Greenfield-Investition; Geplanter Produktionsstart Mitte 2019
Neubau des Nationalstadions 73 Mio. Planung EU-Förderung angestrebt; Umsetzung über Konzession als Public Private Partnership (PPP) mit Vertragsunterzeichnung 2019; http://ppplietuva.lt/en/
Gaspipeline "Gas Interconnection Poland-Lithuania" (GIPL) 136 Mio. Ausschreibung (Verhandlungsverfahren mit Teilnahme-Wettbewerb) bis 8.8.2018 Bau einer rund 500 km langen Gaspipeline zwischen Polen und Litauen; EU-Förderung; Geplanter Baustart auf litauischer Seite im 2. Quartal 2019; Geplante Fertigstellung Ende 2021; http://www.ambergrid.lt; Ausschreibungsunterlagen unter https://www.ambergrid.lt/en/about-us/announcements

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Öffentliche Ausschreibungen werden auf der staatlichen Internetplattform CVPP https://cvpp.eviesiejipirkimai.lt in litauischer Sprache veröffentlicht. Hilfreich bei der Marktbearbeitung sind die von den öffentlichen Einrichtungen bekanntzumachenden Listen über ihre für das gesamte Jahr geplanten Ausschreibungen.

Informationen zu aktuellen geberfinanzierten Projekten unter http://www.gtai.de/litauen, "Ausschreibungen".

Informationen zu EU-Binnenmarktausschreibungen unter http://www.gtai-EU-Ausschreibungen.de.

Konsum: Hohes Lohnwachstum könnte private Nachfrage stärker anheizen als erwartet

Der Wohlstand litauischer Haushalte wächst und wirkt positiv auf den Privatkonsum. Die Arbeitslosigkeit wird nach EU-Prognose 2018 auf 6,8 Prozent fallen, während die Löhne nominal um 6,6 Prozent steigen sollen. In Anbetracht des starken Gehaltswachstums im 1. Quartal 2018 (+9,5 Prozent) könnte der Anstieg im Jahresdurchschnitt aber deutlich kräftiger ausfallen als erwartet und damit den Privatkonsum weiter anheizen.

Die Reallohnzuwächse fallen wegen der Inflation von 2,5 bis 3 Prozent etwas niedriger aus. Bisher schätzen die Ökonomen weitgehend einheitlich, dass die Konsumausgaben der privaten Haushalte 2018 im Vergleich zum Vorjahr etwas an Schwung verlieren werden. Die Prognosen für das Realwachstum liegen im Median bei 3,7 Prozent. Nach Einschätzung der Swedbank-Analysten hemmt der Bevölkerungsschwund zunehmend das Konsumpotenzial der Gesellschaft. In den letzten fünf Jahren ist die litauische Bevölkerung, überwiegend verursacht durch die Abwanderung junger Litauer ins Ausland, aber auch durch den demografischen Wandel, um 4,2 Prozent auf 2,8 Millionen Einwohner geschrumpft.

Außenhandel: Dienstleistungsexporte im 1. Quartal 2018 überraschend stark

Zwar wird der Außenhandel 2018 nicht mehr zweistellig wachsen wie noch im Vorjahr. Trotzdem sorgen die Auftragseingänge aus dem Ausland für ein Realwachstum der Waren- und Dienstleistungsexporte um 5 bis 7,2 Prozent, so das Spektrum der Prognoseinstitute. Im 1. Quartal 2018 zeigten sich die Exporte mit einem preisbereinigten Anstieg um 9,5 Prozent äußerst stark, vor allem weil die Dienstleistungsausfuhren um 21,9 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode zugelegt haben.

Die Investitionen der litauischen Wirtschaft steigen angesichts der guten außenwirtschaftlichen Lage ebenfalls, wovon die Waren- und Dienstleistungsimporte mit einem von der EU prognostizierten Anstieg um 6,5 Prozent profitieren. Deutsche Unternehmen sollten die gute Lage auf dem litauischen Markt nutzen, bevor die nachlassende europäische Wachstumsdynamik und eine mögliche Verschärfung der Handelskonflikte auch Litauens Wirtschaft erfassen.

Außenhandel Litauens (in Mio. Euro; nominale Veränderung in %)
2016 2017 Veränderung 2016/2017
Importe 23.690,4 27.813,9 17,4
Exporte 21.921,9 25.752,9 17,5
Handelsbilanzdefizit 1.768,4 2.061,0 16,5

Quelle: Eurostat

Weitere Informationen (zum Beispiel SWOT-Analyse, Branchenberichte) finden Sie unter http://www.gtai.de/litauen.

Dieser Artikel ist relevant für:

Litauen Außenwirtschaft, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Sozialprodukt / Volkseinkommen / BIP / BSP, Investitionen (Inland), Investitionsklima, allgemein, Konjunktur, allgemein, Konsum / Konsumentenverhalten, Produktion / Produktivität

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